Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Hans Hütt: Mit Ross Thomas auf »Stimmenfang«

Abschluss der Ross Thomas Edition mit »The Seersucker Whipsaw«

Von Hans Hütt

Der Originaltitel des Krimis ist vertrackt. The Seersucker Whipsaw hieß er im Original. Seersucker ist ein Mischgewebe aus Baumwolle und Seide, pflegeleicht, waschbar, der Stoff eines verknitterten Tropenanzugs. Der Whipsaw gilt in der Börsensprache als Schrotsäge, mit der eine komplizierte Kursmanipulation beschrieben wird: jäh aufwärts und jäh wieder abwärts. Wer sie beherrscht, kann mit den Verlusten anderer riesige Gewinne einstreichen – oder genauso heftig verlieren. Die Story über einen Wahlkampf in einem westafrikanischen Land dürfte der zeitweiligen Berufstätigkeit von Ross Thomas als Politik- und Wahlkampfberater am nächsten gekommen sein. Die amerikanische Originalausgabe ist hoch begehrt, ihr Preis liegt derzeit bei über 500 $.

Der Roman schildert einen Wahlkampf in einer britischen Kolonie, die von dem Vereinigten Königreich in die sogenannte Unabhängigkeit entlassen wird. Wir haben es bei der Story mit einem ausgekocht zynischen Plot zu tun, der die schmutzigsten Tricks westlicher Wahlkämpfer für teures Geld an die designierten künftigen Machthaber verkauft. Die Story nimmt die aktuellen politischen Debatten zum Thema „Postkolonialismus“ mit einigen Jahrzehnten Vorsprung vorweg. Die westlichen Handlanger der designierten neuen Machthaber betrachten ihre Kunden mit einem abgebrühten Zynismus und scheinen ihre Auftraggeber nicht so richtig ernst zu nehmen. Das gilt genauso aber auch umgekehrt. Feinstes absurdes Theater ist damit garantiert. Fast könnte man zu dem Eindruck kommen, dass Ross Thomas die Zürcher Ethnopsychoanalytiker Fritz Morgenthaler, Goldy Parin-Matthèy und Paul Parin studiert hat: Fürchte deinen Nächsten (bitte) wie dich selbst!

Wie in jedem halbwegs ernst zu nehmenden Wahlkampf geht es natürlich um die Frage aller Fragen: Was tun? Das hatte schon Lenin als Buchtitel benutzt. Und hier geht es wie bei jeder ordentlichen Intrigen-Kampagne darum, wie man der Konkurrenz zuvorkommt oder sie hinter die Fichte führt. Anständig unanständig. Buschtrommeln scheinen gegenüber am Himmel auftauchenden Werbeträgern den Vorteil zu haben, dass mit ihnen eine höhere Reichweite im ländlichen Raum garantiert ist. Wer zudem darin geübt ist, schlitzohrige Gerüchte in Verkehr zu bringen, kann kaum mehr geschlagen werden und trägt so dazu bei, dass die Wahlkampfbudgets der Wettbewerber unter der heißen afrikanischen Sonne schneller verbrannt sein könnten, als es geplant war.

In einem Interview mit Thomas Wörtche sagte Ross Thomas, das Buch basiere größtenteils darauf, was er in Afrika getrieben habe. Natürlich sei das alles übertrieben. Wenn der Autor das sagt, darf die ihm ergebene Leserschaft das getrost als Understatement verstehen. Die Thomas-Aficionados sind sich nicht ganz einig, ob es sich bei dem Roman um seinen zweiten oder dritten handelt, im Vereinigten Königreich war es jedenfalls der zweite, und das alte Empire wird ordentlich lächerlich gemacht. Hier bei uns ist es der jüngste neu übersetzte, und wieder darf sich das Publikum bei Gisbert Haefs herzlich für den feinen schnodderigen Ton bedanken, der den Stil von Ross Thomas kennzeichnet. Hinter der Fassade des rauen Kerls gibt es ein gut cachiertes vulkanisches Gefühlsleben, das in der feinen Übersetzung von Haefs wohl temperiert zum Ausdruck gelangt.

Der britische PR-Mann Peter Upshaw ist der Erzähler, er spürt im Auftrag seiner Londoner Agentur den abgebrühten Clinton Shartelle auf, der den Wahlkampf seines afrikanischen Kunden leiten soll.

Wer sich in der Afrika-Literatur der letzten 150 Jahre einigermaßen auskennt, könnte sich an Joseph Conrad oder auch an Louis-Ferdinand Céline erinnert fühlen, zwei Autoren, die in ihren Romanen „Heart of Darkness“ und „Voyage au bout de la nuit“ die Ambivalenzen der europäisch-afrikanischen Begegnung (um es mal chlorophormiert herunter zu dimmen) zum Fürchten wunderbar beschrieben haben. Um nicht zu viel zu verraten: Es geht um den Wahlkampf in der britischen Kolonie Albertia (dass sie ihren Namen dem ersten Vornamen des Vaters von Queen Elizabeth II. verdankt, ist auch so ein kleines boshaftes Detail.) In dem Wahlkampf treten drei Kandidaten gegeneinander an, einer wird von der CIA gefördert, einer von einer der weltweit größten Agenturgruppe und unser Kandidat, der scheinbar der Außenseiter ist, wird von dieser verrückten Londoner Agentur beraten, die mit bescheidenem Budget große Wirkung entfaltet.

Wie so oft, wenn es um das Verschränken von Plot und Wirklichkeit geht, setzt sich unser Held erst einmal hin und schreibt eine Reportage über den Wahlkampf seines Kandidaten, bei der wir für die Zwecke der Kritik offenlassen, wie sich darin Fakten und Fiktion ununterscheidbar vermengen. Storytelling, easy as fuck, also richtig kompliziert. Sie fahren zweigleisig, mit einer gut fabrizierten Kampagne und mit ausgekochter Sabotage, die dazu beiträgt, die riesigen Budget ihrer Wettbewerber im Nu zu verbrennen.

Mehr sei hier nicht verraten. Das Vergnügen erlaubt es nicht. Es gehört zu den Missverständnissen in der frühen Rezeption des Krimis, dass der Ton die üblichen westlichen Stereotype gegenüber den afrikanischen Kunden reproduziere. Wer das glaubt, ist Thomas in die Falle gegangen. Der Roman wimmelt nur so von Fallen – zum besten Gefallen seiner Leserschaft.

Hans Hütt

Ross Thomas: Stimmenfang. Ein afrikanischer Wahlkampf (The Seersucker Whipsaw, 1967). Deutsch von Gisbert Haefs. Alexander Verlag, Berlin 2025. 411 Seiten, 18 Euro. – Verlagsinformationen zur Ross Thomas Edition hier. (Insgesamt 25 Bände.)

Dieser Text ist zuerst im FREITAG KRIMI SPEZIAL 04/2025 erschienen. Wir danke für die Erlaubnis zur Übernahme.

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