
In unseren gar nicht kurzen Kurzbesprechungen – in Zeitungen wären das (inzwischen) vollwertige Artikel – dieses Mal Joachim Feldmann (JF), Roland Keller (RK) und Tobias Gohlis (TG) über:
Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin
Norbert Horst: Lost Places. Wo die Toten schweigen
Rebecca Russ: Die Influencerin
Chris Whitacker: In den Farben des Dunkels

Hier werden alle Register gezogen
(JF) Dass der Betreiber des Sandwich Shack, ein fieser Typ namens Digby, ausgerechnet in einer Kinks-Tribute-Band singt, ist für Fans der epochalen Band („You Really Got Me“) natürlich eine Zumutung. Aber weil Liza Cody es so gewollt hat, akzeptieren wir zähneknirschend, dass der „kleine Mann mit der großen Stimme“ als eine der unangenehmeren Figuren in ihrem großartigen neuen Roman Die Schnellimbissdetektivin herhalten muss. Digby ist der Boss von Hannah Abram. Und gäbe es ihn nicht, ginge es der Ex-Polizistin wahrscheinlich noch schlechter. Denn ihre Nebentätigkeit als Privatermittlerin bringt nicht so viel ein, als dass sie auf ihren Job im Sandwich Shack verzichten könnte. Also muss sie die Launen ihres knauserigen Arbeitsgebers ebenso ertragen wie den rigorosen Veganismus ihrer woken Zimmerwirtinnen, die keinen Fleischverzehr unter ihrem Dach dulden. Im London unserer Tage obdach- und arbeitslos auf der Straße zu stehen, wäre keine wirkliche Alternative.
Aber Hannah Abrams versteht es, sich zu wehren. Vor allem sprachlich. Zu Digbys fortgesetztem Ärger und zu unserem Vergnügen. Schließlich ist sie nicht nur die Heldin, sondern auch die Erzählerin dieses außergewöhnlichen Detektivromans. Wortreich, selbstironisch und um keine Metapher verlegen, bedient sie sich aller Register genrespezifischen Jargons und behält so zumindest halbwegs die Übersicht, während die Handlung rasant an Komplexität zunimmt. Denn es gilt, mehrere Fälle gleichzeitig zu bearbeiten. Darunter klassische Aufträge wie die Suche nach verschwundenen Frauen oder scheinbar Banales wie Gemüsediebstahl oder Müllvandalismus. Und wie nicht anders zu erwarten, ist wenig so, wie es auf den ersten Blick scheint. Zumal es Hannahs Auftraggeber mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen.
Dass Liza Cody ihre Heldin mit einem scharfen Blick für die triste soziale Gegenwart ausgestattet hat, ist kein Widerspruch zum verbalen Reichtum dieses narrativen Feuerwerks, das auch in der fabelhaften deutschen Fassung von Iris Konopik staunen lässt. „Die Schnellimbissdetektivin“ zeigt als bittere, realistisch grundierte Gesellschaftssatire und liebevolle Hommage zugleich wieder einmal die Vitalität des Genres. Vorausgesetzt, eine versierte Autorin wie Liza Cody nimmt sich seiner an.
Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin (The Short-Order Detective, 2024). Deutsch von Iris Konopik. Ariadne / Argument, Hamburg 2024. 351 Seiten, 18 Euro.
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Beim Filmfest München als Stoff gehandelt
(RK) Die dunkle Seite des Internet birgt ein interessantes Spielfeld für Krimi-Autoren. So war ich auf Die Influencerin der jungen Salzburger Autorin Rebecca Russ gespannt, deren Buch auf dem Filmfest München von einer Jury zur Verfilmung vorgeschlagen wurde. Laut Klappentext kommt die Protagonistin Sarah „in einem atemlosen Rausch der erschütternden Wahrheit Schritt für Schritt näher“. Bis dahin muss man sich aber erst durch viele bemühte Beschreibungen quälen, die das Tempo der Story herunterbremsen.
Nach dem Tod einer Followerin wird die Influencerin Sarah mit Hass-Kommentaren überhäuft und schaltet betroffen ihren Account ab. Doch das nützt ihr wenig. Sie wird gestalkt und mit einem Fake-Account konfrontiert, auf dem intime Momente aus ihrem Privatleben gepostet werden. In Einschüben erfährt der Leser häppchenweise, was die Person antreibt, von der sie verfolgt wird. Das wirkt eher belästigend als lebensbedrohlich. Hinzu kommen ein paar Verdächtige, die auch nur wenig zur Steigerung der Spannung beitragen.
