Posted On 17. Mai 2016 By In Bücher, Crimemag With 2040 Views

Roman: Rodrigo Rey Rosa: Die Gehörlosen

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Rodrigo Rey Rosa (Guatemala, 1958) gilt als einer der renommiertesten, wenn nicht als der renommierteste Schriftsteller des heutigen Guatemala. Entsprechend groß waren Doris Wiesers Erwartungen, als sie seinen Roman „Die Gehörlosen“ zu lesen begann.

Tatsächlich konnte ich den Roman nur schwer aus der Hand legen, da er tief ins gegenwärtige Guatemala einführt und eine ganze Reihe von kulturellen und gesellschaftlichen Besonderheiten aufgreift, die nicht nur von lokaler Bedeutung sind, sondern ein kleines Stück von der Beschaffenheit der Welt enthalten.

Das Geschehen besteht aus zwei miteinander verbunden Kriminalfällen, die den Roman in einen ersten und einen zweiten Teil gliedern. Im ersten Teil geht es um die rätselhafte Entführung von Clara, der Tochter eines superreichen Bankers, um die Erpressung des Lösegeldes und dessen Übergabe. Clara taucht jedoch nicht wieder auf. Im zweiten Teil stellt sich heraus, dass das Lösegeld von Trittbrettfahrern erpresst wurde, und das „wahre“ Verbrechen ein anderes ist. Clara wurde von ihrem Lover, dem Anwalt ihres Vaters, unter Drogen gesetzt, die ihr episodisches Gedächtnis auslöschen. Der Anwalt hat sie in ein Anwesen am Atitlán-See entführt und errichtet mit seinen Verbündeten eine Forschungsklinik. Gleichzeitig investiert Clara ihr Vermögen in den Bau zweier Schulen für „besondere“ Kinder und einer Frauenklinik. Alle Projekte sollen der indigenen Bevölkerung zu Gute kommen. Oder vielleicht doch nicht?

Um diese Frage ranken sich die Ermittlungen des Protagonisten: Der junge Kerl vom Lande, Cayetano, wurde durch Vermittlung seines Onkels als Claras Leibwächter angeheuert. Nach deren Entführung gibt er keine Ruhe, bis er sie gefunden hat. Er zeigt die dubiosen Machenschaften der Forschungsklinik bei der Staatsanwaltschaft an, tritt damit aber eine kaum durchschaubare Lawine los, bei der verschiedene Rechtsformen miteinander in Konflikt treten.

Und dies ist eigentlich der spannendste Aspekt des Romans: Die Gerichte des modernen guatemaltekischen Staates teilen sich die Strafverfolgung mit dem Amt für traditionelle Maya-Rechtssprechung, wobei die Angeklagten zwischen dem einen oder anderen Verfahren selbst wählen dürfen. Hinzu kommt die Intervention der Miliz PAC (Patrullas de Autodefensa Civil), die 1982/83, während des langen Bürgerkriegs (1960-1996), als unterstützende Selbstschutztruppen durch das Militär rekrutiert wurden und nahezu ausschließlich aus Maya-Männern bestanden. Nach ihrer offiziellen Auflösung (1995) agieren die Ex-PAC weiter und verüben immer wieder unkontrollierte Lynchjustiz. Zwischen diesen drei Kräften verliert sich die Lösung des Falls. Am Ende weiß der Leser gar nichts, genauso wenig wie der selbsternannte Ermittler Cayetano. Wird den Maya-Kindern im Krankenhaus uneigennützig geholfen oder sind sie Versuchskaninchen?

Das Thema Straflosigkeit wird auf unterschiedlichen Ebenen behandelt und führt den desolaten Zustands des guatemaltekischen Staates vor Augen. Keines der Verbrechen hat irgendwelche Konsequenzen, jedenfalls keine staatlich verhängten. Dazu passt auch, dass beide Bodyguards, Chepe und Cayetano, einen Mord begehen, aber weder unter der Angst vor Verfolgung noch unter Gewissensbissen leiden, denn:

„Zwei Prozent dieser Art Kriminalfälle wurden von den Behörden untersucht, und von diesen zwei Prozent landeten nur zwei oder drei Fälle vor Gericht“ (S. 140).

Dieser Gedanke schießt Chepe durch den Kopf, nachdem er einen indigenen Bauer mit der Machete 41AfMkFWIIL._SX322_BO1,204,203,200_zerstückelt hat. Hier wird sichtbar, was Judith Butler in „Frames of War: When is Life Grievable?“ (2009) anklagt: Die Leben derer, die ohnehin schutzlos und perspektivlos in prekären Verhältnissen leben, sind abkömmlich und daher nicht „betrauerbar“ (grievable). Ihr Leben ist für Staaten überflüssig oder gar bedrohlich. Das trifft auf den ermordeten Maya-Bauern genauso zu wie auf die wahrscheinlich zu Forschungszwecken missbrauchten Maya-Kinder in der fiktiven Klinik.

