Erich Mühsam: Tagebücher 1 & 2


Die Lauterkeit des Herzens

– Wer ein interessantes Leben führt, begegnet auch den entsprechenden Menschen. Diese Lebensweisheit wird durch die Lektüre der ersten beiden Tagebuchbände von Erich Mühsam bestätigt, findet Elfriede Müller.

Dieses begegnungsreiche Leben musste aufgeschrieben werden, sonst wäre es sogar dem Akteur entgleitet, wie Mühsam feststellte. Er tat gut daran, die Dinge zu notieren, die er erlebte, und die Menschen zu beschreiben, mit denen er zu tun hatte. Das bereits überall gepriesene Herausgeberprojekt von 15 Tagebuchbänden, die nach und nach auch ins Netz gestellt und dort durch Register und anderes von Anfang an begleitet werden, ist in der Tat verdienstvoll. Erstaunlich ist, dass Inhalt und Form von allen Seiten gelobt werden, so als könnte der Anarchist und Antimilitarist Mühsam einen gesellschaftlichen Konsens herstellen.

Mühsam ist dreißig Jahre alt und ziemlich krank, als er am 22. August 1910 beginnt, sein Leben aufzuschreiben. Vier Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt es sich in der Münchner Boheme nicht wie auf einem Vulkan, sondern gemächlich und im Zentrum des künstlerischen Schaffens, wären da nicht die vielen Geldprobleme. Erich Mühsam ist ein vielseitiger Mensch, der das Glück hatte, selten entfremdeter Arbeit nachgehen zu müssen. Er lebte ganz nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, wenn auch mit der ständigen Angst um den leidigen Zaster. Er war Dichter, Politiker, Literatur- und Theaterkritiker, Chansonschreiber, Verleger, Herausgeber und Glücksspieler. „Arbeiten und poussieren“ nannte er seine Lebensinhalte, wobei das Poussieren in den ersten beiden Tagebuchbänden an erster Stelle steht.

Das Überraschendste an diesem Leben ist die sexuelle Aufgeklärtheit und die Politisierung der Privatsphäre. Die bürgerliche Moral ist das Hauptangriffsziel des Autors, auch wenn im Zuge der Lektüre deutlich wird, dass es nicht ausreicht, sie individuell außer Kraft zu setzen. An Selbstbewusstsein mangelt es Mühsam dabei nicht: „Denn am Ende habe ich doch alles: Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch.“ Frauen spielen nach seiner Romanze mit Johannes Nohl die entscheidende Rolle in seinem Tagebuch: „Jede hat mich gern, aber keine liebt mich!“ Jenny, Maxi, Jeanne, Fanny, Emmy, die große Liebe Frieda, Consul, Lotte (das Puma), Uli, Ella, Peppi und Mariechen (die ihn nur ausnutzt) begehrt er alle, mit manchen will er leben, mit manchen hat er Sex, mit einigen plaudert er nur.

Selbststilisierung zum Erlesenen

Politisch im üblichen Sinn sind Mühsams Aufsätze für die Zeitschrift „Der Sozialist“, die von 1909 bis 1915 von Gustav Landauer herausgegeben wird, mit dem Mühsam eine schwierige politische Freundschaft führt, auch weil er Landauers affirmative Ansichten zu Ehe und Familie für reaktionär hält. 1909 gründet er mit anderen die Gruppe „Tat“, um das Subproletariat für den Anarchismus zu gewinnen. Mühsam und seine Genossen haben mit Repression und der Justiz zu kämpfen. Der Anarchist verehrt Tolstoi als Schriftsteller und Politiker. Seine Genossen sieht er sehr kritisch, hilft ihnen aber, wie er kann. Die Sozialdemokratie betrachtete er bereits als verkommen, noch bevor sie 1914 für die Kriegskredite stimmte.

