Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

nonfiction, kurz Mai 2024

Paul Auster, Spencer Ostrander: Bloodbath Nation
Tobias Hauffe: Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt
Annie Jacobsen: 72 Minuten bis zur Vernichtung. Atomkrieg. Ein Szenario
Patrick K. O’Donnell: The Unvanquished: The Untold Story of Lincoln’s Special Forces, the Manhunt for Mosby’s Rangers, and the Shadow War That Forged America’s Special Operations
Salman Rushdie: Knife. Gedanken nach einem Mordversuch

Es folgen noch:
Ron Leshem: Feuer. Israel und der 7. Oktober
James Lovelock et al: The Earth And I

The Last Bang

(TW) Es gibt Bücher, die hätte ich lieber nicht gelesen. Annie Jacobsens 72 Minuten bis zur Vernichtung ist so eins. Ich bin nicht ängstlich, mir ist seit der Kuba-Krise schon das eine oder andere Endzeitszenario begegnet, das Abendland ist schon oft untergegangen. Und sich schon ein paar Jährchen auf diesem Planeten rumgetrieben zu haben, schützt auch vor Hysterie. Mit Betroffenheit ist auch nix zu holen, bei mir.  Ich bin auch kein großer Fan von „What-Ifs“ und Szenarien. Es kommt sowieso anders, und irgendwo hat jedes Szenario ein erkenntnisleitendes Interesse.

Aber: Dieses Sekunden – Minuten – Stundenprotokoll, das die Journalistin Annie Jacobsen, gestützt auf unzählige Quellen, Expertisen und Interviews mit Fachleuten aller Couleur, hier aufstellt, ist schon arg beängstigend.  Eine nordkoreanische Hwasong-17, startet, warum auch immer, 72 Minuten später ist der Planet platt. Egal, wie man´s dreht und wendet. Die Reaktionszeiten sind zu kurz, die Eigendynamik des Atomkriegs – Atomschlag, Gegenschlag, Gegengegenschlag usw – ist nicht mehr stoppen. Die anderen Atommächte steigen nolens volens ein. Für diplomatische Lösungen gibt es keine Zeit, die Entscheidungswege sind schon bald blockiert und gestört, die Befehlsketten unterbrochen. Die Bevölkerung ist NIRGENDS wirklich geschützt, Millionen und Abermillionen verglühen, dann kommt der Nuclear Winter, der Fallout, die UV-Strahlung etc. etc. Das ist dann alles wie im Postdoomsday-Film, nur in echt und viel schlimmer. Und ob diese Szenarien im Detail wirklich so laufen würden, ist dann letztendlich auch egal. Entscheidend ist, dass die finale Dynamik nicht mehr zu stoppen ist, wenn sie erst loslegt. 

Egal, was man uns sonst erzählen möchte: In knapp mehr als einer Stunde hat Homo Sapiens mit ein paar hunderttausend Jahren Evolution aufgeräumt. Jo …

Annie Jacobsen: 72 Minuten bis zur Vernichtung. Atomkrieg. Ein Szenario (Nuclear War: A Scenario, 2024). Deutsch von Oliver Lingner und Ulrike Strerath-Bolz. Heyne Verlag, München 2024. 400 Seiten, 22 Euro.

Täglich hundert Todesopfer und zweihundert Verletzte. Täglich!

(AM) Jahr für Jahr kommen annähernd vierzigtausend Amerikaner durch Schussverletzungen ums Leben, ungefähr genauso viele wie bei Autounfällen auf amerikanischen Straßen. Von diesen vierzigtausend Todesopfern sind über die Hälfte Selbstmörder, die wiederum die Hälfte aller Selbstmorde pro Jahr ausmachen. Zählt man die mit Schusswaffen verübten Morde sowie die durch Schusswaffengebrauch seitens der Polizei getöteten Personen hinzu, kommt man auf täglich mehr als einhundert Amerikaner, die Kugeln zum Opfer fallen. An jedem dieser Durchschnittstage werden weitere gut zweihundert durch Schüsse verletzt, was auf achtzigtausend im Jahr hinausläuft – all dies steht wortwörtlich so auf dem Cover der deutschen Ausgabe von Bloodbath Nation. Durch den Tod von Paul Auster, jetzt am 30. April im Alter von 77 Jahren gestorben, ist das Buch auch so etwas wie ein Vermächtnis geworden. Ein Flammenschwert. Eine Abrechnung mit dem Waffenkult in den USA und dem Wahnsinn, den Politiker und Lobbyverbände – allem vergossenen Blut Unschuldiger und Kinder zum Trotz – immer weiter befördern.

Kein einiges zivilisiertes Land auf der ganzen weiten Welt lässt eine solche Alltagsgewalt zu und hält das Recht darauf gar als Verfassungs-Heiligtum hoch. Paul Auster schreibt als Staatsbürger, der nie selbst eine Waffe besessen hat, dagegen an. Sucht die Wurzeln dieser Gewalt. Dies mit seinen „Waffen« eben, dem Wort. Und sogar in seiner eigenen Familie. Verstärkung holt er sich beim Fotografen Spencer Ostrade mit gespenstisch eindrücklichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Schauplätze bekannter Massaker. Es sind Fotos der Stille. Grabsteine einer kollektiven Trauer, die auch den Text durchweht. Die Trauer und die Fassungslosigkeit, in einem Land zu leben, dessen gewalttätige und rassistische Vergangenheit (und Gegenwart) wie ein Fluch immer noch den Boden tränkt. Kein Ende findet. Kein Licht. Nirgends.

