Posted On 20. März 2013 By In Kolumnen und Themen, Litmag With 851 Views

Wolfram Schütte zum 250. Geburtstag von Jean Paul

Jean Paul

Der Unvergleichliche

Ein paar (persönliche) Jean-Paul-Notizen zu seinem 250. Geburtstag am 21. März. Von Wolfram Schütte

1.

Der erste Exzerptenband ist dem 15-jährigen (Jean Paul) so wichtig, dass er einen Schreiber aus Schwarzenbach namens Wolfram beauftragt, den Titel „Verschiedenes aus den neuesten Schriften, Erster Band. Schwarzenbach an der Saale – 1788“ in Schönschrift auf den Umschlag zu schreiben. (Pfotenhauer: „Jean Paul“, München 2013, S. 34)

*

2. Jedes Buch, das etwas taugt, spielt mit seinem Leser (TWA)

„Es war im Jahr 1763, wo der Hubertsburger Friede zur Welt kam und gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich; – und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rotkehlchen, der Kranich, der Rohrammer und mehrere Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; – und zwar an dem Monatstage, wo, falls Blüten auf seine Wiege zu streuen waren, gerade dazu das Scharbock- oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, desgleichen der Ackerehrenpreis oder Hühnerbissdarm, nämlich am 21ten März; – und zwar in der frühesten frischesten Tageszeit, nämlich am Morgen um 1 ½ Uhr; was aber alles krönt, war, dass der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war“.

So hebt die „erste Vorlesung“ seiner wie manches andere seiner Werke Fragment gebliebenen „Selberlebensbeschreibung“ an. Ein typischer Jean-Paul-Text: Ironie, Empfindsamkeit, detaillierter Naturbezug, verbale Dynamik, Koinzidenz von Subjekt & Weltgeschichte, große, „atmende“ Satz-Periode mit Abschlusspointe, kurzum: die voll instrumentierte humoristische Grundstruktur seiner Prosa.
Als „eine geborene Ruine“ (wie er im Rückblick seinen ersten Roman, „Die unsichtbare Loge“, genannt hat) war die späte Autobiografie nicht gedacht. Bei ihr – wie bei dem Roman „Der Komet“ & der Essayerzählung „Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele“ – machte der Tod am 14. November 1825 dem lebenslang gegen die menschliche Sterblichkeit anschreibenden Jean Paul Friedrich Richter aus Wunsiedel einen endgültigen Strich durch die literarische Rechnung.

Um diese Zeit war auch schon der erstaunliche Ruhm, der ihn im letzten Jahrzehnt des 18. & im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zum bekanntesten & viel geliebten deutschen Prosaautor der Goethezeit gemacht hatte, etwas verblasst. Ludwig Börne aber hielt ihm in Frankfurt a.M. eine prophetische „Denkrede“, in der er dem Republikaner, der Jean Paul auch war, voraussagte, dass „sein schleichend Volk“ ihm Anfang des 20. Jahrhunderts erst nachfolgen und dann erkennen werde, wer der Autor des „Hesperus“ & des „Siebenkäs“, des „Titan“ & der „Flegeljahre“, der „Vorschule der Ästhetik“, der „Erziehlehre Levana“ & der „Dämmerungen für Deutschland“ u.v.m. gewesen sei.

Denn über ein so breites Spektrum von Interessen verfügte der Prosaist, der sich nur in seinen „Streckversen“ jemals der Lyrik genähert hatte.

Pfotenhauer_24002_MR_neu.inddAber als Jean Paul zu dieser annoncierten Zeit von dem Lyriker Stefan George wiederentdeckt wurde, war es einzig der Sprachkünstler & Visionär, der die Prosa in lyrischen Aufschwüngen „poetisiert“ hatte wie kein zweiter deutscher Dichter; und erst die zweite Wiedererweckung Jean Pauls durch die 6-bändige Hanser-Edition seiner Hauptwerke (1959 ff) – mit den essayistischen Begleitmusiken Walter Höllerers & Norbert Millers – rückte Œuvre & Person des oberfränkischen Pfarrersohns aus dem dunkelsten, ärmsten Winkel Deutschlands uns wieder vollständig vor Augen, nachdem der großartige, am Collège de France lehrende Elsässer Germanist Robert Minder mehrfach in seinen fulminanten geistesgeschichtlichen Essays öffentlich für den Vergessenen geworben hatte – u. a. auch bei seinem engen Freund Alfred Döblin, der erst durch Minder auf einen (gleich ihm solitären) großen Vorläufer aufmerksam gemacht wurde.

Etwa zur gleichen Zeit (1969), als der französische Germanist Pierre Bertaux Hölderlin zum Jakobiner erklärte (was Peter Weiss dazu verführte, in dem schwäbischen Dichter einen politischen Vorläufer von Karl Marx zu imaginieren), meldete sich der linksradikale DDR-Dissident Wolfgang Harich mit der These zu Wort, auch der fränkische Schriftsteller, der als Kritiker auf intellektueller Augenhöhe mit Fichte, Schelling & Hegel verkehrte, sei ein verkappter Jakobiner gewesen. Und seine Humoristen wie Leibgeber/Schoppe seien gescheiterte Revolutionäre.

