Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Constanze Matthes über »Der falsche Vermeer«

Sehr gelungener Spagat

Für 24,26 Millionen Euro wechselte 2004 das Gemälde „Junge Frau am Virginal“ nach einer Versteigerung des Londoner Auktionshauses Sotheby’s den Besitzer. Es war eine Sensation – nicht nur des Geldes wegen, den ein Telefonanbieter mal so eben aus dem Hut zauberte. Spekuliert wurde damals, ob das auf etwa 1670 datierte Werk des niederländischen Malers Johannes Vermeer (1632-1675) überhaupt echt ist. Nur wenige Gemälde existieren von ihm, die meisten sind bekannt. Und: In der Vergangenheit sorgte ein Landsmann des Alten Meisters für Entsetzen in der Szene.

Han van Meegeren (1889 -1947) gilt als einer der besten Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Werken zählen auch einige „Vermeers“, so etwa „Christus und die Jünger in Emmaus“ oder „Christus und die Ehebrecherin“. Sein Leben und Schaffen, vor allem die Jahre der deutschen Besatzung und die Nachkriegszeit nahm der niederländische Journalist, Moderator und Autor Patrick van Odijk nun als Vorlage für seinen ersten Roman. Aus Han van Meegeren wird Jan van Aelst, der im Mai 1945 festgenommen und ins Gefängnis gebracht wird. Er soll mit den Nazis zusammengearbeitet und ein bedeutendes Vermeer-Gemälde an keinen Geringeren als an Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, verkauft haben.

Die ambitionierte Reporterin Margriet „Meg“ van Hettema bekommt Wind von der Sache, die sich mit der Zeit zu einem riesigen Skandal entwickelt, der ihrer Zeitung reichlich Aufmerksamkeit und hohe Verkaufszahlen beschert. Die Leute reißen sich förmlich das Blatt aus den Händen. Die verschiedenen Zeitungen werden zu erbitterten Konkurrenten im Wettlauf um die beste Story, die nicht früh genug gedruckt werden kann, sei sie noch so abstrus. Doch der Fall, in dem auch ein berüchtigter deutscher Kunsthändler involviert ist, erweist sich indes komplexer, als Meg zu Beginn erahnen kann.

Van Aelsts Leben wird in gewissen Abständen und mit jeder neuen Schlagzeile aus den Angeln gehoben. Mal gilt er als Verräter, mal als Held der Nation, mal wird er als sogenannter Bambi-Maler schlichtweg belächelt. Dabei wollte er schon seit dem Beginn seiner Karriere als richtiger Künstler wahrgenommen und geschätzt werden. Im Verlauf ihrer aufwendigen Recherche begegnet Meg, die selbst um ihren Ruf als Journalistin bangen muss und Zielscheibe einer Intrige wird, van Aelsts einstigen Freund Piet, seiner Ex-Frau Josephine, einer Schauspielerin, sowie dem Kunstexperten van den Berg.

Van Odijks Roman, der dank Erinnerungsberichten sowie Rückblicken mittels zitierter Zeitungsbeiträge und Tagebuch-Einträge zwischen den Zeitebenen wechselt, erzählt auf turbulente Weise eine spannende Geschichte, die nicht nur geschickt Fakten mit Fiktion verbindet. Der niederländische Autor gibt darüber hinaus in seinem vielschichtigen sowie lehrreichen Debüt sehr viel Wissen an den Leser weiter. Van Odijk beschreibt nicht mehr und nicht weniger den Zustand seines Landes nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg und der rund fünf Jahre andauernden Besatzung, in der die einen in den Widerstand gegangen waren, die anderen sich den Nazis angedient beziehungsweise sich mit der Lage einfach abgefunden und arrangiert haben. Teile des Landes lagen unter Wasser, da die Besatzer Dämme und Deiche zerstört hatten. In der Figur des jüdischen Kapitein Rosendahl, der van Aelst verhaftet hat und Megs Recherche begleitet, spiegelt sich die Traumata des Holocaust wider. Rund 100.000 und fast 75 Prozent der in den Niederlanden lebenden Jüdinnen und Juden sind zwischen 1940 und 1945 deportiert und ermordet worden. Nun nach Kriegsende will man die Kollaborateure zur Rechenschaft ziehen.

Kunstfreunde werden die Ausführungen zu Vermeer und wie der alkohol- und morphiumsüchtige van Aelst die Bilder so fälschen konnte, so dass selbst Experten an der Echtheit der Bilder keinen Zweifel hatten und sogar Museen die Werke aufgekauft haben, faszinierend finden. Van Odiik, der zweisprachig aufgewachsen war und für den Südwestrundfunk arbeitete, überlässt es dem Leser, den ambivalenten wie auch selbstherrlichen Charakter des Fälschers moralisch zu bewerten, der mit seiner Kunst reich geworden war und während der Kriegszeit rauschende Partys feierte, aber auch Menschen in ihrer Not unterstützte.

Der Roman kommt dabei zur passenden Zeit: im Umkreis der diesjährigen Leipziger Buchmesse mit den Niederlanden und Flandern als Gastland sowie in der noch immer anhaltenden Vermeer-Begeisterung nach zwei bedeutsamen Ausstellungen in der Dresdener Gemäldegalerie 2021 und im vergangenen Jahr in Amsterdam. Mit rund 650.000 Besuchern war es die bisher meistbesuchte Sonderausstellung des Rijksmuseums, zu der im Nachgang auch der Dokumentarfilm „Vermeer – Reise ins Licht“ entstand. Das Cover des Romans zeigt einen Ausschnitt des wohl berühmtesten Vermeer-Gemäldes „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Das Werk aus dem Jahr 1665 zählt zum Bestand des Mauritshuis in Den Haag und wurde mehrfach wissenschaftlich untersucht.

„Der falsche Vermeer“ ist spannend, lehrreich und zugleich ein unterhaltsamer Pageturner, in dem die Liebe nicht zu kurz kommt, wobei davon die großen schwergewichtigen Themen Krieg und Kunst nicht überdeckt werden. Wie dem Niederländer dieser spezielle Spagat gelingt, lässt staunen.

Patrick van Odijk: Der falsche Vermeer. Pendragon Verlag, Bielefeld 2024. 520 Seiten, 26 Euro.

Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.

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