Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Michael Friederici: Waffen für den BvB

Es lebe der Sport…

Fußball als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Borussia Dortmund verkauft sein Image an den Rüstungskonzern Rheinmetall / Eine Art Kommentar von Michael Friederici

Bereits Anfang der 2000er Jahre setzte der Ballspielverein von Borussia Dortmund, kurz BvB, neue Maßstäbe für die Zukunft des deutschen Fußballs: Als erster deutscher Fußballverein ging er an die Börse – und schrammte nur knapp an der Insolvenz vorbei. Jetzt Ende Mai 2024, wenige Tage vor dem Anpfiff des Finales im wichtigsten europäischen Wettbewerb, der Champions League , gab der Club bekannt, dass der Rüstungskonzern Rheinmetall „Champion Sponsor“ der Schwarzgelben wird. Es ist, meines Wissens das erste Mal, dass ein Rüstungskonzern einen Fußballverein sponsert. – Ich habe als überzeugter Fan viel mitmachen müssen, bei der Wandlung des Vereins zur Marke Borussia Dortmund. Jetzt reicht es!

Zunächst einmal muss die taktische Meisterleistung gewürdigt werden: Kurz bevor die Profi-Kicker im Wembley Stadion in London antreten, der Stadt, über der die deutsche Luftwaffe während des Zweiten Weltkrieges rd. 20.000 Tonnen Bomben vom Himmel regnen lies. Rund 60.000 Menschen starben, etwa 1,3 Millionen Häuser wurden beschädigt oder zerstört.  Die Erinnerung daran ist noch sehr lebendig.  Das Kriegsgerät lieferte u.a. der damals verstaatlichte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall. – Das Logo von Rheinmetall soll schon am Final-Tag deutlich zu sehen sein… – und wird nicht nur die Engländer freuen.

Tausende von Zwangsarbeitern aus einem KZ-Außenlager mussten im Dritten Reich für die Waffenschmiede schuften. Eine selbstkritische Aufarbeitung dieser Firmengeschichte ist meines Wissens bis heute ausgeblieben, sieht man von verharmlosenden Plattitüden ab.

Zur erfolgreichen wirtschaftlichen Therapie des ersten börsennotierten Fußball-Vereins in Deutschland gehörte, sich offensiv seiner Vergangenheit zu stellen. Borussia Dortmund bietet auf seiner Homepage im Sommer 2024 zwei Gedenkstättenfahrten auf den Spuren der aus Dortmund deportierten Jüdinnen und Juden an. Und der Verein versucht aktiv, die braunen Flecken von der „Gelben Wand“, der Tribüne, auf der das Herz des Vereins schlägt, zu waschen. Vor wenigen Jahren propagierte er: „Sponsoren, Freunde und Partner, aber auch der Rest der Liga sind aufgerufen, den Kampf gegen Rechts gemeinsam zu führen.“ Regenbogig, aufgeklärt, sympathisch modern, offen, transparent stellt sich Dortmund dar, in vorderster Front gegen Gewalt – und präsentierte sich als Botschafter des Friedens.

Geschäft ist Geschäft

Rheinmetall verdient am Krieg. Direkt. „Deutschlands größter Rüstungskonzern ist mit seinen rund 30.000 Beschäftigten auf Wachstumskurs, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schnellte die Nachfrage nach Munition, Panzern und Flugabwehrgeschützen in die Höhe. Seit Anfang 2022 stieg der Auftragsbestand um rund 10 Milliarden Euro auf 24 Milliarden Euro an, der Umsatz soll in diesem Jahr 10 Milliarden Euro erreichen. Damit wäre er fast doppelt so hoch wie im Jahr 2021, also vor dem Ukrainekrieg (5,7 Milliarden Euro). Der Aktienkurs hat sich seit Februar 2022 mehr als verfünffacht“, berichtete Der Spiegel.

Wobei das Unternehmen, Geschäft ist schließlich Geschäft, möglichst gern an alle liefert, die zahlen. Vor zehn Jahren zahlte Rheinmetall ein Bußgeld in Höhe von mehr als 37 Millionen Euro, weil Bestechungsgelder im Zusammenhang mit einem U-Boot-Deal an griechische Politiker und Beamte geflossen waren. Waffenexporte am Rande der Legalität sind ebenso Teil des Geschäftes wie die notwendige „Landschaftspflege“ zur Unterstützung und Befeuerung von Kriegen. Das gehört zum Portfolio einer großen Todesfabrik, und das prägt Vergangenheit und Gegenwart von Rheinmetall. Wobei wir noch gar nicht von der Rolle dieses Waffenhändlers u.a. im Nahen (auch in Gaza) und Fernen Osten und, und, und gesprochen haben, von der Flachfloskel der Zeitenwende eben. Wobei jeder wissen sollte, auch wenn er sonst nichts weiß, dass deutsche, bzw. Waffen aus dem freien Westen nicht einfach töten, sondern Friedensbotschaften für Demokratie und Freiheit verbreiten.

