Posted On 5. Februar 2014 By In Kolumnen und Themen, Litmag With 1780 Views

Zoë Beck über die bösen eBooks. Eine Antwort auf Friedrich Forssman

zoe_beck_porträtDas eBook aka „Das Böse“

Friedrich Forssmans Artikel „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ macht gerade die Runde. Ich möchte ihn fast so zusammenfassen: Das eBook schmutzt, nässt und ist bissig. Außerdem ist es ständig besoffen und kotzt überall hin. Also: ein betrübliches Ding, dieses eBook. Nicht der Rede wert. Und doch redet man ständig darüber. Schließlich tritt man ja jeden Morgen in seine Kotze. So in etwa.

Ich wurde Herrn Forssman einmal kurz vorgestellt, wobei ich nicht glaube, dass er sich daran erinnert, und auch ich erinnere mich nicht einmal, ob damals eBooks schon ein Thema waren, im Sinne von: „Das da ist Frau Beck, die schreibt Bücher, und dann macht sie auch noch diese eBooks.“ Ich weiß aber, dass Herr Forssman sehr, sehr schöne Bücher gestaltet. Er macht das, soweit ich es beurteilen kann, sehr klug, sehr ästhetisch, sehr durchdacht. In einem von ihm gestalteten Buch stecken im Umschlag mehr Ideen und Gedanken als in so manchen dreihundertseitigen Texten, gedruckt oder nicht. Da der Anteil der verkauften eBooks weiter steigt, ist – grundsätzlich gesehen – der Beruf des Buchgestalters (m/w) möglicherweise vom Aussterben bedroht. Buchgestaltung ist ohnehin kein Beruf, zu dem ehrgeizige Eltern ihren Kindern raten würden. Herr Forssman möchte natürlich nicht aussterben, und er will auch nicht, dass das, was er tut, als überflüssig gilt.

DiskussionenIch kann verstehen, dass es keinen Spaß macht, zu Panels geladen zu werden, um als ewig Gestriger vorgeführt zu werden. Ich kann verstehen, dass Herr Forssman sich aufregt, auch wenn ich glaube, dass die Art Bücher, die er macht, weiter Bestand hat und im Gegenteil, das sorgfältig gemachte und gut gebundene Buch weiter in den Fokus rücken wird, weil vor allem erst einmal die nicht aufwendig gestalteten Taschenbücher schwinden. Vermutlich würden Menschen, die dieses betrübliche Thema eBooks wie Herr Forssman einschätzen, über eben diese Bücher sagen: Die sind ja Papierverschwendung. Das Taschenbuch gilt ja immer noch gern als bäh, da hat es jemand nicht ins Hardcover geschafft. Ich hatte diese Diskussion letztens mal, als ich mit lauter Suhrkamp-AutorInnen wo las. Herr Forssman würde nicht im Traum daran denken, sich an der Gestaltung gewisser Bücher zu beteiligen. Aber: Auch diese werden gelesen, zuhauf, das können wir jetzt alle mal sonst wie finden.

Trägermedium stuhl

Trägermedium Stuhl

Was an dieser Grabenkampf- und Schlammschlachtdiskussion eBook vs. Papierbuch tatsächlich wirklich betrüblich ist: Die Unterstellung, ein eBook sei per se Müll. Siehe oben. Ja, jeder Mensch liest anders und genießt anders, und es mag daran liegen, dass ich im Studium aus Geldersparnisgründen die Texte, die ich lesen wollte, sollte, musste, oft genug auf billigem Papier mit winzigen Schriftgrößen zwischen auseinanderfallenden Buchdeckeln gelesen habe. Ich schätze das schön gestaltete Buch, es erfreut mich, aber welches Trägermedium mir den Inhalt vermittelt, ist mir sehr häufig egal, sofern der Inhalt stimmt. Der interessiert mich nämlich vor allem. Und das kann ich trennen: schöne Dinge, die mich umgeben. Inhalte, die mich beschäftigen. Aber das bin ich, das hat keine Allgemeingültigkeit. Ich will damit nur sagen: Können wir uns mal kurz bitte darauf einigen, dass das Trägermedium rein gar nichts über die Qualität des Inhalts sagt?