Die Soziologin Jennifer Carlson hat für »Merchants of the Right. Gun Sellers and the Crisis of American Democracy« (Princeton, 2023) viele Waffenshop-Besitzer interviewt, darunter auch solche, die die Capitols-Stürmer vom 6. Januar 2021 ausgestattet haben. Cameron McWhirter erzählt in »American Gun: The True Story of the AR-15« (FSG, 2023) die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte einer ur-amerikanischen Schnellfeuerwaffe. Waffen sind tief, zu tief, in der DNA der USA.

Paul Auster, Spencer Ostrander: Bloodbath Nation (2023). Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Mit Fotos von Spencer Ostrander. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024. 192 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

Selbstheilung, wortstark

(AM) Der Mann, den Salman Rushdie in seinem Buch nur »A.« nennt – für seinen Angreifer, seinen Attentäter, das Arschloch, das ihn am 12. August 2022 an einem sonnigen Freitagmorgen um Viertel vor Elf auf der Bühne des Amphitheater von Chautauqua, New York, mit einem Messer angriff und mit zahlreichen Stichen verletzte –, dieser »A.« scheute »die Mühe, sich über den Mann zu informieren, den er töten wollte. Seinen eigenen Worten zufolge hatte er kaum zwei Seiten aus meinen Büchern gelesen, sich aber einige Filme auf YouTube über mich angesehen – mehr war nicht nötig«, schreibt Rushdie in seiner höchstpersönlichen Aufarbeitung jenes Moments, der sein Leben veränderte. Und ihn nicht nur ein Auge kostete.

Knife ist ein Selbstermächtigungstext. Eine Selbstheilung und Selbstvergewisserung nach einem traumatischen Gewalterlebnis. Ein Plädoyer für die Macht der Worte. (Zufälligerweise in dieser Rubrik diesen Monat zeitgleich besprochen mit Paul Auster, der ebenfalls zu Worten statt zur Waffe greift – hier nebenan.) 33 Jahre waren am Attentats-Tag vergangen, seit Ajatollah Ruhollah Chomeini das Rechtsgutachten (»Fatwa«) der iranischen Geistlichkeit bekanntgab, die Rushdie wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilte. Chomeini rief über den Rundfunk die Gläubigen auf, das Todesurteil zu vollstrecken und Rushdie zu ermorden. Das war zehn Jahre nach Beginn der islamischen Revolution – Rushdies 24-jähriger Attentäter war noch gar nicht geboren. So ist das mit dem Hass, den der Terror sät.

Rushie denkt nach über solche Gewalt. Woher sie kommt. Was sie tut. Und wie man ihr standhalten kann. Für die Opfer von Gewalt gerät das Verständnis von Realität ins Wanken. »Die Wirklichkeit löst sich auf und wird durch Unverständliches ersetzt.« Rushdies Gedanken nach einem Mordversuch, so der Untertitel, sind eine Fackel, mit der er ein Schriftsteller die finstere Höhle ausleuchtet, zu der unsere Welt geworden ist.

Nach Bekanntgabe der Fatwah gegen Rushdie entscheidet sich damals Rushdies Verlag Kiepenheuer & Witsch, »Die satanischen Verse« lieber nicht heraus zu bringen, um Verlagsmitarbeiter nicht zu gefährden. Günter Grass und andere Autoren intervenierten. Im Herbst 1989 erscheinen das Buch dann doch auf Deutsch. Und zwar im eigens dafür gegründeten »Artikel 19 Verlag«, benannt nach Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in dem es um die Meinungsfreiheit geht. Zahlreiche Verlage schlossen sich für dieses Projekt zusammen. Die deutsche Übersetzung erschien im Oktober 1989, einen Tag nach Ende der Frankfurter Buchmesse – aus Sicherheitsgründen und um die Messegeschäfte nicht zu gefährden. »Knife« hingegen wurde jetzt am 16. April ohne viel Aufhebens gleichzeitig weltweit veröffentlicht. Immerhin.

Salman Rushdie: Knife. Gedanken nach einem Mordversuch (Knife, 2024). Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Penguin Verlag, München 2024. 256 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

Die Verletzungsoffenheit des Gegners

(AM) In diesem Buch begegnet die Wissenschaft ihrem Meister – der Literatur. Das Erkenntnisinteresse von Tobias Hauffe zielt auf das Momenthafte der Gewalt, versucht einem spezifischen Gewaltphänomen nahezukommen: Wie kann es sein, dass alltägliche Konfliktsituationen – sogar zwischen Menschen, die über keine oder nur eine minderschwere gewaltkriminelle Vorgeschichte verfügen – manchmal so brutal eskalieren? Auf der Basis von Polizei- und Gerichtsakten rekonstruiert Hauffe vier Fälle versuchten Totschlags im öffentlichen Raum. Es geht um head stomps, Fuß- und Stampftritte gegen am Boden liegende Menschen. Allen Fällen ist gemein, dass die brutalen Konfrontationen sich kaum zufriedenstellend erklären lassen.

