
»… oder Die verschlungenen Wege der Liebe«
(AM) Das kluge und kundige Vorwort von Moritz Rauchhaus, der auch diesen ersten europäischen Roman für Die Andere Bibliothek in siebenjähriger Arbeit übersetzt hat, hält es fest: Dieses Buch ist für uns so weit entfernt wie dessen Geschichte damals in der italienischen Renaissance für die zeitgenössischen Leser, nämlich 600 Jahre. Jetzt zum 650. Todestag des Autors liegt es in einer wunderbaren Ausgabe vor. »Filocolo« ist die Geburtsstunde des europäischen Romans. Dieser Roman steht ganz am Anfang der gedruckten europäischen Erzähltradition und dokumentiert, da übertreibt der Klappentext in keiner Weise, »auf eindrucksvolle Weise die unerschöpflichen Möglichkeiten des Romans«.
Auf dieses außerordentliche Buch weisen wir deshalb gerne mit Textauszug hin – mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.
Giovanni Boccaccio: Filocolo oder Die verschlungenen Wege der Liebe (Il Filocolo, Druckausgabe Venedig 1472). Aus dem Italienischen von Moritz Rauchhaus, auch Kommentierung und Einleitung. Gestaltung: Kraft plus Wiechmann. Die Andere Bibliothek, Band 485/486. Aufbau Verlag, Berlin 2025. Hardcover im Schuber, Lesebändchen, 864 Seiten, 66 Euro. – Verlagsinformationen hier. – Textauszug mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.

von Raffaello Morghen 1822
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Textauszug aus dem Buch IV — Kapitel 125 -128
125 Wie Filocolo und seine Biancifiore miteinander ihre Zeit verbringen
126 Der Admiral findet Filocolo nackt bei seiner Biancifiore liegen
127 Die Schergen ergreifen Filocolo und Biancifiore, hängen sie erst nackt aus dem Fenster und führen sie dann zum Scheiterhaufen
128 Filocolo klagt über sein Unglück und sagt, er sei der Grund für Biancifiores Leid
[125] Es gab kein Unglück und kein Ereignis seit ihrer Trennung, von denen sie sich an diesem Tag nicht erzählt hätten, was ihnen nicht wenig Verwunderung und Freude brachte. Als es Nacht wurde, legten sie sich hin, aber blieben eine lange Zeit unter fröhlichen Gesprächen und verliebten Umarmungen wach. Dann siegte die Müdigkeit und sie schliefen lang über die Grenze der Nacht hinaus. Aber Fortuna gönnte ihnen ihr Glück nicht lang, sondern wollte sie durch einen unverhofften Schlag mit noch schlimmerer Angst treffen, als sie es bisher getan hatte. Und das geschah so:
[126] Der Admiral war plötzlich niedergeschlagen, weil er vielleicht einen verstörenden Gedanken gehabt hatte. Er wollte sich durch den Anblick von Biancifiores Schönheit etwas beruhigen, denn er glaubte, sie würde alle Kraft in sich tragen, ihn wieder fröhlich zu stimmen.
Drei Tage nachdem er ihr die Rosen geschenkt hatte, verließ er Alexandria und erreichte den schönen Turm, als das Tageslicht noch sehr frisch war. Sofort ging er ohne jede Gefolgschaft hinauf, wie er es gewohnt war. Er kam in den großen Saal und zu Biancifiores Raum, den Glorizia kurz zuvor verlassen und von außen verschlossen hatte. Er öffnete ihn, trat ein, sah zu Biancifiores Bett hinüber und erkannte, dass sie schlief und Filocolo im Arm hielt. Davon war er so benommen, dass er vor Schmerz fast gestorben wäre. Aber er blieb am Leben und schaute sie lange an, wobei er sich sagte:
»O Biancifiore, du niederträchtige Hure! Mögen die Götter dir jede Möglichkeit nehmen, meinen Händen lebend zu entkommen. Du wirst durch mich sterben! Ich liebte dich einst mehr als mein eigenes Leben, doch nun hast du durch dein ruchloses Verbrechen meinen Hass verdient! Ich habe dich bis hierher vor jeder Verbindung mit einem Mann beschützt. Selbst mich wollte ich dir nicht geben, obwohl ich für deine Umarmungen brannte. Deine Bosheit trieb dich nun dazu, mit ich weiß nicht wem zu schlafen, und dafür hast du dir zu Recht den Tod eingehandelt. Ich werde dich umbringen! Du wirst als erbärmliches Beispiel für all jene dienen, die es in der Zukunft wagen wollen, solch ein Verbrechen zu begehen. Ihr werdet einander im gleichen Atemzug verlieren und deine verfluchte Schönheit wird unter meiner Klinge vergehen. Mich wird keine Schönheit mitleidig stimmen!«
Dann zog er das scharfe Schwert und hob den Arm, um sie zu schlagen. Venus, die auch dort war, aber sich in ihrem Glanz versteckte, wollte so viel Unglück nicht zulassen und warf sich dazwischen. Der schwere Hieb, der auf die schlafenden Verliebten zielte, traf den undurchdringbaren Körper der Göttin und verletzte so keinen der beiden. Plötzlich änderte sich die Meinung des Admirals, dem es nun unwürdig vorkam, zwei Schlafende zu ermorden und sein Schwert mit so gemeinem Blut zu besudeln. Also zog er es zurück, steckte es wieder in die Scheide und verließ das Zimmer, ohne sie zu wecken.
