Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024, Musikmag

Rolf Barkowski: CD & Vinyl, Empfehlungen für Weihnachten

Fette Beute

Herrliche Zeiten stehen vor der Tür. Im Frühjahr beendet Trump den Ukraine Krieg und Scholz wird vom alten zum neuen Kanzler der Republik gewählt.

Doch erst mal steht Weihnachten, das Christkind vor der Tür. Also was machen wir?

Trinken wir uns die Welt auf den immer früher beginnenden Weihnachtsmärkten mit Glühwein schön – oder machen wir etwas noch viel besseres…

Wunschzettel für Weihnachten schreiben.

Da könnte dann zum Beispiel drauf stehen:

Welche Musik, welche CD, welches Vinyl fehlt mir noch in der Sammlung?

Was wollte ich schon immer haben, sprich hören? Allerdings zu bedenken ist: Besser als Wunschzettel zu verteilen ist es, sich selbst beschenken. Und zwar schon vor Heiligabend. Zeigt doch die Erfahrung vergangener Festtage, dass trotz noch so konkreter Angaben die Familie, die Kinder, die Verwandtschaft es in der Regel doch versaubeuteln, die richtige Scheibe zu besorgen.

Wie auch immer. Fest steht: In diesem Jahr gibt es für den Wunschzettel wirklich ‚Fette Beute‘.

Unglaublich, was die Musikindustrie alles ausgräbt und hörbar macht.

Konzerte von denen man gar nicht wusste, dass sie stattgefunden haben, tauchen in akzeptabler Qualität aus den Tiefen auf! Archive werden geöffnet, Musiker geben jeden jemals abgegebenen Ton frei für die Musikarchäologen. All das natürlich in Mono und Stereo. Im reproduzierten Originalcover. Mit Artwork und buntem Booklet. Bei Vinyl kannst Du dich vor lauter Farbauswahl gar nicht mehr retten. Soll ich mir jetzt die rote oder doch lieber die extra dunkelgrüne Scheibe wünschen? Was für ein Stress!

Doch zurück zur ‚Fetten Beute‘:

Neil Young lädt bereits zum dritten Mal zur Werkschau aus den Archiven ein. Insgesamt 17 CDs und 5 BluRays mit elf Filmen aus dem Zeitraum 1976-1987. Insgesamt sind 198 Musiktitel enthalten. Davon 121 bisher unveröffentlichte Live-, Studio- und Mix-Versionen. Ebenso dabei ,15 bisher unveröffentlichte Songs, die hier zum ersten Mal überhaupt erscheinen. Unter dem Titel „Johnny’s Island“ veröffentlicht Neil Young hier endlich das 1982 von Gefen abgelehnte Album „Island In The Sun“. Stoff satt für die grauen Dezemberabende.

Noch heftiger treibt es Bob Dylan. Wer dieses Jahr auf den Konzertbesuch des krächzenden, mittlerweile 83jährigen Barden bei seiner Tournee durch Deutschland verzichtet hat, kann sich mit 27 (!) CDs trösten. Die „The 1974 Live Recordings“ Deluxe-Box serviert den Fans 417 bisher unveröffentlichte Bob Dylan Live Tracks. Darunter 133 neu abgemischte Aufnahmen von 16-Spur-Bändern. Soundboard-Aufnahmen von 30 Konzerten in 42 Tagen (oft zwei Sets pro Tag).

Dylan feiert im Jahr 1974 die Rückkehr auf die Bühne, unterstützt von den tollen Musikern seiner Begleittruppe „The Band“.  Dylan live mit einer Stimme, die „ aggressiv, laut, fordernd, raumgreifend, selbstbewusst, (und) in manchen Momenten fast schon übergriffig (ist). Es handelt sich um eine Stimme, die um jeden Preis gehört werden will“ schreibt Max Dax in seiner Rezension der Box. 50 Jahre später kann man Dylans Stimme auf der Livebühne kaum noch als aggressiv oder gar übergriffig erleben. Wie auch immer. Der Dezember hat 31 Tage. Ziehen wir Heiligabend, die zwei Weihnachtsfeiertage und Sylvester ab, bleiben ja noch genau die nötigen 27 Tage über: jeden Abend Dylan Live.

Alternativ könnte der Fan allerdings auch 18 Tage mit Rory Gallagher verbringen. „The BBC Collection“ umfasst 18 CDs mit Radiokonzerten und Sessions von 1971 bis 1986. Dazu zwei BluRay-Discs mit BBC-Fernsehkonzerten und Studioauftritten von 1973 bis 1984. Auch hier:  Vieles noch nie offiziell Veröffentlichtes dabei.                                                                                 

Für die Jazz Fans ein Muss: Der achte Teil der gefeierten Miles Davis Bootleg-Serie „MILES IN FRANCE“. Auf 6 CDs über 4 Stunden unveröffentlichte Live-Musik mit Miles, unterstützt von George Coleman (bei den Aufnahmen von 1963), Wayne Shorter (bei den Aufnahmen von 1964), Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams. Quasi die Geburt des Zweiten Großen Quintetts in den Jahren 1963 und 1964.                                                                                                                 

Oder Jimi Hendrix. Das Deluxe Box-Set präsentiert unter dem Titel „Electric Lady Studios“ auf 3 CDs und einer BluRay Songs, die kurz vor dem Tod des Ausnahmegitarristen entstanden. 39 Titel (38 davon bislang unveröffentlicht) – Zeitraum Juni / August 1970. Tolles Booklet mit unveröffentlichten Bildern und informativen Liner Notes. By the way: Hendrix wäre im November 82 Jahre alt geworden. Wir werden leider nie erfahren, was wir alles verpasst haben….   

