Posted On 7. Dezember 2013 By In Bücher, Crimemag With 388 Views

Robert Galbraith, d.i. J.K. Rowling: Der Ruf des Kuckucks

Der Ruf des Kuckucks von Robert GalbraithRowlings Kuckucksei

„Der Ruf des Kuckucks“ sollte J.K. Rowling aus dem Erfolgsmechanismus der Harry-Potter-Maschinerie herausholen. Tobias Gohlis hat den Versuch interessiert gemustert.

Der Plan ist nicht aufgegangen. Joanne K. Rowling wollte unter dem Pseudonym Robert Galbraith ganz neuund unerkannt anfangen, mit einem Krimi. Wie nicht anders denkbar, wurde sie verraten. Von einem Anwalt ihres Vertrauens. Er steckte der Presse die wahre Identität des pensionierten Soldaten „Galbraith“, der – so war es geplant – wegen seiner militärischen Vergangenheit keine Interviews geben und Fotos zulassen konnte.

Das passt: Der Ruf des Kuckucks erzählt von der schönen Lula Landry, die von einer Familie geldbesessener Anwälte adoptiert wurde. Kaum hat sie sich dank ihrer Schönheit als Supermodel sozial und finanziell von dieser Herkunft emanzipiert, wird sie vom Balkon ihres Penthauses gestürzt.

Die Liebe

Natürlich ist es Mord, und natürlich bucht die Polizei den Sturz der Schönen als Selbstmord ab. Das ist die Geschäftsbedingung, unter der Rowling einen Privatdetektiv ins Spiel bringen kann. Es muss etwas aufgeklärt werden, dass der Polizei nicht zugänglich ist.  Das ist die Liebe.

Lulas ebenfalls adoptierter Bruder John Bristow liebt die Verstorbene so sehr, dass er die Selbstmordthese nicht akzeptieren kann und Privatdetektiv Cormoran Strike beauftragt, den Fall vom Balkon noch einmal zu untersuchen. Rowling beschreibt Bristow ambivalent als gut angezogen, aber nicht attraktiv: teigiger Teint, dicke Brillengläser, hasenartige Mimik. Sympathisch wird er durch seine Zuneigung zur kleinen toten Schwester. Er ist der einzige, der ihren Tod bedauert. Die anderen Familienmitglieder, alle mit der Anwaltskanzlei des verstorbenen (impotenten!) Adoptivvaters verquickt, hielten sie für verwöhnt und asozial. Lulas biologischer Vater war schwarz.

All das kriegt das Detektivpärchen Strike und Robin in ermüdend langen Ermittlungen und Zeugenbefragungen heraus. Rowling charakterisiert die seit mehreren Jahren mit einem Buchhalter verlobte Robin als patentes, rücksichtsvolles Mädchen, das von seiner romantischen Begeisterung für das Detektivspielen  und für den unterschenkelamputierten Strike dazu verleitet wird, gegen ihre wirtschaftlichen Interessen bessere Jobangebote auszuschlagen und bei dem armen Mann zu bleiben, der unter Einsamkeit und hohen Schulden leidet. Strike muss einen Kredit bedienen, den ihm sein steinreicher Vater, ein in die Jahre gekommener Rockstar, gewährt hat. Würde er seinen Sohn lieben, hätte er ihm die Summe geschenkt, die „weniger wert ist als das beschissene Badesalz seines Butlers“.

Schmachtfetzenvariante

J.K. Rowling bietet die Schmachtfetzenvariante der sozialen Anklage eines Charles Dickens: Geldversessene Eltern, ungeliebte Kinder.

Aus diesem Elend ragt die von Keuschheit, Respekt und militärischer Disziplin geprägte Kameradschaft von Robin und Cormoran heraus. Über den Tod hinaus verbündet sich das Heldenpaar mit der anderen wilden Edlen, der „milchkaffeefarbenen“ Schönheit Lula. Denn hinter der Glamourfassade des Topmodels schlug ein einsames, mildtätiges Herz. Lula hat sich rührend, und ohne dass es ihr gedankt wurde, um eine prollige Mitpatientin aus der Entziehungsklinik gekümmert. Sie hat ihre Millionen dem lange gesuchten leiblichen Bruder überschrieben, der  in Afghanistan Her Majesty dient. Dieser brave Soldat ist der einzige, der nicht von der Tandwelt des Geldes infiziert ist – und deshalb damit belohnt wird.

Dieser viktorianische Kitsch, der, wie Kolja Mensing aufzeigt, mit jeder Menge Ressentiments vermischt ist, fällt deshalb nicht sofort ins Auge, weil Rowling ein Händchen für die Schilderung von Situationen und Szenen hat. Auch eine gewisse Ironie mildert die moralisierende Dichotomie und verschafft angenehme Lektüregefühle. Manchmal scheint es, als bediene Rowling sogar den Dekonstruktivisten im Leser. So lässt sie Cormorman Strike just dann die Treppe runterfallen, als er endlich den schlagenden, letzten Beweis gefunden hat. (Übrigens im herausnehmbaren Seidenfutter einer Designerhandtasche.)

Gähn

Solche Spielchen könnten den Eindruck erwecken, Rowling nehme die Konstruktion ihres Romans auf die Schippe. Kein bisschen:  Ihr Detektivpaar ermittelt wie aus dem Lehrbuch des Rätselkrimis vergangener Zeiten.

Strike, der aussieht wie Jack Reacher, aber infolge seiner Behinderung nicht wie dieser handeln kann, verwandelt sich im zähen Fortschritt der Ermittlungen immer mehr in einen Hercule Poirot, der seine Leser mit Hinweisen auf Erkenntnisse zu fesseln versucht, die er demnächst enthüllen wird, jetzt aber noch nicht offenbaren kann.Gähn.

Der Ruf des Kuckucks kritisiert die Geldgier- und Promigesellschaft durch rückwärts gewandten Eskapismus. Deshalb entlarven Rowlings edlen Pappdetektive auch keinen Verbrecher: Der Mörder ist ein Wahnsinniger. Klarster Beweis seines Wahnsinns: Er hat sie engagiert. Nur so kann Rowling den Einsatz ihres viktorianischen Klischeepärchens im 21. Jahrhundert dramaturgisch legitimieren.

Tobias Gohlis

Dieser Text ist zuerst hier erschienen im Krimiblog von Tobias Gohlis.

Robert Galbraith, d.i. J.K. Rowling: Der Ruf des Kuckucks (The Cuckoo’s Cawling, 2013) Roman. Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz. München: Blanvalet 2013. 640 Seiten. 22,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Mehr über die Autorin. Zur Homepage von Tobias Gohlis.

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