Geschrieben am 23. März 2011 von für Bücher, Litmag

Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs

Charms in translation

– Eigentlich darf ich diese Rezension gar nicht schreiben. Daher höre ich damit auf. Tschüss … Andererseits ist es genau der Grund, weshalb ich nicht schreiben darf, der mich dazu bringt, weiterzumachen. Von Vladimir Alexeev

Eine Werkausgabe von Daniil Charms im Buchladen zu entdecken, ist immer ein großartiges Gefühl. Charms ist ein Grund zum Feiern. Als ich dann noch erfahre, dass es sich um eine Neuübersetzung handelt, bin ich besonders gespannt – und wundere mich. Denn eine Neuübersetzung ist vor allem dann besonders wichtig, wenn die alte Übersetzung nicht mehr frisch und modern ist. Doch genau deswegen stellt sich die Frage, wieso man Charms neu ins Deutsche überträgt, wo es doch die Übersetzungen von Peter Urban gibt? Die sind frisch, die sind modern, die sind fundiert und literarisch hochwertig – besonders, wenn man die Übersetzung mit dem Original vergleicht.

Und so öffne ich die neue Ausgabe der Galiani-Edition – und erkenne erst einmal, dass ich – als ein Literaturwissenschaftler – nicht rein darf. Es wird mir sozusagen explizit der Zugang verwehrt. Denn im Nachwort des Herausgebers und Übersetzers Alexander Nitzberg lese ich folgende, in sich unschlüssige Schlussfolgerung: „Die Rede ist davon, wie eine derart bunte und in kein Raster passende Persönlichkeit im Laufe der Jahre zu einer in universitäres Formalin eingelegten Spezies werden konnte, die nur noch mit Hilfe von philologischen Spektralanalysen und durch lexikalische Mikroskope zu beschauen ist! Aber Charms ist kein literaturhistorischer Diskurs, kein intertextuelles Glasperlenspiel für Eingeweihte. Trotz seiner enormen Belesenheit und des Hangs zum Klassifizieren lag ihm jeglicher Akademismus vollkommen fern!“

Diese ständigen Seitenhiebe auf das Akademische ziehen sich durch das gesamte Nachwort, so dass der Eindruck entsteht, Universitäten seien nur damit befasst, Charms’ sprudelndes Chaos in spanische Stiefel einzuschnüren. Und die Aufgabe der Galiani-Edition sei es, den Dichter von diesen kleinkarierten Spitzwegschen Spießern à la Fausts Famulus Wagner zu befreien.

Der lustige Wortakrobat?

Daniil Charms wird bei Galiani in erster Linie als Zauberkünstler, als ein Sprachartist dargestellt. Und nicht mehr. Freilich ist das Spiel mit Worten sehr signifikant für seinen Schreibstil, doch in Charms steckt viel mehr als nur der Jongleur. Ein Déjà-vu? Ein unheimliches Déjà-vu. Die erste in der UdSSR erschienene, noch nicht mal halbwegs vollständige Ausgabe von Charms („Polet v nebesa“, 1988, herausgegeben von Aleksandrov) bediente sich dieses Topos’. Charms als ein Zauberer, als ein Clown. So war der Bezug zur russischen Avantgarde ausgeblendet – denn nur so durfte Charms in der UdSSR überhaupt erscheinen. Charms als ein lustiger Wortakrobat.

Die Jahre sind vergangen und in Deutschland erscheint nun ein Buch mit der gleichen Intention. Doch nicht als Schutzmechanismus gegen die Zensur, sondern als Adaptation für „jedermann“, auch wenn man Charms eigentlich nicht zu adaptieren braucht – bei seiner Multidimensionalität finden alle Leser ihre eigenen Zugänge zu den Texten, ohne dass jemand diese Zugänge diktieren müsste. Doch was passiert nun mit den Texten selbst? Nehmen wir beispielweise die Gedichte von Charms, die nach der Behauptung von Galiani Verlag, „bislang kaum auf Deutsch zugänglich“ waren. Sie haben hier ein trauriges Schicksal.

Man macht Charms zugänglich. Man spielt mit der Wiedererkennbarkeit. Dazu verzichtet der Übersetzter zunächst auf die „quasi wissenschaftliche Transkription der russischen Wörter“ (Nachwort des Herausgebers, Band 1, S. 259). Also, Puschkin statt – „quasi“ wissenschaftlich – Puškin. (Mit „quasi wissenschaftlich“ ist ISO 9, der weltweite Standard zur Transliteration kyrillischer Schrift gemeint. Na gut, ich darf ja nicht mitreden als ein sezierender Schreckensphilologe).