Politisch weiter nach links gerückt hat ihn, der immerhin den Tyrannenmord am Beispiel Charlotte Cordays vor Schillers „Tell“ gerechtfertigt hatte, weder zuvor & noch danach keiner, als es Harich (zu Unrecht) tat . Und obwohl JP, der privat am liebsten mit dem gebildeten Adel verkehrte, jedoch als Satiriker im Landadel & in der „Hofgesellschaft“ der Duodezfürstentümer die bevorzugten Objekte seiner Empörung, seiner Wut & auch seiner Ressentiments erblickte (ganz abgesehen von der kleinbürgerlich-geduckten Gesellschaft der Stadt Hof, wo er nach seinem kurzen Philosophie-Studium in Leipzig, das er seiner Gläubiger wegen fluchtartig verlassen hatte, noch lange als junger Mann bei seiner Mutter wohnte & arbeitete, bis er nach dem Geschäftserfolg des „Hesperus“ finanziell auf eigenen Beinen stehen konnte).

Gleichzeitig mit dem Jakobiner-Traum Wolfgang Harichs hatte aber Günter de Bruyn seine politisch wesentlich zurückhaltender formulierende Jean-Paul-Biographie vorgelegt. Gleich Harich ein DDR-Autor stand de Bruyn unter Beobachtung der Stasi, die ihn eher als einen „bürgerlichen“ Autor mit vorsichtig-kritischer Haltung einschätzte, der wegen seiner Ideologieferne auch in der BRD angesehen war. Das ist bis heute der Fall.
Helmut Pfotenhauer, der langjährige Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft, erklärt in seiner jetzt erschienenen Jean-Paul-Monographie bei Hanser, dass er mit de Bruyns maßgeblicher Biographie nicht konkurrieren wolle. Er hat umso mehr recht mit seiner Zurückhaltung, als der Romantikkenner de Bruyn seine große Arbeit, die unter DDR-Augen entstanden ist, nun gründlich überarbeitet wieder bei S.Fischer vorlegt. Pfotenhauers Buch (Jean Paul. Das Leben als Schreiben. 512 Seiten, zahlr.Abb. 27.90 Euro) ist im Vergleich dazu engbrüstig & hauptsächlich darauf versessen, die zentrale literaturästhetische These des Autors, wonach JP ein Fetischist der Verschriftlichung seines (empirischen) Lebens von Kindheit an gewesen sei, durchzudeklinieren.
Er kann sich dabei auf JP selbst berufen, der sich mehrfach in dem Sinne geäußert hat, den Pfotenhauer mit zwei Zitaten seinem Buch voranstellt. Sie lauten: „Ich bin nicht der Mühe wert gegen das, was ich gemacht habe“ & „Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher“.

Pfotenhauer hat gewiss nicht unrecht mit seinem Fokus auf diesen innersten Zirkel der Jean-Paul-Welt & deren ästhetische Spezifika, aber darüber geraten ihm andere relevante Bezugspunkte – die Politik, die Gesellschaftskritik des Satirikers, dessen Aversion sowohl gegen Chauvinismus als auch gegen die Metternichsche Restauration (z. B. im „Komet“) – etwas aus dem Blick. Fast scheint es, er wolle der Germanist Pfotenhauer durch sein Zurück zur ästhetischen Hermeneutik die politischen Überakzentuierungen des marxistischen Philosophen Wolfgang Harich dem heutigen Jean-Paul-Bild austreiben.

Rolf_Vollmann_Das_Tolle_Neben_Dem_SchöneenGanz vergessen scheint aber de Bruyns einstiger Buch-Konkurrent: nämlich Rolf Vollmanns „biographischer Essay „Das Tolle neben dem Schönen“. Der plaudernde Essayist, der danach z. B. mit seinem zweibändigen „Roman-Verführer“ die originellste Romangeschichte vorlegte, die viel von Jean Pauls stilistischer Darstellungsfreude sich angeeignet hat, hatte seine Beschäftigung mit JP derart stilistisch „überkandidelt“ formuliert, dass sie nahe an eine unfreiwillige Selbstparodie herankam.

Kurz & gut: Wer sich heute bei uns aus zweiter (kundiger) Hand über den Autor, sein Œuvre & beider Beziehung informieren will, kann vielfach fündig & findig werden.

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Mein Weg zu Jean Paul …

… führte über Arno Schmidt, der zwar irgendwo behauptet hat, der Franke sei „einer von den zwanzig (Autoren), für die ich mich mit der ganzen Welt prügeln würde“, ihm aber keinen seiner berühmten Radio-Essays gewidmet hat – im Gegensatz zu Karl Philipp Moritz, dem enthusiastischen Entdecker Jean Pauls, und dem von Jean Paul über alles geliebten J.G. Herder. Vielleicht weil sich beide zu nahe waren?
Es gibt aber wohl in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa von Rang keine naheliegendere Verbindung als die von dem „Solipsisten in der Heide“ zu dem „Einzigen“ am Fuße des Fichtelgebirges & in Bayreuth.

Und zwar sowohl biographisch als auch literarisch: zwei Autodidakten aus sozial kleinsten Verhältnissen, die die Metropolen gemieden haben, weil sie deren gesellschaftliches Ambiente als Beeinträchtigung ihres einzig für sie relevanten literarischen Schaffens ansahen. Beide zogen sich in die Provinz zurück, bei dem herzkranken Schmidt kamen gesundheitliche Überlegungen für die norddeutsche Tiefebene hinzu, bei Jean Paul die von Kindheit an ihn geprägt habende Mittelgebirgslandschaft Oberfrankens & das dort gebraute (Bayreuther) Bier.

