Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Marcus Müntefering: John Wray »Unter Wölfen«

Teil einer Subkultur zu sein – mit aller Euphorie

Wie echt kann und soll Musik sein und wie berauschend, lebensprägend, aber auch gefährlich – dieser Frage spürt John Wray in seinem wilden, wahnsinnig tollen Roman „Unter Wölfen“ nach. Die Antwort findet er – vielleicht – im Norwegen der frühen Neunzigerjahre, wo junge Metal-Musiker Kirchen anzündeten und mordeten.

Das letzte Kapitel, nennen wir es die Koda, dieses Romans, der 2023 in den USA erschien und jetzt in einer kongenialen Übersetzung von Bernhard Robben auf Deutsch vorliegt, schrieb das sogenannte echte Leben vor wenigen Monaten. Im April dieses Jahres brannte es im Plattenladen „Neseblod Records“ in Oslo. Ein Vorfall, der es normalerweise höchstens in die Lokalpresse geschafft hätte. Doch dieser Brand erregte weltweit Aufmerksamkeit, weil „Neseblod Records“ der Nachfolger von „Helvete Record Store“ war. Helvete ist nordisch für Hölle, und Anfang der Neunzigerjahre war es der Treffpunkt von des sogenannten Black Circles, einer losen Gruppierung von jungen Metal-Fans und Musikern.

Im Mittelpunkt standen zwei Aktivisten, die erst Freunde waren, dann Rivalen, bis schließlich der eine den anderen mit einem Messer abschlachtete (mehr als 20 Stiche, der tödliche durch den Schädel). Der Plattenladen Helvete war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder geschlossen. Aber bis heute ranken sich Geschichten und Gerüchte darum, was hier im Keller, einer Art Klubraum/Kultstätte, wirklich passierte und warum Varg Vikernes alias Count Grishnackh (wie so viele Metal-Pseudonyme damals von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ entliehen) von der Ein-Mann-Band Burzum seinen früheren Kumpel Øystein Aarseth, alias Euronymous, Bandleader von Mayhem, ermordete.

Als Noseblod Records vor Kurzem abbrannte, schrieb sogar die BILD darüber, die Headline gewohnt dümmlich:

Die BILD erinnerte sensationssaftig noch einmal an die Ereignisse von vor 30 Jahren, an den „Helvete“-Keller (der bei Nosebled zu einer Art Museum umgebaut wurde): „Der Legende nach saßen gruselig geschminkte Gestalten herum, liefen Snuff-Filme, wurden satanische Rituale ersonnen – und Anschläge auf Kirchen“, an die Kirchenbrände, an den Mord. Alles stimmt nur so halb, machte mich aber neugierig, nachdem ich gerade John Wrays „Unter Wölfen“ beendet hatte und tief beeindruckt war. Und das nicht nur vom letzten Drittel, „Bergen Black“, einem furiosen Finale im brutal kalten Norwegen, das im „Helvete“ spielt und in Bergen, der nordnorwegischen Heimat des späteren Mörders (und Neonazis) Vikernes.

Doch auch bevor es soweit ist (später mehr dazu) und aus der Coming-of-Age-Geschichte über drei teenage metalheads ein Thriller und fast so etwas wie ein Horrorroman wird, lernen wir Kip Norvald kennen, einen zunächst ziemlich gewöhnlichen Teenager, der in einer Kleinstadt in Florida bei seiner Großmutter aufwächst und wenig mit sich und noch weniger mit den Wutanfällen anzufangen weiß, die ihn immer wieder aus dem Nichts übermannen. Kips langweiliges Leben wird sich radikal ändern, als er Leslie Vogler kennenlernt. Leslie ist schwarz und bisexuell – was ihm zu einem Sonderling in der Metalszene Floridas macht, die Ende der Achtziger (und wahrscheinlich auch heute noch) krass heteronormativ und sehr, sehr weiß war.

Von Anfang an schafft es Wray, dass uns diese beiden Außenseiter-Kids sympathisch sind, trotz oder gerade wegen ihrer (vielen) Schwächen. Leslie macht Kip mit Metal bekannt, und als er das erste Mal „Scream Bloody Gore“ von der Band Death aus Tampa hört (heute ein Klassiker des Death Metal), ist es für ihn vorbei mit Creedence Clearwater Revival und all dem anderen lahmen Zeug, das er bis dahin gehört hat: „Die Musik schlug so schnell zu, dass er zuerst gar nichts blickte: ein Hagelschauer hämmernder Noten, ein epileptischer Bass. Der Körper reagierte schneller als der Kopf, wechselte unwillkürlich in den Flight-or-Fight-Modus, Beine, Arme und Rückgrat ein einziger Krampf. Der Sound war tyrannisch, dominant, gnadenlos. (…) Ihm wurde übel.“

Ab da gibt es nur Metal für Kip, und in diesem ersten Drittel des Romans zeigt Wray eindrucksvoll, was es heißt, jung zu sein, begeisterungsfähig, sich einer Sache völlig zu verschreiben. Teil einer Subkultur zu sein, mehr zu wollen, mehr zu brauchen, mehr zu fühlen. Leid, Schmerz, Verzweiflung. Glück, Sehnsucht, Hoffnung. All das evoziert dieser Roman.