Was tut man sonst (dem Werke an)? Es werden alle Namen eingedeutscht. Also „Herr Meier“ (Galiani) statt „Petr Palyč“ (Charms). „Hieronymus Dümpel“ (Galiani) statt „Ivan Toporyžkin“ (Charms). Eine Rettung für den deutschen Leser, der bereits bei Dostoevskij mit all den russischen Namen zu kämpfen hatte?

Dann wird behauptet, auf die „unnötigen“ Kommentare (s. Übersetzungen von Peter Urban mit den aufschlussreichen und fundierten Kommentaren im Anhang jeder Ausgabe – als freiwillige und optionale Lektüre) im Sinne einer besseren Text-Zugänglichkeit verzichten zu wollen. Und gleichzeitig ist fast jedes Gedicht (auf der gleichen Seite, so dass die Meta-Ebene ständig den Lesefluss unterbricht) mit einem mehr oder minder konstruktiven Kommentar versehen.

Der Übersetzer-Mime

Doch die signifikanteste Vorgehensweise kommt noch. Nitzberg wendet Reim und Metrik an, und erreicht ausgerechtet das, was Urban vermeiden möchte. Urban nämlich verzichtet in seinen Übertragungen der lyrischen Werke oft auf Reim und Metrik und benutzt eine Interlinearübersetzung. Nicht nur bei Charms. Puškins Lyrik sei unübersetzbar, sagt Urban, und recht hat er. Denn Lyrik kann man zwar aus einer Sprache in die andere transferieren, doch es wird ein völlig neues Werk sein. Man wird aber keinen originalen Dichter mehr erleben, sondern – es tut mir leid! – nur den Übersetzer in seinem Kultur- und Sprachkontext. Die ganzen Anspielungen und ganzen Klänge ändern sich gewaltig gegenüber dem Original. Eine alte Geschichte. Soll man auf Übersetzungen der lyrischen Werke deswegen also verzichten? Nicht unbedingt. Zumindest, wenn man den Kern der Werke nicht verunstaltet. Doch was passiert hier?

Die Intention der Galiani-Edition ist lobenswert: Charms’ Texte erlebbar, „goutierbar“ (Band 2, S. 295) zu machen. Die beim Lesen der russischen Originaltexte immer entstehende Freude und Faszination mit dem deutschen Leser zu teilen. Doch leider sind die Übertragungen der lyrischen Texte oft problematisch: Der Übersetzer schimmert durch den Text im Versuch, das Original nachzuempfinden. Und gerade das ist es, was den Dichter in dieser Ausgabe so verzerrt. Der Leser mag auch erhoffen, den Sprachakrobaten Charms zu rezipieren, doch er rezipiert stattdessen den Sprachakrobaten Nitzberg.

.

Besonders deutlich wird das bei der Übersetzung des verhängnisvollen Gedichts „Iz doma vyšel čelovek“ („Ein Mensch ging aus dem Haus“), geschrieben in dem nicht weniger verhängnisvollen Jahr 1937. Nach diesem in einer Kinderzeitschrift veröffentlichten Gedicht war Charms endgültig ins Visier der stalinistischen Repressalien geraten, er wurde mehrmals verhaftet, er hatte keine Chance mehr, gedruckt zu werden. Nicht einmal für Kinder.

In diesem Gedicht wird ein Mensch beschrieben, der für eine lange Wanderung gut ausgerüstet sein Haus verlässt und losgeht, ohne Pause und Schlaf zielstrebig immer weiter geht, bis er einen dunklen Wald erreicht und in diesem Wald verschwindet. Das Gedicht ist schlicht. Einfach. Ohne jegliche Wortspiele und Avantgardismen. Direkt, und deswegen schaurig. Doch dieser Schauer, diese Direktheit gehen verloren unter den manieristischen Bemühungen Nitzbergs, auch hier den Sprachakrobaten Charms zu mimen:

Ein Mann mit Säckchen und mit Stock
trat einmal aus dem Haus
und in die Wolt,
und in die Wult,
und in die Welt hinaus

Alle möglichen Interpretationen (und die politische Deutung ist nur eine von dutzenden Lesearten dieses großartigen Werkes) schwinden. Was bleibt, ist Wolt und Wult. Wieso ausgerechnet dort, wo es um die Welt geht? Und so entsteht durchaus ein neues Bild von Charms – zumindest für westliche Leser. Ein Bild aus sowjetischen Zeiten. Ein Clown, ein schräger Vogel. Frei von intertextuellen Bezügen, frei von jeglichen Akademismen. Einfach urkomisch und wundersam. Ein bisschen Spaß muss sein.

