
La Grande Illusion.
Oder: When I Paint My Masterpiece
IN DER FERNE SAH ICH DAS DUNKLE, KLEINE FELSMASSIV UND RINGSUM EINEN BLENDENDEN HOF AUS LICHT UND MEERESSTAUB. ICH DACHTE AN DIE KÜHLE QUELLE HINTER DEM FELSEN. ICH SEHNTE MICH NACH DEM GEMURMEL IHRES WASSERS, WOLLTE DER SONNE ENTFLIEHEN, ALLER ANSTRENGUNG UND ALLEN FRAUENTRÄNEN, WOLLTE DEN SCHATTEN WIEDER GENIEßEN UND SEINE RUHE. ABER ALS ICH NÄHER KAM, SAH ICH, DASS RAYMONDS GEGNER ZURÜCKGEKOMMEN WAR.
1
Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male. Die Straßen von Rom sind voll mit Scheiße. Que devrais tu faire? Monde de merde! Was soll ich auch tun? Nach all dem, was geschehen ist?
Cela me dépasse. Ich will es nicht sagen, aber denken werde ich es wohl dürfen … der Mörder ist ehrlich …
je n’en dirai pas plus … ehrlich wie ein Tier.
Das dunkle Zimmer ist ein Verschlag. Durch zwei Fenster fällt schwaches Mondlicht. Verzerrte Kreuze auf der Wand. Schemenhaft und bizarr, wie aus einer entfernten Welt.
Zuerst sah ich nur die Explosion, diese fulminante Explosion.
Es war wie in einem Film ohne Ton.
Einem Film ohne Ton. Herrliche Bilder, gewaltige Bilder, Feuerblitze. Prächtig und gewalttätig. Doch der Filmvorführer hat den Ton abgestellt. Als wollte er dem Zuschauer etwas klarmachen … je ne m’en souviens plus … Ja wenn ich das wüsste.
Dass alles nur Illusion ist? … je ne m’en souviens plus …
„Der schwarze Hund …? Der schwarze Hund …!“ Sie schrie es beinah. Er stand da, ruhig, und sah zu uns herüber, wie wir durch die auslaufenden Wellen uns Ufer drängten. „Er ist das Leben … der schwarze Hund ist die Wahrheit … er ist das Leben … das Leben und der Tod“, sagte ich zu ihr. Meine Worte beruhigten sie nicht. Ich nahm sie in den Arm, zog ihren warmen Körper an mich. „Ich bin der schwarze Hund.“ Sie erstarrte. Ich lachte wild. „Hast du das nicht gewusst? Bemerkst du es nicht?“ „Ich friere“, sagte sie. „Ich habe Angst. Verscheuche das Tier … bitte!“ Ich blickte zum Ufer. „Er ist weg“, sagte ich, lass uns nach Algier fahren … wenn er überhaupt je da war, dachte ich. Wir sehen Dinge, Gestalten … der schwarze Hund … ist es Fantasie …? Diese bösen Träume … diese Angst … diese ewige Angst … mir war, als dämmerte der Abend … eine Ewigkeit musste vergangen sein.
Das Kabel verwickelt sich. Bin ich Laokoon? Es ist widerspenstig wie eine aufgescheuchte Schlange. Hört ja doch keiner zu, ist eh nur für mich und den Schwarzen bestimmt. Und der Schwarze schläft. Ich greife nach dem Mikrophon.
Wir spielen wie kleine Kinder mit bunten Murmeln. Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male.
2
Der Regen wird schwer und verwandelt sich in Schneeflocken. Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male.
Haben wir eine Wahl?
Schwere, nasse Schneeflocken. Weiß. Eine Metamorphose. Und wenn es kalt wird und der Frost aufsteigt? Wenn es gefriert? Eis.
Eine Metamorphose. Ewiges Eis. Nein, wir haben keine Wahl. Schwere Tropfen klatschen gegen die Scheiben. Das Trommeln wird kein Ende nehmen … plong … plong … plong … Die Trommeln. Bis es wieder schneit. Schnee ohne Ende. Überall Schnee.
Und Eis. Eis. Ewiges Eis.
Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte. Nur einen einzigen Wunsch … allein den Wunsch zu denken … Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male.
Es gibt kein zurück. Ich habe meine Seele verkauft, vor Jahren schon. Schwarzer, es gibt kein zurück.