Krieg ist Frieden

Erwartungsgemäß warf der BvB-Vorstand die große Phrasen-Dreschmaschine an: Man wolle mit der Partnerschaft „Diskussionen anstoßen“ und „offen und direkt über die neue Normalität reden“, zitiert das Handelsblatt den BvB-Boss Watzke. Und die neue Normalität heißt eben – Krieg. Nein, hier geht es nicht nur um das schlichte Sport-Washing eines Waffenhändlers, der  bisher in der Schmuddelecke schmollte und nun endlich auch einmal im schwarzgelben Tarnanzug im Licht der heilen BvB-Fußballwelt stehen möchte. Noch sind im Stadion keine Waffen am Bierstand zu haben und kein Zuschauer wird bei Rheinmetall einen Panzer kaufen. Es geht um mehr, um die große Mobilmachung, die Militarisierung der Gesellschaft. Die Taurus-Entscheidungen sind wohl längst gefallen und bald, so hofft die FDP-Scharfmacherin Strack-Zimmermann, soll ja endlich auch wieder mit deutschen Waffen gen Russland geschossen werden. Die USA haben der weiteren Eskalation offenbar schon zugestimmt, dass nun auch Ziele außerhalb der Ukraine ins Visier genommen werden können. –Ich schlage hiermit vor, dass Joachim Watzke auf der nächsten NATO- zumindest bei der Münchner Sicherheitskonferenz das Impulsreferat hält…

Taktisch klug den Zeitpunkt gewählt

Kurz vor dem großen Champions-League-Finale, dann, wenn die ganze Konzentration dem Spiel gelten soll, startet der Verein den Großversuch, Kriegskonzernen wieder eine Fankurve zu bieten. Das erfordert Mut, denn es geht ja um Sport, zumal pazifistische Ultras für das Abfackeln von Pyros in den Knast wandern. Muss also Nobby Dickel, der Dortmunder Stadionsprecher, demnächst in Uniform antreten und im Befehlston die Aufstellung schnarren? Wird es demnächst Trikots in schwarz-gelben Tarnfarben geben? Kreiert Rheinmetall von morgen an Panzer im Borsigplatz-Look?  Soll das Stadion „unter der Woche“ als Exerzierfeld dienen? Ist daran gedacht, in den Halbzeitpausen der Gefallenen zu gedenken? Ich bin schon jetzt gespannt auf das Vokabular der Medienmenschen, wenn sie die schwarz-gelben german Panzer das feindliche Feld umpflügen lassen… – Für die Spieler gibt es Psychologen, für das Management sind Geistheiler offenbar nicht vorgesehen…

Rund 20 Millionen € soll der Deal dem BvB in drei Jahren bringen. Mag sein, dass das hinreicht, um die Untiefen der Debatten, die damit losgetreten sind, abzufedern. Als bisheriger Fan dieses Vereins hoffe ich jetzt, dass es nicht reicht. Dass Strack-Rheinmetall (die anderen, durchaus stimmigeren Begriffe darf man ja im Jubiläumsjahr des GG nicht mehr schreiben), dass die Herren & Hofreiter/**innen/außen demnächst gemeinsam in der Ehrenloge „unseres Tempels“ sitzen könnten, das allein ist schon eine Horrorvorstellung. Aber dass unsereins jetzt möglicherweise für Tribünenstimmung unter den sich zuprostenden Damen und Herren des Waffenbiz in den sogenannten Hospitality-Logen sorgen soll, das löst bei mir endgültig Schnappatmung aus.

Man muß ja auch Herrn Watzke verstehen…

Andererseits muss man das alles ja auch einmal von der anderen Seite, also von „Aki“ Watzke & Co. Aus betrachten: Für ihn waren die Träumer vom schönen Spiel zwar schon immer gut für die Stimmung im Stadion, ansonsten aber vor allem ein Ärgernis: Am Fußball „nervt mich nur, und daran muss man arbeiten, dass man den Menschen immer wieder erklären muss, dass Fußball ohne die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu betrachten, auf der Ebene, auf der wir uns befinden, nicht mehr funktioniert“, sagte der Unternehmer in einem Interview schon im Jahre 2013 (Internetportal derwesten, 2013). Und deshalb hat er wohl als gewiefter Geschäftsmann mit Rheinmetall Bonuszahlungen ausgehandelt, die fällig werden, wenn der nächste Krieg läuft, in Georgien z.B., wenn deutsche Waffen und Annalena Baerbock dort überzeugend für westliche Werte und Moral argumentieren.

Zudem eröffnen sich mit dem neuen Sponsorenumfeld ja auch ganz neue Märkte, in den USA z.B. Die US-Waffenlobby soll schon Schlange in DFB-Zentrale stehen.

Last Exit St. Pauli

Jetzt hoffe ich nur, dass die Fan-Gemeinde noch die passenden Choreos für die Damen und Herren von der Waffensponsoren- und Kriegslobby findet. – Nicht auszudenken, was in einem solchen Fall  beim FC St. Pauli losgewesen wäre. – Kurzum, werter BvB. Auch wenn sich ein gnädiger  Kampfmittelräumdienst der Verantwortlichen in Dortmund nachhaltig annehmen sollte. Für mich war’s das.  – St. Pauli, ich komme …

Michael Friderici

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