Ja, das ist auch ein Charms, ein neuer Charms, ein anderer Charms. Ein verständlicher Charms. Ein popularisierter Charms. Ein Charms-für-alle. Ein ärmerer Charms. Das ist eigentlich alles.

Vladimir Alexeev

Kleines Lied (Urban)

Einst ging ein Mensch aus seinem Haus
in Mantel Stock und Hut
     Lang ist der Weg
     lang ist der Weg
der vor ihm auf sich tut.

Er ging und ging geradeaus
und schaute nicht beiseit.
     Nicht schlief nicht trank
     nicht trank nicht schlief
er gestern, morgen, heut.

Und eines Tags im Morgengraun
stand er im dunklen Wald
     Und seit der Zeit
     und seit der Zeit
er für verschwunden galt.

Begegnet ihr ihm irgendwann
an irgend einer Stell
     dann sagt es uns
     dann sagt es uns
dann sagt es uns ganz schnell.
 
Liedchen (Nitzberg)

Ein Mann mit Säckchen und mit Stock
trat einmal aus dem Haus
und in die Wolt,
und in die Wult,
und in die Welt hinaus.

Er schaute nur geradeaus,
geradeaus er lief,
wobei er
weder trank noch aß
noch aß noch trank noch schlief.

Bis er sich eines Morgens früh
im dunklen Wald befand,
worauf er dinn,
worauf er donn,
worauf er dann verschwand.

Und trifft ihn einer unter euch
so rein eventuell,
dann sagt es ins,
dann sagt es ans,
dann sagt es uns ganz schnell.

Daniil Charms: Werke in 4 Bänden. Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Berlin: Verlag Galiani 2010/11. Mit diversen Abbildungen. Gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen. 24,95 Euro.
Band 2: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg. 320 Seiten. 24,95 Euro.
Eine Rezension von „Marina Durnowo: Mein Leben mit Daniil Charms“ finden Sie hier

  • Leser

    Ich kann leider nach dem Original nicht beurteilen, da ich des Russischen nicht mächtig bin. Dafür habe ich viele verschiedene Charms-Übersetzungen bereits gelesen. Nach meiner bescheidenen Meinung stammen die am meisten überzeugenden Übersetzungen von Peter Urban.
    Ich freue mich, in Ihrer Rezension Bestätigung meiner Gefühle zu finden.

    • Leser

      Gut, daß es noch Philologen wie Sie gibt, die Nitzberg nicht auf den Leim gehen. Die Übersetzungen sind eine Katastrophe und werden die (wissenschaftliche) Aufarbeitung um viele Jahre zurückwerfen. Ich verweise Sie noch auf Stefan Ripplinger, der in der „Konkret“ November 2010, davon sprach, daß Charms durch Nitzberg zum „Büttenredner“ verunstaltet wurde. Die Eindeutschung der Namen soll ihn zum „Kumpel“ der deutschen Leserschaft machen. Daß ein Verlag denunziernde Nachwörter und Übersetzungen hat durchgehen lasssen, spricht für wenig Feingefühl und Seriosität. Heute dreht sich alles um strategisches Ranking auf dem Markt, auch wenn dies auf Kosten von Weltliteraten ausgetragen werden muß. Mein Beileid an Verlag, Übersetzer und / Herausgeber.

  • Leser

    Was hat es mit dieser „wissenschaftlichen Aufarbeitung“ von Charms auf sich? Und wie kann eine Übersetzung, die überhaupt nicht „wissenschaftlich“ sein will, selbige „um Jahre zurückwerfen“? Und in wiefern sollen diese Übersetzungen „denunzierend“ sein? Nur weil sie sich gegen die Vereinnahmung durch Peter Urban und die akademistische Fraktion wehren? Wenn ich Nitzberg recht verstehe, geht es ihm ja gerade darum, den Blick auf Charms‘ Artistik zu lenken. Das aber ist mehr als legitim und hat mit „Büttenreden“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Sind Urbans Übersetzungen, die oft völlig wirr und planlos zusammengewürfelt sind, etwa „wissenschaftliche Aufarbeitung“? Trotz ihrer zahllosen Fehler und bloß wegen der nervigen slawistischen Umschrift (contra Dudenschreibweise)? Na, ich weiß nicht. Daß der Charakter der Gedichte in der neuen Übersetzung viel besser getroffen ist, glaubt übrigens auch Felix Philipp Ingold in der NZZ, ein Experte für russische Literatur der Moderne und selbst ein namhafter Übersetzer.