Beide befeuerten sie ihre immense Phantasie-Produktion durch Alkoholika: A.S. mit Hochprozentigem („Alte Kanzlei“), JP mit Bier & Wein. Sie waren mit Notwendigkeit Säufer, der Literatur wegen & schrieben viel, um davon zu leben & zu überleben.

Während A.S. bis in seine späten Jahre mit seiner Ehefrau Alice oft „am Hungertuch nagte“ – bis ihn Jan Philipp Reemtsma endgültig von dieser Sorge befreite –, erhielt JP, nachdem er seine anfängliche satirische „Essigfabrik“ in eine Romanfabrik überführt hatte – sehr gute Honorare von seinen wechselnden Verlegern, wie Pfotenhauer berichtet. Obwohl JP einer der ersten deutschen Autoren war, die nur von ihrer literarischen Arbeit lebten, bevor er erst 1809 vom „Fürstprimas des Rheinbundes“ (Dalberg) eine Existenz sichernde jährliche Rente von 1000 Gulden zugesprochen bekam, hatte er, auch mit seiner Frau & seinen zwei Kindern, immer sein finanzielles Auskommen.

Während aber AS als Autor nur der „happy few“ unter der deutschsprachigen Leserschaft bekannt war (& alle lukrativeren Preise lange Zeit an ihm vorüberzogen), war Jean Paul ebenso bekannt wie be- & geliebt in Deutschland – wovon er sich auf seinen Reisen zwischen Hof, Weimar, Leipzig, Berlin, Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart, München immer wieder überzeugen konnte – ganz abgesehen von dem Besichtigungstourismus, der ihn an seinem Wohnort Bayreuth heimsuchte.

Siebenkäs

Siebenkäs – Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel

Der Entdeckungs- & Sympathieweg von A.S. zu JP lag aber wegen der künstlerischen Verwandtschaft der beiden ebenso eigenwilligen wie kauzigen Autoren nahe.

Man kann ja die „Les(e)art“ von Belletristik generell in zwei Formen sehen: Eine für „Leseratten“ flugs von Satz zu Satz eilende, von Spannungsbögen & Aktionen & Handlungvolten motivierte Leser-Haltung, die gewissermaßen horizontal verläuft. Und ein andere, die im Vergleich dazu als vertikal bezeichnet werden kann, weil sie vom Leser ein nachdenkendes Verweilen beim jeweiligen Satz und Wort verlangt, um die dort vom Autor in der Redundanz der schriftlichen Artikulation niedergelegten Bedeutungsschichten, Metaphern, Allegorien, Assonanzen etc. sowohl zu entdecken als auch auszukosten.

A.S. als auch JP gehören zu dieser zweiten Lesart, die den Leser ganz bewusst zum Mitspieler, wo nicht sogar Mitarbeiter macht, der die „Partitur“ ihrer vielstimmigen Texte samt deren Anspielungen in seiner nachschaffenden Phantasie zum „Erklingen“ bringt. Beide Autoren haben den Urvater ihrer hybriden, semantischen, zitatgesättigten Humoristik in Laurence Sternes zwei Erzählfragmenten des „Tristram Shandy“ und der „Sentimental Journey“ gesehen.

Besonders JP hat die von Swift & Sterne erfundene „Digression“, die zielbewusste Abschweifung vom Pfad der Erzähler-Tugend, in mannigfacher Weise praktiziert. Er hasse doch, schreibt JP an seinen Freund Friedrich von Oertel 1799, „sogar im Roman alles Erzählen so sehr, sobald nicht durch die Einmischung von 1000 Reflexionen und Einfällen die alte Geschichte für den Erzähler selber eine neue wird“.

Ein erstaunliches Bekenntnis für einen Erzähler; aber nicht für einen Jean Paul, der im & beim Schreiben zwar mit den oft direkt angesprochenen Lesern (& Leserinnen!) in einen intimen (Dauer-) Dialog tritt, sondern auch an sein eigenes literarisches Vergnügen beim erzählend-reflektierenden Erfinden denkt. Dieses stilistisch auf die phantasievollste Art in seinen Romanen & Erzählungen ausgelebte Verfahren, vom Hundertste ins Tausendste (& retour) zu kommen –abzuschweifen bis zur Abschweifung der Abschweifung –, den Textkorpus sowohl zu zerstückeln als auch thematisch-stilistisch buntscheckig & abwechslungsreich zu gestalten, ist singulär in der deutschen Prosa. Sie gleicht gewissermaßen, metaphorisch ins Geographische übersetzt, einer Landkarte des bis in winzigste Fürstentümer zerstückelten „Heilige Römischen Reichs deutscher Nation“. Man kann darin auch wieder eine Metapher & Entsprechung für seine hybride Erzähl- & Darstellungsästhetik erblicken. (Er hätte es wohl so gesehen, wenn er, wie in zigtausend anderen Fällen, auch darauf gekommen wäre.)

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Zettelwirtschaft

Mit 15 Jahren beginnt er, was er bis zu seinem Lebensende fortsetzen wird: Exzerpte aus Büchern zu ziehen & zu sammeln, daneben Einfälle, „Untersuchungen“ & „Übungen“ en masse zu horten. Dieses Arsenal von Zitaten, (Er)kenntnissen, on dits, Stoffen, Curiosa, Geistesblitzen, aphoristischen Formulierungen etc. gleicht in der weitreichenden & exzentrischen Fülle einer barocken Wunderkammer, die für den schreibenden JP das wichtigste Arbeitsmaterial – vor allem für den satirisch-grotesken Teil seiner Werke – enthielt.
Für den Fall eines Wohnungsbrands in seiner Abwesenheit hat er immer wieder seiner Frau eingeschärft & sie dazu vergattert, diese in mehreren Mappen versammelten Baustoffe als Erstes, wenn nicht sogar Einziges aus seinem Arbeitszimmer zu retten & in Sicherheit zu bringen.

