Kurzrezensionen – diesmal mit Michael Stavaric, Clemens J. Setz, ATAK und Nino Haratischwili; besprochen von Brigitte Helbling (hel), Gisela Trahms (gt) und Frank Schorneck (fs). Dystopie für geduldige Melancholiker (hel) – In Brenntage, dem neuen Roman des österreichisch-tschechischen Autors Michael Stavaric, wird der Leser in abseitigen Wald geführt und dort sitzen gelassen, um sich die erratische Chronik einer Siedlung anzuhören, die ein namenloser Jüngling teils in autobiografischen Erinnerungsmomenten, teils als Weitergabe der Erzählungen von Bewohnern vorträgt. Anonymus lebt bei Onkel und Tante, der Vater ist verschollen, die Mutter tot, trotzdem
Read More Das siebente Sonett von Alexander Bessmertny Der Müllerbube schiebt hinauf zur Mühle Auf seinem Karren einen Mühlenstein, Und in die Öffnung schob er glatt hinein Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle. Die blonde Müllerin sieht’s im Sonnenschein. Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle: Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein. « Na hör, mein Junge », ruft sie sehr brutal, «Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif ? ! Ist das die Prüfung, die ich dir befahl, Ob
Read More Quantenselbstmord 1 bild / 100 worte Die Zeit, in der ich bewusstlos lag, kann nach der Uhr gemessen nicht lange gewährt haben – sie entsprach wohl ungefähr der Spanne, in der ein radioaktiver Atomkern zerfällt [oder Quantenmechanisches dergestalt] – die Experimental-Schussanlage aktiviert [mittels eines Schalters], welche der Physiker mir eingerichtet, dieser wilde und zerstörerische Geist, den ich [& der wie ich] – liebte – [klick] in letzte Dinge einzudringen [klick] von der Kugel durchbohrt [klick] nicht durchbohrt [klick] die sechste in zweiter [klick] und siebente [klick] in dritter – – –
Read More Italien, keine Pizza, keine Pasta – Erfreulicherweise finden sich inmitten des ganzen Grimmigedöns immer mehr Romane, die sich mit den diversen Wirklichkeiten ins Handgemenge begeben. Man kann sie „politisch“ nennen, weil sie Politik zum Thema haben. Giancarlo de Cataldo gehört in die erste Reihe. Thomas Wörtche ist begeistert. Giancarlo de Cataldo gehört zu den Namen der zeitgenössischen Kriminalliteratur, die die allmählich verblassende Reputation eines zunehmend verdödelten Genres wieder restituieren können. Ähnlich wie seine italienischen Kollegen Gianrico Carofiglio, Bruno Morchio, Angelo Petrella und Francesco de Filippo, ähnlich wie seine internationalen Kollegen
Read More Liebes CrimeMag-Publikum, heute bewegen wir uns zwischen den Extremen von Kriminalliteratur: Thomas Wörtche befasst sich mit dem politischen Kriminalroman von Giancarlo de Cataldo; im zweiten Teil von Ulrich Barons Essay wider den Regio-Grimmi am anderen Ende der Skala geht es um Los Angeles. Frank Göhre porträtiert den Drehbuchautor Ernest Tidyman, über dessen SHAFT-Romane die Meinungen weit auseinandergehen können. Hochkultur in Gestalt von Johann Sebastian Bach begegnet uns in Peter Münders Rezension eines Romans von Sebastian Knauer, während sich Kerstin Klamroth mit einem Comic, na ja, mit einer Graphic Novel von
Read More Lesen Sie heute den 2. Teil des Essays von Ulrich Baron (den ersten gibt’s hier), der sich mit Raymond Chandler und dessen Region, mit Los Angeles beschäftigt. II. Kein Verbrechen in den Bergen? Wie ein Verdikt gegen eine Regionalisierung und Provinzialisierung mutet der Titel einer Erzählung von Raymond Chandler an. Sein „No crime in the Mountains“ war 1941 aber keine hellsichtige Warnung vor einer drohenden Flut von Regio-Krimis, sondern als Ironisierung der Unschuldsvermutung gemeint, die man angesichts von Gegenden hegt, in denen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint.