Kip und Leslie tauchen tief ab in den Metal-Underground Floridas, leben für Konzerte, Kicks und Cannabis. Eine Florida-White-Trash-Welt. Und ihre kaputte Königin ist Kira Carson, das so schöne wie durchgeknallte Mädchen, das aus einer hart religiösen Familie stammt und vielleicht die einzige ist, die Metal noch ernster nimmt als Kip und Leslie. Sie ist eine verlorene Seele, die eigentlich immer die falschen Entscheidungen in ihrem Leben trifft. Natürlich verliebt sich Kip sofort, und er wird sehr lange leiden müssen. Denn Kira wants it darker, sie zieht es an finstere Orte, Orte, die echte Gefahr bergen, und sie mag ihre Musik wie ihre Männer: knallhart. Nach einem Auftritt von Cannibal Corpse, eine der derbsten Metalband ever, sagt sie übertrieben gähnend: „Eine Zeit lang – ich weiß nicht, da habe ich fast geglaubt, sie wären echt, the real thing.“ Kip erinnert ein wenig an eine Figur aus Joakim Zanders neuem Roman „Ein ehrliches Leben“ (der ein ähnliches Thema hat – die Suche nach dem richtigen Leben in einer als langweilig bis feindlich empfunden Welt –, allerdings ohne Metalbezüge und lange nicht so brillant). Max ist eine junge Frau, die sich ebenfalls für ein Leben am Rand der Gesellschaft entschieden hat, und was sie sagt, würde Kira sofort unterschreiben: „Was keinen Verlust beinhaltet, ist nichts wert. Was einem keine Opfer abverlangt, bedeutet nicht. Für ein ehrliches Leben muss man bereit sein, alles zu verlieren.“

Kira wird ihren Weg konsequent weitergehen, nach einer längeren Zeit in Los Angeles (der zweite Teil des Romans „L.A. Glam“ spielt für diesen Text keine große Rolle, ist aber ebenfalls furios), während der sie und Kip schließlich ein Paar werden, reisen die beiden nach Europa. In Berlin verschwindet Kira, was wir schon im Prolog erfahren, wunderschöner erster Satz: „Sie war weg, als Cannibal Corpse auf die Bühne kamen.“

Ein Jahr wird Kip, inzwischen ein halbwegs bekannter Musikkritiker, nichts mehr von Kira hören, bis er erfährt, dass sie in Norwegen lebt und mit dubiosen Typen unterwegs ist, vielleicht entführt wurde. Kip und Leslie machen sich kurzerhand auf nach Oslo, wo die Spur in einen mies beleumdeten Plattenladen führt – Helvete. Hier lernen sie unter anderem Øystein Aarseth und Varg Vikernes kennen. Die beiden selbsternannten Black-Metal-Gurus scheinen zu wissen, was mit Kira passiert ist. Das soll hier natürlich nicht verraten werden, nur so viel: die Spur führt tief in die Wälder Nordnorwegens – und Kira wird dort gelernt haben, wie real und tiefgehend Schmerz sein kann.

Wray ist selbst als Metal-Kid aufgewachsen, in einer Zeit als Metal noch in der Lage war wirklich Furcht zu erregen, als gefährlich galt – und die Bands nicht nur Witzfiguren waren, die in Wacken den Soundtrack zu einem Massenbesäufnis liefern. Diese Zeit lässt er in seinem Roman wieder auferstehen – Kip fungiert dabei als eine Art alter ego, hat sogar am selben Tag Geburtstag wie der Autor –, und man spürt die Dringlichkeit des Romans, die Fiebrigkeit der Erzählung, den Willen zum Authentischen, auch wenn hier alles der Fantasie des Autors entsprungen ist, bis auf die Bands, die Clubs und die fatale Grundkonstellation in Norwegen.

Und auch wenn der Roman tief eintaucht in diverse Metal-Subkulturen (als erster seiner Art), ich kann ihn auch Lesern, die von Metal keine Ahnung haben oder sich null für den Unterschied zwischen Death Metal und Black Metal interessieren, uneingeschränkt empfehlen. Weil der 53-jährige Wray im Kern eine universelle Geschichte vom Erwachsenwerden erzählt, mit aller Euphorie, all den Zweifeln und all der Verzweiflung, die das mit sich bringt. Gefühle, die jeder in unterschiedlicher Intensität kennen dürfte.