Der Hund zuckt im Schlaf. Ich öffne das Fenster, atme tief ein.
… eine Metamorphose…Die verbrauchte Luft fällt zu Boden und befeuchtet das Holz. Eine Metamorphose.
Es wird Nacht. Und der Blick so weit, endlos, so tief.
Ich sehe die Karawane vorüberziehen. Meine Sinti Brüder und Schwestern, meine Manouches … les manouches volent sur le ciel … les manouches …
Bleib liegen, das Leben ist schwer.
Bleib liegen, Schwarzer. Habe nur ein wenig zum Fenster
rausgeträumt.
Ich denke an die schöne Zeit mit dem Hund. Das Jagen in den Bergen des Schwarzwalds … Foresta Nera … Der schwarze Wald … so schwarz … so schwarz … so schwarz.
Das Abendlicht erlischt. Ich weiß es. Von draußen dringen Geräusche in die Kammer. Ich weiß es. Ich weiß, dass die letzten Sonnenstrahlen hinter den violetten Hügeln der Vogesen abtauchen. Ich sehe es. Wir spielen wie kleine Kinder mit bunten Murmeln.
Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male.
3
Morgen wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male. Man muss Geheimnisse haben. Das Leben verlangt danach.
Ich bin nicht der, der ich bin. Das ist nur schwer zu glauben.
Und es ist so. Es ist so. Ja, wir haben uns unsichtbar gemacht. Alles versinkt im Nebel. Alles bleibt im Dunkeln. Und der Schwarzwald ist so schwarz, so einsam, so finster, so schwarz. Der Hund schläft und strampelt im Traum. Auch ein Hund hat seine Geheimnisse. Vielleicht jagt er in der Wüste? Einer Wüste aus Sand. Einer Wüste aus Schnee? Einer Wüste aus Eis? Wer weiß das schon? Wer weiß das schon.
Der Schwarze hat vieles gesehen.
Der Schwarze kommt weit herum. Aber wer weiß das schon.
… someday, everything is going to be smooth like a rhapsody – when I paint my masterpiece …
Bei dem Schwarzen ist alles anders. Eigentlich ist er kein Lebewesen. Ich schließe die Augen, ich denke nach. Wir sind ein Fleisch, ein Gedanke. Was haben wir für eine Gestalt? Nicht auszudenken. Als hätten wir nie in dieser Welt gelebt … alors nous sommes des mort-vivants … zwei in die Jahre gekommene Zombies.
4
Das Härteste ist die Einsamkeit. Und die Zigaretten verglimmen zwischen den Fingern. Der Schwarze schläft. Sein Schlaf ist gerecht. Er hat ihn verdient. Ich schließe die Augen. Es ist dunkel geworden. Wieder eine neue Nacht. Eine neue Nacht.
Eine neue Nacht voller böser Gedanken. Und ein unruhiger Schlaf. Und die Zigaretten verglimmen zwischen den Fingern.
Eines Tages wird alles anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male.
Ich gehe ans Fenster und schiebe die Jalousie auseinander.
Ich schaue hinaus. Ich warte, dass meine Manouches vorbeiziehen. Meine Karawane. Meine Sinti Brüder und Schwestern.
Meine Brüder und Schwestern sagen, wir kommen vom Fluss Sindhu. Aber das stimmt nicht. Wir kommen von überall her.
Wir sind seit jeher. Wir sind die Menschheit. Schiene jetzt der Mond, sähe ich aus wie ein Zebra.
Jalousien können etwas Geheimnisvolles haben.
Sie verbergen etwas.
Und sie lassen versteckte Blicke zu.
Ein zwiespältiges Spiel. Alles wird anders sein. Wenn ich mein Meisterwerk male
… ultramarin das Meer … das verträumte Spiel der Sonnenstrahlen auf den nackten Körpern … der getrocknete Salzstaub auf der gebräunten Haut … wie ein versunkener Morgennebel … es war meine glücklichste Zeit … eine Ewigkeit … zwei oder drei Tage … vielleicht … vielleicht auch weniger … Stunden vielleicht … wir liefen am Strand entlang … wir suchten nach Muscheln … manchmal richteten wir uns auf und standen still … draußen auf dem Meer fuhren Schiffe vorbei … sie machten uns traurig … wir liefen los … zurück zum Wagen … plötzlich schrie sie auf … sie war eingeknickt und in den Sand gefallen … ich verstand erst nicht … als ich bei ihr war, sagte sie: „Zu spät, du hast mich im Stich gelassen.“
„Illusion … alles Illusion … verraten, verraten …“ Mir schwindelt. Ich suche Halt. „Das war vor deiner Zeit, Schwarzer!“ Ich halte die Hand schützend an die Stirn. Ich bedecke die Augen. Ich schleudere den Spazierstock in die Höh‘, mach einen Satz und wälze mich im Schnee. Der Schnee brennt auf der nackten Haut.
