Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Bloody Chops Juli 2024

In unseren gar nicht kurzen Kurzbesprechungen – in Zeitungen wären das (inzwischen) vollwertige Artikel – dieses Mal Joachim Feldmann (JF) und Alf Mayer (AM) über:

Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin
Norbert Horst: Lost Places. Wo die Toten schweigen

… more to come:
Eleanor Catton: Der Wald
Nona Fernández: Twilight Zone
Hari Kunzru: Blue Ruin
Robert E. und Jill P. May (Hg.): Das Buch der Piraten
Jonathan Strahan: Communications Breakdown. SF Stories about the Future of Connection
Jonathan Strahan: Tomorrow’s Parties. Life in the Anthropocene
Teddy Wayne: Der Gewinner

Hier werden alle Register gezogen

(JF) Dass der Betreiber des Sandwich Shack, ein fieser Typ namens Digby, ausgerechnet in einer Kinks-Tribute-Band singt, ist für Fans der epochalen Band („You Really Got Me“) natürlich eine Zumutung. Aber weil Liza Cody es so gewollt hat, akzeptieren wir zähneknirschend, dass der „kleine Mann mit der großen Stimme“ als eine der unangenehmeren Figuren in ihrem großartigen neuen Roman Die Schnellimbissdetektivin herhalten muss. Digby ist der Boss von Hannah Abram. Und gäbe es ihn nicht, ginge es der Ex-Polizistin wahrscheinlich noch schlechter. Denn ihre Nebentätigkeit als Privatermittlerin bringt nicht so viel ein, als dass sie auf ihren Job im Sandwich Shack verzichten könnte. Also muss sie die Launen ihres knauserigen Arbeitsgebers ebenso ertragen wie den rigorosen Veganismus ihrer woken Zimmerwirtinnen, die keinen Fleischverzehr unter ihrem Dach dulden. Im London unserer Tage obdach- und arbeitslos auf der Straße zu stehen, wäre keine wirkliche Alternative.

Aber Hannah Abrams versteht es, sich zu wehren. Vor allem sprachlich. Zu Digbys fortgesetztem Ärger und zu unserem Vergnügen. Schließlich ist sie nicht nur die Heldin, sondern auch die Erzählerin dieses außergewöhnlichen Detektivromans. Wortreich, selbstironisch und um keine Metapher verlegen, bedient sie sich aller Register genrespezifischen Jargons und behält so zumindest halbwegs die Übersicht, während die Handlung rasant an Komplexität zunimmt. Denn es gilt, mehrere Fälle gleichzeitig zu bearbeiten. Darunter klassische Aufträge wie die Suche nach verschwundenen Frauen oder scheinbar Banales wie Gemüsediebstahl oder Müllvandalismus. Und wie nicht anders zu erwarten, ist wenig so, wie es auf den ersten Blick scheint. Zumal es Hannahs Auftraggeber mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen.

Dass Liza Cody ihre Heldin mit einem scharfen Blick für die triste soziale Gegenwart ausgestattet hat, ist kein Widerspruch zum verbalen Reichtum dieses narrativen Feuerwerks, das auch in der fabelhaften deutschen Fassung von Iris Konopik staunen lässt. „Die Schnellimbissdetektivin“ zeigt als bittere, realistisch grundierte Gesellschaftssatire und liebevolle Hommage zugleich wieder einmal die Vitalität des Genres. Vorausgesetzt, eine versierte Autorin wie Liza Cody nimmt sich seiner an.

Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin (The Short-Order Detective, 2024). Deutsch von Iris Konopik. Ariadne / Argument, Hamburg 2024. 351 Seiten, 18 Euro.

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Unserem Wirklichkeitsempfinden sehr nahe

(JF) Die meisten „Leichensachen“, mit denen sich die Kriminalpolizei befassen muss, werden nach kurzer Zeit zu den Akten gelegt. Tötungsdelikte, die weitere Ermittlungen erfordern, sind relativ selten, selbst wenn man eine hohe Dunkelziffer falsch ausgestellter Totenscheine berücksichtigt. So wurden 2023 bundesweit ganze 299 Mordopfer polizeilich erfasst, eine Zahl, die schon von den Krimiserien im Vorabendprogramm um ein Vielfaches übertroffen werden dürfte. Das weiß natürlich auch ein Schriftsteller wie Norbert Horst, dem viel daran gelegen ist, ein realistisches Bild polizeilicher Ermittlungen zu zeichnen. Schließlich war der Autor preisgekrönter Polizeiromane viele Jahre lang als Kriminalbeamter auch in Mordkommissionen tätig. Nun liegt mit Lost Places der erste Band einer neuen, in Essen angesiedelten Reihe vor. Und wie in seinen früheren Büchern gelingt es Norbert Horst, eine fiktive Realität zu konstruieren, die unserem Wirklichkeitsempfinden sehr nahe kommt, ohne ihre Unterhaltungsfunktion zu verleugnen.

Dafür ist nicht zuletzt die Figurenkonstellation zuständig: ein Journalist, ein Kriminalbeamter und eine Staatsanwältin, die seit ihrer gemeinsamen Schulzeit befreundet sind, lösen gemeinsam einen Fall. Das heißt, eigentlich sind es drei Fälle, die miteinander verbunden sind. Doch das wird erst im Laufe der Ermittlungen klar, als berechtigte Zweifel am „natürlichen Tod“ einer alten Frau auftauchen. Und es bleibt nicht bei einer dubiosen „Leichensache“. Dass der Fall, der im Verlauf der Ermittlungen schockierende Dimensionen annimmt,  aufgeklärt wird, versteht sich. Ob die Beweislage für eine angemessene Verurteilung der Täter ausreicht, bleibt allerdings im Dunkeln. Wahrscheinlich ist es nicht.

Norbert Horst erzählt multiperspektivisch aus der individuellen Sicht seiner Figuren und beschränkt sich dabei nicht auf das Ermittlertrio. Das ist eine geschickte narrative Strategie, die dem kombinatorischen Eifer nicht weniger Leserinnen entgegen kommen dürfte, zumal so Motive deutlich werden, die Polizei und Staatsanwaltschaft verborgen bleiben. „Lost Places“ ist übrigens nicht nur deshalb ein angemessener Titel für den Roman, weil so genannte „Urban Explorers“, die in leerstehende Gebäude einsteigen und ihre Aktionen filmisch dokumentieren, eine wichtige Rolle spielen. Verlorene Orte sind nämlich auch die Wohnungen alter Menschen, deren Einsamkeit auf perfide Weise von skrupellosen Verbrechern ausgenutzt wird. Wenn auch in der Regel nicht, wie in diesem Kriminalroman, mit tödlichen Folgen.

Norbert Horst: Lost Places. Wo die Toten schweigen. Goldmann, München 2024. 335 Seiten, 17 Euro.

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