Peter Münder: Umschalten in der Perma-Krise Mit Messi die Wirtschaftsprobleme ausblenden, mit Klaus Pohl die Theaterkrise bewältigen, mit Marc Hamer gärtnern, dichten, Bücher schreiben, Maulwürfe beseitigen und die Sinnkrise als Zen-Buddhist neutralisieren Trotz all der Katar-Querelen um Kapitäns-Armbinden, kriminelle Arbeitsbedingungen beim Bau der Stadien mit etlichen hundert Toten und dem hyper-korrupten FIFA-Boss „Infantilo“ war es doch enorm erhellend, von den WM-Experten bei TV-Runden zu hören, wie ein mittelmäßiger Kader zum Sprint in höhere Meisterklassen und sogar bis ins Endspiel zur Krönung eines linksfüßigen Messias motiviert werden kann: Nämlich mit einem „Umschalt“-Trainer, der
Read More Jenseits von Kunst und Können Alle fünf Jahre hat man, wenn man in Kassel wohnt, plötzlich eine Menge Freunde: sie suchen während der 100 Tage dauerndern documenta nach einer Möglichkeit, möglichst kostenfrei in der Stadt an der Fulda zu übernachten. Diesmal nicht. Ironischerweise gerade dann, wenn wie bei dieser 15. Ausgabe das Motto „Make friends“ kursiert. Was, zugegeben, nur die halbe Wahrheit ist. Vollständig lautet die Aufforderung „Make friends not art“: und es ist der zweite Teil des Satzes, der viele von einem Besuch der diesjährigen documenta abhält. Anfang 1965 hat die Hippiekultur
Read More Regina Nössler: Mein Schreibtisch und Putin Ich weiß nicht mehr, was ich am 24. Februar gemacht habe, abends sicher im Bett gelesen, denn das tue ich fast immer, und mit großer Wahrscheinlichkeit war es ein Krimi. Wie die meisten war und bin ich entsetzt über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Und im Verlauf der folgenden Monate – Ende des Winters, Frühling, heißer Sommer samt Dürre, Europa brennt – kam mir der Kalte Krieg im Nachhinein irgendwie gemütlich vor. Das Genre, in dem ich schreibe und das ich auch am
Read More „In jeder Zeile Neugier, Interesse, Lebenslust…“ Sie verstarb am 30. Dezember 2021, zu knapp für einen Nachruf in unserem Jahresrückblick vor einem Jahr. Aber nicht nur deshalb gebührt Ponkie ein eigener Auftritt hier in dieser Ausgabe. Sie war die Grand Dame der TV- und Filmkritik, 70 Jahre aktiv, hat ihr journalistisches Lebenswerk in einem Boulevardblatt gemeistert – und sie hat uns Perlen der Wortakrobatik hinterlassen. Wir freuen uns, Ihnen exklusiv Auszüge aus ihrem „Alphabet von Ponkismen“ präsentieren zu können. Zusammengestellt wurde das Buch „Elfmeter ins Gehirn“ von ihrem Sohn Uli
Read More Andreas Pflüger: Atemlos nach Florida Ein glückliches Ehepaar ist pleite; der Vermieter von Tom und Gerry Jeffers will die beiden aus ihrer Wohnung schmeißen. Doch Gerry, gespielt von Claudette Colbert, weiß seit einer Begegnung mit dem Wurstkönig Wienie King um ihre betörende Wirkung auf ältere reiche Männer. Sie verfällt auf die Idee, sich in Florida einen Millionär zu angeln, um ihrem geliebten Tom die berufliche Karriere zu ermöglichen, von der er träumt. Wie Preston Sturges das in Tempo und Witz umsetzt, bringt mich zum Niederknien. »Du hast keine Vorstellung, was
Read More Vorbemerkung: Das ist der erste von zwei Teilen eines Textes, dessen Ursprungsfassung ich für Ulrich Peltzer schrieb, der (mit wenigen anderen) das Fach „Literarisches Schreiben“ in der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) aufbaute, aus Anlass seines altersbedingten Ausscheidens aus der Hochschule. Alles Gute für die Zeit nach der KHM, Ulrich! – Der zweite Teil dieses Textes erscheint bei uns in der Februar-Ausgabe 2023, d. Red. Teil I Zu Beginn: Ausgangspunkt dieser kleinen Geschichte der deutschen Übersetzungen des Romans À la recherche du temps perdu von Marcel Proust war eine Beobachtung eines Lesers, Jochen
Read More Ivy Pochoda Often it’s hard to choose favorites. Not this year. In 2022 two books written by two badass women distinguished themselves for me. The first is „Mecca“ by Susan Straight. This multilayered story shines a light into the real Southern California taking us into a series of desert enclaves, revealing the lives of indiginous, Chicano, and Latino communities too infrequently portrayed in fiction. „Mecca“ is a novel that is equally poetic and tough and contains a bit of a noir surprise within. Speaking of poetic and tough—dude, „Pity The
Read More Sybille Ruge: Vertrauen in die Katastrophe „Unter dem Einfluss des allgemeinen Überschwangs verwandelt sich der unscheinbarste und harmloseste Bürger in einen Helden oder Henker.“ (Durkheim „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ S.290) Stau. Auf der Autobahn stand der Verkehr. Ein idyllisches Morgenrot über dampfendem Blech. Ich stieg aus dem Wagen und ging nach vorn. Vor mir ein Spektakel mit Bedürfnis nach illustrierter Sinnlichkeit. Die Aktivist*innen waren mir aus den sozialen Medien bekannt. Sie verwendeten eine Rhetorik, die man neureligiösen Gruppen zuschrieb. Mit vielen Worten immer das Gleiche sagen. Ich fragte
Read More Frank Schorneck: Jahr 2022 … die überleben wollen Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal den Spielfilm „Soylent Green“, der den deutschen Titel „…Jahr 2022 … die überleben wollen“ trägt, gesehen habe. Irgendwann in den 1980ern als Jugendlicher; in einer Zeit, als zwar die nukleare Bedrohung greifbar war zwischen Tschernobyl und Pershing II, das Jahr 2022 selbst aber in schier unglaublicher Ferne zu liegen schien (schon 2000 galt ja irgendwie als magische Jahreszahl). Nun befanden wir uns sich plötzlich in dem Jahr, in dem diese Dystopie spielt
Read More David Whish-Wilson This year’s highlights for me are a bit thin on the ground, but are ones I feel strongly about. Firstly, to television – Australian black comedy crime series Mr In-Between is an absolute must-watch – it’s so fucking understated and clever, and brilliantly written and acted too. It’s the best crime television I’ve seen in years, describing the sometimes domestic and sometimes absurd and sometimes chilling life of a hitman, Ray Shoesmith, who’s just trying to get by. Kudos to the writer and lead actor Scott Ryan, and
Read More KASPERLES ENDSPIEL I. AKT VORHANG auf (links ein paar Bäume (Wald), rechts ein bisschen blau (Fluss) und in der Mitte etwas grüne Wiese) KASPERLE (tritt von links hinten auf die Bühne, singt) Tri tra trullala, Der Kasperle ist wieder da. (Schaut ins Publikum, keine Reaktion. Nun mit mehr Nachdruck). Der. Kasperle. Ist. Wieder. Da. (Pause. Nichts regt sich). Ja mei. GRETL (tritt von rechts hinten herzu): Also Kinder. Wenn ihr jetzt ein bissel Obacht gebt, dann machen wir nachher ein Selfie miteinander. Das gibt jede Menge Likes, sage ich
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