Ein Held der Arbeiterklasse
Zum Tod von Len Deighton
1962 war für das Literaturgenre des Politthrillers ein besonderes Jahr.
Ian Fleming verlor immer mehr die Freude an seiner Schöpfung James Bond, in „Der Spion, der mich liebtet“ tauchte 007 nur noch als Nebenfigur auf.
John le Carré legte mit „Ein Mord erster Klasse“ den zweiten Smiley-Roman (ein Whodunnit) vor.
Frederick Forsyth hatte zwar noch kein Buch geschrieben, arbeitete aber als Korrespondent für Reuters in Paris und Ost-Berlin und legte damit die Grundlagen für seine späteren Bestseller.
Und in Großbritannien hatte Len Deighton, ein junger Streuner, der gerade als Illustrator für Kochrezepte im London Observer arbeitete, seinen Debütroman beendet.

„The IPCRESS File“ (deutsch „IPCRESS – Streng geheim“) war so ganz anders, als die Bücher seiner Zeitgenossen. Zunächst mal hatte sein Protagonist keinen Namen (in den Filmen, in denen er von Michael Caine gespielt wurde, hieß er Harry Palmer), er war kein sadistischer Frauenverächter – wie James Bond –, aber auch kein Feingeist, der deutsche Barocklyrik bewunderte, wie George Smiley. Der Nameless Spy von Len Deighton lebte in einem kleinen Appartement mit Kochnische, rauchte Gauloise auf Kette, er trägt keine Markenklamotten von Burberry, sondern einen Regenmantel von C&A. Und er hat für seine Upperclass-Vorgesetzten, von Dalby, dem Leiter der kleinen Militärgeheimdienstabteilung W.O.O.C.(V), bis hoch zum Innenminister, nur Verachtung übrig. Der Nameless Spy ist ein Proll, ein „Working Class Heroe“, der stolz auf seine Herkunft ist und seinen Auftrag – er muss einen verschwundenen Biochemiker finden – mit größter Skrupellosigkeit erfüllt.
Da trifft sich die literarische Schöpfung durchaus mit der Lebensgeschichte seines Schöpfers. Leonard Cyril Deighton wurde am 18. Februar 1929 im Londoner Marylebone-District geboren, der Vater war Chauffeur, die Mutter Köchin aus Irland. Die Familie lebte im Haushalt der Familie Campbell Dodgson, einem der Leiter des British Museum, der neben den Deightons 15 Angestellte hatte. Hier konnte Len bereits als Junge das britische Klassensystem beobachten. Die direkte Nachbarin war die berühmte russische Emigrantin Anna Wolkoff, für die Deightons Mutter auch manchmal kochte. Wolkoffs Modehaus arbeitete für den britischen König Edward VIII., sie war aber auch Mitglied einer antisemitischen Pro-Nazi-Gruppe, die im May 1940 von der Special Branch wegen Spionage verhaftet wurde. Der elfjährige Len beobachtete die nächtliche Aktion vom Fenster seines Kinderzimmers.
Der 2. Weltkrieg beendete Deightons schulische Karriere, er arbeitete zunächst als Kurier, später für die britische Eisenbahngesellschaft. 1946 trat er als Fotograf der Special Investigation Branch in die Royal Air Force ein. Später studierte er am Royal College of Art, bevor eine Zeit des beruflichen Suchens begann. Len Deighton arbeitet als Kellner, in einer Konditorei, Stewart der British Overseas Airways Corporation, Englisch-Lehrer in Frankreich, Nachrichtenfotograf, Direktor einer Werbeagentur und schließlich – wie schon erwähnt – Illustrator. In einem Interview mit dem Magazin Argosy aus dem Jahr 1969 bezeichnete er sich selbst als den „ungebildetsten Schriftsteller aller Zeiten“.