Mühsam ist ein typischer Vertreter der Avantgarde, der sich selbst zum Erlesenen stilisiert und sich mit ganzem Herzen und seinem Körper der Sache widmet. Er war ein von seiner Familie (die er verachtet, aber materiell braucht) verkannter Junge, der eine Apothekerlehre absolvieren musste, die er kaum aushielt. Danach geht er nach Berlin, von 1904 bis 1908 lebt er hier und da, um sich 1909 in München niederzulassen. Er versucht sich als Lohnschreiber durchzuschlagen, kann davon aber nicht leben, schnorrt bei Freunden und wartet auf den Tod des Vaters, da die Familie seine Aktivitäten kritisch sieht und ihn kaum finanziell unterstützt. Die Geldfrage verweist ihn immer wieder auf eine Gesellschaftsordnung, die ohne genug Tauschmittel keine Teilhabe ermöglicht, „wenn die Jagd nach dem Brot kein Erfordernis einer schuftigen Gesellschaftsordnung sein wird“.

Am Münchner Theaterleben nimmt Mühsam aktiv teil, nicht als Kulturkonsument, sondern als Kritiker, der die Stoffe auch zum Teil entwirft und Zeugnis für die Nachwelt davon ablegt. Sein Umfeld in der Torggelstube und im Café Stefanie setzt sich neben Schriftstellern und bildenden Künstlern hauptsächlich aus Theaterleuten zusammen. So kennt und beschreibt er im Tagebuch auch die Größen dieser Zeit wie Max Reinhardt, Tilla Durieux, Frank Wedekind, mit denen er auf Augenhöhe verkehrt. Neben dem Theater spielt die Literatur eine große Rolle wie die von Gorki, Tolstoi, Dostojewski, der deutschen Autoren Heinrich und Thomas Mann, des „Pedanten“ Lion Feuchtwanger, von René Schickele, Ludwig Thoma, Gerhard Hauptmann, Franz Pfempfert u. a., mit denen er über das Leben, ihre Literatur und die Politik verhandelt.

Gefeierte Rezeption

Obgleich Mühsam ein großes Herz für das Proletariat und vor allem für das Subproletariat hat, wird sein Kunstbegriff nie populistisch, er bleibt seinen eigenen Ansprüchen so gerecht, dass Adorno seine Freude daran gehabt hätte. Mühsam versucht seiner politischen Haltung gemäß zu leben und verlegt den „richtigen neuen Menschen“ nicht in eine unbestimmbare Zeit. Auch die Mitmenschen werden an diesen Maßstäben gemessen und dementsprechend kritisiert, wenn sie ihnen nicht gerecht werden: „Wir wollen neuen Anstand, neue Beziehungen zwischen den Menschen schaffen und schon unter uns ist keine ehrliche freie schöne Verständigung möglich.“ Mühsam war kein Asket, er schätzte das gute und sinnenfrohe Leben mit Menschen, deren Ideen er teilte.

In seiner Zeit bekam er wenig öffentliche Anerkennung für sein Schaffen. Seine Gedichte und Stücke fanden kaum Verleger, zum Teil aus Angst vor Zensur, zum Teil aus Ablehnung seiner Radikalität, wie zum Beispiel sein polemisches Schauspiel „Die Freivermählten“ bezeugt, das bis heute den Spießerkanon um die heilige Familie erschreckt. Mühsam konnte die Bedeutung seiner festgehaltenen Erfahrungen nicht einschätzen: „Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen.“ Es bleibt die Skepsis, dass die gefeierte Rezeption der Tagebücher vielleicht eher der Historisierung einer künstlerischen Boheme als den politischen Ansichten des Initiators der Münchner Räterepublik gilt.

Elfriede Müller

Erich Mühsam: Tagebücher. Band 1 & 2, 1910–1912. Berlin: Verbrecher Verlag 2011, Band 1: 1911–1911. 351 Seiten. 20,00 Euro. Band 2: 1911–1912. 375 Seiten. 21,00 Euro. Quelle der Lesung: Creative Commons License