Hauffe rekonstruiert dazu akribisch den jeweils spezifischen Gewaltmoment, kreist die Fälle aus unterschiedlichen soziologischen Perspektiven ein, integriert Interviews mit Polizisten, analysiert Videomaterial vergleichbarer Gewalttaten, popkulturelle Darstellungen und literarische Beschreibungen eines plötzlichen Ausbruchs von Gewalt.

Dort ist es, wo die ursprünglich als Dissertation geschriebene Studie den größten Halt findet: bei der Literatur als Schule des Lebens. Ausführlich, auf 17 Seiten seines Buches ausgebreitet, hilft Albert Camus mit seinem Roman »Der Fremde« dem Wissenschaftler Hauffe und dem Hamburger Institut für Sozialforschung, in dessen Verlag Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt verdienstvoll Publizität findet. Camus’ erzählerische Mittel bieten nämlich jene feine und vielgliedrige Handlungsgrammatik, wonach der Forscher sucht. Manches in diesem Buch ist ein wenig viel Fachjargon – etwa wenn es im hitzigen Streit doch eigentlich gelte, »die eigene Verletzungsmacht und die Verletzungsoffenheit des Gegners überhaupt als real zu erkennen«. Aber der offene Blick auch auf die »Phantomwirklichkeit« (Günther Anders) von Fernsehen, Kino und Internet macht das Buch über ein Fachpublikum hinaus lesenswert.

Tobias Hauffe: Die Leere im Zentrum der Tat. Eine Soziologie unvermittelter Gewalt. Hamburger Edition, Hamburg 2024. 206 Seiten, Hardcover, 35 Euro.

Abraham Lincoln entführen …

(AM) Mit inzwischen 13 Büchern hat der Militärhistoriker Patrick K. O’Donnell sich der Aufarbeitung besonderer Konflikte verschrieben, seien es signifikante Militär-, Spezial- und Geheimdienst- oder Counterinsurgency-Operationen seines Landes. Als ehemaliger Marine hat er selbst Fronterfahrung und war beim Häuserkampf in Falludscha im Einsatz. Für die Mini-Serie »Band of Brothers« und bei zahlreichen BBC-, History Channel und Discovery-Dokumentation fungierte er als Berater.

Mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg verbindet man Schlachten wie Gettysburg, Antietam oder Shiloh, in Hunderten von Büchern ausgeleuchtet, aber es gibt auch eine Schattenwelt, bisher wenig dargestellt und erforscht. In Zusammenhang meiner Kulturgeschichte des Scharfschützen (zu den acht Folgen geht es hier und hier) hatte ich mich auch mit einzelnen Biografien, »Irregulären« und Guerillakämpfern befasst, aber das war ein Dunkelfeld. Mit The Unvanquished leuchtet O’Donnell nun in die bisher wenig bekannten Anfänge der ersten U.S. Special Forces, der verdeckten Operationen und Undercover-Einsätze, die es auf der Seite des Nordens wie des Südens gab.

Soldaten trugen damals Uniform, waren an ihren Farben zu erkennen und an ihrer Fahne. Alles andere galt als wenig »gentlemanlike«, das militärische Establishment rümpfte die Nase über Regelverstöße. Auf sie stand die Todesstrafe. Und doch gab es damals Commandos, die in Feinduniformen schlüpften, Nachschublinien störten, hochrangige Zielpersonen ausschalteten, ohne Bandagen Krieg führten, als Scouts und Spione, Einzelkämpfer, getarnte Stoßtrupps, Saboteure und Schattenkrieger. Sozusagen eine Blaupause für das OSS im Zweiten Weltkrieg. Auch Wahlbeeinflussung und Manipulation im Schicksalsjahr 1864 gehörte dazu. Zum ersten Mal in voller Breite erzählt wird die Geschichte von Abraham Lincolns Special Forces, den Jessie Scouts. Sie jagten John Singleton Mosbys »Confederate Rangers«, auch sie Meister des Guerillakrieges, bis zum Kriegsende bei Appomattox. Und die hatten sogar Pläne, Lincoln zu entführen, um die Unabhängigkeit des Südens zu sichern. Sieben Medals of Honor verdiente sich eine Gruppe Jessie Scouts später in einem Stellvertreterkrieg gegen Frankreich in Mexiko. Viele von ihnen kamen dabei um, nahmen ihre Geschichten mit ins Grab. (Und ich muss gerade an Robert Ryan in Peckinpahs THE WILD BUNCH denken.)

Patrick K. O’Donnell: The Unvanquished: The Untold Story of Lincoln’s Special Forces, the Manhunt for Mosby’s Rangers, and the Shadow War That Forged America’s Special Operations. Atlantic Monthly Press, New York City 2024. 432 Seiten, 30 USD.

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