Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

non fiction, kurz – Sachbücher April 2026

Sachbücher, kurz – aber im Verhältnis zu anderen Medien eher lang – besprochen – von Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW):

Mark Braude: The Typewriter and the Guillotine: An American Journalist, a German Serial Killer, and Paris on the Eve of WWII
Bundesarchiv/Stasi-Unterlagen-Archiv (Hg.), Philipp Springer: Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit
Julia Cooke: Starry and Restless: Three Women Who Changed Work, Writing, and the World
Janet Flanner, Rebecca West, Martha Gellhorn: Im Herzen des Weltfeindes. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen
Stefan Hentz: Miles Davis. Sound eines Lebens
Jan Jake, Markus Pohlmeyer (Hg.): Heldenreise. The Hero’s Journey. Aus der Urzeit ins digitale Jenseits.
Franz Januschek, Markus Pohlmeyer (Hg.): Modelleisenbahn. Das Transzendenz-Spiel
Mittelweg 36: Zusammenhalt. Zum Wandel einer Beschwörungsformel

** **

Miles for Beginners

(TW) Am 26sten Mai würde Miles Davis einhundert Jahre alt. Wie praktisch, dass passend dazu eine neue Biographie vorliegt – von Stefan Hentz, einem ausgewiesenen Jazz-Spezialisten. Dennoch drängt sich ein bisschen die Frage auf, ob man tatsächlich noch eine Miles Davis-Biographie braucht. Eine Frage, die ich mir anhand meiner zig-Regalmeter großen Miles-Davis-Literatur-Sammlung natürlich stelle, obwohl das ein wenig unfair ist. Trotzdem wäre meine Antwort ein klares Jein.

Evident, dass Hentz äußerst kompeten ist (ich haben nur einen winzigen Fehler gefunden) und ein Aficionado auch. Alles fein. Er zeichnet ohne großen Schnickschnack und ohne großes Theoriegewese den Lebensweg und die musikalische Entwicklung von MD nach, wobei allerdings die soziokulturellen Umstände nur knapp angerissen werden und die Strahlkraft von MD weit über´s Musikalische hinaus, d.h. seine Anschlussmöglichkeiten an andere Künste  wenig bis gar nicht vorkommen. Trotzdem, das ist kompakt, liest sich flott, korrigiert hin und wieder im Vorübergehen ein paar Fehleinschätzungen von Ian Carr und John Szwed (beides auch MD-Biografen) und sitzt auch nicht der nicht allzu interessenfreien „Autobiografie“ auf, die MD mit Quincy Troupe (oder eher umgekehrt) verfasst hat.

Neu ist da nichts, aufregend neu schon gar nichts, aber das Buch soll ja auch neue Hörer für die Musik dieses Jahrhundertgenies gewinnen – und gleichzeitig nicht den oft arg problematischen Menschen verschleiern. Das ist Hentz gut gelungen. Miles Davis für Einsteiger, das würde ich sofort empfehlen. Ganz eigene Perspektiven zu entwickeln ist schwer, das sieht man sehr deutlich zum Beispiel an den Passagen über „Kind of Blue“, die erstaunlich karg geraten sind – oder gar nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, was Ashley Kahn und James Kaplan in ihren großen Arbeiten dazu alles thematisiert und bedacht haben. Dagegen anzuschreiben, wäre ja auch ziemlich fruchtlos.

Als Bonus gibt es aber dafür ein sehr schönes Kapitel: „A Day in the Life of Miles Davis“. Da erzählt Hentz von der berühmten Foto-Serie, die Glen Craig für Leica produziert hat und die 2014 auf der Photokina in Köln vorgestellt wurde. Schade allerdings, dass die Bildqualität hier eher suboptimal ist (ja, ich weiß, Hochglanzfotos sind sehr teuer).

Stefan Hentz: Miles Davis. Sound eines Lebens. Reclam Verlag, Stuttgart 2026. 383 Seiten, 32 Euro.