Wer hören möchte, wie nah sich Punk und Reggae standen, sich gegenseitig beeinflussten und inspirierten, ist mit dem Sampler „Roots Rock Rebels-When Punk Met Reggae 1975-1982“ prächtig bedient. Auf 3 CDs mit 54 Titeln und einem toll illustriertem Booklet sind sie alle dabei: Clash, Slits, Ruts, Steel Pulse, Basement 5, Pop Group und viele mehr. Ungehörte Juwelen en masse. Tolle Zusammenstellung.                                                                   
Oder – mein ganz persönliches Highlight:     

  

Die Veröffentlichungen von Joni Mitchell in 2024.                                                                                                       
Im Juni erschien „The Asylum Albums (1976-1980)“. Die Jazz-Phase dieser Ausnahmekünstlerin. Genial wie Joni Mitchell ihren Stil in Zusammenarbeit mit den Jazzgrößen Jaco Pastotius, Herbie Hancock und Charles Mingus weiterentwickelt. Das Paket umfasst 4 bzw.5 CDs – „Hejira“ (1976), „Don Juan’s Reckless Daughter“ (1977), »Mingus« (1979) und das Live-Album „Shadows and Light“ (1980) als Doppel CD/LP. Die von den Originalbändern von High-End-Guru Bernie Grundman neu gemasterten Aufnahmen klingen fantastisch. Wenn auf dem ersten Lied („Overture – Cotton Avenue“) von „Don Juan`s Daughter“ nach 1.45 Minuten Jacco Pastorius mit dem Bass einsetzt…. da bleibt kein Auge trocken.                                                                                                                 
Im Oktober dann die lang erwartete ideale Ergänzung zu diesen Aufnahmen: „Joni Mitchell Archives Vol. 4: The Asylum Years“. Auf 6 CDs ca.100 Titel mit unveröffentlichtem Material, bekannten Tracks neu abgemischt oder in anderen Versionen, Demos, Outtakes und jede Menge Live Versionen. Dazu ein spannendes 36seitiges Booklet. Es ist absolut hörenswert, Joni Mitchell auf ihrem musikalischen Werdegang zu begleiten. Ein absoluter Wunschzettel – Favorit!                 

Die Liste ist schier endlos  und für jeden ist eigentlich etwas dabei. Wer soll das alles hören? Allein in diesem Beitrag ist die Rede von 93 CDs (wenn ich richtig gezählt habe).                                                                                               

Und wie schon erwähnt: Fast alles Aufgeführte gibt es auch in Vinyl. Allerdings sieht die Rechnung dann ganz anders aus – die doppelte Menge Euros reicht nicht. Drei- bis vierfach schon eher                           
Und es ist wohl nicht verkehrt festzustellen, dass sich der Tsunami der Veröffentlichungen hauptsächlich über Menschen der älteren Jahrgänge ergießt. In der Regel sind die Musik-Aficionados, die Jäger und Sammler alte, analoge Säcke. Eine aussterbende Art, die alles noch in die Hand nehmen will. Die niederknien vor der Haptik der lang gesuchten Vinyl-Scheibe. Vom Klang gar nicht zu reden. Streamen – was ist das denn? Musik-Archäologen müssten – wenn man mal ganz ehrlich rechnen würde – wohl Minimum 120 Jahre alt werden, um all die Scheiben noch einmal ab- bzw. anzuhören, die in den Regalen stehen. Alles natürlich kein Argument für den echten Sammler. Ganz zu schweigen von dem, was da noch kommt, so kurz vor Weihnachten.   

Zum Beispiel: von den Rolling Stones „Welcome To Shepherd’s Bush (Live From Shepherd’s Bush 1999)“, 2 CDs. Bin gestern Abend beim einmaligen Kino-Screening des Konzerts gewesen. Ein Erlebnis. Auf diese Veröffentlichung kann sich jeder Stones-Fan wirklich freuen. Grandioses Line-up. Jede Menge Titel zum ersten Mal live gespielt. Ein Höhepunkt: die wohl ultimative Version von „Brown Sugar“ mit  Bobby Keys in Bestform.      

                                                                                                                     

Eric Clapton mit „Eric Clapton’s Crossroads Guitar Festival 2023“ (6 CDs).                                        
Dieses Mal fast schon ein Blues Festival. Es spielten: Sonny Landreth, Eric Gales, Samantha Fish, Christone Kingfish Ingram, Taj Mahal, Marcus King – um nur einíge zu nennen. Spannend.                                                    

Letzte Empfehlung:                                                                                                                                                              
Wer das angeblich so besinnliche Weihnachtsgedudel vor und an Heiligabend leid ist. Einfach mal den Knopf des Lautstärkereglers an der Anlage weit nach rechts drehen und „Amyl And The Sniffers – Cartoon Darkness“ auflegen.                                                            

Dann brennt der Baum!! Auf YouTube hier. (!!)

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