Posted On 15. Juni 2016 By In Bücher, Crimemag With 1482 Views

Bloody Chops: Juni 2016

Bloody Chops 3

Bloody Chops im Juni 2016

Kriminalliteratur zerlegt und serviert von: Joachim Feldmann(JF), Tobias Gohlis (TG), Anne Kuhlmeyer (AK), Alf Mayer (AF), Thomas Wörtche (TW). Bücher von: James Lee Burke (AK), Carlo Ancelotti (TW), Bettina Balàka (JF), Ann-Marie Ljungberg (AM), Carlo Feber (JF),  Andrea Fischer Schulthess (TG),  Jürgen Heimbach (JF),  Ken Bruen (TW), Christian Mähr (JF), Iain Overton (AM), J.A. Somerset (AM), Ben Judah (AM).


51z+a1IKLlL._SX311_BO1,204,203,200_Ruppig & poetisch

(AK) Herumliegende Nazi-U-Boote gelten heute vielleicht als historisch interessant, aber nicht als besonders spektakulär. Im Louisiana der 1990er Jahre (Originaltitel des Romans: Dixie City Jam, 1994. Zur seltsamen Publikationsgeschichte in Deutschland ist hier und hier etwas zu lesen.) interessieren sich gleich mehrere schräge Typen für ein solches Objekt, das allerdings noch nicht zugänglich über den Grund des Atlantik schrappt. Dave Robicheaux, Ex-Cop, Ex-Trinker, Ex-Soldat, der sich in 19 weiteren Romanen der Reihe durch die kriminellen Milieus der Bayous schlägt, wird von einem jüdischen Gangster beauftragt, das vor der Küste vermutete U-Boot aufzuspüren. Viel Lust danach zu tauchen, hat Dave nicht, doch fehlt ihm das Geld, um die Kaution für seinen zu Unrecht inhaftierten Freund Batist aufzubringen. Kaum hat er sich durchgerungen, gerät er ins Visier eines psychopathischen Neonazis und zwischen alle Fronten, denn sein grobmotorischer Kumpel Clete, planiert das Anwesen eines Mafiabosses im Zorn.

Zornig, ja zornig ist dieses Buch, getragen von ausdifferenzierten Persönlichkeiten als Figuren, die jeweils spezifisch mit der Wut, erzeugt von den Brüche in ihren Biographien, umgehen – die männlichen Figuren typischerweise progressiv i.S. der Aggression, die weiblichen eher regressiv zum eigenen Nachteil, wie Daves Partnerin, die mit posttraumatischen Symptomen auf die Attacken des Neonazis, Buchhalter heißt er, reagiert. Genauso angepasst nur unter umgekehrten Vorzeichen die angebliche Nonne, die sich mit dem einlässt, den sie für mächtig hält.

Und poetisch ist dieses Buch auch. Orte, Landschaften, Atmosphären beschreibt der Autor so sinnlich, dass man beinahe die Gischt spürt, wenn Daves Boot durch die Wellen schneidet. Aber romantisch ist dabei nix, denn Rassismus, Gier und Gewalt tropfen aus Dialogen und Beschreibungen. Selbst das Schöne erhält eine Schicht Staub, ein Odeur von Moder oder einen Sprung im Glatten, sodass sich die Komplexität menschlichen Verhaltens im Poetischen spiegelt.

In Kürze zu erwarten ist Neonregen beim Pendragon Verlag, James Lee Burkes erster Roman mit Dave Robicheaux, der sein Schriftstellerleben veränderte. Man darf sich vorfreuen!

James Lee Burke, Mississippi Jam (Dixie City Jam, 1994). Aus dem Amerikanischen von  Jürgen Bürger. Roman, Pendragon Verlag, Bielefeld 2016.  576 Seiten, 17,99 Euro.


130_0752_170838_xxlDon Vito trainiert

(TW) Die Vorlage ist zu schön, als dass man sie liegenlassen könnte, und natürlich bin ich begeistert:

„Wer ruhig und überlegt handelt, Vertrauen aufbaut und besonnen Entscheidungen trifft, seinen Einfluss und seine Überzeugungskraft einsetzt und eine Aufgabe professionell angeht, der verströmt Macht und Autorität. Schauen Sie sich Don Vito Corleone in Der Pate an: Sehen Sie einen schwachen, in sich gekehrten Mann, oder sehen Sie einen ruhigen, mächtigen Mann, der die Dinge unter Kontrolle hat?“

Natürlich ist dieser Gag ganz bewusst gesetzt und hat auch eine Menge Aufmerksamkeit bekommen, aber was der designierte Trainer des FC Bayern (meines FC Bayern) da an Subtext aufruft, ist völlig richtig. Man muss nicht an FIFA, UEFA, Blatter, Platini und die anderen Korrumpels aus dem großen Fußballgeschäft erinnern, da ist der Zusammenhang zum organized crime allzu platt evident. Auch wenn Ancelotti später ein bisschen zurückrudert und meint, dass dieselben „Eigenschaften, die hier für Böses missbraucht werden, auch das Gute befördern“ können, konzediert er doch durch den Kontext die Analogien von Big Business und Crime.