Read More Tödliche Bach-Begeisterung – Sebastian Knauer beschreibt in seinem Musik-Krimi „Tödliche Kantaten“, wie das Faible eines amerikanischen Milliardärs für JSB zur Manie mutiert und bei der Jagd auf verschollene Partituren andere Bach-Enthusiasten auf der Strecke bleiben. Von Peter Münder. Als Hausmeister Didi Heinzmann in der Leipziger Thomaskirche unter Johann Sebastian Bachs Grabplatte eine versteckte Blechkassette mit dem Notenblatt einer verschollenen Kantate und diversen Negativen weiterer Bach-Noten findet, weiß er nicht recht, was er mit seinem Fund anfangen soll. Dann bringen ihn seine Recherchen mit dem Hamburger Privatdetektiv Pit Koch in Kontakt
Read More Fred Vargas und Edmond Baudoin – der zweite Band. Beim ersten, „Im Zeichen des Widders“, wollten die Paratexte vom Comic noch nichts wissen – hier schon. Kerstin Klamroth ist beinahe rundum zufrieden. Nicht exclusiv, aber trotzdem sehenswert: Auch die zweite Graphic Novel, die der Aufbau-Verlag als Kooperation von Fred Vargas und Edmond Baudoin präsentiert, ist nicht ganz taufrisch. Die Original -ausgabe mit dem Titel „Le Marchand d´eponges“ basiert auf der Erzählung „Cinq Francs Piéce“ von Fred Vargas , die 2002 in Paris erschien. Zuerst war also die Geschichte da, dann
Read More Mysteries und Mysterien – Blendwerk, Tricks, Zauberei und Kriminalliteratur haben viel miteinander zu tun. Sehr viel sogar. Friedemann Sprenger hat sich wohlgemut durchs einschlägige Material gewühlt. Die Crux mit den riesigen, kiloschweren Prachtbänden des Taschen Verlages ist zugegebenermaßen eine Luxus-Crux: Man versinkt darin, schaut sich Bilder an, macht sich Notizen, findet. Das reicht noch nicht, man macht zwei Wochen später weiter, das gleiche Spiel, viel zu viel Material, man will nichts übersehen und so weiter. Dann ist plötzlich ein Jahr um, und der Tomus ist immer noch nicht erschöpfend behandelt.
Read More Wir denken bei Thailand automatisch an Sex-Business, Sex-Tourismus, Korruption und organisierte Kriminalität. Von außen. Christopher G. Moore lebt in dieser Gesellschaft. Heute berichtet er über unser heimliches Thema das Tages: Politik und Verbrechen. Enjoy … Revenge or Reconciliation The Monty Hall problem involves choosing a door with a prize as opposed to a lion that will leap out and eat you. When a crime has been committed, The Monty Hall problem provides two doors to choose from: one gives the victim revenge against the perpetrator, the other door requires the
Read More KickAss – Bloody Splinters aus dem ganz normalen Branchenwahnsinn. David gegen Horsti – Viel Freude macht uns der Grafit Verlag! Hatten wir neulich schon das Vergnügen, die Sachkompetenz der Verlegerin zu bestaunen, liefert die neue Verlagsvorschau die nächste Verblüffung: Dort wird nämlich der neue Roman von Horst Eckert: „Schwarzer Schwan“, beworben mit dem Hinweis: „Für Leser von John Grisham, John le Carré, Simon Beckett etc.“ Wer „etc“ ist, wollen wir lieber nicht wissen. John Grisham, okay, der hat eine ordentliche Gesinnung und schreibt schlichte Prosa, das käme hin. Allerdings hat
Read More Bonnie And Clyde von Serge Gainsbourg Vous avez lu l’histoire De Jesse James Comment il vecut Comment il est mort Ca vous a plus hein Vous en d’mandez encore Et bien Ecoutez l’histoire De Bonnie and Clyde Alors voila Clyde a une petite amie Elle est belle et son prenom C’est Bonnie A eux deux ils forment Le gang Barrow Leurs noms Bonnie Parker et Clyde Barrow Bonnie and Clyde Bonnie and Clyde Moi lorsque j’ai connu Clyde Autrefois C’etait un gars loyal Honnete et droit Il faut croire Que
Read More Die umgestülpte Welt – Ein bisschen ist der Umgang mit Phänomen wie Komik, Humor, Witz und so weiter schon eine Art Lackmus-Test oder ein Shaftesburyscher Prüfstein für intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit. Wer in Rezensionen Sätze brabbelt wie: „mit einer gehörigen Prise Humor gewürzt“ oder „Humorkrimi“, oder wer „Humor“ mit „Komik“ verwechselt, wenn es um die Funktionen der vis comica in Texten oder anderen Kunstwerken geht, gibt damit im Allgemeinen schon zu erkennen, dass er entweder unempfindlich, ahnungs- und verständnislos der nach Jean Paul gar „weltzernichtenden“ Kategorie des Komischen gegenübersteht oder – vermutlich
Read More Flüchtige Sentimentalität der Dinge – Geben wir es lieber zu, werte Leser, wir sind doch alle Voyeuristen. Wir lesen nicht der edlen Regung wegen, sondern um in fremden Küchen, Wohnzimmern, Betten, Herzen und Unterwäschen herumzuschnüffeln. Gut, manche haben eine noch geradeso geltende Ausrede, sie seien nicht wegen der Beziehungskisten, sondern der Sprache, des Stils wegen im Roman unterwegs. Die noch wenigeren genießen die diplomatische Immunität eines Literaturwissenschaftlers, der sowieso alles lesen kann, darf und muss. Den Rest der Leserschaft interessiert aber eigentlich nur wer mit wem. Und wenn nicht, wieso.