** **

Schreibtischtäter, bei der Arbeit

(AM) Die hauptamtlichen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit schossen im Rahmen ihrer geheimpolizeilichen Arbeit Millionen von Fotos. Der aus ihren »Maßnahmen« zur Überwachung der eigenen Bevölkerung erhaltene Archivbestand umfasst mehr als zwei Millionen Bilder. Stasi-Leute selbst aber sind darauf nur äußerst selten zu sehen. Die Forschungsarbeit des Historikers Philipp Springer mit dem nicht unironisch bürokratischen Titel Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit rückt nun erstmals diejenigen in den Mittelpunkt, die hinter einer solchen überwachenden Kamera standen. Das Buch ist das Ergebnis umfangreicher Recherchen im Stasi-Unterlagen-Archiv.

Das von Springer zutage geförderte Bildmaterial ist ebenso spektakulär banal wie erhellend. Ein Kapitel, das dritte, trägt den Titel »Hände, Füße, Schatten«, viele der Aufnahmen darin entstanden, wenn eine neue Kamera ausprobiert oder damit herumgealbert wurde. Es kamen aber auch Kollegen und Kolleginnen ins Bild. Die Leistung des Historikers Springer besteht darin, die Bilder zu- und einzuordnen und die Abgebildeten zu identifizieren. Oft eine regelrechte Detektivarbeit, ergänzt durch biografische Skizzen zu den Fotografierten. Es entsteht so ein Mosaik der Personalstruktur des MfS und wie nebenbei ein Einblick in den Alltag der Geheimpolizei. Schreibtischtäter, bei der Arbeit. Harun Farocki hätte an diesem nüchtern daherkommenden, sehr informativen Buch seine helle Freude gehabt.

Springer ist auch Autor des heute hoch gehandelten Werks »Der Blick der Staatssicherheit. Fotografien aus dem Archiv des MfS. Herausgegeben vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« (Sandstein Verlag, Dresden 2020, 335 teils farbige Abbildungen, gute Besprechung hier). Davor gab es nur Karin Hartewig »Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit« (Chr. Links Verlag, 2004). Die Bilderwelt der Stasi bleibt ein weithin unerforschter Kontinent.

Das Cover-Foto zeigt einen unbekannten hauptamtlichen Mitarbeiter der Hauptabteilung (HA) XX und entstammt einer Fotoserie von 13 Negativen. Sieben Bilder davon zeigen einen Raum, sechs davon sind von schlechter Bildqualität, nur auf einem einzigen Foto ist ein Mann am Schreibtisch zu erkennen. Offenbar hatte ein Kollege ihn und das Büro fotografiert, um die Kamera zu testen. Die Abteilung XX war für die Überwachung der Kirchen, der Kultur und des »politischen Untergrundes« zuständig. Das Lenin-Plakat rechts an der Wand verortet das Foto in die Jahre 1984 bis 1989 …

Bundesarchiv/Stasi-Unterlagen-Archiv (Hg.), Philipp Springer: Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit. Schriften des Bundesarchivs, Band 83. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025. 224 Seiten, 59 Euro.

** **

Wird immer wichtiger

(AM) Gleich beim ersten Bild in der aktuellen Ausgabe weiß ich wieder, was den Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, so besonders macht. Thema des Hefts ist Zusammenhalt. Zum Wandel eine Beschwörungsformel, was wir als erstes sehen ist die Fankurve des FC St. Pauli bei einem Auswärtsspiel, Begriff auf den Punkt gebracht. Augenzwinkern auch dabei – fröhliche Wissenschaft und Faible für die niederen Stände, ein Schuss Lokalpatriotismus inklusive. »Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen akademischer und gesellschaftlicher Öffentlichkeit initiiert und begleitet er«, der Mittelweg 36, so ein Selbstinserat, »intellektuelle Debatten von Belang. Regelmäßig versorgt die Zeitschrift ihre Leserinnen und Leser mit instruktiven Beiträgen zu den geschichts- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart.«

