Posted On 25. Mai 2013 By In Bücher, Crimemag With 1210 Views

Dan Brown: Inferno

dan-brown-infernoFather Dan Brown predigt Eugenik

– Dan Browns „Inferno“ ist nicht nur als Thriller selten langweilig und schwachsinnig. Schlimmer noch: Es ist eine kaum verkappte Propagandabroschüre für Eugenik – oder für das, was jeder Schwachkopf sich darunter vorstellen mag. Tobias Gohlis gruselt es.

Stellen Sie sich vor, Sie seien durch wissenschaftliche Forschungen zu der unabweisbaren Folgerung gekommen, ein bis zwei Drittel der Menschheit – so um die vier bis sieben Milliarden Menschen – müssten umgebracht werden, damit der Rest der Spezies überleben könnte.

Stellen Sie sich weiterhin vor, Ihnen sei es in vielen Gesprächen mit einflussreichen Menschen, unter anderem der Direktorin der Weltgesundheitsorganisation, nicht gelungen, diese von Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit eines kontrollierten Massenmords zu überzeugen.

Stellen Sie sich vor, Sie seien verzweifelt und allein. Sie sähen keinen anderen Ausweg, als den moralisch gebotenen Massenmord in die eigenen Hände zu nehmen. Stellen Sie sich zusätzlich vor, Sie besäßen die finanziellen, wissenschaftlichen und medizintechnischen Mittel, diesen Plan allein im stillen Kämmerlein zu realisieren. Ihnen gelänge es, einen sich innerhalb einer überschaubaren Frist selbst auflösenden Beutel mit einem für sieben Milliarden Tote ausreichenden Virenkonzentrat in einer schwer zugänglichen Zisterne in Istanbul zu platzieren. Was würden Sie dann tun?

A) Würden Sie sich versteckt halten und hoffen, dass Ihr Anschlag klappt, bevor Ihnen jemand auf die Spur kommt?

Oder würden Sie B) einen persönlichen Brief an die Chefin der WHO schicken, in dem Sie sie auf ein Bankschließfach verweisen, in dem ein 5500 Jahre altes sumerisches Rollsiegel verborgen ist? Dieses Siegel enthielte eine winzige von Ihnen veränderte Version von Botticellis Zeichnung, die Dantes neun Höllenkreise des Infernos im Querschnitt zeigt.

Sandro_Botticelli_-_La_Carte_de_l'Enfer

Nur ein einziger Mensch auf der Welt könnte die von Ihnen vorgenommenen Änderungen erkennen, verstehen und als Hinweis auf weitere Rätsel interpretieren, mit deren Lösung und der Aufspürung weiterer Rätsel und ihrer Verstecke nur dieser eine Mensch herausfinden könnte, wo Sie in jahrelanger Planung und Arbeit das massenmörderische Gift versteckt haben.

Wenn Sie sich für Plan A) entschieden, wären Sie bloß ein rational kalkulierender Massenmörder. Entschieden Sie sich hingegen für Plan B), wären Sie entweder reif für die Klapsmühle – oder Sie befänden sich mitten in Dan Browns „Inferno“.

Geld

Dass die Aussicht auf viel Geld blöd und blind machen kann, und zwar eine Menge vermutlich kluger Leute, beweist das Erscheinen dieses Buches. Stünde nicht der Name Dan Brown auf dem Titel, wäre es wegen offenkundiger Schwachsinnigkeit vermutlich nicht veröffentlicht worden. Aber man weiß nie. Immerhin atmet der internationale Buchmarkt in Boom-Schüben, und die Marke „Dan Brown“ hat schon einmal einen Boom ausgelöst.

Wenn einem Autor (oder der beteiligten Horde industrieller Buchproduzenten, wie zumindest die Liste der Danksagungen zu „Inferno“ andeutet) nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das bewährte Mittel der Amnesie. In eine solche hat Brown seinen Helden Robert Langdon, den weltweit einzigen Vertreter der „Symbologie“ genannten Disziplin, gleich zu Beginn von „Inferno“ versetzt. Diesen (völlig unplausibel durch Drogen herbeigeführten künstlichen) Gedächtnisverlust braucht Brown, um den hanebüchenen Schnitzeljagdplan des massenmörderischen Bösewichts halbwegs glaubwürdig zu machen.

Der ahnungslose Langdon muss sich daher in einer nervtötenden Abfolge von unglaubwürdigen Action-Szenen und langatmigen Kunstgeschichtsexegesen erst durch die Sehenswürdigkeiten von Florenz, dann durch die von Venedig und zum Schluss durch die Istanbuls schlagen. Diese Kunstgeschichtsexegesen, aufgehängt an Dantes Divina Commedia und erweitert um Mitschnitte von florentinischen, venezianischen und istanbulischen Tourguidestories, sind der Leim, den Brown seinen bildungsbürgerlichen Interpreten ausgelegt hat. Es ist absehbar, dass ihm wie im Fall von „Sakrileg“ bald ganze Scharen von Besserwissern Fehler in seiner Dante-Interpretation nachweisen werden. In der Süddeutschen Zeitung hat Lothar Müller bereits Browns Mixtur aus Wikipedia-Verschnitt und Klapperdramaturgie zum „Genre des Kulturthrillers“ ausgerufen, um es von der Höhe des Feuilletons aus umso genüsslicher fertigmachen zu können.

Wie schon im Fall des bereits wieder vergessenen Schwedenkrimis aus deutscher Feuilletonistenedelfeder vom letzten Sommer ist es auch diesmal ein Schundtext, der weder mit Krimi noch gar mit Literatur in einem Atemzug genannt werden sollte, der das kunstliterarisch engagierte Feuilleton zum Schäumen bringt. Altbekannte Distinktionsgewinne.