    • VA

      Der Charakter der Gedichte ist leider in Nitzbergs Übersetzungen weit verfehlt, das kann ich nicht nur als Slawist, nicht nur als Literaturwissenschaftler behaupten, sondern auch als Muttersprachler und Charms-Besessener. Das wurde hoffentlich mit dem Beispiel des „Kleinen Liedes“ deutlich – die ganze Kraft des Simplen im Original ist mit einem pseudo-clownesken Knall der Übersetzung geplatzt. Das (Schau)Spielerische (=“Artistik“) ist zweifellos ein wichtiger Faktor für Charms – aber bei weitem nicht der einzige, doch in Galiani-Edition ist nichts anderes zu sehen.

      Übrigens, Felix Philipp Ingold bemängelt in derselben Rezension – völlig zurecht – die unangemessene, für Werkausgabe unpassende und selbstdarstellerische Polemik gegen die vorherigen Übersetzungen. Und eine desperate Bemängelung des Anderen macht bekanntlich das Eigene nicht besser.

      • gast

        Ich bin auch Muttersprachler (wie übrigens auch Nitzberg) und finde Nitzbergs Übersetzungen unvergleichlich gelungener als die von Peter Urban: Sie haben einen frischen und kraftvollen Ton. Wer behauptet, er würde Charms zu einem Clown machen, verdreht hier bewußt die Tatsachen und hat offenbar die Nachworte nicht gelesen. Die meisten Gedichte des Bandes sind nicht „lustig“, sondern skurril, viele auch unheimlich, wie „ist das wirklich nur ein plan“ (das man auch auf youtube von ihm rezitiert hören kann). Im Gegensatz zu Urban, der Charms fast immer nur politisch oder „intertextuell“ (was Charms gewiß am meisten abgestoßen hätte) deutet, spricht Nitzberg die ganze Zeit über von dessen metaphysischer, ja, mystischer Komponente, zu der die Idee des Lachens, des Staunens und des Wunders unbedingt dazugehört. Und gewiß wäre sogar der Zirkus Charms sehr viel näher gewesen, als diese verstaubte, trockne und oft auch noch grotesk falsche Wortklauberei eines spröden Interlinearübersetzers. Das Wort „Artistik“ hat übrigens mit dem Schauspielerischen nichts zu tun: Es wurde in die Kunst von Nietzsche eingeführt und ist ein zentraler Begriff für Gottfried Benn. Hier mal ein passendes Zitat aus Benns „Problemen der Lyrik“: „Ich gebrauchte vorhin zur Charakterisierung des modernen Gedichts den Ausdruck Artistik und sagte, das sei ein umstrittener Begriff – in der Tat, er wird in Deutschland nicht gern gehört. Der durchschnittliche Ästhet verbindet mit ihm die Vorstellung von Oberflächlichkeit, Gaudium, leichter Muse, auch von Spielerei und Fehlen jeder Transzendenz. In Wirklichkeit ist es ein ungeheuer ernster Begriff und ein zentraler. Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erleben einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust“. Genau in diesem Sinne gebraucht Nitzberg diesen Begriff, man kann es wortwörtlich in seinem „Lyrik Baukasten“ nachlesen und auch in den Nachworten seiner vielen anderen und durchaus ernstzunehmenden Übersetzungen. Und zuletzt noch eine Frage: Wieso reden hier alle nur von Nitzberg? Wenn ich richtig sehe, stammt genau die Hälfte der neuen Charms-Edition von Beate Rausch. Oder zählt das jetzt nicht?

  • Leser

    Da kann ich nur empfehlen, die russische Sprache gründlich zu studieren und dann die Originale zu lesen. Nur so wird mehr als deutlich, was für ein Fälscher und Möchtegern Nitzberg ist. Zu Ingold fällt mir ein, daß der schon seit mehreren Jahren gar nicht mehr liest, was er da rezensiert, sonst wären seine Besprechungen nicht so banal. Eine Übersetzung muß für sich gut sein. Warum feilscht Nitzberg an jeder Kreuzung um Pluspunkte, sein Ego muß es doch nötig haben, sonst würde er nicht auf so einem platten Niveau durchstarten. Seine Haßpredigten gegen Urban und Co. zeigen, welch Geistes Kind er in Wahrheit ist. Außerdem gegen den „Akademismus“ (was soll das denn überhaupt heißen?) zu stänkern, erscheint wie ein globaler Faustschlag gegen alle Slawisten aller Generationen und gleicht den widerwärtigen sowjetischen Zensurmethoden, denen Charms doch auch ausgesetzt war. Ist Nitzberg nicht dort in der SU in die Schule gegangen? „Artistik“ ist so eine abgehalfterte Formel des 19. Jahrhunderts, aus welcher Zirkusmottenkiste ist das denn gezogen? Entsetzlich, daß da Jünger wie Leser Nr. 3 ahnungslos drauf abfahren. Ich verstehe den Berliner Verlag auch nicht. Der hätte Übersetzungen und Nachwörter wenigstens lektorieren müssen. Mein Prof. meint, die haben 6-Minus verdient.