Das Interessante in dem Buch ist für mich, dass sich die Protagonistin angesichts ihres recht belanglosen Lebens (Mann betreibt Werbeagentur, dem später entführten Hund werden mehr emotionale Momente als das Kind gegönnt) über viele Follower freuen darf, weil diese wohl noch ein uninteressanteres Dasein fristen und sich freiwillig die Belanglosigkeiten einer Frau antun, die über keine besonderen Eigenschaften verfügt.
Bei der Beschreibungen der Figuren und der sich dahin schleppenden Handlung fühlte ich mich immer wieder an Romanschreibhilfe-Bücher erinnert, die für eine enorme Detail-Treue plädieren, um beim Leser starke Bilder entstehen zu lassen. Schade nur, dass bei diesem Ratgeber der Teil gefehlt hat, dass Beschreibungen eine Story vorantreiben sollen.
Zum Finale gibt es zwar nicht den versprochenen atemlosen Rausch, aber das Tempo steigert sich im letzten Viertel. Wer durchhält, wird mit gleich zwei überraschenden Wendungen belohnt, die zugleich das bisherige Dasein der Influencerin in sich zusammenstürzen lassen. Zum Schluss wird Sarah endlich ihre lange nicht hinterfragte Rolle klar, wenn sie aus der Traumwelt zurück in die Wirklichkeit stürzt und erkennt, dass ihr Leben als Influencerin nur Ergebnis einer geschickten Manipulation war.
Deutlich interessanter und spannender wäre gewesen, den Prozess des Findens des eigenen Ichs im Laufe der Handlung erlebt zu haben als dies einfach an das Finale anzukleben.
Rebecca Russ: Die Influencerin. Rütten & Loening/ Aufbau Verlag, Berlin 2024. Klappenbroschur, 288 Seiten, 16,99 Euro.
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Unserem Wirklichkeitsempfinden sehr nahe
(JF) Die meisten „Leichensachen“, mit denen sich die Kriminalpolizei befassen muss, werden nach kurzer Zeit zu den Akten gelegt. Tötungsdelikte, die weitere Ermittlungen erfordern, sind relativ selten, selbst wenn man eine hohe Dunkelziffer falsch ausgestellter Totenscheine berücksichtigt. So wurden 2023 bundesweit ganze 299 Mordopfer polizeilich erfasst, eine Zahl, die schon von den Krimiserien im Vorabendprogramm um ein Vielfaches übertroffen werden dürfte. Das weiß natürlich auch ein Schriftsteller wie Norbert Horst, dem viel daran gelegen ist, ein realistisches Bild polizeilicher Ermittlungen zu zeichnen. Schließlich war der Autor preisgekrönter Polizeiromane viele Jahre lang als Kriminalbeamter auch in Mordkommissionen tätig. Nun liegt mit Lost Places der erste Band einer neuen, in Essen angesiedelten Reihe vor. Und wie in seinen früheren Büchern gelingt es Norbert Horst, eine fiktive Realität zu konstruieren, die unserem Wirklichkeitsempfinden sehr nahe kommt, ohne ihre Unterhaltungsfunktion zu verleugnen.
Dafür ist nicht zuletzt die Figurenkonstellation zuständig: ein Journalist, ein Kriminalbeamter und eine Staatsanwältin, die seit ihrer gemeinsamen Schulzeit befreundet sind, lösen gemeinsam einen Fall. Das heißt, eigentlich sind es drei Fälle, die miteinander verbunden sind. Doch das wird erst im Laufe der Ermittlungen klar, als berechtigte Zweifel am „natürlichen Tod“ einer alten Frau auftauchen. Und es bleibt nicht bei einer dubiosen „Leichensache“. Dass der Fall, der im Verlauf der Ermittlungen schockierende Dimensionen annimmt, aufgeklärt wird, versteht sich. Ob die Beweislage für eine angemessene Verurteilung der Täter ausreicht, bleibt allerdings im Dunkeln. Wahrscheinlich ist es nicht.
