Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Constanze Matthes: Zadie Smith „Betrug“

Es geht eigentlich immer auch um die Gegenwart

Nichts ist, wie es scheint. Im neuen Roman „Betrug“ von Zadie Smith geht es genau darum – um das bekannte „mehr Schein als Sein“. Dabei ist in dem ersten historischen Roman der mehrfach preisgekrönten britischen Schriftstellerin die Gegenwart stets allgegenwärtig. 

Smith führt uns ins 19. Jahrhundert, zu einem realen Ereignis. Ein Skandal erschüttert das viktorianische England und sorgt für Schlagzeilen. Die Presse freut’s: Der sogenannte Tichborne-Prozess verdoppelt die Verkaufszahlen der Zeitungen. Das Land ist förmlich zerrissen, die Stimmung aufgeheizt: Die einen glauben, dass der Angeklagte nicht der einst verschwundene Robert Tichborne, sondern ein verwegener Schwindler namens Arthur Orton ist, die anderen hingegen erkennen in ihn eben jenen Spross der betuchten Adelsfamilie. Arm steht gegen Reich. Mittendrin und Zeugin des Prozesses: Eliza Touchet, Witwe, angeheiratete Cousine des Schriftstellers William Ainsworth sowie dessen langjährige Haushälterin. Eine vom Schicksal gebeutelte Figur, die aus einem Charles-Dickens-Roman entsprungen sein scheint, der in Smiths Roman ebenfalls seinen großen Auftritt hat.

Einst Freunde, die sich früher zu geselligen Runden einfanden, denen auch der nicht minder bekannte William Makepeace Thackeray angehörte, haben sich die beiden Schriftsteller mittlerweile auseinandergelebt. Der eine wurde mit seinen oft zuerst als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen erschienenen Romanen weltberühmt, der andere müht sich an seinen historischen „Schinken“ ab, die nur noch wenige Leser überzeugen und begeistern können. Die Schreibkrise hat Folgen. Die Einnahmen schwinden. Mit William, seinen Töchtern und seiner späteren zweiten Frau zieht Eliza von einem Haus ins nächste, eben in das, was die Familie sich noch leisten kann.

Ihren Vorschlag, aus dem Tichborne-Fall doch ein Buch zu machen, schlägt er aus. Die belesene, kluge und kritische Eliza, die sich um den Haushalt kümmert, die Gäste der Familie versorgt, Williams Romane lektoriert und einst mit dessen erster Frau ein geheimes Verhältnis hatte, ist fasziniert von dem Prozess und besucht mit Williams junger Frau Sarah nahezu jede Verhandlung. Vor allem eine Person weckt ihr Interesse: Andrew Bogle, ein aus Jamaika stammender Diener der Tichbornes, der vor Gericht als Zeuge aussagt, um die Identität des plötzlich aufgetauchten Mannes zu klären.

Mit Bogles Geschichte, die Eliza bei einem Gespräch in einem Gasthaus erfährt, geht es über den großen Teich schließlich nach Jamaika. Auf einer Zuckerrohrplantage schuften Sklaven, darunter Bogles Eltern. Der lakonische Ton schlägt zunehmend um in eine dunkle und desillusionierte Stimmung, wenn Smith über Gewalt, Krankheit und Tod, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, rund um über eine grausame Welt schreibt. Bogles Vater, aus einer angesehenen Familie stammend, war einst von Afrika nach Jamaika verschleppt worden. Bogle schließlich wird als Diener Jamaika verlassen, ohne indes seine Herkunft wirklich jemals ablegen zu können. Sein Leben ist ebenfalls von Schicksalsschlägen gezeichnet. Beide führen ein Dasein im Schatten: sie als Frau, er als Schwarzer.

Gesellschaftliche Themen und Fragen von Identität und Herkunft sind schon immer das Metier der britischen Schriftstellerin, die zuletzt mit dem Welt-Literaturpreis (2016) und den Österreichischen Staatspreis für Literatur (2018) geehrt wurde und neben ihren Romanen bisher auch Erzählungen, Bühnenstücke und Essays verfasst hat. Ihr im Jahr 2000 erschienenes Debüt „Zähne zeigen“ erzählt die Geschichten dreier Familien unterschiedlicher Herkunft, die im Londoner Stadtteil Willesden leben. In ihrem 2012 veröffentlichten Roman „London NW“ geht es um vier Londoner, die seit der gemeinsamen Kindheit in der Sozialbausiedlung Caldwell verschiedene Lebenswege gegangen sind. Und selbst, wenn Smith nun die Zeit zurückdreht und vom 19. Jahrhundert erzählt, geht es eigentlich immer auch um die Gegenwart.

Selbst die symbolträchtige Prophezeiung der Sklavin Little Johanna einer auf einer Tretmühle ruhenden Welt ist wohl noch immer aktuell: Sie kündet von Ungerechtigkeit und Leid, aber auch von einem Aufstand, der das Obere nach unten kehrt. Auf der Zuckerrohrplantage kommt es wenig später zur Revolte, die allerdings an den grundlegenden Verhältnissen und der Kluft zwischen Arm und Reich nichts ändern wird, und an der die Welt bis heute krankt. Sind nicht immer noch die Hochstapler und Betrüger obenauf und unter uns? Plagiate, Steuerbetrug, Korruption, Betrug. Die wenigsten fallen wirklich. 

„Betrug“ ist ein Roman, der ob seines nüchternen Humors schmunzeln lässt, aber es vor allem vermag, nachdenklich zu stimmen. Smith vermittelt die großen Themen auf recht eingängige Art und Weise. Man „schnurrt“ nur so durch dieses unterhaltsame wie gesellschaftskritische Buch. Die Kapitel sind kurz, die verschachtelte Handlung springt zwischen den Zeiten. Rund vier Jahrzehnte und das Leben mehrerer Figuren – vor allem die großartige Eliza, mit der man heute gern plaudern und einen Tee trinken würde – müssen schließlich Raum finden und miteinander verbunden werden. Smith gelingt dies meisterhaft, so dass man sich wünschen würde, es bräuchte mehr historische Romane wie ihren, der mehr über unsere Zeit erzählt als ein mittelprächtiger Gegenwartsroman.

Zadie Smith: Betrug (The Fraud, 2023). Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 528 Seiten, 26 Euro.

Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.

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