    • VA

      Das stimmt: Originale zu lesen ist wohl die beste Lösung. Denn die neuen Berliner Übersetzungen verzerren das Charms‘ Bild sehr stark. Und unter der Versprechung, Charms dem deutschen Leser zu öffnen, wird der einzigartige Dichter und Schriftsteller derart simplifiziert, dass es nur noch weh tut.

    • Gast

      Er sieht auch schon so richtig gemein aus, dieser Nitzberg! Hat einen ganz, ganz bösen Blick und sooo scharfe Zähne!Herr im Himmel sei uns gnädig!

    • Zaunkönig

      Daß Slawistikprofessoren Noten für Literaturübersetzungen vergeben, finde ich lustig. Oder ging der etwa in der SU in die Schule? Noch lustiger finde ich, wie hier offensichtlich mit der Unwissenheit der Leser gearbeitet wird. Ich denke, niemand, der die russischen Gedichte im Original lesen kann, wird ernsthaft für Urbans Übersetzungen schwärmen können: Die sind einfach zu roh, zu plump und zu ungekonnt. (Und da helfen ihm auch all seine Meriten nicht.) Wenn Sie sagen, Übersetzungen müssen für sich gut sein, dann sollten Sie nicht mit zweierlei Maß messen. Oder ist jeder Fehler, den Urban macht (und davon finde ich auf jeder Seite fünf) dadurch geadelt, daß er aus der Hand des großen Meisters stammt? Z. B. lese ich in seinem Band „Die Wanne des Archimedes“ (Wien 2006) auf S. 129:

      „Mit den Modellen des Weltalls wedelnd
      Geht aus dem Tor der Physiker.
      Plötzlich fiel er und brach sich das Knie-
      gelenk. Das Volk geht auf ihn zu,
      Mit den Gelenken der Bewegung wedelnd.
      Dann geht ein Posten auf ihn zu
      Die Multiplikationstabelle büffelnd
      Geht ein junger Student auf ihn zu
      Mit ihrer Tasche eine junge Frau geht auf ihn zu
      Mit ihrem Stock eilt eine alte Frau vorbei
      Der Physiker liegt immer noch, geht nicht
      Geht nicht, der Physiker, er liegt.“

      Verstehen Sie das? Und: finden Sie das gut? Es klingt, als sei das Gedicht durch den Google-Übersetzer gejagt worden! Dabei bezieht sich im Original die fünfte Zeile: „Mit den Gelenken der Bewegung wedelnd“ („masha ustavami dvizhenya“) eindeutig nicht auf das Volk, sondern auf den Wachposten im nächsten Vers und das Wort „ustavami“ heißt auch nicht „mit den Gelenken“ (das müßte „sustavami“ heißen), sondern „mit den Regeln“ (wohlgemerkt des „Straßenverkehrs“ = dvizhenya) wedelnd. Im Vergleich zum metrischen und gereimten Originalgedicht mit seinem leichten, fast verspielten Tonfall, haben wir es hier in der von Ihnen so favorisierten Übersetzung also offensichtlich mit vollkommenem Blödsinn zu tun. Die Version, die Nitzberg dagegen vorschlägt ist nicht nur fast wörtlich, sondern gibt darüber hinaus auch noch die Eleganz und die Form des russischen Gedichts wider:

      „die kosmischen Modelle schwenkend
      geht durch das Tor ein Physiker
      und stolpert sich das Bein verrenkend
      beim Kniegelenk viel Volk kommt her
      die Regeln des Verkehres schwenkend
      ein Straßenwachmann zu ihm rennt
      sich in das Einmaleins versenkend
      bewegt sich zu ihm ein Student
      es eilt zu ihm ein Frauenzimmer
      ein altes Weiblein zu ihm fliegt
      doch liegt der Physiker noch immer
      der Physiker noch immer liegt“

