Posted On 30. Mai 2015 By In Bücher, Crimemag With 1792 Views

Miami Blues – Das Weib sei dem Manne …

nele-hoffmann-foto.256x256Nele Hoffmann

– Neulich war ich bei einer Hochzeit, die diesen manchmal ohnehin skurril ausgeschmückten Ritus aus verschiedenen Gründen an Skurrilität noch weit übertraf, aber das wäre eine story of its own. Hier reicht es zu berichten, dass in den hinteren Rängen nur mit Mühe vielstimmiges Grölen und Schenkelklopfen unterdrückt werden konnte, als vorn am Altar mit vollem Ernst der Brief des Apostel Paulus an die Epheser, Kap. 5 Vers 22 verlesen wurde. Ja, genau: Die Weiber seien Untertan ihren Männern …

Und schon sind wir bei Charles Willefords „Miami Blues“. Den völlig durchgeknallten Dieb und Killer namens Junior hat es aus Kalifornien nach Miami verschlagen, er jagt ehrlichen Taschendieben ihre Beute ab und nietet Leute in Reihe um, dass Quentin Tarantinos Helden dagegen bekanntlich wirken wie Chorknaben. Aus Zufall trifft er Susan, eine Inkarnation des sich in vorauseilendem Gehorsam ergehenden Weibes im Zeitalter der plastic passion. Dass Junior kurz zuvor versehentlich ihren Bruder umgebracht hat, ist nur eine von vielen Volten in dieser ebenso komischen wie deprimierenden Geschichte.

Charles Willeford_Miami BluesDie beiden starten ein Projekt, das sie als „platonische Ehe“ bezeichnen. Susan dient Junior nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre zumindest passablen Kochkünste an. Letztere interessieren ihn mehr, Sex ist nur als eine von verschiedenen Unterwerfungsgesten interessant. Er befiehlt, straft und lässt Milde walten, wie es ihm gefällt. Susan ist devot, denn „der Mann ist der Mann in einer Ehe“. Immerhin, wenn sie leisen Widerspruch wagt, bringt er sie nicht gleich um. Zu sehr genießt er es, endlich „ein regelmäßiges Leben“ zu haben. Wie Derek Raymonds namenloser Killer (dagegen ist nun allerdings Junior ein Chorknabe – sorry, Charles) in „I was Dora Suarez“ posiert auch Junior in einem grotesken Tableau des bürgerlichen Lebens, wenn auch nur kurz.

Nur kurz, weil er sich mit Hoke Moseley anlegt, einem alten Hund von einem Cop. Junior überfällt Hoke in dessen Refugium, einem abgewetzt schillernden, von verlorenen Gestalten bevölkerten Hotel, und verletzt ihn schwer. Alte Hunde, das sollte jedem klar sein, legt man nicht ohne schlimme Folgen auf den Rücken. Im zweiten Band der Reihe, in dem Hoke erst wirklich an Profil gewinnt, treten gender issues übrigens unter ganz anderen Vorzeichen zu Tage, dazu gelegentlich mehr. Vielleicht sind die Herren Kollegen, mit denen ich dieses Feature bestreiten darf, ja für eine Fortsetzung der „Taskforce Willeford“ zu haben.

Was-Dora-Suarez-FactoryDer „Miami Blues“ tönt bei aller tropischen Hitze in einem unterkühlten, flachen Diskant. Nichts gewinnt an Tiefenschärfe in den exzessiv hässlichen Interieurs der 1980er Jahre, Lawinen heruntergekommener Autos schieben sich unter einem Gewirr von Luftwurzeln und an Hochhäusern vorbei die Küste entlang. Lakonisch ausgestellte Oberfläche, blanke, furchterregende Banalität.

Und es gibt kein Entkommen. Miami und sein provinzieller Satellit Okeechobee (das Kaff am Rande der Glades, aus dem Susan stammt und in das sie am Ende zurückkehrt) sind überall. Egal, ob Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Ihr Unheil in der Großstadt oder auf dem Land suchen: „Miami Blues“ ist die Lektüre Ihrer Wahl, falls Sie an hellgrauen Frühsommertagen Anflüge existenzieller Sinnlosigkeit zu bewältigen haben sollten.

PS: Bitte würdigen Sie auch den philologischen Eifer, mit dem im Nachwort die Übersetzung von Slang diskutiert wird, damit Sie ja nicht die schlüpfrigen Pointen verpassen. Oder lesen Sie den großen Charles Willeford doch einfach gleich im Original.

Nele Hoffmann an der Uni Göttingen.
Charles Willeford: Miami Blues (Miami Blues, 1984). Der erste Hoke-Moseley-Fall. Roman. Deutsch von Rainer Schmidt. Mit einem Gespräch mit Charles Willeford und John Keasler (dt. von Jochen Stremmel) und einem E-Mail-Wechsel von Jon A. Jackson und Jochen Stremmel. Berlin: Alexander Verlag 2015. 167 Seiten. 14,90 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Autor.

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