
Als die Briten in die Skifahr-Berge kamen …
Ein historischer Reiseführer englischer Alpen-Pioniere lässt den heutigen Skiurlaub ganz neu planen und erleben. Die Weiße Branche im Wandel. – Von Sebastian Knauer.
Josiah Gilbert & George C. Churchill: Die Entdeckung der Dolomiten (The Dolomite Mountains. Excursions Through Tyrol, Carinthia, Carniola, & Friuli In 1861, 1862, & 1863; 1964). Herausgegeben von Erwin Brunner. Edition Raetia, Bozen 2018. Format 12,5 × 19 cm. 320 Seiten, Hardcover mit Illustrationen, 24,90 Euro.
Wenn die ersten Schneeflocken über Deutschland niedergehen, ist das Thema wieder im Familienrat aktuell: Wohin fahren wir eigentlich dieses Jahr zum Skifahren? Allgäu, Kitzbühel, Lech, Belalp, Les 3 Valleés, Tirol oder eben in die Dolomiten.
Die Südtiroler Berglandschaft ist heute bekannt als Super Ski Dolomiti mit dem Motto Endless Fun und dem größten zusammenhängenden Skizirkus der Welt auf 1200 Kilometern Pisten. Der Tagespass zum Preis von derzeit rund 80 Euro öffnet eine chipgesteuerte Welt von Drehkreuzen, Automatiktüren und piepsenden Sensoren – nicht gerade der Sound der angeblich stillen Bergwelt. Zu erreichen sind damit für Flachlandtiroler – ruckzuck – auch abgelegene Hütten mit den globalisierten Knödeln des Metro-Großmarkts oder auch Berggastronomien, die Fünf-Sterne-Menüs mit frischen Austern, Hummer oder Kobe-Rind anbieten. Im hochalpinen Arabba sogar als Candle Light Dinner mit einem nächtlichen Seilbahntrip hinauf auf fast dreitausend Meter Höhe.
Kein Gipfel hat seine Ruh’.
Halogenlampen beleuchten nach Einbruch der Dunkelheit die Pisten und den Aufmarsch der sogenannten Schneekatzen wie außerirdische Eindringlinge, die den Kunstschnee für den nächsten Tag in Form bringen.



Das war mal anders. Als die beiden Engländer Josiah Gilbert, ein Maler, sowie der gut situierte Wissenschaftler George C. Churchill Mitte des vorletzten Jahrhunderts beschlossen, ein unbekanntes Gebirge im Süden des Habsburger Reiches zu erkunden, waren sie die ersten ausländischen Touristen in den Dolomiten.
Bereits 1858 hatten sie diese zerklüftete geheimnisvolle Bergwelt auf der Rückreise von Venedig gestreift. Im Sommer 1861 organisierten die beiden britischen Bergfans zusammen mit ihren selbstbewussten Ehefrauen eine Reise zu viert. Es sollte eines ihrer aufregendsten Abenteuer werden, das sich 1864 in einem Buch niederschlug. Titel: „The Dolomite Mountains“.
In London, weiß Gott ausreichend gesegnet mit exzentrischen, spleenigen Briten, wurde der Reisebericht im Jahr seines Erscheinens „talk of the town“.
So berichtet es der Journalist Erwin Brunner, der den früheren Alpen-Bestseller zur Vorbereitung einer Titelgeschichte anlässlich der Anerkennung der Dolomiten als „Unesco-Weltnaturerbe“ aus der Versenkung und dem Vergessen holte. „Ich musste das Reisebuch nur von der Zeitkruste und dem Staub des 19. Jahrhunderts befreien“, sagt er.
Brunner weiß, wie so etwas geht. Als langjähriger Chefredakteur der deutschen Ausgabe von National Geographic im Verlag Gruner+Jahr hat er monatlich die verborgenen und unbekannteren Seiten der großen weiten Welt aufgeblättert. Erleichternd kommt hinzu, dass der geborene Südtiroler aus Olang im Pustertal, der sich in seinem Häuschen an der niedersächsischen Unterelbe, Böden aus Lärchenholz hat einbauen lassen, ein Bergmensch im Herzen geblieben ist.