      Auch die Pointe am Schluß ist gerettet, denn das urbansche „geht nicht“ bedeutet auf Deutsch, daß etwas nicht funktioniert und nicht, daß der Physiker nicht mehr laufen kann. Stellen wie diese, finden sich zu Haufen in Urbans Übersetzungen. Wenn man überlegt, daß dies keiner kapiert und der Mann immer noch mit vorauseilendem Gehorsam überall gepriesen wird, dann kann ich es gut verstehen, daß Nitzberg ständig darauf hinweist. Es ist doch eigentlich seine Pflicht, auch im Sinne der Treue gegenüber dem Werk von Charms und hat nichts mit seinem „Ego“ zu tun. Also beleidigen Sie bitte nicht meine Intelligenz und reden Sie nicht so pauschal daher. Vielleicht sollten Sie weniger auf irgendwelche Professoren hören, sondern auch mal auf das eigene ästhetische Urteil vertrauen.

      • VA

        In der Rezension ging es mir keineswegs um das Besingen von Urban und das Dämonisieren von Nitzberg, sondern lediglich um die Frage, inwieweit die Übersetzungen aus der hier besprochenen Edition die Originalität von Charms wiedergeben und einfangen.

        Die Vergleiche zwischen den Übersetzungen sind durchaus amüsant, doch wenn es darum geht, Original mit Übersetzung zu vergleichen, muss ich leider – im Vertrauen auf das eigene ästhetische Urteil (gepaart mit Kenntnis des Originals) – sagen, dass ich (und das ist keine allgemeingültige, sondern eine subjektive Meinung) den Reiz von Charms, seine Melodik, seine Auratik, ja seine Stimme hier nicht hören kann. Oder, nach Stanislavskij: „Не верю“ (zu Deutsch: Ich glaube nicht daran. auch: Ich bin davon nicht überzeugt.)

        Das ist eigentlich alles.

  • VA

    Ich begrüsse hier einen weiteren Muttersprachler, und möchte ihm zunächst Recht geben: das Verständnis von Artistik als „Gaudium“, als „Spiel und Spass“ ist eine leider sehr verbreitete, aber mangelhafte Interpretation, und die Anwendung dieser Reduktion auf Charms wäre verhängnisvoll für seine ganze Rezeption in Deutschland (in der UdSSR war das damals mit Aleksandrovs Edition der Fall – zugegeben, ohne diese Edition wäre Charms noch länger ein „Geheimtipp“ geblieben).

    Die Benns Auseinandersetzung mit Artistik kann ich auch sehr gut nachvollziehen, es lässt sich an Charms‘ Meta-Umgang mit seinen Texten gut anwenden. (Ich würde sogar soweit gehen und Benns Terminologie im Fall von Charms so umformulieren: „Transzendenz der schöpferischen Un-Lust“, denn Charmss‘ Beschäftigung mit seinen eigenen Texten hat oft einen nihilistischen Charakter, während er die Rolle eines „untätigen Zauberers“ übernimmt).

    Nur: es ist bei Weitem nicht alles, was die Texte von Charms ausmacht. Liest man beispielweise die Gespräche von Činari (einer poetologisch-philosophischen Gruppe um Charms), aufgeschrieben von Lipavskij, sieht man wie viel von diesen Gesprächen sich in Texten von Charms spiegeln und thematisiert werden.

    Es ist durchaus möglich und legitim, Joyce‘ Ulysses ohne jegliche intertextuelle Bezüge und Vorbereitungen zu lesen – als einen spielerischen Experiment-Text. Doch Kenntnis von Homers „Odyssee“, von Kultur Irlands, von Dublins Topologie, von damalig geläufigen Liedern und Büchern, (mindestens von einem dieser Aspekte) wird die Wahrnehmung des Werks immer weiter bereichern, und viele verschlossenen Türen öffnen. Das ist die Problematik einer jeden Übersetzung – die stilistische, aber auch inhaltliche Authentizität. Und es geht mir hier weder um Akademismen, noch um das dekonstruktivistische Auseinander-Bauen von Charms auf kleine Teile, sondern um das Eröffnen der unendlich reichen Welt von Charms für den Leser.

    Über Nitzberg wurde hier gesprochen, weil in dieser Rezension genau über das zweite Band (Gedichte, übersetzt von Nitzberg) ging, nicht über die Gesamtwerkausgabe (die am besten zu beurteilen wird, wenn sie bis Herbst 2011 komplett erscheint). Übrigens war das Ziel dieser Rezension keineswegs, den originellen und äusserst lese/sehwürdigen Alexander Nitzberg schwarzzumalen, sondern sich mit seinen Übersetzungen kritisch auseinanderzusetzen. Das war hoffentlich auch das Ziel des Nitzbergs Nachworts im Bezug auf Urban.

