Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024, Musikmag

»Kummerkumpels« – Die erste Solo-Scheibe von Tom Schwoll

Früher hätte man diesen Sound als melancholischen, düsteren Country beschrieben, heute würde man dazu vermutlich Americana Noir sagen. Aber die poetischen, sinnfragenden Texte werden wiederum in guter Punkrockmanier auf Deutsch vorgetragen wie bei seiner aktuellen Düster-Punkband „ Es war Mord.“ Es geht um die erste Solo-Scheibe „Kummerkumpels“ von Gitarrist und Jingo-de-Lunch-Gründungsmitglied Tom Schwoll.

„All die Bands, in denen ich bislang gespielt habe, waren sehr wichtig für mich, denn sie sind alle Teil meiner persönlichen Entwicklung auf musikalischer Ebene. All diese Bands und Erfahrungen gehören zusammen, all die Menschen, mit denen ich gespielt habe, haben einen Einfluss darauf genommen, als was für ein Musiker ich mich heute verstehe. Nicht alles davon hat zwingend immer auch meinem persönlichen musikalischen Horizont entsprochen, aber auch das kann ja eine wichtige Erfahrung sein.“

Was früher mit brachialer Kraft und durch die Luft wirbelnden Dreadlocks vorgetragen wurde, klingt auf seinem Solo-Debüt mit dem Namen Fleur de Malheur so, als hätte sich Tom eine Überdosis Townes Van Zandt verpasst. Oder zumindest an Johnny Cashs American Recordings geschnüffelt. Das ungewöhnliche Experiment klingt jedenfalls gelungen und die Einstellung stimmt. „Ich möchte lieber machen, machen und schauen, was dabei am Ende herauskommt.“ Zu dem Song „Plastiktüte“ gibt es bereis ein Video: 

Das Leben in Berlin hat sich auch im Song „Kummerkumpels“ eingebrannt. Hier heißt es: „blutrote augen, keinen den man kennt, es graut der morgen, wenn das neonlicht brennt.“ Oder in dem Song Lichter: „kottbussertor ist endstation berlin, methadon und schwester heroin, jeder rennt weil irgendetwas fehlt, in der stadt die von kaputten träumen lebt.“ Erschienen ist das Album auf dem Indie-Label Sounds Of Subterrania, Gregor Samsa ist der Kopf hinter dahinter. Und der steht mit seiner DIY-Plattenfirma für ein breites Spektrum an musikalischen Richtungen  und ist für die bemerkenswerten Editionen seiner Releases bekannt. Er sagt dazu: “Diese Reihe soll dazu dienen, kleine Labels in den Fokus zu rücken und Euch ermutigen, vielleicht die eine oder andere Platte dort direkt zu kaufen. Auch wir Labels sind massiv von der Krise betroffen. Also bitte nicht nur liken, sondern auch die Zeit nutzen, sich mit der Musik zu beschäftigen, Unbekanntes zu entdecken und vielleicht die eine oder andere Platte zu kaufen.“ 

Das Foto auf dem Album stammt übrigens von Dieter Kaspari, der in den frühen Siebzigern Mitglied der Gruppe „Truss“ war, und der seine familiären Wurzeln wie Tom Schwoll in der Kaiserstadt Aachen hatte. Die Band lebte auf dem Land, bekam Plattenvertragsangebote, betrat aber konsequenterweise nie ein Studio. Daher gibt es keine Aufnahmen aus dieser Zeit. Wenn man die entspannten Schafe auf dem Coverfoto betrachtet und auch heute in die Gesichter um sich herum guckt, kann man sich vorstellen, warum. Mit einer Spiegelreflexkamera bewaffnet, versuchte Dieter Kaspari fortan als professioneller Fotograf ungestellte Fragen nach gelebtem Leben zu beantworten. Beim Betrachten des Covers muss ich unverzüglich an Friedrich Nietzsche denken: Geschichte ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Dazu wird die Nadel noch mal in die erste Rille gesetzt und der Soundtrack von Fleur de Malheur gleich noch einmal gehört.

Frank Nowatzki

… der der Verleger von Pulp Master ist…

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