Posted On 15. November 2017 By In Bücher, Crimemag, Primärtext With 915 Views

Primärtext: Ross Thomas: Der Mordida-Mann

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»Bringt ihr mich jetzt bitte um?«

Sie waren zu viert in dem feuchtkalten Keller des alten verbarrikadierten Hauses in der kurzen Straße in Hammersmith. Zwei Männer und zwei Frauen. Die anderen Häuser auf beiden Straßenseiten waren auch verbarrikadiert und standen leer, auf die Abrißbirne wartend, die mittlerweile drei Wochen überfällig war.

Der Keller roch nach toter Katze. Eine der Frauen war fast nackt ausgezogen und mit gelbem Isolierdraht an einen schweren Eßzimmerstuhl gefesselt worden. Sie hieß Maria Luisa de la Cova, und sie war eine vierunddreißig Jahre alte Venezolanerin. Sie war außerdem die hustende Frau, die den Mann namens Felix für zwanzigtausend Dollar in Zwanzig- und Fünfzig-Dollar-Scheinen an die Amerikaner verkauft hatte.

Das Geld lag jetzt säuberlich gestapelt auf einem zum Stuhl passenden Eßzimmertisch aus Eichenholz mit ringförmigen Wasserflecken. Der Tisch hatte nur drei Beine. Ein viertes Bein wurde von zwei Whisky-Kisten der Marke Cutty Sark ersetzt. Neben dem gestapelten Geld lag die große schwarze Lederhandtasche mit dem silbernen Verschluß. Die Handtasche war umgestülpt und ihr Futter war herausgerissen worden. Es gab keinen Strom. Licht kam von sechs rosafarbenen Kerzen, die in Bierflaschen steckten.

Einer der Männer, ein blasser Blonder fast ohne Wimpern mit rechteckigem Körper und einem flachen, ernsten Gesicht, zündete sich mit einem Wegwerffeuerzeug eine Zigarette an. Er wurde von den anderen Frank genannt, obwohl er eigentlich Bernt Diringshoffen hieß und vor zweiunddreißig Jahren in Hamburg geboren war. Nach dem Anzünden der Zigarette paffte er ungeschickt daran, ohne zu inhalieren, offenbar ein Nichtraucher.

Die de la Cova beobachtete ihn. Ihre Augen waren gerötet, und ihr Gesicht war tränenüberströmt, aber sie weinte nicht mehr. Auf der linken Seite ihres Halses und auf ihren kleinen Brüsten waren hochrote Brandwunden. Insgesamt vier.

»Erzähl mal«, sagte Diringshoffen und blies auf die Glut der Zigarette.

»Ich hab’s euch schon erzählt«, sagte die de la Cova und begann heftig zu husten. Diringshoffen wartete geduldig, bis das Husten schließlich aufhörte. »Erzähl es uns noch mal«, sagte er freundlich.

Sie begann mit einer schnellen eintönigen Stimme zu sprechen, die so leise und undeutlich war, daß die anderen sich vorbeugen mußten, um sie zu verstehen.

»Er sagte, sein Name wäre Arnold. Ich weiß nicht, ob es sein richtiger Name war. Ich weiß nicht mal, ob es sein Nachname oder sein Vorname war. Es ist mir egal. Ich nannte ihn nur Arnold, wenn ich ihn überhaupt irgendwie nannte. Wir haben uns mehrmals getroffen, vielleicht vier- oder fünfmal. Zweimal in Soho, mindestens zweimal da, und dann in einem Café in Islington, das er kannte. Vielleicht dreimal da. In Islington. Vielleicht nur zweimal. Ich kann mich nicht erinnern.«

»Sagte er, er wäre von der CIA?« fragte die andere Frau. Die andere Frau sprach auch Englisch, aber mit einem fast lähmenden französischen Akzent. Sie hieß Françoise Leget und war vor neunundzwanzig Jahren in Algier geboren. Sie hatte große schwarze Augen, mit denen sie viel blinzelte, und einen schlanken eleganten Körper, und viele hielten sie für ziemlich hübsch.

De la Cova schien Françoise Legets Frage dumm zu finden. Sie seufzte müde und sagte: »Das hab ich schon erklärt.«

Der zweite der beiden Männer war älter als der Rest, fast achtunddreißig. Er war außerdem Japaner. Die anderen nannten ihn Nelson, obwohl er eigentlich Ko Yoshikawa hieß. Sein Englisch hatte eine starke amerikanische Färbung.

»Bitte, erklär es uns noch mal«, sagte er. »Wir würden es sehr begrüßen.«

Die de la Cova seufzte. »Er hat nichts davon gesagt – daß er CIA wäre. Brauchte er nicht. Er setzte sich an jenem Tag in Soho nur zu mir an den Tisch und sagte, er wüßte alles über mich – daß ich zweiunddreißig und krank sei und Geld für das Baby brauchte und daß Felix mich sowieso sitzenlassen würde.« Sie schaute den Japaner an. »Der Teil stimmte, oder – mit Felix?«

Ko runzelte die Stirn und sagte: »Was hast du ihm über uns erzählt?«

»Nichts. Er war an keinem von euch interessiert. Er schien alles über euch zu wissen – über uns alle. Aber der einzige, den er wollte, war Felix.«

»Und du hast ihm Felix gegeben«, sagte Françoise Leget.