Transhumanismus?

Dabei ist „Inferno“ nur aus einem Grund interessant. Der ist allerdings übel. Bereits in „Illuminati“ und „Sakrileg“ hat sich Brown als ebenso wahnhafter wie populistischer Kirchenkritiker aufgeführt. Nicht in aufklärerischem Sinn, sondern – besonders anbiedernd in „Sakrileg“ – als Fellow-Traveller angeblich unterdrückter religiös-feministischer Strömungen. Bekanntlich ist es von der eifernden Religionsanmache bis zur Gründung einer eigenen Sekte nur ein kleiner Schritt. Biologistisch („Maria Magdalenas Blutlinie“) hat Brown schon immer argumentiert.

Jetzt, in „Inferno“, inszeniert er seinen „Thriller“-Klapparatismus, um die neueste Mode-Sekte zu propagieren, die der „Transhumanisten“. Als hätten Doubleday, Mondadori, Lübbe et. al. den Termin abgepasst, an dem erstmals von einem erfolgreichen Klonvorgang menschlicher Stammzellen berichtet wurde (fehlerhaft, wie man inzwischen weiß) veröffentlichten sie mit „Inferno“ den dazu passenden feuchten Traum eines Englischlehrers aus New Hampshire, der sich auf den letzten von 684 langweiligen Seiten als kaum verbrämtes Pamphlet für die gute alte Eugenik erweist. Sie erinnern sich: Darunter versteht man – Nazi-Verbrechen inklusive – systematische Eingriffe ins menschliche Genreservoir. Natürlich nur zum Besseren der ganzen Spezies, Rasse, Truppe. Dem dann immer zuerst ein paar Individuen geopfert werden müssen.

In „Inferno“ geht das so: Der pathogene Klumpen im Kunststoffbeutel, hinter dem alle her waren, enthielt kein Massenvernichtungsgift, sondern etwas zwar Klebriges, aber Gutes und Nützliches. Nahe der weltökumenisch versöhnlerisch als Multi-Reli-Kathedrale beschriebenen Hagia Sophia ist die versteckte Plastiktüte bereits vor dem angekündigten Termin der Katastrophe aufgeplatzt und hat einen Virus (oder so etwas ähnliches, da ist Mr. Brown ungenau) freigesetzt, der etwa ein Drittel der Weltbevölkerung – nicht umgebracht, sondern – oh Wunder –: sterilisiert hat. Der Roman, der strukturell Dantes Gliederung in Inferno, Purgatorio, Paradiso folgt, ist nun im optimistischen Paradies-Abschnitt angelangt. Die Überbevölkerung, im Roman aufrüttelnd als unerträgliche Touristenschwemme auf dem Markusplatz in Venedig erfahren, wird durch Unfruchtbarkeit sanft und mittelfristig auf das Maß reduziert, das schon der Urmathematiker aller falschen Bevölkerungswachstumskurven und Browns Hauptzeuge, Thomas Malthus, 1798 errechnet hat.

Gagaga

Damit – wie im Epilog von „Inferno“ erlösend ausgebreitet – gewinnt die bisher nur als abseitige „Sekte“ wahrgenommene Bewegung des Transhumanismus den höheren Status einer „Naturnotwendigkeit“. Zum Schluss Pater Dan Brown im Original: „Einer ihrer [der Transhumanisten TG] fundamentalen Grundsätze lautet, dass wir Menschen die moralische Verpflichtung haben, an unserer eigenen Evolution mitzuarbeiten. Wir sollten unsere Technologie dazu einsetzen, die Spezies voranzubringen und Menschen zu erschaffen, die gesünder, stärker und widerstandsfähiger sind und bessere Gehirne besitzen.“ Der folgende Satz liest sich wie eine Drohung: „Es dauert nicht mehr lange, bis all das möglich ist.“

„Inferno“ stand eine Woche nach Erscheinen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Tobias Gohlis

Dan Brown: Inferno (Inferno, 2013). Roman. Deutsch von Axel Merz und Rainer Schumacher. Köln: Lübbe 2013. 688 Seiten. 26,00 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage von Tobias Gohlis.

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  • http://www.facebook.com/people/Peter-J-Kraus/1008238137 Peter J. Kraus

    Bezeichnenderweise übersetzten zwei Herren: während der eine draußen kotzte, übersetzte der andere.

    Mir war schon immer schleierhaft, wie deutsche Leser diesem Schwachsinn Gefallen abringen konnten. Browns (und mein) Kulturkreis kennt immerhin zwölf Hauptreligionen und unzählige Zweige derselben: bei den Protestanten allein 25 Hauptrichtungen, die sich wiederum in viele Tausend unabhängige „Churches“, Kulte und Sekten aufspalten, wobei jede der Kongregationen für sich behauptet, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Dass dann ganze Landstriche von Leuten beherrscht werden, die sonntags in ihrer „Kirche“ Giftschlangen küssen und Hühnern die Köpfe abhacken, versteht sich. Nun ist Brown sicher keiner von denen, aber wo fängt das Spinnertum an und wo hört´s auf?

  • Robert Schekulin

    Größten herzlichen Dank, lieber Tobias, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, das Ding zu lesen! Und dann als Bullshit-Detektor für uns vernünftig darüber zu schreiben! – Wieder etwas abgehakt und weggeräumt!

  • Carlo Schäfer

    Ganz, ganz wunderbar!