Ich richte meinen Blick auf die nahen Berge.
Der reine Morgen, der blendende Tag, sie weichen dem zwielichtigen Abend. Dann tritt die Nacht auf den Plan.
Ich greife nach dem Spazierstock mit dem silbernen Ring.
Ich suche ihn im Schnee.
Die Sonne … die Sonne … die Sonne …
Die Sonne … cherche le soleil … le soleil … Ich halte die Hand
schützend an die Stirn. Ich bedecke die Augen.
Und wälze mich im Schnee.
„Lass doch einen Regenbogen erscheinen. Keinen bleichen, einen in allen Farben … dann wird ein Wunder geschehn.“
Eines Tages wird alles sanft sein wie eine Rhapsodie.
Wenn ich mein Meisterwerk beginne.
Habe ich mir etwa widersprochen?
„Was?“ Ich verstehe nicht.
„Ich höre nichts.“ Und die Zigaretten verglimmen zwischen den Fingern.
„Ja, morgen wieder!“
(Geschrieben für Doris, auf Falkenberg, in der Nacht 30. Sep./1. Okt. 2026. Mit Dank an Bob Dylan * 24. Mai 1941. Und Albert Camus *7. November in Mondovi, Französisch-Algerien; † 4. Januar 1960 nahe Villeblevin, Frankreich.)

Im Atelier, September 2026 
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Die Texte von Friedemann Hahn bei uns hier. Gerade erschienen ist der Roman „Melancholia – Im Schatten des Affen“. Keine Besprechung, dafür kam das Werk zu spät auf den Tisch. Aber die Ankündigung einer solchen (dann in der nächsten Ausgabe). Friedemann Hahn, der Noir-Maler schreibt einen Noir, einen tief im Existentialismus verhafteten Thriller. Alles ist offen … rien ne va plus. Der Tatort: Deutschland im Nebel. Mörderland. Das Dreiländereck im Südwesten. Elsass, Nordwestschweiz, Südbaden. Die Geschichte spielt im Oberrheintal und im Schwarzwald, aber auch das Elsass kommt ins Spiel, Straßburg und Rhinau, auf deutscher Seite Baden-Baden und Kehl. Die Hauptfigur ist Oskar LaBeouf, Der Affe, Ex-Fremdenlegionär, Berufsverbrecher. In gewisser Weise ist Melancholia. Im Schatten des Affen eine fortgeschriebene Geschichte der Romane „Foresta Nera“ und „Matadero“ (zur Zeit arbeitet er an „Sang et Merde – Letztes Requiem für Colmar“). Der Noir-Maler entwirft eine Cut-Up-Welt, die William Seward Burroughs, Jürgen Ploog (Cola-Hinterland), Frank Göhre (Kieztrilogie), Andrew Vachss (Eisgott), Michael Herr (Dispatches – An die Hölle verraten) und all den anderen verpflichtet ist, die Hahn seit seiner Zeit als Underground-Poet (Fick in Gotham City, Anarcho – Er kannte kein Gesetz), begleitet, liebt und verehrt. Und über allem schwebt der Comik-Forscher Heisenberg, mit dessen Tochter Vreni der zukünftige Noir-Maler und Melancholia-Poet ein paar Jahre im Schwarzwald die Schulbank drückte, natürlich ritt er – nach eigenen Angaben – auf Heisenbergs Shetlandpony durch den Englischen Garten, gefilmt von Henning von Gierke, dem Herzog- und Wagner-Adepten; das war 1967.
Friedemann Hahn: Melancholia – Im Schatten des Affen. Roman. KILLROY media, Ludwigsburg 2026. 304 Seiten, 19,90 Euro.