Read More Posted On Mai 25, 2011By Carl Wilhelm MackeIn Bücher, Litmag
Emir Suljagic: Srebrenica – Notizen aus der Hölle – Aus aktuellem Anlass erinnert Carl Wilhelm Macke an ein erschütterndes Buch, das bereits Ende 2009 erschienen ist und fragt sich bei der Lektüre des Berichts über diesen Symbolort des Schreckens, ob Srebrenica vielleicht sogar irgendwann einmal zu einem Symbolort des Friedens auf dem Balkan werden kann. Die Verhaftung von Ratko Mladic‘ steht nicht am Ende dieses Prozesses, sondern ist immer noch ein wichtiger Schritt auf einem noch langen Weg. Während der Belagerung von Srebrenica wurden alle Briefe, die die Stadt verließen
Read More Straelen – Isabel Bogdan begibt sich für CULTurMAG ins Handgemenge mit den Dingen und probiert skurrile, abseitige und ganz normale Sachen aus. Manchmal hat sie allerdings gar keine Zeit zum Sachenmachen, sondern muss arbeiten. Straelen ist eine Kleinstadt am Niederrhein, kurz vor der niederländischen Grenze. Straelen hat rund 15.000 Einwohner, ein großes, grünes Sofa, eine der höchsten Geburtenraten der Republik und irgendwie anrührende Brunnen. Wenn man einmal durch alle Straßen der Innenstadt geht, ist man nach zehn Minuten überall gewesen. Über Mittag sind die Geschäfte geschlossen, mit ein bisschen Pech
Read More Postkarten ohne Idyll – In Zeiten von Facebook mit einem „Postkartenroman“ zu debütieren, klingt ziemlich gewagt. Der 1977 geborene Marco Dzebro hat es geschafft, für solch ein anachronistisch klingendes Vorhaben einen Verlag zu finden: Den noch jungen Verlag Asphalt & Anders, der sich in der Eigendarstellung als „urban und rau“ beschreibt. Von Frank Schorneck. Als urban und rau ließe sich auch „Dorian“ charakterisieren, nur als Roman funktioniert dieses Buch überhaupt nicht. In einer Art Vorbemerkung wird den folgenden Texten eine fiktive Herausgeberschaft zugeordnet. Demnach habe der Autor Marco Dzebro in
Read More Tamam shud 1 bild / 100 worte Zeit: 1. Dezember 1948; Ort: Somerton Strand in Adelaide, Australien; X bezeichnet die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde. Der Mann war Anfang 40, in guter körperlicher Verfassung, Todesursache: Gift. In einer geheimen Tasche seiner Hose fand sich ein Papierfetzen, herausgerissen aus einer Übersetzung des „Robaiyat“ von Omar Khayyam (12. Jh.) mit den persischen Worten: TAMAM SHUD („fertig“), möglicherweise die Spur zum Schlüssel für eine kodierte Botschaft, die bis heute unlesbar bleibt… „Der Forschung Meister, die zum Dunkel drangen – Der Tugend Leuchten,
Read More Der „Regio-Krimi“ hat viele Aspekte, CrimeMag diskutiert sie (Links siehe unten!) Ein Essay von Ulrich Baron beschäftigt sich in zwei Teilen mit der „local knowledge“ und dem Argument, im Grunde sei jeder Krimi ein Regionalgrimmi … „Es gibt so viel Wissenswertes über Erlangen“ (Foyer des Arts) „Eben nicht“ (Samuel Beckett) Nicht alles, was irgendwo spielt, ist ein Argument für den Regio-Krimi (Teil 1) I. Nicht allzu weit weg von Marsvinsholm Es muss wohl ein bedingter Reflex sein, der mich erschaudern lässt, wenn ich beim Öffnen eines Buchpaketes Wörter wie „Norden“,
Read More Liebes CrimeMag-Publikum, in unserer heutigen Kompakt-Ausgabe konterkariert Ulrich Baron im ersten Teil eines Essays den Gemeinplatz, im Grunde sei jeder Krimi ein Regionalkrimi, weil er ja irgendwo spielen müsse. Carlo Schäfer hat den Fehler gemacht, sich einen „Tatort“ anzusehen. Lesen Sie, warum das fatal sein kann. CrimeMag freut sich, Ihnen heute einen neuen Primär-Text von Guido Rohm präsentieren zu können: „Deine Frau geht fremd.“ Die Bloody Chops sind heute multimedial: Mike Wuliger über Kosher-Nostra-Songs, Joachim Feldmann über einen noch nicht übersetzen Roman von Don Winslow und Thomas Wörtche über vier
