Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Doris Kerstan: Heinrich Steinfest »Sprung ins Leere«

Alte und steinalte Meister



„Aber was alles in der Welt besaß nicht genau diese Eigenart, wie nie
geschehen zu sein? Oder so, als sei das Geschehene bloß eine Erfindung
aus einem Roman oder Film. Oder stamme aus dem Kopf eines Träumenden.“
(„Sprung ins Leere“, Seite 374)

Nachdem in München zufällig der künstlerische Nachlass ihrer im September 1957 von heute auf morgen spurlos verschwundenen Großmutter entdeckt worden ist, ändert sich das Leben der einunddreißigjährigen kunstsinnigen Museumswärterin Klara Ingold schlagartig. Sie fühlt sich von der ungekannten Großmutter, die inzwischen 94 Jahre alt ist, sofern sie noch lebt, geradezu magisch angezogen und stellt kurzerhand auf eigene Faust umfangreiche Nachforschungen an. Der Auftakt zu einer grandiosen Schnitzeljagd!
Eine ganz besondere Fotomontage, die diese Frau, Helga Blume, von einem Balkon springend zeigt, ist für Klara der Anstoß, ebendiesen Balkon zu suchen. Infolge einer Verkettung glücklicher Zufälle findet Klara besagten Balkon in Wuppertal, und nicht nur das, sondern auch Emma Salewski, die Tochter der vor Jahrzehnten zugleich mit Klaras Großmutter von der Bildfläche verschwundenen Lilo Wagner.
Von ihr erhält Klara eine rotsamtene Schatulle, die von Emmas Mutter stammt und aus der sichtlich ein Objekt fehlt, sowie ein Foto, das die beiden Vermissten nach ihrem Verschwinden im japanischen Ort Magome zeigt, wie ein befreundeter Wissenschafter herausfindet. Somit steht Klaras nächstes Ziel bereits fest, und schon wieder muss Urlaub beantragt werden; ein Dienstnehmer im Hamsterlaufrad ist schließlich nicht Herr seiner Zeit.

Auch der verarmte ehemalige Konditoreikettenmitbesitzer Georg Salzer, ein Mann um die 60, gewesener Beinaheschriftsteller, der in jeder Mittagspause wie gebannt vor van Ruisdaels „Großem Wald“ im Wiener Kunsthistorischen Museum, wo Klara Ingold arbeitet, steht, wird von ebenso turbulenten wie schicksalhaften Ereignissen vorübergehend aus seiner trägen Routine und unaufhaltsam in den Strudel dieser spannenden Geschichte, die im Jahr 2025 spielt, gerissen.
Ein erstes Mal rettet Georg Klara mit einer fast akrobatischen Einlage das Leben, woraufhin die beiden beschließen, gemeinsam nach Tokyo zu fliegen. Sie lernen eine höfliche, alte Dame mit schwarzer Nobelmarkenhandtasche kennen, allerdings treten die wahren Absichten dieser neugierigen und erstaunlich agilen Person erst viel später zutage. Aber wie!
Überhaupt bricht Heinrich Steinfest eine Lanze für ältere Semester, die auch noch in hohem Alter bemerkenswerte Fähigkeiten und Interessen besitzen und keineswegs zum alten Eisen zählen, sondern die Nachfolgegenerationen locker in den Schatten stellen.

Kaum angekommen, entdeckt Klara in einem Museum das 1965 entstandene (prophetische!) Gemälde „Die blinde Köchin“ und ist überzeugt, darauf ihre Großmutter zu erkennen, woraus sich die nächste logische Station ergibt: ein Besuch bei dem betagten Maler Hashimoto Soseki. Doch zuvor wird Klara vom berühmten Regisseur Takashi Ito in einem Café entdeckt und als Schauspielerin für einen Film mit Ewan McGregor engagiert. Bezaubernd, wie im Märchen!
Die Dolmetscherin des Regisseurs, sie nennt sich auf Nachfrage Svea Castelbajac, wird für Klara und Georg bald zur unverzichtbaren Organisatorin und Begleiterin. Takashi Itos Kontakte und Vermögen sind für die weitere Suche nach Helga Blume von allergrößtem Nutzen. Zumal der Regisseur zähneknirschend zur Kenntnis nehmen muss, dass Klara Ingold nicht sofort für sein aktuelles Filmprojekt zur Verfügung steht, weshalb er die beiden Wiener nach Kräften unterstützt, um die Sache zu einem – vermeintlich! – schnellen Ende zu bringen. Wobei es bald unumgänglich wird, Klara den patenten Leibwächter Osada zur Seite zu stellen.