Nun, Zusammenhalt ist ganz gewiss jene Resilienzform, die wir alle in allernächster Zeit noch ganz gehörig brauchen werden. »Zusammenhalt verspricht nicht nur die Sicherung der gegenwärtigen Stabilität und Solidarität innerhalb einer Gesellschaft. Er verweist auch auf ihre Fähigkeit zur Bewältigung künftiger, komplexer Herausforderungen, seien diese ökonomischer, politischer, technologischer oder sozialer Art«, wissen Zarin Aschrafi und Dirk van Laak in ihren einleitenden Bemerkungen. Für die Anschauung geht es dann zu einer Neubewertung des »modernen Mandarins« Helmut Schelsky, zu New Labour, zur DDR-Gesellschaft und zur Polykrise in der Zeit von Jimmy Carter – so etwas ist gerade wieder auf dem Weg, aber übertrumpt ganz sicher alles bisher Dagewesene. Den Ortstermin, eine feste Rubrik in jeder Ausgabe, bestreitet Berthold Vogel im »Haus des Volkes« in Probstzella in Thüringen, einst Transitort im Sperrgebiet, heute AfD-Hochburg. Eine Erkenntnis von dort: »Um Gesellschaft zu gestalten, sollte man im Kommunalen ansetzen. Vor Ort werden gesellschaftliche Verhältnisse erfahrbar.«

Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Thema Zusammenhalt. Zum Wandel eine Beschwörungsformel. 35. Jahrgang, Heft 1, Februar/ März 2026. 112 Seiten, Broschur, 14 Euro, 9 Euro als PDF.

** **

Angewandte Wissenschaft – nicht nur im Modul- oder Modelbau

(AM)  Die Flensburger Studien zu Sprache, Literatur, Religion“, bisher im Igel-Verlag erschienen, haben im Aisthesis Verlag eine neue Heimat. Das bringt nicht nur besseres Papier, schön gestrichen, und bessere Ausstattung, es ist auch Programm. Das griechische Wort Aisthesis bezeichnet die körperlich-sinnliche Erfahrung und Wahrnehmung der Welt, bedeutet »Empfindung«. Im Dreischritt der klassischen Poetik aus Poesis, Aisthesis und Katharsis wird daraus das Vermögen, Kunstwerke angemessen wahrzunehmen. Anspruch und Fähigkeit des 1985 gegründeten literatur- und kulturwissenschaftlichen Fachverlags mit Sitz in Bielefeld illustrieren sich aufs Schönste in Band 38, herausgegeben von zwei alten CulturMag-Bekannten, der eine davon mit 320 Essays bei uns präsent (Links hier).

Der Dichter, Essayist, Altphilologe und Theologieprofessor Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg, mit dem Sprachwissenschaftler Franz Januschek teilt er eine Vorliebe für Science Fiction und Modellbau. Dem von ihnen herausgegebenen Band Modelleisenbahn geben sie den Untertitel Das Transzendenz-Spiel. Die Beiträge erforschen die Bahn als Zeichen des Fortschritts, die Geomorphologie im Modellbau, Modellfahrzeuge/-eisenbahnen in historischer Sicht, den »Big Boy«, die Leonardo-da-Vinci-Lokomotive schlechthin, und die Erschaffung und Lenkung der Welt sui generis: »Und er sah, dass es noch nicht gut genug war.« Das alles führt zur Frage: Inwiefern kann die Nachbildung überhaupt das Vorbild repräsentieren? Und welche Motive leiten unser Spiel mit Modelleisenbahnen?

Der Band Heldenreise bietet verschiedene Zugänge zum Archetypus »Heldenreise«. Acht Autorinnen und Autoren untersuchen Helden und Heldinnen aus Mythos, Film, Comic und der »echten« Welt: auf ihren Abenteuern, in ihrem politischen Engagement, in ihren Kämpfen mit der Bürokratie, in ihrem Erwachsenwerden, dessen Verweigerung oder im Scheitern. Es geht nach Afrika und Asien, in eine digitale Höhle, in die Tiefen der Urzeitmeere (eine wunderbare Bildstrecke mit »Megalodom«, einem prähistorischen Riesenhai) und sogar in ein digitales Jenseits! Bitterböse, die Reise in einen Behelfscontainer, sorry: einen Modulbau, auf einem Uni-Campus. Da hilft nur Beten.

Franz Januschek / Markus Pohlmeyer (Hg.): Modelleisenbahn. Das Transzendenz-Spiel. Flensburger Studien. Sprache · Literatur · Religion, Band 38. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2026. 111 Seiten, kartoniert, mit Abb., 20 Euro.

Jan Jake, Markus Pohlmeyer (Hg.): Heldenreise. The Hero’s Journey. Aus der Urzeit ins digitale Jenseits. From prehistoric times to the digital afterlife. Flensburger Studien. Sprache · Literatur · Religion, Band 37. Deutsche und englische Beiträge. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2026. 143 Seiten. kartoniert, 26 Euro.

