Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Constanze Matthes: Mathijs Deen »Der Retter«

Das Seelenleben rückt in den Blick

Literarische Helden sind auch nur Menschen. Selbst Kommissare, die jeden Fall dank Erfahrung, Engagement und Raffinesse lösen können, was realen Ermittlern wohl nicht immer gelingt (man möge mich gern korrigieren). Vielleicht kommen sie einem deshalb so nah. Jeder hat eine Marotte, eine spezielle Eigenart – und eine tragische Geschichte in der Vergangenheit, die ihn regelrecht verfolgt. Nicht anders geht es Liewe Cupido, der mit „Der Holländer“, dem Krimidebüt des Niederländers Mathijs Deen, vor zwei Jahren seinen ersten großen Auftritt hat. Nun gibt’s mit „Der Retter“ bereits Teil 3. Ganz nach dem Motto „Gekommen, um zu bleiben“.

Bereits in den ersten beiden Bänden fährt Deen zweigleisig. Er erzählt sowohl von einem Fall, mit dem sich Cupido beschäftigt, als auch wiederkehrend über ein tragisches Unglück aus dessen Jugend: Sein Vater war damals auf einem Fischerboot ums Leben gekommen. Ein einstiger Französisch-Lehrer gab ihm den versteckten Hinweis, dass dies kein Unglück gewesen sein soll. Dieser schmerzliche Verlust und seine Rolle bei dem Geschehen treiben Cupido mehr und mehr um, wenngleich er erneut einen recht kniffligen Fall zu lösen hat und damit beruflich gefordert wird.

An der Küste von Northumberland entdeckt eine Familie bei ihrem Osterspaziergang die sterblichen Überreste eines Mannes – nebst einer Schwimmweste, die auf das Schiff „Pollux“ weist, das vor mehr als 20 Jahren in der Nordsee vor der niederländischen Küste trotz des Einsatzes zweiter Seenotrettungsschiffe gesunken war. Mit Hilfe des Zahnstatus des Toten stellt sich schließlich heraus, dass es sich bei der Leiche um den Kapitän der „Pollux“ handelt. Doch wie und vor allem warum musste er sterben, wenn die komplette Besatzung damals gerettet werden konnte?

Wieder teilen sich die deutschen und die niederländischen Behörden die Polizeiarbeit auf. Im Nachbarland muss Opperwachtmeester Geeske Dobbenga ihren Ruhestand weiter aufschieben, um die Auflösung ihrer Brigade zu begleiten und mit der Besatzung des niederländischen Seenotrettungsschiffes „Johannes Frederik“, das damals im Einsatz war, zu sprechen. In Deutschland nehmen Cupido und sein neuer Partner Xander Rimbach, der mit der einzelgängerischen und wortkargen Art seines Kollegen seine Probleme hat, die Ermittlungen auf, die sich vor allem auf Norderney konzentrieren.

Auf der ostfriesischen Insel errichtete einst ein Hotelier ein Denkmal zu Ehren der Seenotretter – trotz des Widerstandes von Bürgern und sogar der Seenotretter selbst, die damals auf dem Kreuzer „Otto Schülke“ bei der Rettung der „Pollux-Besatzung“ teilgenommen hatten. Kurze Zeit nachdem die Polizei die Ermittlungen aufgenommen hat, wird Xander Rimbach vergiftet und später einer der ehemaligen Seenotretter, der kauzige Atte Germer, tot auf dem Norderneyer Tierfriedhof entdeckt. Er war Navigator auf der „Otto Schülke“ unter dem Kommando des Vormannes Michael Waagmann.

Auch im neuesten Band gelingt es Deen meisterhaft, den Plot auf verschiedene Handlungsfäden, Orte und Protagonisten zu verteilen, um sie letztlich zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, wenngleich der Leser sich zu Beginn wohl fragen mag, wohin die Story denn führen wird. Cupido und sein Partner müssen tief in der Vergangenheit des Toten graben, um schließlich den Fall zu lösen. Es geht letztlich um hasserfüllte Beziehungen, Konkurrenz und Neid, einen Held, der in Wahrheit keiner ist, Lügen sowie Schuldgefühle, die tödlich sein können.

Und Schuldgefühle und innere Dämonen treiben schließlich auch Cupido um, der mehr und mehr in eine depressive Dunkelheit abzugleiten scheint. Ihm zur Seite stehen wieder Miriam, die der Ermittler im zweiten Band kennengelernt hatte, und Cupidos Hündin Vos.

Wieder spielen das Meer, das maritime Leben, die Menschen an der Küste und die spezielle Landschaft an der Nordsee eine wichtige Rolle. In jedem seiner Bände widmet sich Deen einem speziellen Thema, zu dem er ausführlich recherchiert. Hier sind es nun die Seenotretter. Die reale Vorlage für die fiktive Havarie der „Pollux“ im Roman gab der Untergang des deutschen Seeschleppers „Wotan“ am 6. Juli 1990 vor der westfriesischen Insel Terschelling, wie Deen in einer Nachbemerkung anführt. Der Seenotrettungskreuzer „Otto Schülke“ hat mit seinem Tochterboot „Johann Fidi“ von 1969 bis 1997 von Norderney zahlreiche Menschen aus der Seenot retten können.

Mit „Der Retter“ ist Deen wieder ein spannender und komplexer Roman gelungen, der indes mehr ist als nur ein gewöhnlicher Krimi und sich vielleicht auch nur in einem Krimi-Gewand versteckt. Denn zunehmend rücken das Psychologische, das Wesen der jeweiligen Figuren und vor allem die seelische Verfasstheit des innerlich versehrten Ermittlers in den Vordergrund. Man kann bereits ahnen, warum Cupido der werden konnte, der er ist. Ein Nachfolge-Band sollte da sicher sein, da vieles noch nicht geklärt ist. Und so schnell kommt man von dem spröden wie auch liebenswerten Ermittler ja auch nicht wirklich los.

Mathijs Deen: Der Retter (De Redder, 2024). Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Mare Verlag, Hamburg 2024. 378 Seiten, 23 Euro.

Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.

Tags :