Denn sein Buch ist nicht nur einer der üblichen Memoirenbänden, gespickt mit großartigen Anekdoten von und über Ancelotti, featuring Zlatan Ibrahimović, David Beckham, Toni Kroos, Sir Alex Ferguson und anderen Celebrities, sondern eben auch ein Management-Kurs für gnadenlosen Erfolg. Der gemütliche, lobenswert lebens- und genussfrohe Ancelotti (also das absichtsvoll inszenierte Gegenbild zum angeblich „asketischen“ und maschinenhaft rüberkommenden Pep Guardiola), der nur hin und wieder von kurzen Tobsuchtsanfällen heimgesucht wird (oh, ja, das verstehen wir gut) hält nicht viel von bombastischen und angestrengten Gesten – er weiß, wie man Macht still und leise und damit natürlich viel effektiver ausübt. Und dass man direkter, nackter Macht auch nolens volens selbst ausgesetzt ist, wie wir aus seinen Passagen über Abramowitsch und PSG lernen – wer das Geld hat, hat das Sagen, alles andere ist zuckergussiger Fidelwipp, legal oder illegal sind da lediglich Interpretationsspielräume.

Ein weiser, benevolenter Tyrann auf Zeit, sozusagen, was an der Stelle (und nur an der Stelle) nicht unbedingt kritisch gemeint ist. Sein Corleone-Zitat zeigt sehr schön, dass er verstanden hat, wie die Welt tickt und wie man sie für seine Zwecke funktionalisieren kann.

Carlo Ancelotti (mit Chris Braddy & Mike Ford): Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt. (Quiet Leadership – Winning hearts, minds and matches, 2016) Sachbuch. Deutsch von Thomas Bertram. München: Knaus 2016, 316 Seiten, € 19,99


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Männer und Frauen und Abgründe

(JF) Vielleicht erinnert sich noch jemand an den voluminösen Roman „Frauen“ (The Bleeding Heart) der amerikanischen Feministin Marilyn French (1929-2009) , von dem Ende der siebziger Jahre weltweit um die zwanzig Millionen Exemplare verkauft wurden. Hätte Elisabetta Zorzi das Buch gelesen und seine Botschaft beherzigt, wäre sie vielleicht nicht den Avancen des Paketboten Jürgen erlegen, nachdem sie sich just ihres vorherigen Lebensgefährten Bernhard, der es nicht lassen konnte, die zierliche Frau auf die unsensibelste Art zu kujonieren, während einer Wandertour in den Bergen entledigt hatte. Die Protagonistinnen in Frenchs Bestseller müssen nämlich die Erfahrung machen, dass sie, kaum dem einen „Ehegefängnis“ entronnen, bereits auf den nächsten Mann hereinfallen, der sich schon bald als typischer Vertreter seines Geschlechts entpuppen wird. Und das bedeutet nichts Gutes.

Elisabetta Zorzi allerdings hat mit feministischer Literatur nichts im Sinn. Die, eine Dank mehrerer von Bernhard bezahlter Schönheitsoperationen, ausgesprochen attraktive Frau, träumt von einer starken Schulter zum Anlehnen und familiärem Glück. Dumm für Jürgen, dass er diese Wünsche nicht erkennt und sich, ohne es zu bemerken, sogar darüber lustig macht. Dass er zudem heftige Beziehungen zu (mindestens) vier weiteren Damen unterhält, ist sein Todesurteil. Zorzi schießt ihm auf einer Segeltour in den Hinterkopf und versenkt die Leiche im Meer. Auch Chuck, ein australischer Kraftsportenthusiast, dessen Eroberung erhebliche Mühe kostet, erweist sich als Niete. Im Bett ein Reinfall, entpuppt er sich, kaum ist er bei ihr eingezogen, auch noch als Ordnungsfanatiker. Zorzi ist schwer enttäuscht, greift zur Giftflasche und Chuck war einmal. Bis man ihr auf die Schliche kommt, dauert nun nicht mehr lange. Arnold Körber, ein tätowierter Kriminalpsychologe, findet den entscheidenden Hinweis. Und sie beschäftigt ihn auch weiter, als sie längst verurteilt im Frauengefängnis einsitzt. Warum bringt eine Frau, die mit großem Erfolg einen Restaurantbetrieb leitet und der die Männer zu Füßen liegen, ihre Liebhaber um, anstatt sie auf legalem Weg loszuwerden. Eine Antwort findet Körber nicht, dafür verliebt er sich in die Delinquentin.