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Für diejenigen, die tiefer eintauchen wollen in das, was im dritten Teil geschieht, hier noch zwei (nicht ganz uneingeschränkte) Empfehlungen. Der US-Musiker (Blood Axis) und -Autor Michael Moynihan hat zusammen mit dem norwegischen Journalisten Didrik Søderlind das Standardwerk „Lords of Chaos – The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground““ über die norwegische (und später weltweite) Black-Metal-Szene geschrieben, auch über ihre Vorläufer und ihre Auswirkungen. Das Buch (unbedingt die zweite, stark erweiterte Ausgabe von 2003 suchen, gibt es auf Deutsch und Englisch), das auch John Wray als Inspirationsquelle diente, ist trotz einiger Schwächen (gelegentlich langatmig, stilistisch manchmal etwas pompös) faszinierend und erschreckend zugleich. Das hat vor allem mit der Vielzahl von Interviews mit den Akteuren von damals zu tun. So kommen die Autoren ihrem Thema wesentlich näher als 99% aller True-Crime-Autoren.

Im Mittelpunkt steht Varg Vikernes, der Mörder und Brandstifter, den die Autoren mehrfach im Gefängnis sprechen konnten (er wurde wegen Mordes, Niederbrennens dreier Kirchen und Besitzes von Waffen und Sprengstoff zu 21 Jahren Haft verurteilt, musste 15 davon absitzen). Aus diesen Gesprächen ergibt sich, wie zufällig die Ereignisse von damals letztlich waren. Es gab keinen Masterplan, sondern eigentlich nur großmäuliges Gerede von Teenagern und Twens, die wenig reflektiert zwischen Satanismus (wobei die Werke von Anton La Vey, dem Gründer der Church of Satan, und Magier-Evergreen Aleister Crowley wohl nur in seltenen Fällen wirklich gelesen und schon gar nicht verstanden wurden), Paganismus, Odin-Verehrung und Neonazismus herumeierten. Einzig Vikernes scheint im Nachhinein in der Lage zu sein, seine Taten einem Narrativ zuzuordnen, wobei dieses allerdings wie eine reuelose Rechtfertigung von sinnlosen Akten zufälliger Gewalt wirkt.

Eine Trigger-Warnung noch dazu: Moynihan, der mit Musikern wie Boyd Rice und Death in June kollaboriert hat, die aus der Post Industrial/Neofolk-Szene stammen und ab den Achtzigern durch ihr Spiel mit Nazisymbolik auffielen, ist selbst nicht ganz unverdächtig, Sympathien für extremrechte Ideologien zu haben – unter anderem hat er als Verleger Bücher des umstrittenen italienischen Denkers und Okkultisten Julius Evola veröffentlicht. Dieser Hintergrund führte zu Vorwürfen, er habe aus ideologischer Nähe Vikernes‘ teils radikale Aussagen in „Lords of Chaos“ weitgehend unkommentiert gelassen. Ich würde sagen: Jeder, der denken kann, wird hier die nötige Distanz aufbringen.

Hat Moynihans akrbisches Buch einen fast schon wissenschaftlichen Ansatz, setzt die gleichnamige Verfilmung von 2018 (noch bei Netflix zu sehen, Trailer hier) einen ganz anderen Schwerpunkt: Jonas Åkerlund bleibt in seinem Spielfilm zwar ganz dicht an den Fakten, erzählt die Geschichte aber aus der Perspektive des Mordopfers Euronymous, mit einem satirisch-ironischen Ton, der einen reizvollen Widerspruch zum düsteren Geschehen bietet, das unter anderem einen der wohl blutigsten Selbstmorde der Filmgeschichte (und einen kaum weniger dezenten Messermord) einschließt. Was er auch schafft, ist den Mythos zu demontieren, der sich um die Ereignisse von damals gebildet hat. Denn er zeigt, dass die in gewissen Kreisen als Fürsten der Finsternis verehrten Euronymous und Vikernes eigentlich vor allem schwer gestörte, verwirrte junge Männer waren.

Zum Abschluss noch ein paar Worte noch zum „Kultstatus“ von Varg Vikernes (der ironischerweise eigentlich Kristian, also „Anhänger Christi“, heißt): Nach seinem Gefängnisaufenthalt hat er sein Projekt Burzum mit anderer musikalischer Ausrichtung weitergeführt, außerdem eine Reihe von Büchern (eher Pamphleten) über Paganismus und sein Leben geschrieben. Der Schriftzug seiner Band ist inzwischen Teil eines subkulturellen Provokationsspiels geworden. So hat der belgische Star-Designer Raf Simons (ehemals Chefkreativer bei Jil Sander) ein Kleid entworfen, das ein Burzum-Artwork enthält und mit dem sich die schwedische Sängerin Zara Larsson bei TikTok und auf einer Preisverleihung zeigte. Auf den anschließenden Shitstorm reagierte sie mit: „Oh, ich fand, das sah cool aus.“ Bewusster darüber, was er damit auslöst, dürfte Kanye West alias Ye seine Entscheidung getroffen haben, sich im Burzum-T-Shirt bei Instagram zu zeigen. Vikernes‘ Zustimmung bei X/Twitter war ihm gewiss.

Mehr über Norwegens Black-Metal-Szene inklusive einer starken Bildergalerie haben Christoph Dallach und Jörg Böckem 2012 für den SPIEGEL zusammengetragen:

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