In seiner frühen Idyllen-Figur des „Schulmeisterleins Wutz“, der sich nach dem Leipziger Messe-Katalog die darin angezeigten Bücher – weil er zu arm war, sie zu kaufen – selbst schrieb, hat er seiner von früh auf kollationierende Fixierung auf die Vielfalt der „Welt, wie sie im Buche steht“, herzergreifend-humoristisch ein unvergessliches Denkmal gesetzt. Zugleich waren die Bücher in der armseligen oberfränkischen Einöde die einzige wirkliche Verbindung zur Welt jenseits des engen familiären, dörflichen Ambientes für den jungen Wissbegierigen, der sich im Vorgang des Abschreibens & Sammelns die Substrate, Anekdoten, Fakten & Ansichten buchstäblich mit der Schreibfeder körperlich aneignete & sein ebenso enzyklopädisches wie groteskkomisches Wissen von der Welt in Kladden & Zettelkästen (aus denen ja die Lebensbeschreibung des „Quintus Fixlein“ gezogen worden sein soll) zur späteren literarischen Verwendung aufbewahrte.
Vielleicht hat dieser früh eingesetzt habende manuelle Umgang mit den gedruckten & dem sowohl an- wie aufgeschriebenen Wörtern fremder Autoren ihn als Autor immer wieder sowohl zur literarischen Form der fiktiven Biographie ebenso greifen lassen wie dazu, sich selbst dabei als der schreibende, mit Informationen gefütterte oder sogar in persona auftretende Biograph zu beobachten & den Leser in sein weitläufiges Fiktionsgespinst mit einzubeziehen.

Diese Romane-als-Biographien werden derart mit Digressionen & essayistischen Einsprengseln, also Erzählungs-Unterbrechungen durchsetzt, dass das „Organische“ der biographischen Entfaltung radikal durchlöchert wird & ein sprunghaft-dynamisches Patchwork von Gedanken, Erzählungen, Reflexionen (wie eine Pinwand mit angehefteten unterschiedlichen Notizen) entsteht.

Die hybriden Romane & Erzählungen Jean Pauls sind immer auch mehr & anderes als bloß erzählte Fiktionen, nämlich zugleich reflektierende Essays; seine diskursiven Arbeiten – wie die „Vorschule der Ästhetik“, die Erziehungslehre „Levana“, das „Kampanertal“, die politischen Schriften & seine einlässliche Kritik des philosophischen Idealismus in „Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana“ – treten uns immer auch erzählerisch vor Augen. Eines geht ins andere über, eines ist im anderen gegenwärtig.

Auch darin ist ihm der „Wortmetz“ Arno Schmidt („Tina oder über die Unsterblichkeit“) gefolgt, ganz zu schweigen von dessen elaborierten Typoskripten des Spätwerks. Deren zettelwirtschaftliche Kombinatorik & Collagiertechniken, deren „Verschreibkünste“, Phonetismus & die Irrwitzigkeiten der „Vierten Instanz“ haben Jean Pauls komplex verspiegelte Prosaformen & Fiktions-Konstrukte vielfach humoristisch fortentwickelt. (Allerdings unterscheiden sich die beiden in einem radikal: in der Rolle, welche Sexualität in ihrem Œuvre spielt: bei JP keine.)

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Jean Paul. Ernst Förster 1826.Quelle: Hesperus 16 (1958).

Jean Paul. Ernst Förster 1826.
Quelle: Hesperus 16 (1958)

Die lustvolle Lektüre …

… beider ist nicht ohne Tücken & Hürden. Wie man JP heute oft mit dem Anmerkungsapparat lesen sollte, um die vertrackten Anspielungen & Doppeldeutigkeiten seiner satirischen Passagen zu entschlüsseln, ist es einem heutigen A.S.-Leser angeraten, sich mit den Hilfen des „Bargfelder Boten“ & den Beiträgern des Dechiffriersyndikats im irisierenden Prosagelände des „Solipsisten in der Heide“ zu orientieren.

Man kann natürlich aber auch beide quasi „naiv“ lesen, will sagen: auf der sichtbaren semantisch-geistig-poetischen Oberfläche ihres jeweiligen Sprachleibs entlanggleitend. Und sowohl seine grandiosen Landschaftsbildnereien als auch seine enthusiastischen oder beängstigenden Weltbeschwörungen von der „Unsichtbaren Loge“ bis zum „Komet“ bedürfen kommentierender Hilfen nicht. Ebenso wenig die Infinitesimal-Logistik im weiten Feld der Emotionen seiner Helden & Heldinnen. Man lese nur einmal jene Passagen am Anfang des „Quintus Fixlein“, wo sich JP (wie dann später in der „Levana“) mit der Exklusion der Mädchen & Frauen aus der den Jungen & Männern vorbehaltenen Bildung & Weltkenntnis der Wissenschaften polemisch beschäftigt, um zu begreifen, warum er zu seinen Lebzeiten zuerst & vornehmlich von den Leserinnen verstanden & geliebt wurde. Dennoch hat auch die gleich anderen um ihn werbende Charlotte von Kalb recht, wenn sie in einem Brief moniert, dass JP seine Liebenswürdigkeit im persönlichen Umgang mit ihn umschwärmenden Frauen vornehmlich aus literarischen Gründen nutzt & seine Verehrerinnen über die wahren Hintergedanken seiner vermeintlichen Gefühle im Unklaren lässt.