„The IPCRESS File“ war ganz offensichtlich beeinflusst von den großen Vorbildern der britischen Spionageliteratur, John Buchan und Sapper (d.i. Herman Cyril McNeile), die flotte Härte, die schnippischen Dialoge und die namenlose Hauptfigur verweisen jedoch auf ein anderes Vorbild: auf Dashiell Hammett (hallo Continental Op). Dass es danach zunächst noch vier Fortsetzungen mit dem anonymen Spion gab, erklärte Deighton damit, dass er mit seinem Erstling unzufrieden war und das Buch vom Verlag – trotz exzellenter Kritiken – eher stiefmütterlich behandelt wurde.

Ausgerechnet der MGM-Produzent Harry Saltzman, der schon Ian Flemings Bond-Romane in die Kinos gebracht hatte, erkannte das Potenzial von Deightons Buch. 1965 lief „IPCRESS“ auf der Leinwand an, ganz bewusst als realistische, actionarme Alternative zu den immer aufwändiger werdenden 007-Spektakeln angelegt. Neben Saltzman waren auch die Bond-Recken Peter R. Hunt (Schnitt), John Barry (Musik) und Ken Adam (Produktionsdesign) an Bord.
Absolut irrelevantes Partywissen für Spezialisten: In Michael Caines Filmküche hängt ein von Deighton gezeichneter Rezept-Cartoon aus dem Observer an der Wand. Und das Video der Band Madness zum Song „Michael Caine“ (1984) bezieht sich komplett auf „IPCRESS“.„Das Beste am Bücherschreiben“, sagte Deighton mal in der BBC-Sendung „Desert Island Discs“, „ist, auf einer Party zu sein und einem hübschen Mädchen zu erzählen, dass man Bücher schreibt. Das Schlimmste ist, an der Schreibmaschine zu sitzen und tatsächlich das Buch zu schreiben.“
1966 folgte die Verfilmung des dritten Nameless-Spy-Romans „Funeral In Berlin“ („Finale in Berlin“) unter der Regie des Bond-Routiniers Guy Hamilton (mit vielen deutschen Stars wie Paul Hubschmid, Eva Renzi, Heinz Schubert, Wolfgang Völz, Herbert Fux und Rainer Brandt), ein Jahr später inszenierte der schrille Regisseur Ken Russell „Billion Dollar Brain („Das Milliarden-Dollar-Gehirn“) als bizarre Persiflage auf James Bond (u.a. mit Oscar Homolka als russischen General und Karl Malden als US-Milliardär). Über die beiden filmischen Nachklapper „Bullet To Beijing“ (1995, Der rote Tod“) und „Midight In St. Petersburg“ (1996, „Herren der Apokalypse“) breiten wir mal den Mantel des gnädigen Schweigens.
Zwischen seinen Agentenromanen wandte sich Len Deighton auch immer wieder anderen Sujets zu. Da gab es extrem unterhaltsame Kochbücher wie „Où est le garlic?“, kluge militärhistorische Werke wie „Bomber“ und den großartigen Alternativweltroman „SS-GB“, der nur aufgrund seines Covers in Deutschland indiziert wurde. Besonders „Bomber“ ist ein bemerkenswertes Buch, nicht nur weil Lemmy Kilmister eine ganze Motörhead-LP danach benannt hat. „Bomber“ war vermutlich der erste Roman, der komplett auf einem IBM Magnetic Tape Selectric Typewriter (MT/ST), einem Vorgänger des Computers, entstanden ist. Der 90 Kilo schwere Trumm, der 1968 in Deightons Haus installiert wurde, war so groß, dass die Techniker einen Kran benutzen und ein Fenster entfernen mussten. Deighton war ein selbsterklärter Technik-Nerd, der zu hause eine Telex-Maschine (Vorläufer des Faxgeräts) und ein Autotelefon sein eigen nannte. Als Hans Dampf in allen Gassen produzierte Deighton auch noch das Bühnenmusical „Oh! What A Lovely War“, das dann – auch unter seiner Mitwirkung – zum Regiedebüt von Richard Attenborough wurde. Die miese Erfahrung, die er in diesem Teil des Geschäfts macht, inspirierte ihn 1972 zu dem Roman „Close-Up“ („Nahaufnahme“).