Täte es das, wären viele unglaublich großartige Texte heute nicht out of print (und andere hätte man nie drucken dürfen). Sie sind aus Kostengründen out of print, weil die Verlage, vermeintliche Herrscher über Qualität und Inhalte, nicht in sie investieren wollen, weil sie zu wenig Absatz erwarten. Wer an diese großartigen Texte gelangen will, kann dies gern über Antiquariate oder Bibliotheken. Warum aber nicht auch digital verfügbar halten? Und damit dem Text die Chance geben, neu belebt zu werden? Dass eigentlich doch alle Verlage den AutorInnen gegenüber genau diese Verantwortung haben (sollten) – deren Texte zu verlegen, verfügbar zu halten –, müssen wir diskutieren? Gibt das eBook als Publikationsform nicht auch denen eine Chance, die im klassischen Papierverlagsbereich als zu spröde, zu experimentell, zu „dann weiß in der Buchhandlung wieder keiner, in welches Regal das Ding soll“, zu kurz, zu dings gelten?

WaldSoll ich jetzt wirklich alle guten Gründe für die Existenz von eBooks aufzählen? Ich habe zusammen mit Jan Karsten, dem Mitherausgeber dieses nicht gedruckten Onlinefeuilletons, einen eBook-Verlag, natürlich sehe ich vor lauter eVorteilen den Papierwald nicht mehr. Selbst das Argument, man kaufe nicht, sondern leihe es sich nur aus und könne es nicht weiterverleihen, greift nicht, wenn man sich genau anschaut, wer wie mit dem DRM umgeht.

Ich habe da ganz andere Fragen: Warum bekomme ich, wenn ich mir für viel Geld ein schön gestaltetes Buch, beispielsweise von Herrn Forssman, kaufe, nicht (möglicherweise auch für ein, zwei Euro mehr) vom Verlag das eBook dazu, damit ich das Buch in den Schrank stellen und gut drauf aufpassen kann, während ich den Inhalt in der Bahn auf dem eReader lese? Oder: Warum wollen die Papierverlage, dass der eBook-Preis krampfhaft zu hoch bleibt? Aus Autorinnensicht: Wir verdienen mehr am verkauften eBook als am verkauften Taschenbuch, man könnte es ruhig billiger machen, da hätten wir immer noch mehr davon. Die Preispolitik verrät Angst, und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aus Angst macht man ebenso Fehler wie aus Übermut.

Bild in der ubahnIch glaube, Herr Forssman wird weiter sehr viele schöne Bücher gestalten. Ich werde weiter sehr viele schöne Texte digital verfügbar machen. Wir machen beide einfach sehr verschiedene Dinge. Wir wissen beide nicht, wie sich der Markt tatsächlich entwickelt. Ich sehe Herrn Forssman nicht als putziges Fossil wegen dem, was er beruflich macht. Ich will nur nicht mehr hören, dass eBooks qua Existenz etwas sind, das nicht mal dem Hundehaufen auf dem Grünstreifen an der Autobahnraststätte Herford Süd das Wasser reichen kann. Dass es viele Texte „nur“ als eBook gibt, hat möglicherweise oft, aber sehr häufig auch gar nichts mit deren Qualität zu tun. Warum es ein Text nicht aufs Papier „schafft“, hat Gründe, und die sind so vielfältig wie die Auswahl an Fonts. Müssen wir wirklich darüber diskutieren, ob nur Gedrucktes „wertig“ ist? Die meisten Tweets haben mehr In- und Gehalt als die BILD.

Und der Vorteil von Medien, die wenig Startkapital, wenig Investment fordern, ist, dass sie sich schwerer monopolisieren, kartellisieren, vermainstreamen, vereinnahmen lassen. Ja, da darf jeder. Auch die Bösen und Schlechten, die Mittelmäßigen und Nichtssagenden. Aber eben auch die Guten.

Zoë Beck

Zoë Beck ist Autorin (zu ihrer Homepage geht es hier) und Verlegerin des Digitalverlags CulturBooks (mehr hier). Foto: © Victoria Tomaschko.

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  • James Henry Burson

    Ja, eine schöne Erklärung zur Qualität, eines E-books.
    Stimmt – es muss nicht Schund sein, was nie als Taschenbuch in einem Verlag erscheint.
    Warum auch?
    Es ist ja auch nicht per se gut, was Verlage so drucken.
    Also – was soll`s?

  • Susanne Gerdom

    DANKE!

  • Mascha Vassena

    Eine sehr schöne Entgegnung, die sich weigert, den polemischen Ton von Herrn Forssmann aufzunehmen und statt dessen sachlich und differenziert argumentiert. Das hat Stil!