Und diesen Menschenschlag erlebten Gilbert und Churchill auf ihren insgesamt drei Reisen in die Dolomiten. In Bad Ratzes am Fuß des Schlern nehmen die englischen Gäste nach dem Aufstieg von Bozen ihr Quartier: „Einen ruhigeren Winkel der Welt kann es nicht geben. Hier hat der Mensch noch nicht gelernt, sich gegen die Natur aufzulehnen und jene ‚Grandhotels’ zu bauen, die den Reisenden mit Eaux chaudes und Eaux bonnes überraschen. Mögen die Schatten des Schlern noch lange auf nichts Künstlicheres fallen, als auf dieses bescheidene Dach, das unter den dunklen Fichten verborgen ist.“
Die Beschreibung des Unterhaltungsprogramms zu Zeiten der Touristenpioniere Gilbert & Churchill mutet an wie der Bericht aus einer untergegangenen Welt: „Im Speisesaal stand Tanz auf dem Programm. Die alten Leute saßen längs der Wände an den Tischen, und junge Paare tanzten ausgelassen zu den Klängen einer Gitarre und einer Maultrommel. Ich stellte mich in eine Ecke und genoss die Lustbarkeit. Es wurde viel gelacht und gescherzt, und ohne Zweifel gab es nicht wenige Liebeständeleien. Auch die Kellnerin tanzte, ließ aber hier und da ein paar Takte aus, um mein Abendessen aufzutragen.“
Die Zinnen, Türme und Zacken der Dolomiten mit den „ewigen“, inzwischen weitgehend abgeschmolzenen Gletschern des Langkofel, der Marmolata oder des Monte Pelmo im Südosten, sind dagegen unverändert die majestätischen Zeugen des menschlichen Treibens. Entstanden ist das heutige Unesco-Welterbe aus einem Meer der Urzeit. Die sachkundigen Engländer beschreiben in ihrem Reisebericht auch die Vielfalt der sommerlichen Alpenflora von der Alpenstrandnelke bis zum Enzian und die geologischen Formationen auf den Hochplateaus.
Die Skitouristen der Sella-Ronda bekommen die bizarren Felstürme und kargen Berglandschaften des mächtigen Massivs heute im Rushhour-Modus zu Gesicht – eine Gegend, die für die Briten einst noch Fantasien um „Geheimnis und Mord in den stürmischen Wolken“ freisetzte. Edgar Wallace lässt grüßen.
Unvernebelt blieb aber bereits damals der Blick der britischen Reisepioniere auf das sogenannte Preis-Leistungs-Verhältnis so mancher Unterkunft. „Corvara ist ein trostloser Ort am Ende des Gadertals“, so das ehrliche Urteil. Und auch im beliebten Grödnertal in Plan bei Wolkenstein war vor gut 150 Jahren die Unterkunft Glücksache: „Der Langkofel und der Schlern, die sich jetzt vor uns zeigten, verbanden unsere jetzige Tour auf das Angenehmste mit den Erfahrungen des Vorjahrs. Wir sollten im Gasthaus von Plan übernachten, das […] als ein Wirtshaus der dürftigsten Art beschrieben wird – und das war es auch. Einen Stock tiefer wurde gerade geschlachtet. Und in unserem Zimmer war ein Bett in einen Winkel geschoben, wo sich das Dach bis auf achtzehn Zoll auf die Nase des Schlafenden herabsenkte.“

Die farbigen Lithografien im Buch stammen von dem zeichnenden Dolomiten Entdecker Joshia Gilbert (1814-1892) 
Lithografien © Edition Raetia/ Joshia Gilbert
„Im Touristenort Campitello im Fassatal“, so berichtet der Autor nach einer langen Wanderung, „erwarten mich wieder das unvermeidliche Huhn mit Brot, aber ohne Gemüse.“
Versöhnt werden die neugierigen Reisenden mit tollen Geschichten ihrer Führer über Lämmergeier, Wilderer, Räuber und Wegelagerer. Und auch die Tatsache, dass der große italienische Maler Tizian einst in den Dolomiten ein einsames Tal in der Nähe des Pelmo besuchte, um zu arbeiten, machten es den kulturbeflissenen Engländern einfacher, so manche Unbequemlichkeit zu ertragen.