Doch in das Agentengeschäft kehrte er immer wieder zurück, zunächst mit der zwischen 1974 und -76 entstandenen Trilogie „Spy Story/Yesterday’s Spy/Twinkle, Twinkle Little Spy“ („Eiskalt/Nagelprobe/Sahara-Duell“)“, die die Geschichte des Nameless Spy fortführte. Ab 1983 entstand eine ganze Serie von Trilogien um den MI5-Agenten Bernard Samson: „Berlin Game/Mexico Set/London Match“ („Brahms Vier/Mexico Poker/London Match“), „Spy Hook/Spy Line/Spy Sinker“ (1988-90, „Geködert/Gedrillt/Gelinkt“) und „Faith/Hope/Charity“ (1994-96, keine deutsche Veröffentlichung, was ich dem Verlag Ullstein immer noch persönlich übel nehme) wurden verbunden durch den historischen Roman „Winter – A Berlin Family 1899-1945“ (In Treu und Glauben“), einem der besten Berlin-Romane aller Zeiten, stilistisch ähnlich sarkastisch und immer etwas wurstig erzählt, wie seine frühen Werke.

Bernard Samson ist eine arme Sau im Geheimdienst. Gerade ist seine Ehefrau Fiona, ebenfalls MI5-Agentin, zu den Sowjets übergelaufen, was ihn im Haus nicht gerade zum Mitarbeiter des Monats macht. Verzweifelt versucht Bernie seinen Namen rein zu waschen und gleichzeitig die Hintergründe des Verrats aufzuklären. Die Samson-Serie war ein typisches Produkt der letzten Phase des Kalten Krieges. Am Ende der Bücher war ein und derselbe Sachverhalt aus so vielen verschiedenen Perspektiven erzählt (u.a. auch aus der der „Verräterin“ Fiona), dass der Leser unmöglich noch wissen kann, was wahr und was gelogen ist. Was bleibt ist eine der beeindruckendsten Sichten auf das 20 Jahrhundert, eine kunstvolle Verschlingung von äußerer und persönlicher Geschichte, ein Meisterwerk.
Und dann … schaltete Len Deighton seinen Schreibcomputer einfach ab. Oh, er arbeitete durchaus weiter, schrieb hier ein Vor- oder Nachwort, dort eine Hommage-Kurzgeschichte für einen Kollegen, verfasste nur für sich selber eine Geschichte des Füllfederhalters. Viele Interviews hatte er sowieso nie gegeben, jetzt reduzierte er seine öffentlich Person auf ein Minimum. Auch wenn es kaum Zweifel daran gibt, dass Brian Freemantles zynischer Agent Charlie Muffin oder Mick Herrons aktuelle Roman- und TV-Serie um Jackson Lamb und die Agenten des „Slough House“ stark von Deighton beeinflusst wurden, mit der Zeit verschwanden seine wunderbaren Bücher aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Daran änderten auch die BBC-Serie zu „SS-GB“ (2017) und „IPCRESS File“ (2022) nicht mehr.
Ein Nachruf verwies auf die stilistische Ähnlichkeit mit Dashiell Hammett und nannte Deighton den „Propheten eines neuen, korrupten Zeitalters“.
Lutz Göllner
Anm. d. Red.: Im Kampa-Verlag wird gerade die erste Bernie-Samson-Trilogie wieder neu aufgelegt wird. Wir hoffen, dass das verlegerische Engagement bis zur dritten Bernie-Trilogie reichen wird… Es handelt sich um:
Spy Hook (1988) Spy Line (1989) Spy Sinker (1990) Faith (1994) Hope (1995) Charity (1996). Schöne Details finden sich im Blog „The Deighton Dossier“ …




































