Posted On 11. September 2013 By In Bücher, Litmag With 393 Views

Beatriz Bracher: Antonio

Beatriz Bracher_AntonioVielfältige Familienstimmen und –geheimnisse

– Die brasilianische Autorin Beatriz Bracher, deren Name auf ihre deutschen Wurzeln verweist, hat in Brasilien bereits, neben etlichen Erzählungen und Drehbüchern, vier Romane publiziert. Ihr drittes größeres Werk, wurde im Zuge der Frankfurter Buchmesse als bislang einziger ins Deutsche übersetzt. Und kann sich durchaus sehen lassen, findet Christiane Quandt.

Haroldo hat fünf Kinder, aber eines davon ist tot. Mit dieser enigmatischen Aussage beginnt sich eine komplexe und verschlungene Familiengeschichte voller Geheimnisse zu entspinnen. Antonio, die titelgebende Figur kommt hierbei nur am Rande vor, hat tatsächlich nicht einmal eine eigene Stimme, denn er ist noch ein Kind. Dennoch ist er Dreh- und Angelpunkt, denn um ihn von der Last der verknoteten Familiengeheimnisse zu befreien, versucht sein Vater, (der zweite) Benjamin, die Geschichte und Geschichten um seinen Vater Teodoro und seinen Großvater Xavier zu entwirren. Es geht Benjamin um das Finden einer Identität, die sich nur aus der eigenen Geschichte konstruieren lässt.

Benjamin befragt also Isabel, Xaviers Witwe, Haroldo, Xaviers besten Freund und Raul, Teodoros besten Freund. Interessanterweise taucht Benjamin selbst hierbei allerdings nur als ‚Du‘ auf, seine Fragen erschließen sich aus den ausführlichen Erzählungen der drei Erzählerfiguren. Ob das mit dem Filmhintergrund der Autorin zusammenhängt?

Die Macht der Mutter

Während Isabel, die Matriarchin versucht, die Familie zusammen zu halten, wird Xavier langsam aber sicher verrückt über den Tod seines ersten Kindes mit einer anderen Frau, wie wir nach und nach erfahren. Verwirrend und fragmentarisch umkreist der Erzähldiskurs einen zweiten Benjamin, sodass nicht immer sofort erkennbar ist, um welchen Benjamin es gerade geht. Dies Verwirrspiel steigert sich noch, indem sich Elenir scheinbar verdoppelt.

Bei allen toten Kindern und verrückt gewordenen Männern in dem Roman ist Isabel stets die Figur, die Ruhe und Haltung und vor allem den höchsten Wert Freiheit zu bewahren sucht – doch tut sie dies möglicherweise auf Kosten von Geborgenheit und Liebe. Lässt sich der Wahnsinn der beiden Männerfiguren also auf die übermächtige Mutterfigur zurückführen? Wer war Elenir? Und warum gibt es Benjamin zweimal? Sind die Fragen, die beim Lesen beschäftigen.

Ein Erzählmosaik

Diese drei Stimmen von Isabel, Haroldo und Raul erzählen im Rückblick aus je eigener Sicht die Ereignisse um Elenir und Xavier und Elenir und Teo und wie es jeweils dazu kam. Es eröffnet sich dem Leser ein Teppich aus feinen Fäden, der das Schicksal einer Familie zeichnet, die immer schon ‚anders‘ war. Die Leerstellen Benjamin und Elenir werden ganz allmählich mit Bedeutung und Persönlichkeit gefüllt. Der Wahnsinn der beiden Vaterfiguren wird mit Erklärungen unterfüttert und wird – nicht rechtfertigend, sondern indem die einzelnen Figuren ihre Erlebnisse erzählen und auch den eigenen Anteil an der Geschichte anerkennen – detailreich erzählt. Vielleicht ist dies nur natürlich, wenn die Matriarchin auf dem Totenbett liegt? Isabel zieht gewissermaßen Bilanz mit dem Leben und der Familie, und macht letztlich ihren Frieden mit der Welt und kann den Tod akzeptieren. Auch Rauls und Haroldos Rechtfertigungen, warum sie den besten Freund im Stich lassen mussten muten eher hilflos als egoistisch an.