Wie es weitergeht in Bettina Belàkas großartigem Roman „Die Prinzessin von Arborio“, sei hier nur angedeutet. Wie Körber sollte man als Leser – Leserinnen können Zorzis Psyche vielleicht besser deuten – auf so manche Überraschung gefasst sein und sich auf eine ebenso  unterhaltsame wie abgründige Lektüre einstellen. Und wer sich danach noch für den Realitätsgehalt dieses elegant erzählten Romans interessiert, folge diesem Link.

Bettina Balàka: Die Prinzessin von Arborio. Roman. Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2016. 262 Seiten., 19,90 Euro.


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Der Augenblick der Explosion

(AM) Genauigkeit ist eine Form der Poesie. Ein „Schweden-Krimi“ der wirklich anderen Sorte, den der Verlag wohl kaum als Kriminalroman titulieren würde, obwohl er auch als solcher Maßstäbe setzt. Ein glänzender Roman, ruhig und genau. In immer enger zusammenführenden Zeitsprüngen – der Kern ein Gerichtsprozess – wird von einem Attentat erzählt, das bis heute als der schwerste Terroranschlag Schwedens gilt. Und einer Zeitung galt.

Am 3. März 1940 sprengte eine Gruppe von Männern das Gebäude der sozialistischen Zeitung „Norrskensflamman“ im nordschwedischen Luleå in die Luft, mehrere Menschen starben bei dem Anschlag, darunter auch Kinder. Die bei uns weithin unbekannte, in Schweden hoch angesehene Schriftstellerin Ann-Marie Ljungberg wurde unweit dieses Orts nahe der finnischen Grenze geboren. Ihr in unerbittlicher Gegenwartsform gehaltenes Buch holt das ferne Geschehen und die darin verwickelten Menschen ganz nah, zeichnet vor allem einen der Attentäter, den Journalisten Paul Wilhelmsson, in großem Detail. Wie wird jemand zum Terroristen? Was ist moralisch vertretbar und was nicht? Welche Dynamik entfaltet schwierige Zeit?

Finnland und die Sowjetunion befanden sich damals in der letzten Phase des Winterkriegs. Die schwedische Regierung bestand auf Neutralität, große Teile der Bevölkerung wollten ein aktives Eingreifen in den Krieg. Überall brodelte der Antikommunismus, bis er sich wenige Tage vor dem Sieg der Roten Armee über die Finnen tief in der Provinz entlud.

Es fiel mir schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen, so nah war mir das Geschehen gekommen. Zudem ist diese fadengeheftete, auf fein gestrichenem Papier gedruckte Broschur einfach hand- und leseschmeichlerisch, im Erscheinungsbild perfekt. Satz und Gestaltung besorgte Friedrich Forssmann, die von Frederic William Goudy entwickelte Italian Old Style stammt aus dem Jahr 1924. Im Weidle Verlag weiß man, wie man solid-schöne Bücher macht.

Ann-Marie Ljungberg: Dunkelheit, bleib bei mir (Mörker, stanna hos mig, 2009). Roman. Aus dem Schwedischen von Eva Scharenberg, mit einem Vorwort von Björn Sandmark. Weidle Verlag, Bonn 2016. Fadengeheftete Broschur. 210 Seiten, 23,00 Euro.


51N3AcjcqTL._SX301_BO1,204,203,200_Eines Besseren belehren

(JF) Sie sind schlau, aber nicht schlau genug. Denn um den Mächtigen dieser Welt Paroli zu bieten, braucht es mehr als einen genial ausgetüftelten Plan. Diese Erkenntnis bleibt auch Malu, Sanctus, Leon und Habibi nicht erspart. Die vier hochidealistischen Kämpfer gegen die ungerechte Welt des globalen Kapitalismus sind es leid, sich auf Demos Schlachten mit der Polizei zu liefern. Wie einst die Rote Armee Fraktion oder die Bewegung 2. Juni sinnen sie auf härtere Maßnahmen. Und diese haben sich, den fabulösen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zum Trotz, im Kern nicht geändert. Man kidnappt einen Bankmanager, um an Details der üblen Geschäftspraktiken seines Unternehmens zu gelangen.  Dieses Schuldeingeständnis, so stellen sich das die vier Freunde vor, wird dann über das Internet weltweit verbreitet. Der Glaube an die Wirksamkeit politischer Aufklärung scheint ungebrochen.