** **

Janet Flanner und ein deutscher Serienkiller – in Paris

(AM) Die 1892 in Indianapolis geborene Quäkerstochter Janet Flanner prägte ein halbes Jahrhundert das Bild der kunstsinnigen, liberalen Amerikaner von Europa. 1925 zog sie in die Stadt an der Seine, wurde die erste Auslandskorrespondentin des Magazins The New Yorker, schrieb von 1925 bis 1975 regelmäßig alle zwei Wochen über die Geschehnisse in Europa. Ihre »Letters From Paris« unter dem Pseudonym »Genêt« wurden legendär. Zu ihren Freunden, Bekannten und Porträtierten gehörten F. Scott Fitzgerald, Hemingway, Gertrude Stein, Picasso, Nancy Cunard, Edith Wharton, Colette, Josephine Baker sowie viele andere Künstler, Literaten und Gastronomen. Sie war bestens vernetzt. Erlebte Lindberghs Transatlantikflug und Hitlers Machtergreifung, den Zweiten Weltkrieg in Europa und dann den Nürnberger Prozess. In Erinnerung ist mir besonders die wie mit Salzsäure geätzte Beschreibung einer Entnazifizierungs-Sitzung in Königstein/ Taunus.

Für die amerikanische Öffentlichkeit war Janet Flanner eine journalistische Institution. Ihre unvergleichlichen Reportagen und Berichte aus Europa spannten eine kulturelle Brücke zwischen den Kontinenten. »Paris – Germany: Europäische Reportagen 1931-1950« hieß ein 1992 im Antje Kunstmann Verlag erschienener Band. 1931 reiste sie zum ersten Mal nach Deutschland, schrieb unter dem Titel »Über alles« vor allem über das kulturelle Leben in Berlin. 1936 berichtete sie von den Olympischen Sommerspielen in Berlin und der politischen Stimmung im nationalsozialistischen Deutschland. Ihr dreiteiliges Hitler-Porträt war eine Situation.

Resümee: »Nur demjenigen Besucher dieses Landes, der absolut nichts sehen und hören will, können die Zeichen und Signale des deutschen Vormarsches entgehen.“

Ich grüble noch, ob solch eine Person und solch eine Biografie wirklich die Parallelmontage nötig hat, die der Paris-kundige Autor Mark Braude zuletzt »Kiki Man Ray: Art, Love, and Rivalry in 1920s Paris«) in seinem Buch The Typewriter and the Guillotine: An American Journalist, a German Serial Killer, and Paris on the Eve of WWII etwas sensationalistisch in Szene setzt. Er koppelt Janet Flanners Geschichte mit der des deutschen Serienkillers Eugen Weidmann, der in Frankreich sechs Menschen ermordete – darunter eine amerikanische Tänzerin. Er wurde 1939 zum Tode verurteilt, es war die letzte Hinrichtung per Guillotine in Frankreich (in Berlin ging das fleißig bis Kriegsende). Die im Scharnier nur grob mit dem Buch verbundene Jagd auf den Mörder, seine Ergreifung und der Prozess machen keine 20 Prozent des Buches aus. Der Rest gehört Janet Flanner … und das ist gut so.

Mark Braude: The Typewriter and the Guillotine: An American Journalist, a German Serial Killer, and Paris on the Eve of WWII. Grand Central Publishing/ Hachette, New York 2026. 432 Seiten, USD 32,50.

Diese Reporterin im Einsatz zu erleben und dazu ihre wichtigsten Kolleginnen gleich mit, das ermöglicht die Anthologie Janet Flanner, Rebecca West, Martha Gellhorn: Im Herzen des Weltfeindes. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen, geradein der Reihe Critica Diabolis (Edition Tiamat) erschienen. Das Paperback mit Fotos von Lee Miller überlässt diesen drei Frauen den Blick auf einen der wichtigsten Momente der Nachkriegsgeschichte. Als Prozess-Berichterstatterinnen demaskieren sie die Nazi-Nomenklatura (Erich Kogons »SS-Staat«), nehmen uns mit den Gerichtssaal 600 (in dem eigentlich jeder Deutsche einmal im Leben stehen müsste). Sie schreiben nicht aus der Distanz heutiger Historiker, sie schreiben mit der Unmittelbarkeit von Augenzeuginnen. Ein sehr spannendes Zeitdokument.