    Vielleicht ist die Beste Lösung, Charms in Übersetzung zu rezipieren: ihn in mehreren (allen?) vorhandenen Übersetzungen zu lesen. Dann wird man erst der Vielseitigkeit dieses Meisters bewusst. Jede Übersetzung an sich ist defizitär – zusammen bilden sie aber eine authentische und vieldimensionale Darstellung des Autors. Lasst uns Charms weiter übersetzen!

    • Zaunkönig

      Na ja, es existieren ja auch einige objektive Kriterien, wie die sprachliche Richtigkeit. Daß „ustavami“ („mit den Regeln“) und eben nicht „mit den Gelenken“ („sustavami“) heißt, hat mit Ihrer subjektiven Meinung zum Glück wenig zu tun, ist einfach eine Tatsache. Ähnliches gilt auch für die Melodik, ist sie doch kein Zufallsprodukt, sondern in der Poesie immer auch „gemacht“, sprich: gestaltet und als solche erkennbar. In der Urbanschen Version des Gedichts ist von einem Versuch, die Melodik und Metrik von Charms nachzubilden noch nicht einmal ansatzweise etwas zu sehen, während die zweite Übersetzung bewußt damit arbeitet und somit meßbar wird. Daß das Ergebnis im Deutschen mit dem Ergebnis im Russischen nicht einfach identisch sein kann, ist eigentlich banal. Aber in dem einen Fall findet wenigstens der Versuch statt, eine ähnliche Wirkung zu erzeugen, während wir es im anderen mit einer (zumal fehlerhaften)Interlinearübersetzung zu tun haben. Aber offenbar haben wir vollkommen verschiedene Auffassungen davon, was Übersetzungskunst oder eben keine Kunst ist. Im übrigen verschweigen Sie in Ihrem Artikel, daß Nitzberg in seinem Nachwort auf die sprachlichen Unmöglichkeiten (im Deutschen) in der Urbanschen Übersetzung des Kindergedichts hinweist, die mithin gewaltige Abweichungen vom russischen Original bilden. Aber die scheinen Sie ja bei Ihrer Interpretation und Ihrem Urteil nicht zu stören. Allein die Zeile „in Mantel Stock und Hut“ ist im Deutschen schon eine ziemliche Meisterleistung! Aber sicherlich nach allen Richtungen hin ausdeutbar. Wie schön!

      • VA

        Ja, zweifellos, der Versuch, eine ähnliche Wirkung zu erzeugen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Übersetzers – da ist meine Auffassung von der Übersetzungskunst nicht weit von Ihrer entfernt. Mir grausts auch immer, wenn ich den Autor in einer Übersetzung nicht wiedererkenne.

        Doch ausgerechnet das Kindergedicht, das Sie hier erwähnen, wurde in der vorliegenden Neu-Übersetzung leider besonders verzerrt, wie ich es in meiner Rezension konkretisierte (indem ich – oh schreck! – eine weitere Übersetzung zur Verdeutlichung für den deutschsprachigen Leser mitpositionierte). Wenn man schon dabei ist, die Interlinearübersetzung zu vermeiden und das Original kongenial nachzuempfinden – ein lobenswertes Unterfangen, da bin ich gerne dabei – dann müsste man sich schon auf das Original orientieren. Das Charms‘ Kindergedicht zeichnet sich durch die erstaunliche Einfachheit aus, es ist weder verspielt, noch gibt es hier Wortakrobatik. Hier geht es um den bitteren Ernst. Auch wenn das als Kindergedicht deklariert wird. Auch wenn das in einer Kinderzeitschrift veröffentlicht wird. Dieses Gedicht ist eines der stärksten in Charms‘ Oeuvre überhaupt, genau wegen dieser plötzlichen Klarheit des Stils. Und was passiert in der vorliegenden Edition? „Wolt und Wult“, „dinn und donn“. Ob hier eine ähnliche Wirkung erzeugt wird? Na ich weiss nicht…

        Das begrüssenswerte Ziel der Edition, „Charms‘ Gedichte für sich selbst sprechen zu lassen, sie goutierbar zu machen“ (Bd 2., Seite 295) bleibt – zumindest ausgerechnet bei diesem Gedicht – meiner bescheidenen Meinung nach unerreicht.

