Posted On 4. März 2015 By In Litmag, Porträts / Interviews With 1605 Views

Zum Tod von Leonard Nimoy

Fans Salute

Das Paradox des Mr. Spock

In den letzten Tagen wurden tausendfach Fotos von voneinander abspreizten Mittel- und Ringfingern gepostet, um ein ungelenkes V zu bilden. Oft verbunden mit dem Zitat „Live long and prosper“. Christopher Werth hat darüber nachgedacht, warum gerade diese komplizierte, für Ungeübte schwer zu koordinierende Geste mit so viel Emotionen verbunden ist.

1773 veröffentlichte Denis Diderot sein Essay „Paradoxe sur le comédien“. Einer seiner Thesen darin ist, das nur der innerlich kühle, absolut präzise agierende Schauspieler Emotionen darstellen kann, die auch beim Zuschauer Emotionen auslösen. Damals wie heute eine banale wie grundlegende Erkenntnis für das Handwerk des Schauspielers. Wer will schon einen Schauspieler, der vor lauter echt geheulten Tränen seinen Text vergisst oder vor Lachen die Kamera umrennt und sich den Hals bricht? Der Schauspieler muss kalt sein, um das Publikum heiß zu machen.

Ein Paradox, das in gewisser Weise auch auf eine Film- und Serienfigur zutrifft, die seit Generationen bei ihren Fans höchste Empathie auslöst, indem sie diese für sich nahezu komplett verweigert: Ein nur nach den Vorgaben der Logik handelnder Analytiker, der jede seiner Gefühlsregung kontrollieren will. Der nahezu nie lächelnden, fast nie weinende Vulkanier Mr. Spock. Die Wirkung dieser in den 60er Jahren entwickelten Figur ist bis heute so ungebrochen marktforschungsbeständig, dass sie sogar noch vor wenigen Monaten erfolgreich als Marketing-Testimonial eingesetzt wurde, um Autos zu verkaufen.

Mit der Figur des Mr. Spock hat der Schauspieler Leonard Nimoy einen Archetypus erschaffen. Eine überlebensgroße Gestalt, die ihn natürlich auch selbst in den Schatten gestellt hat und mit dessen Popularität er erst schmerzhaft lernen musste zu leben. Das Vorbild für viele große, kalte Charaktere, die umso mehr ihr Publikum berühren. Man denke nur an den von Brent Spiner gespielten Data in einer der Star Trek Nachfolgeserien, den von Jim Parson dargestellten Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper in „Big Bang Theory“ oder an den von Benedict Cumberbatch verkörperten Sherlock in der gleichnamigen Serie.

Leonard Nimoy perfektionierte als Schauspieler das präzise Weglassen von typisch menschlichen Bewegungen und Gesten. Er hatte den objektivierenden Blick, der die Bewohner der Erde immer wieder neu – eben wie Aliens – wirken ließ. Diese Kunst wird vor allem in einer der alten Folgen deutlich, in der ein fremder, ganz anders tickender Charakter Besitz von Spocks Körper ergreift und Nimoy plötzlich einige Regungen ausspielt, die sonst seinem hitzköpfigen Mitstreiter Captain Kirk vorbehalten sind.

Leonard Nimoy hat es durch sein kühles, rationales Spiel fertiggebracht, Millionen Menschen verrückt nach Star Trek zu machen. Und das mit einer wohltuend-therapeutischen Wirkung. Angelegt irgendwo im Autismus-Spektrum zwischen übermenschlichem Genie und Asperger, können wir mit Mr. Spock scheinbar normales menschliches Verhalten aus einer ganz neuen, oft auch hochkomischen Perspektive betrachten. Und erkennen, wie banal und belanglos es im Vergleich zu den wirklich wichtigen Themen ist. Faszinierend.

Am 27. Februar 2015 ist Leonard Nimoy im Alter von 83 Jahren in Los Angeles gestorben.

Christopher Werth

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