Dummerweise hat jemand etwas von ihrem Plan mitbekommen, denn ein anderes Vorstandsmitglied der Bank wird entführt und kurz darauf tot aufgefunden. Doch die  Aktion lässt sich nicht mehr abblasen. Schon bald sitzt der umtriebige Banker Lengsfeld im Keller unter Leons Skateboard-Laden, erweist sich aber als harter Brocken, der sich von den Drohungen seiner Kidnapper kaum beeindrucken lässt. In der Bank hat derweil ein Sicherheitsunternehmen die Regie übernommen, was die polizeilichen Ermittlungen eher behindert. Und natürlich geht es auch um die ganz große Politik.

Carlo Febers Politthriller „Das Spiel der Anderen“ punktet mit einem clever ausgedachten Plot nebst furiosem Finale. Auch der didaktische Aspekt des Romans ist nicht zu unterschätzen. Wer sich Illusionen über die globalen Aktivitäten von Banken oder das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik gemacht haben sollte, wird eines besseren belehrt. Und das leider im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Autor neigt zu wortreichen Erklärungen und redundanten Dialogen.  Auch in den beschreibenden Passagen ist ihm Selbstbeschränkung fremd. Ein beherztes Lektorat könnte hier Wunder wirken.  Dann müssten wir allerdings auf Sätze wie „Sogar der Eingang des Townhouses war extrem stylish“ verzichten. Was vielleicht auch schade wäre.

Carlo Feber: Das Spiel der Anderen. Thriller. Grafit Verlag, Dortmund 2016. 410 Seiten, 12,00 Euro.


41b6jDoTuLL._SX319_BO1,204,203,200_Die Bürde der Mutterschaft

(TG) Gute Krimi-Idee: Ein Mädchen wird seit knapp dreizehn Jahren gefangen gehalten. Von ihrer eigenen Mutter. Deren Motive sind lange ein Rätsel. Sie bestraft Meret, indem sie ihr eine Nadel durch den Arm sticht, aber sie beschützt sie auch. Vor denen da draußen. Mit Babynahrung und in Schutzfolie verschweißtem Plastikbesteck wird sie ernährt, damit keine Keime an sie herankommen. Die Mutter überprüft bei ihren Kontrollbesuchen, ob Meret ihre Päckchen Mathe gelöst und Alice im Wunderland gelesen hat. Meret fehlt es an nichts, weil sie Freiheit nicht kennt.

Gehalten wird Meret im vergammelten Haus ihrer Großtante, die einst das titelgebende Motel Terminal als Stundenhotel in einem kleinen Ort im Aargau betrieben hat. Als die Tante einem Herzinfarkt erliegt, gerät Mutter Noras Doppelleben in die Bredouille. Sie hat aus Versorgungsgründen einen wohlhabenden Mann geheiratet, der ausgerechnet jetzt mit ihr seinen Kinderwunsch auf einer romantischen Paris-Reise realisieren will.

Zur Versorgung ihrer außerhalb von Recht, Ordnung und Sozialstaat aufgezogenen Tochter muss sie für die Zeit der Paris-Reise eine andere Illegale anheuern, eine Rumänin ohne Papiere. Spannung zu Hauf: Wird die Tochter ohne gewohnte Betreuung überleben? Kann der Schein gewahrt werden? Wie kommt Nora aus der Wohlstands-Kinderfalle Ehe raus? Und noch ein paar melodramatische Aufreger mehr. Dazu die Rätselfrage: Warum das Ganze?
Dass Nora kein Priklopil und Meret keine Natascha Kampusch ist, erklärt sie in einem schwachen Moment des Textes ihren Leserinnen gleich selbst:

Natürlich hatte Nora versucht, Parallelen zu ihrem Leben zu suchen. (…) Bloß gab es diese Parallelen gar nicht. Ihre einzige Gemeinsamkeit war, dass Meret ebenfalls eingeschlossen leben musste. (…) Was sie tat, geschah aus Liebe, das war ein ganz grundlegender Unterschied. Und sie hatte ihr Kind nie jemandem weggenommen. Im Gegenteil. Sie beschützte es. Sie tat alles, was sie tat, für das Kind und nicht für sich selbst.

Leider hat dieser Text viele schwache Momente. Andrea Fischer Schulthess erzählt die dramatischen Verwicklungen hauptsächlich aus der Perspektive der einzelnen Figuren – und mit Ausnahme einiger Aperçus zur Mann-Frau-Beziehung in einer Ratgebersprache, die keiner Figur mehr Differenzierung gibt als eine Illustrierte.
Fazit: ein interessanter Plot, eher mittelmäßig erzählt. Ein fiktionaler Beitrag zu Regretting Motherhood.


Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal. Salis Verlag, Zürich 2016. 346 Seiten, 24,95 Euro.