Beatriz Bracher(c) Francisco Perosa

Beatriz Bracher(c) Francisco Perosa

Beeindruckend gnadenlos

Beatriz Brachers Erzählstil ist erstaunlich nah an psychischen Erinnerungsstrukturen, die keiner Linearität folgen, sondern zirkulär oder wild assoziativ auf den Leser einprasseln. Es lässt sich vermuten, dass die Filme, bei denen die Autorin mitgewirkt hat, hier ihre Spuren hinterlassen haben. Auch in der deutschen Übersetzung von Maria Hummitzsch wird diese eindringliche Mündlichkeit nachgeahmt und spürbar. Die Dringlichkeit, mit der Benjamin wissen muss, was eigentlich passiert ist, was es denn nun mit dem anderen Benjamin und dessen Mutter Elenir auf sich hat, wird, auch ohne dass seine Fragen explizit werden, deutlich. Die Detailliertheit der fragmentierten Erzählung wird immer wieder in eindrücklichen Bildern des Wahnsinns deutlich – so werden sowohl Haroldos wahnwitzige Projekte und deren greifbare Überbleibsel plastisch beschrieben als auch Teos akribische Müllsammlungen, die niemand berühren darf. Und auch das Haus der Familie, das immer anders war, wird in seiner linkischen Möblierung und seinem späteren Verfall geradezu gnadenlos beschrieben.

Der Tod als greifbarer Körper

Zuletzt, in dem Kapitel Leichenwaschung schaltet sich ein extradiegetischer Erzähler ein, dessen Beobachtungsgabe jedoch derjenigen der anderen Erzähler, insbesondere Isabels, in nichts nachsteht. In einem gänzlich grünen Krankenhaus, das ironischerweise von Isabels Vater Dr. Emanuel Kremz gegründet wurde, verstirbt Isabel umgeben von ihren Kindern und Enkelkindern. Bis zuletzt wahrt sie Haltung, doch nach dem Tod wird ihr Körper zum reinen Stoff, dessen Materialität durch nichts mehr zu leugnen ist. Tochter Leonor und Enkelin Renata haben ihre liebe Not beim Waschen der Leiche, die allzu Irdisches  von sich gibt und deren fehlende Kooperationsbereitschaft ein Spiegel des Charakters zu Lebzeiten zu sein scheint. Mit diesem sehr irdischen Körper machen schließlich auch die beiden Frauen ihren Frieden und er wiederum darf in Frieden ruhen.

Verblüffende Erzählstrategien

Durch die ungewöhnlichen Erzählstrategien wird dieser Roman zum spannenden Puzzlespiel – man ist gar versucht, einen Stammbaum mitzuschreiben, denn nur wer gut aufpasst, kann die Vielfalt der Figuren und ihre Beziehungen im Lesen sortieren. Mit jeder der Figuren ist ein Mitfühlen möglich und man ertappt sich dabei zu hoffen, dass die Genealogie des Wahnsinns nun durchbrochen sein möge, um Antonio die freie Gestaltung des vor ihm liegenden Lebens zu ermöglichen. Eine Lektüre lohnt sich in jedem Fall – doch wer eine ‚schöne‘ Geschichte mit Happy Ending erwartet, wird hier enttäuscht werden. Wer sich auf problematische Familienkonstellationen einlassen kann, und sich für psychologische Feinheiten interessiert, kommt hier auf seine Kosten.

Christiane Quandt

Beatriz Bracher: Antonio. Übersetzt von Maria Hummitzsch. Assoziation A, 2013. 192. 18.00 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier. Foto: Francisco Perosa

Tags :

  • JOHANNES

    Der Text von Christiane Quandt enthält einige Fehler:
    – Beatriz Bracher hat keine deutschen Wurzeln, ein URAHN ist aus der Schweiz nach Brasilien eingewandert.

    – Nicht Haroldo hat fünf Kinder, sondern Xavier!
    – Antonio ist kein Kind! Er ist noch gar nicht geboren!
    Ansonsten gute Zusammenfassung.
    Bei der deutschen Übersetzung stört sehr, dass in der indirekten Rede häufig der Konjunktiv „wäre“ verwendet wird, wenn „sei“ die richtige Form wäre. Manchmal steht sogar im selben Satz ein richtiger und ein falscher Konjunktiv!