Trotzdem war er zornig und in seinem aufgebrachten Gemüt vollkommen überzeugt, sie für solch ein Vergehen zu be- strafen. Er verließ den hohen Turm, ohne jemanden getroffen zu haben oder gesehen worden zu sein, und traf unten auf seine Soldaten, die auf ihn gewartet hatten. Er befahl ihnen, sie mögen zu Biancifiores Raum hinaufsteigen, um sie und den anderen sofort festzunehmen, den sie bei ihr antreffen würden. Nackt, wie sie waren, sollten sie aus dem Fenster auf die Wiese abgeseilt werden, wo zuvor die Blumen hochgezogen worden waren. Sie sollten kein Mitleid mit ihnen haben und auf keine ihrer Bitten hören.
[127] Die skrupellose Horde stürmte los und jubelte über ihr abscheuliches Vorhaben. Sie stiegen die selten benutzten Treppen hinauf und kamen in den schönen Raum, den sie noch so vorfanden, wie der Admiral ihn verlassen hatte. Als sie eintraten, sahen sie die beiden schlafenden Liebenden Arm in Arm und staunten über ihre Schönheit, aber das Mitleid reichte nicht aus, um ihre harten Herzen zu erweichen. Schon fesselten ihre groben Hände die beiden jungen Menschen, deren Schuld darin bestand, dass sie sich zu sehr liebten. Keiner schreckte vor großer Grausamkeit zurück. Immer stürmischer zogen sie die Fesseln der beiden fest und erfreuten sich daran, das zarte Mädchen zu berühren, also banden sie noch mehr Knoten. Raue Hände griffen nach dem feinen Fleisch, harte und enge Seile fesselten sie und wilder Lärm durchdrang die wohlriechende Luft.
Die beiden Liebenden erwachten und waren überwältigt. Als sie die ruchlose Truppe um sich herum sahen, wollten sie aufstehen und fliehen, aber die Seile, die sie noch nicht bemerkt hatten, hinderten sie daran. Sie sahen keine andere Hilfe und kein anderes Mittel, also fragten sie mit leidender Stimme, was hier passiere. Jene polterten zurück: »Weil ihr getan habt, was ihr getan habt, seid ihr schon so gut wie tot.«
Ihre traurigen Gebete schienen nicht erhört worden zu sein, weil die wankelmütige Fortuna sie in ein großes Unglück stürzte. Biancifiore, die bis jetzt in königlichem Prunk gelebt hatte, fühlte sich durch die unanständigen Worte dieser Bande wie eine niederträchtige Dienerin. Und Filocolo, denen die höchsten Barone sonst Dienste erwiesen, wurde nun mit Händen und mit rüpelhaften Worten angegriffen und von den Niedersten verhöhnt.
Biancifiore weinte und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war bestürzt und konnte sich nicht erklären, wie dieser schlimme Unfall passieren konnte. Der Lärm im Turm wurde immer lauter, weil Glorizia und die anderen jungen Damen herbeieilten. Erst wunderten sie sich und dann weinten sie aus Mitleid. Der schöne Saal, in dem sonst nie eine klagende Stimme erklang, war nun erfüllt davon und ihr Echo trug den größten Schmerz mit sich. Keine von ihnen konnte Biancifiore helfen, aber sie richteten ihre Tränen und Gebete an die Götter, damit sie gerettet würde.