51IEiO1MjDL._SX287_BO1,204,203,200_Gut recherchiert

(JF) Westdeutschland im Jahre 1950. In der jungen Bundesrepublik scheint es langsam aufwärts zu gehen. Auch für Paul Kochsieht es so aus, als könnte er sich auf ein normales Leben einstellen. Zwar wird der ehemalige Spanienkämpfer und Unterstützer der Resistance von manchen seiner Kollegen in der Mainzer Polizeidirektion noch immer argwöhnisch beäugt, doch er hat Freunde, auf die er sich verlassen kann, und er führt eine glückliche Ehe. Doch dann wird seine Frau umgebracht und Kochs Leben gerät völlig aus den Fugen, zumal er in einem weiteren Mordfall unter Verdacht gerät. Auf sich allein gestellt, beginnt er zu ermitteln, während sein treuer Assistent Siggi, von heftigem Liebeskummer geplagt, selbständig seinen ersten Fall lösen muss. Hier geht es ebenfalls um ein Kapitalverbrechen, das einem ostpreußischen Flüchtling in die Schuhe geschoben werden soll.

Jürgen Heimbach, der mit „Offene Wunden“ seinen dritten in der Nachkriegszeit angesiedelten Kriminalroman vorlegt, meint es nicht gut mit seinen Protagonisten. Privates Glück ist weder Siggi noch Koch vergönnt. Dem Buch schadet diese noireske Konstellation keineswegs, im Gegenteil. Auf beinahe 700 Seiten gelingt Heimbach ein eindrucksvolles, gut recherchiertes Gesellschaftsporträt, das sich mit den parallel laufenden Erzählsträngen der Krimihandlung ausgezeichnet verträgt. Man darf Heimbachs Koch-Trilogie getrost den thematisch verwandten Bernie-Gunther-Romanen Philip Kerrs zur Seite stellen.

Jürgen Heimbach: Offene Wunden. Pendragon Verlag, Bielefeld 2016. 695 Seiten, 14,99 Euro.


51k1-1+7MSL._SX319_BO1,204,203,200_Keine netten Polizisten!

(TW) Dass Noir eine sehr artifizielle Veranstaltung ist, weiß Ken Bruen bestens. Deswegen spickt er seine Reihe um DS Brant mit Anspielungen, Zitaten und Bezüge auf die gesamte Noir Kultur der letzten 70 Jahre. Das macht vor allem den Noir-Fans einen Höllenspaß, weil da deutlich ein Freak, ein aficionado am Werk ist und das Publikum an seiner Leidenschaft teilnehmen lässt.

Füchsin (Polar Verlag) ist der fünfte Roman dieser Reihe (N° 7, »Kaliber« liegt auch schon auf Deutsch vor), der sich um eine veritabel durchgeknallte Killerin namens Angie dreht, die gerne Leute mal so umbringt, weil sie nerven, zum Beispiel. Das Polizeiensemble, das hinter ihr her ist, mit Detective Sergeant Brant an der Spitze, ist nicht minder irre. Direkte, nach London versetzte Verwandte der Monster-Cops aus dem karnevalesken Universum von Joseph Wambaugh. „Wenn das die Guten sind, dann gnade uns Gott“, gruselt sich einmal ein Arzt, der mit der Truppe konfrontiert wird.

Vergnüglich und sehr komisch verätzt Bruen kurz und schmerzvoll alle niedlichen Legenden von netten, aufrechten, tapferen Polizisten, obwohl seine Copper irrerweise sich selbst so sehen. Die Öffentliche Sicherheit ruht in den Händen von gewaltgeilen, saufenden, korrupten und aufs Legalitätsprinzip scheißenden Psychopathen. Das ist doch mal eine Ansage.

Ken Bruen: Füchsin (Vixen, 2003). Kriminalroman. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Mit einem Nachwort von Alf Mayer. Polar Verlag, Hamburg 2016.  Klappenbroschur, 184 Seiten, 12.90 Euro.


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Viel Fleisch am Knochen

(JF) Zunächst geht es nur um sehr, sehr alte Knochen, aber am Ende häufen sich doch die frischen Leichen mutwillig um ihr Leben gebrachter Zeitgenossen. Und zwar in einem rasanten Tempo. Deshalb wundert es überhaupt nicht, wenn dem Erzähler dieser Begebenheit nur ein Resümee übrig bleibt: „… aber wie das alles zusammenhing, blieb unklar.“