  • Philipp Elph

    Wir müssen wirklich nicht darüber diskutieren, ob nur Gedrucktes „wertig“ ist. Aber wir tun es, wie wir es getan haben, als die ersten Elektro-Herde auf den Markt kamen und die Kohlebefeuerung ersetzte, die ersten Automatikgetriebe in Autos eingebaut wurden. Versandapotheken stießen auch eine Diskussion an

    Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Die Motive der Skeptiker, Verhinderer, Gestrigen, Lobbyisten des Althergebrachten sind unterschiedlich. Inzwischen sind Kohleherde wieder der letzte Schrei und im übrigen bin ich der Meinung, dass Bücher in gedruckter Form auch weiterhin erscheinen werden.

  • Trixie

    Danke schön, für diese Antwort.

  • Axel Hollmann

    Vielen Dank. Ausgezeichneter Kommentar!

  • Name

    Die Rechtschreibung und Zeichensetzung dieses Beitrags ist katastrophal. So einen Unsinn hätte es zu Printzeiten nicht gegeben. :(

    • Zoë Beck

      Anonyme Beiträge dieser Art mag ich gern. Wo liegen denn die Katastrophen so im Detail und konkret?

      • Denis

        Hallo, zwar nicht mehr taufrisch der Beitrag hier, aber ich möchte mich dennoch einmischen: Sie schreiben zum Beispiel: „Was an dieser Grabenkampf- und Schlammschlachtdiskussion eBook vs. Papierbuch tatsächlich wirklich betrüblich ist: […] — äh, „tatsächlich wirklich“ ist kein guter Stil. Einer der beiden Begriffe hätte es auch getan. Ansonsten kann ich keine Katastrophen entdecken. Der Anfang … naja ebenso polemisch, mit der Kotze und so … aber insgesamt ein guter Artikel!
        Ich bin begeistert von Ihrer Idee, jedem Papierbuch („schöne“ Ausgaben im Hardcover) kostenlos eine eBook-Version beizulegen. Das ist genial!!! Darüber habe ich noch nie nachgedacht; es wäre eine sinnvolle Verwendung und wertvolle Bereicherung für das Papierbuch.

      • Joachim Höper

        Genau diesen pfiffigen Bundles aus Print & eBook wird seit dem 1.7. ein Knüppel zwischen die Beine geworfen… http://www.boersenblatt.net/804901/

      • Denis

        Vielen Dank für den Link. Ich war diesbezüglich nicht auf dem neuesten Stand. Frage mich immer öfter, was in Deutschland so abgeht – Irrsinnspolitik.

    • Arwyn Yale

      Nein in Printmedien schleichen sich nieeee Fehler ein. Wo kämen wir da denn hin? So einen unsinnigen Kommentar hätte es ohne Internet auch nicht gegeben. Übrigens lässt Ihre Grammaik auch zu wünschen übrig. Wer im Glashaus sitzt…

    • Lars Hi

      Ach, lieber Herr Name, Sie tun mir leid, ehrlich! Da wollen Sie so fundiert und berechtigt gegen das neue Medium wettern und dann fällt Ihnen dazu nichts, aber auch so gar nichts Sachliches ein? Wird bestimmt noch, Kopf hoch! Aber beim nächsten Mal dann vielleicht auch erst dann die Kritik posten, ja? Dankeschön!

      P.S.: Wenn, dann SIND übrigens Rechtschreibung und Zeichensetzung des Beitrages katastrophal. 😉

      • Günther Döscher

        Immerhin gibt’s im eBook keine »Druckfehler« – aber gelegentlich eine korrigierte Fassung als Update.

  • Joachim Höper

    Vielen Dank für diese unaufgeregte Reaktion.
    Es gibt Böses, es gibt Gutes, es gibt Mittelmäßiges, Nichtsagendes und absolut Gutes. Manches davon ist ein gedrucktes Buch, manches ein eBook. Manches gefällt mir und anderen nicht – und umgekehrt. So what? Hätte ich damals bei meinen Reclam-Heftchen, die Möglichkeit gehabt, die Schriftgröße und Type zu verändern, hätte ich vielleicht sogar noch mehr davon gelesen. Ach, diese alte Inhalte-Form-Debatte. In den Natur-Wissenschaften kann man sich über diese Dabatten nur noch wundern. Die Geisteswissenschaften haben da so ihre eigene Geschwindigkeit. Die von F.F. genannten Probleme mit DRM und einzelnen Anbietern beziehen sich auf Distributionsformen und nicht auf das Medium an sich. Wahrscheinlich hätte er auch über die RoRoRos gemäkelt, die nach dem zweiten Weltkrieg vielen überhaupt den Zugang zu Literatur geebnet haben. Schlechte Form, aber zum Glück gab es sie, damit die Inhalte transportiert wurden. Und nicht jeder kann und will sich die Hardcover-Ausgabe leisten. Ich höre jetzt lieber auf. eigentlich ist ja schon alles gesagt.