»Ich hab ihm Felix gegeben. Das Baby war krank. Ich war krank. Ich bin immer noch krank.« Als wollte sie es beweisen, begann sie wieder zu husten.

Als das Husten endlich aufhörte, sagte Diringshoffen: »Wann ist es passiert – wann genau?«

»Um zwölf Uhr«, sagte sie. »Heute genau um zwölf. Ich rief Felix heute morgen an und sagte ihm, ich hätte etwas Schlimmes gehört – ihr wißt schon, etwas, das ich nicht am Telefon sagen konnte. Wir verabredeten uns für zwölf Uhr im Lord Elgin Pub in Maida Vale. Ich saß mit dem Amerikaner in einem Taxi – mit Arnold. Ich glaube nicht, daß es ein echtes Taxi war. Als Felix aus der U-Bahn-Station herauskam, habe ich ihn Arnold gezeigt. Er wollte wissen, ob ich mir sicher sei. Ich sagte ja, ich sei mir sicher. Das Geld hatte er mir schon gegeben. Er warf mich aus dem Taxi. Ich weiß nicht, was mit Felix passiert ist.«

Sie schaute zu dem Japaner hoch und sagte mit leiser, klagender Stimme: »Bringt ihr mich jetzt bitte um?«

Zunächst antwortete Ko nicht. Es war fast, als hätte er ihre Bitte nicht gehört, weil seine Gedanken an irgendeinem fernen, interessanteren Ort waren. Aber nach einem Moment nickte er dem Deutschen geistesabwesend zu, der die Zigarette fallen ließ, sie austrat, ein Stück gelben Isolierdraht in die Hände nahm und hinter die gefesselte Frau trat.

Dann schaute der Japaner Maria de la Cova an. »Nun ja, natürlich«, sagte er fast entschuldigend. »Wir kümmern uns sofort darum.«

(Auszug aus dem Roman von Ross Thomas, der Beginn des 2. Kapitels. Mit freundlicher Genehmigung des Alexander Verlags und mit Verneigung vor dem Meister aller Klassen. Der Mordida-Mann ist der 18. Band der Ross-Thomas-Werkausgabe, die hiermit nachdrücklich empfohlen ist.)

_Thomas_Mordida_UKEleganz & Sarkasmus

Thomas Wörtche über  Ross Thomas´ Der Mordida-Mann.

Die alte Ullstein-Fassung war bis zur Unverständlichkeit verstümmelt, jetzt können wir eines der besten, vor allem eines der gemeinsten Bücher von Ross Thomas endlich auf Deutsch lesen. Der Plot über die, sagen wir, prekären Beziehungen der USA zu Libyen (Gaddafi ist noch am Ruder, hier heißt er nicht Gaddafi, der in der Fiktion tot ist und eine Art Klon als Nachfolger hat) ist extrem fies. Die Handlung spielt so um 1980 herum, Jimmy Carter, der hier nicht Jimmy Carter heißt, ist gerade noch im Amt, als sein Bruder, der hier nicht Billy heißt, von Terroristen im libyschen Auftrag entführt wird. Auftritt Chub Dunjee, eine durchaus opake Gestalt aus dem unerschöpflichen  Thomas´schen Reservoir der moralisch diffusen Go-Betweens zwischen allen offiziellen politischen Formationen, der diesen Bruder, egal, was es kostet, wiederbeschaffen soll.

Natürlich geht es dabei letztendlich um Öl und Waffen, um politischen Opportunismus, um blanke Gier und andere moralische Unappetitlichkeiten, die die „Terroristen“ schon fast als aufrechte Moralisten dastehen lässt, die gegen die ausgefeilten Intrigen und Machinationen  aller beteiligten Parteien ziemlich naiv wirken und, ähnlich wie bei Jean-Patrick Manchettes „Nada“,  bei allem bescheuerten Omnipotenz-Wahn gegen die Realpolitik nicht den Hauch einer Chance haben.

_mordida e34c7220eca0799c6afc5010Der ganze elegante Roman ist imprägniert von Ross Thomas´ radikalem Sarkasmus und seinem eisigen Witz, der durchaus intentional, eine der übelsten Tötungsszenen enthält, die ich kenne. Natürlich ganz beiläufig und deswegen so ultrahart. Überhaupt ist der Roman ein Exerzitium in tiefschwarzem Understatement, in toxischer Höflichkeit und diabolischer Intelligenz. Ross Thomas verätzt mit diesen Werkzeugen wollüstig so ziemlich alles, was Sinnsuchern lieb und heilig ist. Grandios.

Ross Thomas: Der Mordida-Mann (The Mordida Man, 1981). Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel. Erste vollständige deutsche Ausgabe in neuer Übersetzung. Alexander Verlag, Berlin 2017.  328 Seiten, 14,90 Euro.

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