Sie zögerten auch nicht, den nackten Jungen zu betrachten, bemerkten seine Schönheit und fanden Biancifiore etwas weniger schuldig. Doch das feindlich gesinnte Schicksal trieb die Soldaten dazu, den Befehl ihres Herrn auszuführen. Also wurden die beiden gefesselten Verliebten an einem langen Seil vom Turm heruntergelassen und in der Nähe der Wiese hängen gelassen, damit niemandem ihre Sünde verborgen bliebe.
Die Überbringerin Fama204 streute die Kunde von ihrem Leid mit der schnellsten Eile und ließ die benachbarten Gebiete innerhalb eines Augenblicks von der Geschichte erfahren. So rannten alle ungehalten zu diesem hinterhältigen Spektakel, weil sie sehen wollten, was sie später zu Recht bemitleideten. Die Soldaten vertrieben sie vom Turm und achteten danach mit ihren Waffen und mit Verstärkung darauf, dass sich niemand den hängenden Jugendlichen näherte. Die beiden Gefesselten baumelten dort so, wie in der harten Brust des Admirals die Entscheidung schwankte, welche Strafe er für solch ein Vergehen erteilen sollte.
Als er sich dann dafür entschieden hatte, ihr Leben durch das Feuer zu beenden, befahl er, sie auf die Wiese zu bringen. Dort sollte man sie ohne Mitleid ins lodernde Feuer werfen, damit sie der Göttin geopfert werden könnten, deren Macht ihnen die unerhörte Vereinigung erlaubt hatte. Der Befehl wurde befolgt, das Feuer entfacht und die beiden Verliebten auf die Erde gelassen, wo sie nackt in die brennenden Flammen getrieben wurden.
[128] Biancifiore hing neben ihrem Geliebten und weinte, aber Filocolo verschloss tapfer den Schmerz in seinem Herzen und ertrug Fortunas hinterhältigen Angriff mit unveränderter Miene und ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Damit seine Qual nicht gemildert würde, rief ihm Fortuna all sein vergangenes Glück in Erinnerung. Als er sich alleingelassen und ohne jede Hoffnung auf Hilfe wiederfand, dachte er an die Kämpfer seines Reiches, die ihm nun sehr lieb gewesen wären, auch wenn er sie zuvor wenig geschätzt hatte. Er trauerte über die zurückgelassenen Gefährten, die nichts von seinem Unglück wussten. Wenn er noch geglaubt hätte, dass sie davon mitbekommen hätten, wäre ihm noch Hoffnung auf seine Rettung geblieben. Jetzt aber konnte er die Tränen kaum zurückhalten, weil er sah, auf welch niederträchtige Weise er sterben sollte.
Mit seinem Verstand zügelte er seine Gefühle, hielt seine Trauer zurück und sagte sich, nach einigem Grübeln ganz in sich gekehrt: »O plötzliches Unglück! O feindliche Fortuna! Nun kannst du deine ganze Wut auf mich stillen und deine langen Bemühungen können belohnt werden. Du hast mich nach vielen Gefahren zu so einem Tod geführt, obwohl du einige Male nicht dulden wolltest, dass mich das Leben verlässt. Dabei wollte ich doch sterben!
Wie viele Male hätte ich mit weniger Schmerz und mehr Ehre sterben können! Hättest du mir nur erlaubt, grausame Göttin, in ihren Armen zu sterben. So hatte ich es gewollt, als ich mich das erste Mal von ihr trennte, weil mich meine Abreise unerträglich leiden ließ. Dann hätten die Götter der Unterwelt meine fröhliche Seele empfangen! Hätte mir die ungerechte Lanze des Seneschalls das Herz durchbohrt, als ich mit ihm kämpfte und so unerfahren mit den Waffen war! Wäre es mir nur erlaubt gewesen, mich umzubringen, als ich so sehr um sie weinte, weil ich sie für tot hielt!
Hätte ich nur einen dieser Tode gefunden, wäre ich wenigstens bei meiner Mutter gestorben und sie hätte mich mit meinem Vater fromm beerdigen können. Meine Asche wäre mit treuer Verehrung bewacht worden, doch nun werden sie meine Überreste nie wiedersehen, wenn Aeolus sie nicht mit fremdem Sand unter die Wolken mischt und mit seinen Kräften205 dorthin trägt.