Trotz des hochinteressanten Themas hat mich der Roman mit einer gewissen Verärgerung zurückgelassen. Und das liegt nicht am offenen Ende, am Scheitern des Ermittlers, am Verschwinden des Falls in nebulösen Bündnissen zwischen Schaltstellen des hybriden Rechtssystems. Vielmehr irritiert, dass der Autor seine Figuren nicht rund genug ausgestaltet. Clara hasst ihren Vater, weil er angeblich ein Tyrann ist, aber der Leser hat keine Möglichkeit, seine Tyrannei zu bezeugen. Der Anwalt Javier entführt Clara, indem er sie unter Drogen setzt, aber warum ist das eigentlich nötig? Man erfährt nicht, wie Clara zum Krankenhausprojekt wirklich steht und warum sie zur Zusammenarbeit gezwungen werden musste. Die Lynchgelüste der Ex-PAC, die praktisch auf nichts gründen, es sei denn auf unkontrollierten Emotionen – die aber auch erst einmal erklärt werden müssten – sind ebenso schwer nachvollziehbar. Unklar bleibt auch, wie der auktoriale Erzähler die verschiedenen Rechtsnormen bewertet, also ob das hybride System, das ja anscheinend die indigene Kultur nach deren kolonialer Verbannung wieder rehabilitiert, als besondere Errungenschaft Guatemalas angesehen werden kann, oder ob es ganz spezifische neue Probleme mit sich bringt (z.B. dass indigene Angeklagte, die nicht Spanisch sprechen, eben keinen Zugang zum staatlichen System erhalten). Der Erzähler lässt den Leser mit solchen Fragen völlig im Stich. Zu allem Übel kommt dazu noch eine machistische Note, die ich einfach leid bin, auch wenn manche die Ansicht vertreten mögen, es sei eben ein typischer Charakterzug des (lateinamerikanischen) Kriminalromans, dass dort „echte Männer“ auftreten. Jedenfalls lässt Chepe, Cayetanos Onkel, Sprüche wie folgende fallen:

„Also, wenn uns in La Antigua keine kostenlose kleine Gringa über den Weg läuft, gehen wir in den Puff, okay?“. Und nach dem Bordellbesuch: „Sie war hübsch, die Gevögelte, aber dumm. Enorme Titten, Kuhaugen. Haha.“ (S. 54-55)

Natürlich sind dies Aussagen einer Figur, die keinesfalls auf den Autor übertragen werden dürfen. Man könnte sagen, der Autor wolle eben darstellen, wie diese Männer – die guatemaltekischen Bodyguards – ticken. Aber dennoch stört mich, dass diese Sprüche innerhalb der fiktionalen Welt völlig unsanktioniert bleiben (es sei denn man wollte Cayetanos anschließendes Schweigen als Kritik auslegen) und die Gegenperspektive (der Prostituierten) nicht einmal minimal angetippt wird.

Rey_Rosa,_Rodrigo_-FILSA_2015_10_26_fRF02Der Roman ist außerdem weniger auf eine ästhetische Sprache hin konzipiert als auf Action und Spannung. Da der Originaltext mit Regionalismen gespickt und im Sprachregister bestimmter sozialer Gruppen verfasst ist, ist die Übersetzung auch eine echte Herausforderung, so dass der Text dadurch wahrscheinlich nichts gewinnen kann. (Was nicht als Kritik an der Übersetzerin gemeint ist!). Durch die sparsame Dosierung von für die Zusammenhänge wichtige Information entstehen überraschende Wendungen, die man mit Genuss erlebt. Die allzu große Lückenhaftigkeit erweckt aber auch den Eindruck, alles gehe zu sehr durcheinander und sei ohne besondere Sorgfalt geschrieben worden.

Die Bewertung solcher irgendwie unfertiger Romane ist besonders schwierig. „Die Gehörlosen“ ist zweifelsohne ein spannendes Werk, die angesprochenen Themen äußerst relevant, der Handlungsverlauf ziemlich kreativ, die soziale Realität Guatemalas erscheint zuweilen greifbar nahe, aber am Ende bleibt eine gewisse Enttäuschung darüber zurück, was der Roman alles hätte sein können und nicht ist. Man spürt jedoch, dass in Rodrigo Rey Rosa viel Potenzial steckt und daher werde ich auch seine nächsten Bücher mit Spannung erwarten.

Doris Wieser

Rodrigo Rey Rosa: Die Gehörlosen (Los sordos, 2012). Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Anna Gentz. Septime Verlag, Wien 2016. 288 S. 22,90 Euro.

 

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