        Über Urbansche Übersetzungen habe ich nicht „verschwiegen“, sie waren lediglich nicht das Thema meines Textes. Es ging mir nicht um die Vergleiche zwischen den Übersetzungen (und gar nicht zwischen den Übersetzern), sondern um die Übersetzung von Charms‘ Gedichten im Zweiten Band der Galiani-Edition. Sonst müsste ich gerechtigkeitshalber alle anderen Charms‘ Übersetzer miteinbeziehen. Eigentlich wollte ich Urban hier gar nicht fokussieren, nur wurde ich durch die (für eine Gesamtwerkausgabe) unangemessene Nachwort-Polemik (die übrigens auch Felix Philipp Ingold bemängelte) dazu verführt. Mea maxima culpa.

        Mir ging es also nicht darum, wessen Übersetzung besser sei – ein solcher Vergleich ist ein eigenständiges (durchaus spannendes und komplexes) Thema, und dabei würde man sich, wie gesagt, sowieso nicht nur auf diese zwei Übersetzer beschränken können. Das Ziel meiner Rezension war aber, zu verdeutlichen, inwieweit Charms in dieser Übersetzung zu erkennen (oder nicht zu erkennen) ist.

        Ich begrüsse die Bemühungen, Charms in einer Komplette-Werke-Edition zu veröffentlichen. Nur schade ist, wenn er für den deutschen Leser weiterhin verschlossen bleibt.

      • Bernd Hutschenreuther

        Hallo, die Kommentare liegen hier schon ein paar Jahre zurück, sind aber sehr interessant.
        Ich denke, Übersetzungen haben einen Zweck, und es sind viele Übersetzungen bzw. Übertragungen möglich.

        In einem zweisprachigen Buch, das dazu dient, eine andere Sprache zu lernen, sind interlineare Übersetzungen durchaus hilfreich.
        In wissenschaftlich-kritischen Ausgaben kann auch die internationale Umschrift gut sein. In anderen Bereichen empfinde ich die Dudenumschrift für kyrillische Namen besser.

        Das erste Buch, das ich von Charms las, war eine zweisprachige Ausgabe „Alles Schnickschnack.“
        Von der Übersetzung war ich enttäuscht, weil sie die Gedichte als in Verse geteilte Prosatexte übersetzte.
        Reim und Rhythmus wurden ignoriert. Und das bei Kindergedichten.

        Das entfernt einen großen Teil vom Lesespaß. Hätte ich nur dieses Buch in Deutsch gelesen, ohne den russischen Text zu beachten, wäre es sogar äußerst enttäuschend gewesen. Es hat den Zauber Charms aus der Übersetzung eliminiert.

        Ich habe dann für mich selbst begonnen, Gedichte von Charms zu übersetzen. Das war ein sprachliches Erlebnis.
        Und Kindergedichte blieben Kindergedichte. Vielleicht nicht sehr gut, aber für mich lehrreich.

        Bei dem Mann, der aus dem Haus ging, verstehe ich die Aufregung nur, wenn man das Gedicht aus dem Zusammenhang reißt. Im größeren Zusammenhang sehe ich beide als möglich an, beide erfüllen Voraussetzungen poetischer Art und beide „klingen“ in deutsch.

        Jedoch gefällt mir die neue Übersetzung etwas besser. Beide Übersetzungen sehe ich aber sprachlich nicht als sonderlich gelungen an, weil sie beide gegen deutsche Stilregeln unnötigerweise verstoßen.

        Ob Namen in Russisch bleiben oder deutsch werden sollen? Ich denke, das hängt vom Namen ab.

        Wenn der Name ein „normaler“ Vornamen ist, würde ich ihn in russisch lassen, ist er ein beschreibender Name, wie zum Beispiel „Nimmerklug“ von Nossow, würde ich ihn übersetzen. Ich würde es in einem Buch bzw. zumindest in einem Abschnitt aber relativ konsistent gestalten.

        Wenn der russische Charakter des Gedichtes hervorscheinen soll, würde ich die Namen gegebenenfalls eher in Russisch lassen.

        Mehrdeutigkeiten sind komplex. Manche lassen sich nicht übersetzen, aber oft lassen sie sich ersetzen.
        Wortspiele würde ich durch ähnliche in Deutsch ersetzen.
        Ich würde eher „falsche“ Übersetzungen akzeptieren als auf Reim und Rhythmik zu verzichten.

        Reime würde ich als Formkriterien erhalten. Das heißt, tendenziell ziehe ich die Neuübersetzung gegenüber der von Urban vor.

        Um richtig zu übersetzen, muss man falsch übersetzen.

        Viele Grüße von Bernd Hutschenreuther