Vielleicht wolltest du meinen unwürdigen Eltern diese traurige Gnade nicht schenken. Aber wieso hast du mich in jener schrecklichen Nacht, an die ich noch immer ängstlich zurückdenke, dann nicht den Meeresgöttern übergeben? Du hattest mir auf den Wellen so viel Furcht eingeflößt! Der Tod wäre ein schweres Los für mich gewesen, weil ich meiner Sehnsucht schon nah war. Doch ich hätte ihn lieber gehabt, als in deine Hände zu fallen, während ich mich unter den Rosenzweigen versteckt hielt, die so trügerisch sind wie du. Wieso hast du meinen Körper nicht dem Feind offenbart, wie du es mit meinen Haaren getan hast?
Du Grausame hast mich aus dieser Gefahr und vielen anderen nicht gerettet, weil ich in deinen Augen Gnade verdient hätte. Du hast es nur deshalb getan, um mir ein noch schändlicheres Ende zu bereiten, wie es jetzt auf mich zu- kommt. All das wäre weniger schwer zu ertragen, wenn ich einer solchen Schande allein begegnen müsste. Wie unerträglich ist mir der Gedanke, dass Biancifiore mich in solch einen gemeinen Tod begleiten soll: Sie, die ich über alles auf der Welt liebe, sie, für die ich Gefahren auf mich genommen hatte, um sie wiederzusehen, und sie, die mich mehr liebt als ich sie!
O Filocolo, ärmster aller Menschen, hast du so viele Mühen ertragen, um das unschuldige Mädchen zu einem solch niederen Ende zu führen? Sie stirbt für dich! Außerdem wurde sie schon einmal zu einem ähnlichen Tod verurteilt, deinetwegen wurde sie verkauft und deinetwegen verhöhnt. Fortuna war ihr vielleicht schon wieder friedlich gesinnt und hätte ihr eine Fröhlichkeit zugestanden, die ihrer Schönheit würdig ist, wenn du nicht gewesen wärst. Deshalb stirbst du zu Recht. Doch wieso sie, wenn sie doch keine Schuld trifft? Allein ihre Angst sorgt mich, denn meine eigene werde ich einfacher überwinden.
O grausamer Vater, o erbarmungslose Mutter, heute werdet ihr mich los! Weil ihr mich friedlich nicht haben wolltet, werdet ihr nun verwaiste Eltern. Fortuna wird euch nicht erlauben, nach meinem Tod meine Augen zu schließen oder meine Asche in einer prächtigen Vase aufzubewahren. Heute werdet ihr eure Feindin Biancifiore los, die ihr mit vielen Hinterhalten verfolgt habt. Aber das wird für euch nicht ohne Trauer geschehen! Ihr werdet keine Träne für mich vergießen, die ihr nicht genauso für sie vergießt. An nur einem Tag, in nur einem Moment, werdet ihr durch einen einzigen Tod von uns beiden befreit. All das geschieht nicht zu Unrecht, denn es gehört sich so: Wer sein Glück nicht schweigsam besitzen will, sollte sein Leben auch nicht unter Klagen verbringen, wenn er unglücklich ist. Mögt ihr also in ewigem Schmerz leben und möge die gerechte Rache der Götter für diese Sünde über euch kommen!
O glorreiche Götter, lasst die Ungerechtigkeit meines Vaters vor euren Augen nicht ungestraft bleiben. Ihr höchsten Himmelslenker, ihr habt meine Sehnsucht während all meiner Mühen gehört. Helft dem unschuldigen Mädchen! Rächt euch an mir, denn ich habe das Verbrechen begangen. O Hymenaios, o Juno, o Venus, in jener Nacht habe ich gesehen, wenn ich mich nicht irrte, wie ihr die heiligen Feuer der jungen Ehe in den fröhlichen Raum getragen habt. Lasst Biancifiore die guten Vorzeichen dieses Feuers genießen. Werft die bösen Verheißungen auf mich, wenn sich eine höllische Furie in diesem Feuer unter euch gemischt oder ein Uhu über uns gesungen haben sollte.206 Ich schere mich nicht um meinen Tod, weil ich ihn selbst herbeigeführt habe. Helft nur ihr, weil man sie meinetwegen schuldlos umbringen will.«
- 204 Göttin des Gerüchts (Buch III, Kap. 67).
- 205 Mit den Winden (Buch II, Kap. 42).
- 206 Ein schlechtes Omen nach dem Vorbild Ovids (Met. X, 453).