Das könnte auch manch einem Leser so gehen. Um nämlich zu verstehen, was einige gewaltbereite Herren dazu bringt, ausgerechnet im vorarlbergischen Dornbirn mit scharfen Waffen aufeinander loszugehen, muss man Christian Mährs Kriminalroman „Knochen kochen“ sehr sorgfältig studieren. Was eine ausgesprochen vergnügliche Angelegenheit ist, denn der studierte Chemiker Mähr liebt das Experiment. Ein Skelett aus dem sechzehnten Jahrhundert gibt einen großartigen McGuffin ab, mobilisiert es doch außer Forscherehrgeiz die blanke Geldgier und, nicht zuletzt, die Vernichtungsfantasien eines radikalen Dschihadisten. Denn der vormalige Inhaber des Knochengerüstes ist nicht an irgendeiner Krankheit verstorben, sondern am berüchtigten „Englischen Schweiß“, auch sudor anglicus genannt. Dieser tückischen Infektionskrankheit, deren Erreger bis heute unbekannt ist, fielen zum Beispiel 1529 in Hamburg binnen drei Wochen 1.100 Menschen zum Opfer.

Wie bereits im Vorgängerroman „Tod auf der Tageskarte“ haben wir es mit einem Ermittlerkollektiv zu tun, einer Stammtischrunde, deren zentrale Figur, der Wirt Matthäus Spielberger (im Klappentext „Matthias“) mit einer seltsamen Begabung geschlagen ist. Seitdem er bei einem Autounfall eine heftige Gehirnerschütterung erlitten hat, träumt er Dinge, die sich später ereignen werden. Auch Verbrechen. Beruhigend ist das nicht. Also trifft es sich gar nicht gut, dass ausgerechnet dieser gebeutelte Mensch von einem alten Schulkameraden angeheuert wird, das Skelett aus seiner letzten Ruhestätte zu entführen. Im Dienste der Wissenschaft, versteht sich. Naturgemäß geht die Sache schief. Und führt zu den oben skizzierten Verwicklungen.

Ginge es gerecht zu auf dem Büchermarkt, dann müsste Christian Mähr ein berühmter Mann sein. Selten nämlich gehen Erfindungsreichtum, literarischer Spieltrieb und Erzähltalent solch eine gelungene Symbiose ein wie in den Romanen dieses leider immer noch viel zu wenig bekannten Autors.

Christian Mähr: Knochen kochen. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2015. 415 Seiten, 19,90 Euro.


51bJ8Fsz6eL._SX331_BO1,204,203,200_Waffenwahn (1): Ein Blick aus Kanada

(AM) Neun in einer Kirche, 23 in einem Restaurant, 26 Opfer in einer Grundschule. Der Schusswaffen-Wahnsinn in den USA hat einen neuen Namen und einen neuen Rekord: Orlando. Mittlerweils hat auch die NRA sich zu Wort gemeldet, nach jedem Massaker braucht sie eine kleine Weile, bis das neue-alte-dumme und eben erst wieder des Gegenteils überführte Rezept angepriesen wird: Mehr Waffen bringen mehr Schutz. Den würde man jenen in diesem Jahr bereits über 70 amerikanischen Waffennarren gönnen, die von ihren unter dreijährigen Kindern erschossen wurden, als sie mit Papis oder Mamis Knarre spielten. In Orlando kam, wie schon bei vielen Massakern davor, das laut der National Rifle Association (NRA) „beliebteste Gewehr“ der USA zum Einsatz. Mit 49 Toten in einem Nachtclub zeigte das Sturmgewehr AR 15, das in Millionen US-Haushalten herumliegt, was es in der Hand eines einzelnen Schützen kann. Es gab durchaus frühere Vorfälle ähnlicher Art, die offizielle Zählung von Massakern aus einzelner Hand in den USA setzte mit dem 1. August 1966 ein, als der Ex-US-Marine-Scharfschütze Charles Whitman Frau und Mutter tötete, dann den 27 Stockwerke hohen Turm der University of Texas erklomm und von dort oben aus 14 weitere Menschen tötete, ehe die Polizei ihn ausschalten konnte. „The Man in the Tower“, der Mann im Turm, der mit dem freien Schussfeld auf unbeteiligte Zivilisten, schlägt fast jede Woche in den USA zu (eine erhellende Übersichtsgrafik der „Washington Post“ zeigt das Ausmaß), zum Umdenken bringt das große Mehrheit der Amerikaner nicht. „Die Waffe ist unsere Religion“, sagt der Religionswissenschaftler Garry Wills:

„The Gun is patriotic.

The Gun is America.