Norbert Horst erzählt multiperspektivisch aus der individuellen Sicht seiner Figuren und beschränkt sich dabei nicht auf das Ermittlertrio. Das ist eine geschickte narrative Strategie, die dem kombinatorischen Eifer nicht weniger Leserinnen entgegen kommen dürfte, zumal so Motive deutlich werden, die Polizei und Staatsanwaltschaft verborgen bleiben. „Lost Places“ ist übrigens nicht nur deshalb ein angemessener Titel für den Roman, weil so genannte „Urban Explorers“, die in leerstehende Gebäude einsteigen und ihre Aktionen filmisch dokumentieren, eine wichtige Rolle spielen. Verlorene Orte sind nämlich auch die Wohnungen alter Menschen, deren Einsamkeit auf perfide Weise von skrupellosen Verbrechern ausgenutzt wird. Wenn auch in der Regel nicht, wie in diesem Kriminalroman, mit tödlichen Folgen.
Norbert Horst: Lost Places. Wo die Toten schweigen. Goldmann, München 2024. 335 Seiten, 17 Euro.
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Märchenhaft gestrickte Patchworkdecke
(TG) Ich mache es kurz: In den Farben des Dunkels ist der vierte Roman des ehemaligen Finanztraders Chris Whitaker und ist alles in allem auf Überwältigung angelegt. Im ersten Absatz des Buches erfahren wir, das der dreizehnjährige Patch überzeugt davon ist, „dass es hinter dem Ozark Plateau Goldadern gab. Dass dort eine bessere Welt auf ihn wartete.“ Im zweiten Absatz, dass er „an jenem Vormittag sterbend im Wald lag“ und dass er mit nur einem Auge zu Welt gekommen war und deshalb Augenklappen trug.
Wer nach diesem ersten Trigger-Trommelfeuer das knapp 600 Seiten dicke Buch (eine überwältigte Buchhändlerin glaubte im WDR, 700 Seiten verschlungen zu haben) genervt zuschlägt, erspart sich eine faszinierende, all-komptible Mischung aus unwerwarteten Erfindungen, sentimentalen wie bitteren Wendungen, intensiven Gefühlen und einem harten Kern. Der besteht in der Suche nach einem Serienmörder, der eines seiner potentiellen Opfer in der Zeitung bei einer Demonstration entdeckt hat, auf der der Prozess-Sieg Jane Roes gefeiert wurde. (siehe oben)
Das Geschickte an Whitakers Pageturner ist, dass die harten Fakten oder der Kriminalfall eingewoben sind in ein Spinnengewebe recht zauberhafter Ereignisse. Zum Beispiel wird der Junge, der die höchst attraktive Demonstrantin heldenhaft vor den Fängen des Serienmörders rettete, selbst geschlagen und entführt, mehr als ein Jahr lang in einem dunkeln Verlies gefangen gehalten. Seine Einsamkeit wird nur unterbrochen durch Besuche einer Grace, die ihm im Dunkeln Geschichten zuflüstert und so vor dem Wahnsinn bewahrt. Patch widmet sein restliches Leben nach der Befreiung durch eine Jugendfreundin, die später zur strengen Gesetzeshüterin mutiert, der Suche jener Grace und nach verschollenen Mädchen sprich Opfern jenes ominösen Serienmörders und seiner Motive.
Patch wird zum berühmten Maler, Bankräuber und Mörder – ach das hätte ich alles nicht verraten dürfen, weil er ja schon im dritten Absatz dieses Buches „sterbend im Wald lag“. Der märchenhaft wohlgestrickten Patchworkdecke aus Phantasy, Romantik, Serienmörderkrimi und Liebesgeschichte zweier Ozark-Kinder kann man sich schwer entziehen. Es sei denn, man gehört zur Sorte noch älterer und strengerer Kritiker als ich es bin. Ein solcher hätte Whitakers Roman grummelnd eine „Poeselei“ genannt.
Chris Whitacker: In den Farben des Dunkels (All the Colours of the Dark). Übersetzt von Conny Lösch. Piper Verlag, München 2024. 592 Seiten, Hardcover, 24 Euro. – Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Blog recoil, von dem dieser Text stammt, geht es hier.