Jedoch das wahre & wirkliche Vergnügen & die produktiv, erhellende Kraft von beider literarischen Œuvres verlangt zuerst vom Leser Geduld & dann Vorstellungskraft, Enthusiasmus, meditative Intensität & Hilfen, welche detektivisch en detail in die Hinter- & Untergründe ihrer Werke blicken lassen.

Das heißt aber nicht, dass Jean Pauls Œuvre (wie auch das von A,S.) in toto schwierig zu erkunden sei. Da es wie kein zweites seiner Zeit in der deutschen Literatur ein ästhetisches Mixtum Compositum ist, das gewissermaßen Feuer mit Wasser zu einer ästhetisch prekären Hochzeit verführt, erzeugt es einzigartige stilistisch-geistige Konfrontationen auf engsten Raum (& bietet vielen Vieles & Unterschiedliches).

Bereits sein großer Bewunderer Lichtenberg, der in seinen „Sudelbüchern“ mit verwandtem Sprachwitz & Neugier operierte, meinte, dass der „allmächtige Gleichnisschöpfer“ seinen „Reichtum nicht immer mit Geschmack anzuwenden“ verstehe. Friedrich Schlegel mokierte sich mit einer beträchtlich jeanpaulinischen Metapher über die „grotesken Porzellanfiguren seines wie Reichstruppen zusammengetrommelten Bilderwitzes“. Ich will damit sagen, dass auch jene, die ein Faible für den Anti-Klassizisten & für den exzentrischen – aber auch manchmal pedantischen – Humoristen besitzen, nicht immer glücklich mit seinen ästhetisch-stilistischen Wagnissen werden, selbst dann nicht, wenn diese eben einzigartig sind. Der unverdächtige Kenner & Liebhaber Robert Minder riet sogar dazu, das „Geröll“ im Verlauf der Bücher links liegen zu lassen oder im „Schnellgang“ zu durchmessen, um zu den solitären „Sprachlandschaften“ zu gelangen, wo er, wie Pfotenhauer sympathetisch formuliert, sich der „Sprachentfesselung“ & dem „Metapherntaumel“ überlässt.

Gemeint sind dabei vielfach im Œuvre vorhandene euphorische Phantasien & Traumlandschaften, Albträume und „Vernichtungsvorstellungen“, die in ihrer ikonografischen Tiefe & Breite, Farbigkeit & dynamischen Entfaltung bis ins Universelle reichen.

Grandville,_Selbstportrait

J. J. Grandville

Diese gewaltigen Sprachexplosionen gleichen künstlerisch eher symphonischen Musiken als im Vergleich dazu den allemal dahinter zurückbleibenden zeitgenössischen (romantischen) Bildwerken. Weder Caspar David Friedrich oder Karl Friedrich Schinkel noch Ludwig Richter oder Carl Spitzweg taugen als zeitgenössische bildnerische Entsprechungen für JP. Einzig der französische Zeichner Grandville mit seinen phantastischsten utopischen Bildern reicht an Jean Pauls Imaginationen heran. Aber erst der ikonographische Surrealismus kommt Jean Paul & seinen einzigartigen kosmologischen „Niederauffahrten“ (Manganelli) nahe & erst solche in sich zerrissenen Musiker wie Robert Schumann & Gustav Mahler, der seine 1. Symphonie „Titan“ nannte, erkannten in dem für seine freien Klavierphantasien gerühmten Jean Paul eine verwandte Seele & Inspirationsquelle.

„Der Traum“, schrieb JP einmal, „ist das Mutterland der Phantasie“ & ein andermal (als spräche ein André Breton avant la lettre): „Der Traum ist unwillkürliche Dichtung“.

Seine Einbildungskraft war so enorm, dass es ihm sogar gelang, sein eigenes Leben sich im Buche vorweg zu imaginieren. Und das nicht nur in der „Konjekturalbiografie“, sondern auch im ersten deutschen Eheroman, den „Blumen-, Frucht- und Dornenstücken oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“. Er schrieb diesen realistischsten seiner Romane, als er von der Ehe & speziell seiner eigenen noch „keine Ahnung“ hatte, obwohl sie dann Jahre & Jahrzehnte später ganz wie nach dieser literarischen Antizipation verlaufen ist. Das Leben sollte am besten der zuvor entwickelten Fiktion nacheifern, wünschte sich JP. Der geistesverwandte Arno Schmidt lässt seinen weisen Kolderup am Ende der „Schule der Atheisten“ mutmaßen: „Die ‚wirkliche Welt‘ ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unserer großen Romane“.

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Lebens- & Literatenkunst

Er habe nie mehr als „drei Wege auskundschaften“ können, „glücklicher (nicht glücklich) zu werden“, schreibt JP im „Billet an meine Freunde“ zu Beginn des „Quintus Fixlein“. Der erste führe in die Höhe & habe zum Ziel, „soweit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, dass man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. – Der zweite (Weg) ist: – gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einnisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und ein Regenschirm ist. – Der dritte endlich – den ich für den schwersten und klügsten halte – ist der, mit den beiden andern zu wechseln“.