The Gun is God.“

„Something about our republic makes us go armed“, meinte der Schriftsteller Thomas McGuane einmal. Etwas in unserer Republik lässt sich uns bewaffnen. Der ehemalige kanadische Soldat und Schießausbilder A. J. Somerset liebt Schusswaffen, er bewundert die Eleganz ihrer Mechanik, so wie er auch alte Schreibmaschinen sammelt: Beim Schreiben dieses Buches hatte er oft seine zerlegte Browning-Schrotflinte auf dem Tisch. Der kanadische Journalist und Autor wollte den Waffenfetischismus der US-Amerikaner besser verstehen, tauchte deshalb in die Subgeschichte der amerikanischen Psyche und Geschichte. „Dies ist kein Buch gegen Schusswaffen, die ist ein Buch über Ideen, die Menschen töten“, heißt es einmal. „Nichts ist so gefährlich wie eine schlechte Idee mit einer Knarre.“

Die NRA war einmal eine ganz andere Organisation, Somerset beschreibt ihre Transformation zur mächtigen Lobby der Waffenindustrie, er beschreibt die kulturprägende Angst vor dem bewaffneten schwarzen Mann („Guns are all about keeping black people down“), die Zusammenhänge zwischen Waffenbesitz und Rassismus und – aktuell wie nie – das Zustandekommen jener Furcht vor Fremden ebenso wie vor der Entwaffnung der bis an die Zähne aufgerüsteten xenophobischen Bürger, mit der die schlimmsten Politiker heutzutage die Massen mobilisieren. Und übrigens: Kaum waren am Montag nach dem Sonntagsattentat von Orlando die US-Börsen geöffnet, stiegen die Kurse der Waffenfabrikanten deutlich: Smith & Wesson mit den kleineren Handfeuerwaffen um 6,9%, bei den auch Sturmgewehre anbietenden Mitbewerbern  Sturm, Ruger and Company um 8,5%. Die Spekulationsidee dabei: Härtere Waffengesetze, so sie denn wirklich kommen sollten, würden die Nachfrage nach Schusswaffen erst einmal  kräftigerhöhen – Stichwort Übergangsfristen und Panikkäufe. Man darf das ja nicht phantasieren, aber hat sich ein Amokläufer schon einmal eine Börse ausgesucht, dann blieben die Unmoralischen wenigstens unter sich … Dass Waffenfabrikanten und -händler bewaffnete Konflikte schüren, wurde in der Fiktion schon einige Male erzählt.

A.J. Somerset: Arms: The Culture and Credo of the Gun. Biblioasis, Windsor/Ontario 2015. Trade-Paperback 352 Seiten.


Download (2)Waffenwahn (2): Rund um den Globus

(AM) Einen weltumspannenden Blick auf das Waffenproblem unternimmt der britische Investigativ-Journalist Iain Overton in seiner „blutigen Reise in die Welt der Schusswaffen“. Nahezu eine Milliarde Schusswaffen sind auf der Erde in Gebrauch, zwölf Milliarden Kugeln werden jedes Jahr produziert, beinahe zwei für jeden Erdenbewohner. 500.000 Menschen pro Jahr werden weltweit erschossen. Overton führt uns mit seinen Reportagen in 25 Länder, von Südafrika bis Island, von Kambodscha bis Honduras, Syrien und Jordanien bis Mexiko, Somalia bis in die West Bank. Er trifft Ärzte, die vom Blut der Verwundeten triefen, Gangland-Killer in El Salvador, Rapperbräute oder Pornosternchen, die Scharfschützinnen spielen. Die IWA in Nürnberg kommt auch vor.

Das Buch ist eine wohl balancierte Mischung aus Reportage, Kommentar, Statistik und Hintergrund. Nie weiß man, was um die nächste Ecke kommt. Die 16 Kapitel sind in „Schmerz“, „Macht“, „Lust“ und „Profit“ gegliedert, sie behandeln die Toten und die Verwundeten, die Selbstmörder und die Killer, die Kriminellen und die Polizei, das Militär und die Zivilisten, die Jäger und die „Sex Pistols“, die Vergnügungsindustrie. All das kulminiert in den Händlern, den Schmugglern, den Lobbyisten und den Herstellern. Das letzte Kapitel ist mit drei Seiten das mit Abstand kürzeste, es heißt „Die Freien“ und beschreibt Liberty Island, die winzige Insel, auf der die Freiheitsstatue vor der New Yorker Skyline steht. Sie ist ein Nationalpark, Waffen sind dort verboten. Vom Jahr 2000 bis heute gab es an diesem Nationalmonument keinen einzigen Zwischenfall mit Handfeuerwaffen – dies bei über 20 Millionen Besuchern. „What the world might be“, notiert Overton. Wie die Welt doch sein könnte.

Iain Overton ist gegenwärtig der Director of Investigations für die Action on Armed Violence in London. Diese gemeinnützige Organisation versucht, die schrecklichen Folgen des Schusswaffengebrauchs auf der Welt im Blick zu halten. Ein Zähler auf der Webseite des Instituts zeigt auch die Zahl der bei Sprengstoffattentaten getöteten Menschen an. Über 43.000 waren es in den ersten fünf Monaten des Jahres 2016.

