Yukichi Watabe: A Criminal Investigation


Noir-Fotografie aus dem Japan der 50er Jahre

– Ein ganz besonderes Fotobuch haben der französische Verlag Éditions Xavier Barral und das Fotozentrum Le Bal in Paris im letzten Herbst herausgegeben. Ein Buch, dessen Publikationsgeschichte genauso ungewöhnlich ist wie die der Fotografien selbst und deren Wiederentdeckung ein knappes halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung. Eine Trouvaille von Susanna Mende.

Von vorn: Am 13. Januar 1958 werden in einem Ölfass in der Nähe des Sembako-Sees in der Präfektur Ibaraki eine Nase, zwei Fingerkuppen und ein Penis gefunden. Am nächsten Tag entdeckt die Polizei den durch Säure entstellten Leichnam des Mannes.

Trotz einiger Schwierigkeiten kann die Identität des Mannes, eines Tagelöhners aus Tokio, bestimmt werden. Die zuständigen Behörden nehmen die Ermittlungen auf und gründen sogar eine Sondereinheit, die landesweit agiert und bei der in insgesamt 21 ungeklärten Mordfällen ermittelt wird; ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte der japanischen Polizei (ein kurzer Epilog im Buch verrät den Ausgang der Ermittlungen).

Dem 34-jährigen Fotojournalisten Yukichi Watabe gelingt es, eine Genehmigung zu bekommen, um die Ermittlungen zu begleiten und fotografisch zu dokumentieren, etwas, das japanische Ermittlungsbehörden noch nie zuvor einem Außenstehenden gestattet haben, und ein paar der Bilder werden in der Juni-Ausgabe des Nippon Magazine veröffentlicht.

Die entstandenen Aufnahmen sind nicht nur eine umfassende fotografische Darstellung der Ermittlungsarbeiten, sondern gehen weit über das Dokumentarische hinaus, sowohl was die Bildästhetik als auch den quasi filmischen Charakter der Motive und deren Bildfolge (die allerdings von den Herausgebern mit detektivischem Gespür rekonstruiert werden musste, denn Watabe hatte sie nicht nummeriert) betrifft.

Tokio s/w

Beim ersten Blättern denkt man an gestellte Bilder, schaut man doch auf den 70 von rund 120 ausgewählten Fotografien einem Ermittlerduo bei der Arbeit zu, wie es klassischer nicht sein könnte: zwei Männer in Anzügen und Trenchcoats mit Schirmmützen, die Menschen befragen, über Gelände stapfen, telefonieren, an Sitzungen im Polizeipräsidium teilnehmen, Akten und Fotos wälzen, Befragungen in Geschäften und auf der Straße durchführen, mit Blicken einem ausgestreckten Zeigefinger folgen – und rauchen; es sind die klassischen Szenen und Posen, wie wir sie aus zahllosen Kriminalfilmen jener Zeit kennen.

Und doch handelt es sich um Dokumentarfotografie, geben uns die Schwarz-Weiß-Bilder Einblicke in ein bestimmtes Viertel von Tokio, aus dem der Tote wahrscheinlich stammte. Es ist das Gerberviertel, ein eher ärmlicher Stadtteil von einer kleinteiligen Häuser- und Straßenstruktur, wo in Hinterhöfen die Wäsche und in den Gerbereien die Tierfelle hängen. Neben kleinen Geschäften und karg ausgestatteten Räumen sieht man Bahnlinien und den dazugehörigen Bahnhof, Brachen und aufgetürmte Baumstämme, eine eher unwirtliche Umgebung, in der die Ermittler, die auf fast allen Bildern zu sehen sind, stets hochkonzentriert etwas zu verfolgen scheinen.

Es ist diese ungewöhnliche Mischung aus klassischen Noir-Elementen und dem Spezifischen der Zeit der 50er Jahre in einer unvertrauten, japanischen Umgebung, was gleichzeitig irritiert und neugierig macht. Man glaubt, vieles wiederzuerkennen und fühlt sich doch vom Fremden angezogen.

Watabe gelingt es durch die Konzentration auf seine Protagonisten, die Ermittler, und durch seine Bildausschnitte, den Fotografien ein stark narratives Element zu verleihen und dem Betrachter somit eine spannende Geschichte in Schwarz-Weiß zu erzählen, die ihn durch ihre Kriminalfilmästhetik noch mehr in seinen Bann schlägt; eine Dramaturgie, die für dokumentarische Fotografie damals völlig untypisch war.

Es kann nur als Glücksfall bezeichnet werden, dass die 120 Fotografien Watabes 2006  bei einem Antiquar in London auftauchten und ein paar Jahre später dann vom Wilson Centre of Photography in London, einer der größten Privatsammlungen für Fotografie auf der Welt, erworben wurden.

Der Direktorin von LE BAL, Diane Dufour, die, wie sie selbst sagt, schon beim ersten Betrachten der Bilder von ihrer Besonderheit fasziniert war, gelang es gemeinsam mit Xavier Barral, die Wilson Foundation von dem Buchprojekt zu überzeugen. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

„A Criminal Investigation“ hat beim 5. Internationalen Fotobuch Festival, das dieses Jahr bei LE BAL in Paris stattfand, den Publikumspreis gewonnen und liegt bereits in einer zweiten Auflage vor.

Susanna Mende

Yukichi Watabe: A Criminal Investigation, Fotobuch: Blockbuchbindung, Hardcover Leinen, 21 cm x 29 cm, Hg: Wilson Centre of Photography/Édition Xavier Barral – LE BAL, 2011. 100 Seiten. 47 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.