Was er hier als Lebenskunst der äußersten Distanz & der intimsten Identifikation beschreibt (um Tod & Bedrohungen zu ignorieren) entsprach ästhetisch in seinen Erzählwerken dem Kontrast von Hohem Ton, tellurisch-universalistischen (Alb-) Träumen & Phantasien (wie sie fast alle seine Werke enthalten) einerseits & Idyllen (wie der „Wuz“, „Quintus Fixlein“, „Leben Fibels“ usw.) andererseits. Der Wechsel zwischen dem, was er dann in der „Vorschule“ für seine Roman-Typologie „italienisch“, „niederländisch“ oder „deutsch“ nennt, macht eines der stilistischen & geistigen Wechselbäder & die Grundlage der ästhetischen Innenspannung seiner neuartig-einzigartigen Poetik aus. Jean Pauls Prosa ist exaltiert, manieriert, (gewissermaßen kubistisch) metaphorisiert in fast jedem Augenblick, Wort & Satz.

Wer aber meint, ihre ungemeine Mehrdeutigkeits- & Metapherndichte sei (wie bei Theodor W. Adornos Arbeiten) das Ergebnis einer mehrfachen Überarbeitung, bei der eine Schicht um die andere aufgetragen wurde, sieht jedoch, dass dem Briefschreiber Jean Paul die gleiche dichte Prosa aus der Feder geflossen ist: ein literarisches Phänomen sui generis.

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Jean_Paul_Vorschule der ÄsthetikZur Frage der literaturhistorischen Verortung Jean Pauls

Auch der Einzigartige steht in einer Tradition von verwandten Autoren. Es sind dies der grandiose „Erfinder“ des Antiromans, der englische Landpfarrer Laurence Sterne, der Satiriker Jonathan Swift, der grenzenlos fabulierende Francois Rabelais & sein deutsches Pendant Johann Fischart mit seiner „Geschichtsklitterung“.
Freilich unterscheidet sich JP von allen diesen Autoren der sexuellen Zweideutigkeiten durch seine auffällige Prüderie, die ihm nicht zuletzt Heinrich Heine vorwarf. Blickt man in die Gegenwart auf verwandte, den jeanpaulinischen literarischen Eskapaden nahe literarische Werke, so fallen einem unter den Deutschen außer Arno Schmidt, Eckhard Henscheid & Ullrich Holbein die Österreicher Heimito von Doderer (u. a. „Die Strudelhofstiege“) und Fritz Herzmanovsky-Orlando (mit seinem „Gaulschreck im Rosenhagen“) auf Anhieb ein & jenseits des Deutschen auch der Identitätsspieler Philip Roth und der humoristische Sprach- & Zitatfex Peter Esterhazy. Das Œuvre des Metaphysikers Jean Paul ist eben ein ungemein reiches literarisch-intellektuelles Biotop kontroversester Schreib- & Denkweisen.

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Georg Büchner, die gesellschaftskritischste Stimme der deutschen Literatur – sozusagen unser Karl Marx der Belletristik – ist ohne Jean Pauls Vorarbeiten nicht denkbar. Das tieftraurige Märchen aus dem „Woyzeck“ scheint von der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ & die duodezfürstenhafte Welt der Komödie „Leonce und Lena“ von dem Blick des Luftschiffers Giannozzo auf Deutschland imprägniert worden zu sein.

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Erst gegen Ende seines Lebens wollte er – wie es Karl May mit seinen literarisch beschworenen Landschaften der USA, Vorderasiens & des Balkan später tat – endlich mit eigenen Augen in der Wirklichkeit sehen, was er doch zuvor schon im „Titan“ aus zweiter Hand sich angeeignet & in den glühendsten Farben seiner Phantasie sich aufs Papier gemalt & seinen Lesern vor Augen gestellt hatte: Italien, die Isola Bella im Lago Maggiore, Rom & den Golf von Neapel.

Und erst die amerikanischen & sowjetischen Raumfahrer waren in der Lage, seinen enthusiastischen Blicken in den Weltraum in der Realität nachzueifern & die Erde als kleines Kügelchen im unermesslichen Weltraum so zu sehen, wie er es uns beschrieben hat. Kein Schriftsteller hat sich schreibend so oft & so vielfältig über die Erde erhoben wie Jean Paul, der ohne jemals mit einem Montgolfière geflogen zu sein mehrfach aufs Schönste dessen Levitationen imaginiert hat (z. B. im „Kampanertal“).

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Briefe waren für Jean Paul auch literarische Fingerübungen & Vorläufereien. „Denn um mich in Feuer zu setzen“, schreibt er in einem von ihnen, „ mach’ ich Briefe; im Feuer erst die Bücher“.
Es gibt aber einen Brief, der auch in der von Helmut Pfotenhauer herausgegebenen Auswahl (mit dem Titel „Erschriebene Unendlichkeit“) enthalten ist, der solitär in seinem Witz ist & von dem 21-jährigen Autor einem erhofften Verleger zugedacht war: „Wenn Sie diesen Brief werden durchgelesen haben, wird ihnen der Überbringer desselben ein Pak Satiren übergeben, das ich Sie auch durchzulesen bitte.(…) Das Buch, dessen Probe ich Ihnen hier sende, wird ein starker Oktavband geben oder besser in zwei kleine zerfallen. – Ich hätte dieses stat schriftlich eben so gut mündlich sagen können, aber niemand ist unfähiger als ich, aus dem Stegreif oder vom Blatte zu reden. Sie können diese Unfähigkeit daraus abnehmen, weil ich einen Brief geschrieben, ungeachtet ich doch der Überbringer desselben, der ietzt mit einem sehr einfältigen Gesichte vor Ihnen steht, selber bin“.