„Gun Baby Gun“ war 2015 für den Crime Writer’s Association Dagger Awards in der non-fiction-Kategory nominiert. Weder Deutscher Krimi Preis noch KrimiZEIT-Bestenliste sehen Sachbücher vor. Würde dieses Buch ins Deutsche übersetzt, ginge es ähnlich leer aus wie Jonathan Hari mit seinem „Drogen: die Geschichte eines langen Krieges“. Nicht gut.

Iain Overton: Gun Baby Gun. A Bloody Journey into the World of the Gun. Canongate, Edinburgh & London, 2015. 358 Seiten. Internetseite für das Buch.


51+Lvcu+hIL._SX323_BO1,204,203,200_Schaut auf diese Stadt!

(AM) In den falschen Händen hätte das ein Argumentationspapier für fremdenfeindliche Rechtspopulisten werden können. Ben Judah, Sohn eines renommierten Auslandskorrespondenten und mit seinen 28 Jahren selbst schon Reporterjahre in Russland und im Mittleren Osten auf dem Buckel, macht aus seinem Stoff ein begeisterndes Stadtporträt. Das London, das er uns zeigt, ist buchstäblich eine Weltstadt. Eine Mega-City mit hunderten von Kulturen. Ein London, das selbst viele Londoner nicht kennen. Seine Intention ist eine journalistische: „I have to see everything for myself. I don’t trust statistics. I don’t trust self-appointed spokesmen. I have to make up my own mind.”

Ein Augenzeuge also, ein O-Ton-Mann. Seine Multikulti-Stadt ist nicht Friede-Freude-Eierkuchen, sie hat Scherben und Splitter, Kriminalität und Ausbeutung, Prostitution und Leben am untersten Rand. Realität also. Und das tonnenweise. Mehr als 600.000 illegale Einwanderer wohnen oder hausen in London, mehr als die Einwohnerzahl von Glasgow. Die weiße britische Bevölkerung verringerte sich von 1971 bis 2011 von 86 Prozent auf 45.

Ben Judah führt uns durch 25 Stadtteile und Bezirke. Beginnend an der Victoria Bus Station, wo täglich 200 illegale Roma ankommen, geht es in die Park Lane, die Rye Lane, die Peckham High Street, nach Hammersmith, Knightsbridge, Peshawar-London, Ford Focus, North Circular, Beckton Alps, Berkeley Square und in die Plaistow/ Harlesden/ Lambert/ Lea Bridge Road, in die Chester Row und die Fore Street. Oft ist er schon mitten in der Nacht unterwegs, denn seine Aufmerksamkeit gilt auch denen, die den Moloch London am Laufen halten: Putzfrauen und Reinigungskräfte, Handwerker, Verkäufer, Köche, islamische Bestattungsunternehmer, Krankenschwestern, dazu Bettler, Drogendealer, Polizisten. Polen wohnen in dem einem Haus, Rumänen in einem anderen, Somalier in einem Dritten. Die Wanderungsströme in solch einer Stadt sind immer wieder Thema. Auf seinen Fahrten in der Tube kann er bald zuordnen, aus welchem Stadtteil jemand kommt und wohin er vermutlich unterwegs ist.

Wenn Sie in ein Kapitel hineinlesen wollen, um sich von der Art dieses Buches ein Bild zu machen, empfehle ich das Kapitel „Knightsbridge“ (ab Seite 214). „Filipinas wissen alles über Knightsbridge“, lautet der erste Satz. Und dann erzählen sie, die Putzfrauen, house keeper und teilweise Vertrauten all der ausländischen Reichen und Oligarchen, deren gigantische Wohnungen die meisten Wochen im Jahr leer stehen. Unglaubliches Erzählergarn, das sich da abspult. Etwa das von dem Großen Ball, den sich die Filipina-Putzfrauen jedes Jahr in einem dieser millionenschweren Häuser geben …

Die großen Chronisten dieser Stadt – Pepys, Samuel Johnson, Hogarth, Dickens und Iain Sinclair – haben einen neuen Kollegen bekommen. Und oft musste ich an den Altmeister Studs Terkel denken, den Meister der Gespräche mit einfachen Leuten, die ihm ihre außergewöhnlichen Leben erzählten, in Büchern wie „Hard Times“ (1970) und „Working“ (1974). Übrigens: London hat jetzt einen muslimischen Bürgermeister. Er ist britisch-pakistanischer Abstammung und heißt Sadiq Kahn.

Ben Judah: This is London: Life and Death in the World City. Picador, London 2016. 426 Seiten.

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