Janet Flanner, Rebecca West, Martha Gellhorn: Im Herzen des Weltfeindes. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen (Critica Diabolis 352, Edition Tiamat. Berlin 2026. Paperback, mit Fotos von Lee Miller, einem Vorwort von Ingo Müller und einem Nachwort von Klaus Bittermann. 224 Seiten, 22 Euro.

** **

Frauen, die Alle an die Wand schreiben konnten, die Zweite

(AM) Emily »Mickey« Hahn, Rebecca West, Martha Gellhorn. Jugoslawien an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg, die Salons von Shanghai, umkämpfte Straßen im Spanischen Bürgerkrieg, Hongkong unter japanischer Besatzung, Deutschland und Italien im Krieg, der »Blitz« in London, Omaha-Beach am D-Day, Mexiko in der McCarthy-Ära, der amerikanische Süden, Kuba, der Kongo. Fünf Kontinente, drei Jahrzehnte im 20. Jahrhundert. Diese drei Reporterinnen waren nicht nur Zeuginnen großer Veränderungen, lieferten nicht nur Hintergrund. Sie befeuerten Unterstützung. Verständnis. Sie veränderten die Welt, aus der sie berichteten. Und sie veränderten auch die Art, wie darüber berichtet und gelesen wurde. Das ist die These von Julia Cooke, aufs Anschaulichste belegt in ihrem großartigen Buch Starry and Restless: Three Women Who Changed Work, Writing, and the World.

Hahn, West und Gellhorn bereisten die Welt, lieferten ihre Geschichten an Presseorgane wie The New Yorker, die Londoner Times, The New York Times, The New Republic, The Atlantic Monthly, Collier’s oder Vogue. Oft reisten sie alleine, manchmal taten sie sich mit anderen Reporterinnen zusammen, manchmal hatten sie ihre Ehemänner im Schlepptau. Sie schlichen sich an die Front, obwohl es ihnen verboten war, sie sprachen mit einfachen Zivilisten, um lebendige Geschichte für ihre Reportagen zu sammeln. Sie schrieben Romane, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und Artikel, um die Welt zu erklären. Sie wurden Mütter und Freundinnen, freuten sich über die Erfolge der anderen. Sie veränderten den Journalismus – und die Welt.

Julia Cooke – die 2021 eine hinreißende Geschichte der Frauen im Luftverkehr vorgelegt hat: »Come Fly the World: The Women of Pan Am at War and Peace« – erzählt hier die Geschichte dreier Frauen, deren Neugier, Entschlossenheit, Professionalität und Ehrgeiz die Möglichkeiten für Frauen und sinnvolle Arbeit enorm erweitert haben.

»I am going to Spain with the boys«, schrieb Martha Gellhorn kurz vor ihrer Abreise nach Spanien an eine Freundin. Die Überfahrt bezahlte sie selbst – mit einem Artikel für die Vogue: »Beauty Problems of the Middle-Aged Woman«, Selbsttest für eine neuartige Schönheitsmaske inklusive, ein »peel«, das ihr die Haut verbrannte, sie aber über den Ozean brachte.

Emily Hahn (1905 – 1997), genannt »Mickey«, ist die hierzulande wohl Unbekannteste derer, denen Julia Cooke in ihrem Buch rund um die Erde folgt. Sie war eine frühe Feministin, die erste Frau mit einem Universitätsabschluss als Bergbau-Ingenieurin, Autorin von 52 Büchern und mehr als 180 Artikeln und Geschichten, viele für den New Yorker. Ihr Werk spielte eine besondere Rolle für das Verständnis Asiens durch den Westen, ihre Autobiografie »China to Me« von 1942 nimmt hier einen besonderen Platz ein. – Auch Ross Thomas holte sich bei ihr Farbe für seine Shanghai- und China-Kapitel in »Die Narren sind auf unserer Seite«.

Julia Cooke: Starry and Restless: Three Women Who Changed Work, Writing, and the World. Farrar, Straus & Giroux, New York 2026. 432 Seiten, 32 USD.

** **

Tags : , , , , , , , , , , ,