    Ach, nochwas: Die „Autobahnraststätte Herford Süd“ wurde Ende 2013 geschlossen. Die neue, schickere ein paar Kilometer weiter heißt nun „Raststätte Lipperland Süd“. Und es ist schön dort (also in Ostwestfalen-Lippe im Allgemeinen)!

  • Sabine Landgraeber

    Vielen Dank, eine sehr gute Entgegnung!

  • Marc Twachtmann

    „Warum bekomme ich, wenn ich mir für viel Geld ein schön gestaltetes
    Buch, beispielsweise von Herrn Forssman, kaufe, nicht (möglicherweise
    auch für ein, zwei Euro mehr) vom Verlag das eBook dazu, damit ich das
    Buch in den Schrank stellen und gut drauf aufpassen kann, während ich
    den Inhalt in der Bahn auf dem eReader lese? Oder: Warum wollen die
    Papierverlage, dass der eBook-Preis krampfhaft zu hoch bleibt?“

    Das finde ich echt ein gutes Argument. Selbst die schwerfällige Musikindustrie ist schon lange auf diesen Trichter gekommen und die Verkäufe von Vinylplatten sind stetig steigend, obwohl diese nun auch schon x mal totgesagt wurde.
    PS. Ich find hier keine Fehler.

  • Timothy Sonderhüsken

    Ich glaube, es ist geboten, Dir die Ehe anzutragen.

  • Günther Döscher

    eBooks sind netter! In meinem kleinen Verlag sponsern sie ihre Print-Brüder.

  • K.U. Stein

    Ich liebe Literatur.
    Mal als
    .Taschenbuch
    .ebook
    .audiobuch
    .schön gemachtes buch
    Armer Mensch, der nicht alle kennt.
    Noch ärmerer, der nur seine Art kennt.
    Am ärmsten, der alle die nicht seins,
    in den Schmutz zieht.

  • Rainer Wieczorek

    Forssman hat recht.

    • Redaktion CM

      Ah, das ist so evident, dass Argumente entfallen? Meine Güte ..
      TW

    • TW

      Ah, das ist also so evident, dass Argumente entfallen? Meine Güte .. TW

  • Dirk Meißner

    Ein wirklich sehr kluger und ausgewogener Text! Wenn sich nur all die übellaunigen Klassenkämpfer der Papier-Industrie daran ein Beispiel nähmen… Man muss die eigene Leistung nicht dadurch überhöhen, dass man andere runtermacht. Frau Beck macht’s vor: Neues wagen. Altes wertschätzen. Danke dafür!

  • Carlo Schäfer

    „Das Mädchen“ – in welcher Zeit lebst du?
    Obwohl – ich will gar nichts von dir wissen.

  • FRaNk

    Bei ungefähr 1200 ungelesenen Büchern und einem Lebensalter von 43 Jahren bin ich in der glücklichen Position dass mir das E.-Book weiterhin gestohlen bleiben darf. Sowohl Fr. Beck als auch Herr Forrsman haben Argumente die mir einleuchten, dennoch bleibt mir das E-Book schlicht unsympathisch. Dass andere das anders empfinden bleibt ihnen unbenommen, deine ultimative Entscheidung für das ein oder andere Medium wird einem bis jetzt ja nicht aufgezwungen.

  • Eigendenken

    Hochgeschätzte Kommentierer/innen,
    ich danke für umfassende neue Erkenntnisse über eBooks!
    Eine Diskussion halte ich für qualitätsvoll, wenn Argumente möglichst klar verständlich formuliert werden. Nur so kann frau/man sich selbst eine ausgewogene Sichtweise erarbeiten.
    Es ehrt m.E. alle Beteiligten, wenn dabei den Kolleg/inn/en jeweils die freie Wahl der Ausdrucksweise (ironisch, ernsthaft, belehrend,…) eingeräumt wird. – Auch Flüchtigkeitsfehler u.ä. sollten nicht zur Abwertung eines Beitrags verführen, wenndoch ein möglichst breites Spektrum an Meinungen und Wissen angestrebt wird. Ehrliches Bemühen sollte über Perfektionismus stehen. – Mut tut ALLEN gut! Ra

  • Dieter

    Schade, mit einem Satz ist der ganze McLuhan dahin: „Können wir uns mal kurz bitte darauf einigen, dass das Trägermedium rein gar nichts über die Qualität des Inhalts sagt?“

    Also: The medium is NOT the message?

    http://en.wikipedia.org/wiki/The_medium_is_the_message

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