Obwohl dieser Brief absolut originell ist, konnte er den Verleger, der gewiss darüber gestaunt hat, nicht zur Annahme der Satiren bewegen. Die hier von Richter behauptete „Unfähigkeit“ war aber dem überall geschätzten Diskutanten, nachdem er zu Jean Paul geworden war, völlig fremd.

3.

Als jetzt ein Redakteur im Bayernteil der Süddeutschen Zeitung eine Glosse schrieb, in der er sich mit der heutigen Unkenntnis von Jean Paul in dessen Oberfränkischen Heimat beschäftigte, schrieb er – als wolle er seinen Befund an sich selbst demonstrieren – gleich mehrfach vom Herrn „Paul“ statt von Jean Paul oder vom Herrn Richter. Er hat den Dichternamen, den sich der in Wunsiedel geborene Pfarrerssohn Johann Paulus Friedrich Richter, der sich selbst als Erzähler (aus Verehrung für Jean-Jaques Rousseau) Jean Paul nannte, nicht als (fiktiv-poetische) Namens-Einheit begriffen. „Paul“ (ob deutsch oder französisch ausgesprochen tut nichts zur Sache) gibt’s nicht; einzig Jean Paul (wie Novalis für Friedrich von Hardenberg) gab es und zwar einzigartig.

Jean Paul und sein Pudel Ponto. 1819.Quelle: Hesperus 14 (1957).

Jean Paul und sein Pudel Ponto. 1819.
Quelle: Hesperus 14 (1957).

4.

In der Zeit, als ich aufs Helmholtz-Gymnasium in Frankfurt am Main ging (bis 1960), hat man dort Abitur gemacht, ohne wenigsten den Namen Jean Paul je einmal erwähnt zu hören, geschweige denn eines seiner Werke gelesen zu haben. Der um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bekannteste & beliebteste unter den deutschen Klassikern & Romantikern war 150 Jahre später völlig vergessen. Im Gegensatz zu seinen großen & kleinen literarischen Zeitgenossen gab es keine Ausgabe seiner Werke, auch so gut wie keine Einzelausgaben.
Als dann in den rororo-Klassikern der „Siebenkäs“ erschien, verballhornte ich mir ohne es zu ahnen, das ungewöhnliche Wort zu dem vertrauteren & geläufigen Siebkäs(e). Es dauerte einige Zeit, bis ich mir den richtigen Eigennamen des Helden gemerkt hatte. – Während meines Studiums & meiner parallelen Tätigkeit als Hochschulredakteur der Hamburger Studentenzeitung „konkret“, die es einem erlaubte, bei Verlagen Bücher zum Kollegenrabatt zu bestellen, war ich dann sofort dabei, als bei Hanser die von Walter Höllerer & Norbert Miller herausgegebene 6-bändige Werkausgabe ab 1959 zu erscheinen begann.

5.

Erfreulich war es, dann immer mal wieder später auf Jean Paul (Friedrich Richter) bei ausländischen Gegenwartsautoren zu stoßen – z. B. bei dem Sizilianer Gesualdo Bufalino oder dem Argentinier Julio Cortázar, zwei von mir ohnehin sehr geschätzte Schriftsteller. Wie die beiden an & auf JP gekommen sind, weiß ich nicht – auch nicht, ob es eine italienische oder spanische JP-Übersetzung gibt. Es könnte aber sein, dass beide Nutznießer von Madame de Staels Übersetzung der „Rede des toten Jesus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ (aus dem „Siebenkäs“). Das gewaltige Phantasiestück wurde ja auch von den Surrealisten als Vorläufertext geschätzt & verbreitet.

Unter deutschen Autoren wurde JP – als sonst kaum einer bei uns ihn kannte – nur von F. C. Delius genannt, der seine Dissertation „Der Held und sein Wetter“ u. a. über den „Giannozzo“ schrieb, ohne dass jedoch die JP-Ästhetik in Delius’ Romanen Folgen gezeigt hätte. Eher schon bei den Romanen des in Amberg in der Oberpfalz geborenen, in Frankfurt am Main lebenden Satirikers Eckhard Henscheid & dem ewigen Geheimtipp des im Hesischen Knüllgebirge lebenden Ulrich Holbein, dessen literarisches Œuvre vielgestaltig-zerstreut ist, wobei es wunderlich & der Autor höchstselbst wie ein jeanpaulinischer Kauz wirkt.

*

Jean Paul war 37 Jahre alt, als er 1801 die 23-jährige Karoline Mayer heiratete, die ihn schwärmerisch liebte. Die Altersdifferenz von 14 Jahren sollte mit dem Altern des Autors noch „gefühlt“ wachsen. Mitte 1810 – also neun Jahre spatter – erwägt er sogar einmal eine Scheidung von der im Übrigen gebildeten & selbstbewussten Karoline. Auch wird wenigstens zu einem Teil das Paternalistische von Jean Pauls Verhaltensweise gegenüber seiner Ehefrau darin begründbar sein, dass sie für ihn eben noch eine junge Frau war. Erstaunlich ist aber, dass Pfotenhauer in seiner eben vorgelegten Jean-Paul-Biographie bei Hanser weder diese doch nachhaltig bestimmende Alterdifferenz der Eheleute erwähnt. Immerhin weist er darauf hin, dass einer von Jean Pauls engsten Freunden der Bayreuther Jude Emanuel Osmund war, der den Autor überleben sollte. Jean Paul gehörte zu den wenigen deutschen Autoren, die frei von jeglichem Antisemitismus waren.