Read More Beachten Sie heute bei Carlos, was passieren kann, wenn man a) fernsieht, b) den „Tatort“ und c) auch noch kommentierende Presse erwischt. Das ist nicht schön! Soso, lieber STERN: Zieht man seinen überladenen Beginn und einige klischeehafte Gefühlsduseleien ab, ist ihm ein hochemotionaler und spannender „Tatort“ gelungen – in dem Mord fast zur Nebensache geriet. Die Rede ist vom dieswöchigen: „Der illegale Tod“ Wer wagte zu wiedersprechen – ich möchte nur in aller Demut einige Beobachtungen aufführen, die mir am Sonntagabend das volle Wohlgefühl verdarben, die praktisch schon gebuchte
Read More Bloody Chops – heute akustisch von Mike Wuliger (Wu), literarisch von Joachim Feldmann (JF) und visuell von Thomas Wörtche (TW). Kosher Nostra Music (Wu) Wenn Benjamin „Bugsy“ Siegel in den 30er-Jahren seinen Lieblingsnachtklub betrat, stimmte die Kapelle stets die Melodie von „My Yiddische Mamme“ an. Bugsy musste dann weinen und gab den Musikern dicke Trinkgelder. Der Gangster war nicht nur ein psychopathischer Killer, sondern auch ein sentimentales jüdisches Jingele. „My Yiddische Mamme“ gibt es auf der neuen CD „Kosher Nostra“ in gleich zwei Fassungen zu hören, dem Original von Sophie
Read More Views from Bangkok – Wir denken bei Thailand automatisch an Sex-Business, Sex-Tourismus, Korruption und organisierte Kriminalität. Von außen. Christopher G. Moore lebt in dieser Gesellschaft. Heute denkt er über Macht nach, über Neutralität, über Interessen und Realpolitik. Polit-Thriller-Themen suis generis … The End of Neutrality I grew up in a world where it was expected that judges and juries would be neutral. That neutrality was an essential mechanism to resolve conflicts. Countries were also neutral. Places like Sweden and Switzerland had a long history of not taking sides; by staying
Read More Der Tod von EAV Es ist Zwölfe bei der Nacht, draußen geht der Sturm. Die Totenglocken läuten, schon wieder muass ana in die Gruab’n! Der Tod ist ein gerechter Mann, ob du oarm bist oder reich. „G’sturb’n ist g’sturb’n“, sagt der Wurm. Als Leich‘ ist jeder gleich. Du kannst dein Lebtag faul sein oder umeinander g’schaftln. Fünf Tag nachdem der Tod eintritt fangt jeder an zum Saftln! Und wie ich so dahin sinnier über’n Sensenvater Hör ich draußen einen Schrei: Der Alk g’friert in der Ader! „Jedermann!“ „Jedermann!“ Schwarzer Mantel,
Read More Jelineks Mohntorte – Fast ist es, als ob man in den samtgrün gepolsterten Sesseln des Café Jelinek versänke und nie wieder hochkäme. Wahrscheinlich soll hier keiner so schnell wieder fort. Das Kaffeehaus im 6. Wiener Bezirk ist das erweiterte Wohn- und Besprechungszimmer von Reto Ziegler, dem Literaturverleger der Edition Korrespondenzen, den ich Ende März hier treffe an dem Tisch dicht beim Bollerofen. Der wird heute vom Ober immer wieder mit Holz gefüttert und soll hundert Jahre alt sein. Dann der Name: Jelinek kommt aus dem Tschechischen und bedeutet „Hirschchen“, sagt
Read More Barcelonas mysteriöse Zwischen-Räume – Ein Junge namens Oscar Drai schleicht in ein altes Haus, in dem ein alter Maler lebt, dessen wunderschöne Tochter sich trotz schwerer Krankheit zusammen mit dem Jungen auf den Weg macht, um uralte Geheimnisse und Verschwörungsszenarien zu lösen: Eine verstummte Opernsängerin spielt da eine Rolle; ein Arzt, der ein geheimnisvolles Serum hütet; ein Mann, der dem Tod eine Schnippe zu schlagen versucht und dabei zum Monster für die Lebenden wird. Eine Fieberfantasie? Nein, der Roman „Marina“ von Carlos Ruiz Zafón. Von Ulrich Noller Manchmal braucht man
Read More