„Die Entdeckung der Dolomiten“ (The Dolomite Mountains) spiegelt bereits die Geschäftstüchtigkeit und Bauernschläue der Ladiner und anderer Talbewohner wieder. Daran hat sich wenig geändert. Illustriert mit präzisen Federzeichnungen der Berglandschaft (aus der Feder britischen Bergsteigers Edward Wymper, 1840-1911) ist das Buch wie eine Zeitreise zum Wiedererkennen. Der Bozener Verlag hat dankenswerterweise bei der Ausstattung der von der Künstlerin Susanne Pertiet aus dem norddeutschen Schleswig gestalteten bibliophilen Kostbarkeit fast an Nichts gespart. So ist das hochwertige Werk seit dem Erscheinen zu einem Longseller geworden.
Nur die historischen, eigentlich farbigen Lithographien mit den Berglandschaften der Dolomiten sind in Schwarz-Weiß wiedergegeben. Aber die Motive lassen sich beim nächsten Urlaub in den Dolomiten ja vor Ort in Farbe anschauen.

Es ist auch ein Buch über die Zukunft der Dolomiten – obwohl der Text aus dem vorletzten Jahrhundert stammt. Denn was seitdem unverändert steht, das sind die Gebirgs-Riesen der Dolomiten, für die 150 Jahre ein Wimpernschlag sind.
Hinter den Skizirkus-Kulissen des heutzutage vor allem unter Umweltaspekten umstrittenen „größten Turngeräts Europas“, so die Alpenschutz-Organisation Cipra, arbeiten die Manager der großen Liftgesellschaften und Tourismusverbände fieberhaft an neuen Konzepten, um vom Geschäft mit den Millionen Sommer- wie Wintertouristen des größen Wirtschaftsfaktors der europäischen Alpen zu retten was nur geht.
Der Klimawandel führt heute schon dazu, dass Liftanlagen unterhalb von 1.800 Metern kaum noch rentabel betrieben werden können. Teilweise hat hier der Rückbau schon eingesetzt. Das Abschmelzen der Gletscher passiert im Gleichschritt mit dem Imagewandel des Ski- und Snowboard-Vergnügens bei einer Generation, die um die Nebenwirkungen des jährlichen weißen Sports in den ökologisch sensiblen Hochlagen der Alpen weiß.
Auf Hamburger Parties gibt es schon schräge Blicke für die, der sich zum Skifahren in der kommenden Saison bekennen. Etikett: Umweltsünder.
Dabei sind die Liftbetreiber längst dabei, die Nachhaltigkeit in ihrer Kommunikation wie aber auch im Betrieb der Anlagen selbst energisch voran zu treiben. So gilt es, den Wasserverbrauch für den Kunstschnee (Betreiber-Jargon: „Technischer Schnee“) zu optimieren und für Schneeraupen mit Satelliten-Verbindung ins Cockpit immer ausgeklügeltere Technik gegen die Bodenverdichtung zu entwickeln. Und außerdem einen umwelt-orientierten Nahverkehr mit Bussen und Bahnen gegen die saisonalen Verstopfung der Täler bei der Anreise in die alpinen Paradiese zu organisieren.
Da ist das gut lesbare Buch „Die Entdeckung der Dolomiten“ genau der richtige Lesestoff, mit beeindruckenden Landschafts-Zeichnungen der ersten Dolomiten-Pioniere inklusive.
Geändert haben sich gegenüber dem ewigen Huhn-mit-Reis-Angebot der Pionier-Jahre der gastronomisch eher genügsamen Briten längst auch die Speisekarten. So geht es in den Berghotels mit Luxus-Wellness heute gerne am Abend über zu Schupfnudeln, Dreierlei Knödel, Hirschragout, Polenta oder hausgemachten Strudel mit einem milden Obstler im Speisesaal oder an die Bar. Und danach stehen neuerdings verstärkt auch bei den ganz Jungen Kartenspiele wie Schafkopf, Skat oder Brettspiele wie Mensch-ärge-Dich oder Monopoly auf dem Abendprogramm.
Analoge Erholungspause für die Generation Display.
Sebastian Knauer
Siehe auch aus dem gleichen Verlag:
- Ingrid Runggaldier: Gezahnt wie der Kiefer eines Alligators. Was Reisende über die Dolomiten schrieben.
- Margit Weiß: Maddalena geht. Geschichte einer Hebamme aus den Dolomiten.


Die Dolomiten © wiki-commons 