Klaras Großmutter ist in Japan als Künstlerin, Muse, Modell und Handwerkerin, als Frau der guten Taten quasi, in Erscheinung getreten und hat nicht wenige bedeutende Japaner fasziniert, eben ein weiblicher Tausendsassa. Allerdings stehen einige Riesenüberraschungen erst noch bevor. Und in der Tat erzählt der Maler Hashimoto Soseki dem kleinen Suchtrupp von Helga und Lilo und seiner Vermutung, wo die beiden sein könnten, wenn sie nicht gestorben sind, und überreicht Klara eine kleine goldene Kapsel, die umgehend weniger friedliebende Interessenten auf den Plan ruft. Der Kalte Krieg ist nämlich keineswegs verstaubte Geschichte, sondern unmittelbare Gegenwart.
Welche Bewandtnis es mit der wundersamen Kapsel hat, wird natürlich erst gegen Ende des Romans von einem finnischstämmigen hochbetagten Wissenschafter mit extrem abwechslungsreichem Lebenslauf und unermesslichem Vermögen enthüllt. Jedenfalls geht es um eine Waffe und wegweisende Bilder aus Vergangenheit und Zukunft, wobei trickreiche Agenten und offene alte Rechnungen die Mischung aus Information, Spannung, Tempo und Unterhaltung bereichern, nicht zu vergessen ein Unheilvolles verheißender Orakelspruch …

Rasante Schauplatzwechsel und Verfolgungsjagden fehlen ebensowenig wie interessante Impressionen von österreichischen, deutschen und japanischen Orten, hübsche Alltagsszenen und tragische wie komische Wendungen. Auch ein trinkfreudiger japanischer Schriftsteller mit unvollendetem opus magnum und typisch japanische Spezialitäten wie Sumo-Ringen sowie eine geheime, edle Messertradition sind Teil der Geschichte, außerdem prägen wunderbar geschilderte Träume manche Szenerien, hinzu gesellen sich Kunst in vielfältigen Spielarten, Magie und Technik – all das hat im großen Ganzen seine Bedeutung und volle Berechtigung. Jede Episode ist ein wichtiger Teil einer schicksalhaften Kette von Ereignissen, die schlussendlich auf den Semmering führt, wo sich sozusagen Augen, Ohren und Geldbörsen öffnen müssen.

Wie immer hat Heinrich Steinfest seinen Romanfiguren mit viel Liebe zum Detail Leben eingehaucht, ihnen außergewöhnliche Biografien und Eigenschaften, die nach und nach zutage treten und ergründet werden, auf die Leiber geschneidert.

Übrigens wird häufig mit Genuss und absoluter Überzeugung geraucht, man erfährt allerlei über bedeutende Kunstwerke, und selbstverständlich beinhaltet der Roman treffende Kommentare und kluge Anmerkungen des Autors zum Zeitgeschehen und zum Menschsein an sich. Zwei Beispiele dazu:

„Wieso auch sollte ein Wesen, das sich unfähig zeigte, aus der Vergangenheit zu lernen,
fähig sein, etwas aus der Zukunft zu lernen?“ (S. 457)
„Man darf hier vielleicht anfügen, dass hinreichend fortschrittliche Kunst
weder von Magie noch von Technologie zu unterscheiden ist.“ (S. 464)

„Sprung ins Leere“ ist also Genusslektüre mit wunderbarem Unterhaltungswert!

Heinrich Steinfest: Sprung ins Leere. Piper Verlag, München 2024. 493 Seiten, 24 Euro.

Doris Kerstan, die wir herzlich bei uns begrüßen, macht in Wien zusammen mit Thomas Strobel die Literaturseite Sand am Meer (www.sandammeer.at). Ein Besuch lohnt sich.

Anm.: Frank Rumpel bei uns über den Vorgängerroman „Gemälde eines Mordes„. Bereits 2008 unterhielt er sich mit Heinrich Steinfest über Die irreale Statik des Lebens.

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