Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Verlust – und trotzdem weitermachen, es versuchen

Patti Smith: M Train

Von Ingrid Mylo, aus gegenwärtigem Anlass

Sie verliert dauernd etwas, Dinge von Wichtigkeit: ein Notizbuch, ein Flugzeugticket, den ihr von einem Freund vermachten schwarzen Mantel, den Umschlag mit den Fotos, die sie von Sylvia Plaths Grab gemacht hat. Verschwunden: wie die Kamera, die sie auf einer Bank in Rockaway Beach hat liegen lassen, wie Murakami Harukis Roman ‚Mr Aufziehvogel‘, der in Houston auf der Flughafentoilette blieb.

Verschwunden aus ihrer greifbaren Welt und umso präsenter in ihrer Vorstellung, in ihrem Gefühl: Patti Smith hält an dem fest, was einmal zu ihr gehört hat. Auch wenn es nicht mehr da ist.

„Nichts läßt sich je wirklich ersetzen“, schreibt sie, und die vermissten Dinge in ihrem Kopf sind wie Amulette, mit denen sie die fassbare Trauer beschwört, um die fundamentale in Schach zu halten. Die Trauer um die, die ihr nahestanden und gestorben sind. Die Trauer vor allem um jenen einen, dessen Verlust ihr den Boden unter den Füßen weggezogen hat: Fred, ihr Mann: seinen Tod, zwanzig Jahre her, kratzt sie mit kaum einem Wort an. Doch sie besingt die Zeit mit ihm, den Alltag und die Abenteuer, früher, und kehrt dann in die Gegenwart zurück, in ihre New Yorker Behausung: und die Fallhöhe zu dem, was ihr Leben jetzt ausmacht, ist immens: „Ein bisschen Mezcal. Ein bisschen Onanieren, aber meistens nur Arbeit.“

Patti Smiths Erinnerungen greifen tief in die Saiten der Seele. Sie reist viel, streift durch die Strassen von Madrid, Berlin oder Tokio, erzählt vom Fotografieren, von den Selbstmorden so vieler Dichtern, von der verheerenden Heimsuchung des Wirbelsturms Sandy im Herbst, erzählt von ihren drei Katzen (und eine von ihnen hat ihr an einem Geburtstagsmorgen, da wurde sie 60, aufs Kopfkissen gekotzt), erzählt von ihren Träumen, von der Schließung ihres Cafés, in dem sie die Tage rituell mit Kaffee, Vollkorntoast und Olivenöl begonnen hat, alles ganz prosaisch, ganz unmittelbar. Und dann wieder, so einfach, wie andere Tische abwischen oder Blumen gießen, fertigt sie aus Wörtern ganz unterschiedlicher Textur poetische Ornamente voller Rätsel und bunter Federn.

Und fortwährend und überall spürt man in ihren Zeilen vor allem eins: wie elend allein sie bei jedem Schritt ist. Ihre Sätze schlagen wie Türen in einem offenstehenden Haus, durch das die Vergangenheit weht. „Komm endlich zurück“, schreibt sie und meint Fred. „Du warst lange genug fort.“

© 2016 ingrid mylo

Patti Smith: M Train. Erinnerungen aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 330 Seiten, 19,99 Euro.

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