6.

Jean Paul & die Philosophie resp. die Philosophen: Auch das ist ein Säkular- Solitärkapitel. Obwohl er Fichte in seiner „Clavis Fichteana“ seu Leibgeberiana“ aufs Feinste & Brillanteste kritisch auseinandernahm (weil ihm dessen Solipsismus sehr nahe war, vermutet Pfotenhauer), verstanden sich die beiden später, als sie miteinander persönlichen Umgang hatten & der Dichter mit dem Philosophen intellektuell „auf Augenhöhe“ stundenlang lebhaft & lustvoll diskutierte, erstaunlich gut. Kant zu lesen machte JP, der mit dem kantkritischen Philosophen Jacobi brieflich auf das Intensivste verkehrte, so wenig Mühe wie später Hegel, dessen „Phänomenologie“ er sogar zweimal gelesen hat – aus Lust & Laune, nicht weil sie ihm beim ersten Mal ein Buch mit sieben Siegeln gewesen wäre. Auch mit Schelling verkehrte JP von gleich zu gleich. Als metaphysisch Interessierter hatte er offenbar immer ein Sensorium für das spekulative Denken der großen deutschen idealistischen Philosophen.

Während es Hegel war, der mit dafür gesorgt hat, dass der akademisch nicht ausgezeichnete Oberfranke in Heidelberg 1817 die philosophische Ehrendoktorwürde erhielt, hat Hegels erbitterster philosophischer Feind, Arthur Schopenhauer, keinen unter seinen Zeitgenossen sooft in seinem Œuvre zitiert wie Jean Paul. Nietzsche wiederum hat nichts mehr von dem als „sentimentalen Idylliker“ verschrienen JP gehalten & ihn ein „Verhängnis im Schlafrock“ genannt – wohl ohne je etwas von Leibgeber/Schoppe gehört oder gelesen zu haben. Dafür ist er dem zuletzt verrückten Schoppe in den Wahnsinn gefolgt Und – so frage ich mich – hat nicht doch der philosophische Pfarrerssohn aus Sachsen-Anhalt bei dem oberfränkischen Pfarrerssohn, den er als „Verhängnis im Schlafrock“ schmähte, stilistische Anleihen gemacht? Zumindest, wenn man den Anfang, die „Erste Fahrt“ in des „Luftschiffers Giannozzos Seebuch“ liest:

„Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, dass er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt diese Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ‚Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‘ heraus“. Erinnert das nicht in seiner Apodiktik & Metaphorik stark an den Stilisten der „Fröhlichen Wissenschaft“?

7.

Navid Kermanis Frankfurter Poetik-Vorlesungen „Über den Zufall“ & sein Roman „Dein Name“ sind die jüngsten Zeugnisse für eine produktive literarische Beschäftigung, Aneignung & Fortentwicklung Jean Pauls in der deutschen Gegenwartsliteratur. Eigentlich dürfte es das Buch „Über den Zufall“ gar nicht geben. Denn in ihm selbst wird seine Existenz abgestritten. Dort steht nämlich, man müsse den Roman abwarten, an dem er augenblicklich schreibe, um in ihm seine jetzigen Vorlesungen nachlesen zu können. So beschied Navid Kermani die zahlreichen Zuhörer in der Frankfurter Universität, wo er an fünf Dienstagen im Frühjahr 2010 seine Auftritte als Poetik-Dozent höchst glanzvoll absolvierte.

Der 1200 Seiten starke Roman, an dem er damals schrieb & über den er mehrfach in den Vorlesungen spricht, ist nach einer Odyssee unterschiedlicher Namen im vergangenen Jahr unter dem endgültigen Titel „Dein Name“ im Münchner Hanser Verlag erschienen. In dem monumentalen, sehr persönlich-eigensinnigen Mixtum Compositum, über das die deutsche Kritik staunte, waren auch die Gedanken „über Jean Paul, Hölderlin und den Roman, den ich schreibe“ enthalten, die der „Enkel, Sohn, Vater, Liebhaber, Berichterstatter, Orientalist & Romanschreiber“ Navid Kermani in Frankfurt einem staunenden Publikum unterbreitete.

Alle diese Beinamen trägt der 1967 in Siegen geborene & in Köln lebende Sohn persischer Emigranten in seinem Roman, über dessen Poetik (wie auch über dessen Entstehen & Kermanis persönlichste Lebensumstände) er in seinen Frankfurter Vorlesungen spricht, wenn sich der ausgewiesene Orientalist, Essayist & Belletrist mit Jean Paul, Friedrich Hölderlin – aber auch z. B. mit dem südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J.M. Coetze – beschäftigt.

PlakatJeanPaulMuseumSo solitär das epische Werk Jean Pauls in der deutschen Literatur ist, so einzigartig dürfte die Vorlesungsreihe Kermanis unter den bisher rund fünfzig Frankfurter Poetik-Dozenturen gewesen sein.
Das war wohl auch ein Grund für den Hanser-Verlag, die fünf Vorlesungen, exakt & vollständig nach dem Manuskript des Autors, der auch noch zwei Frankfurter Theaterschauspieler als Zitatsprecher zu sich am Rednerpult im Hörsaal engagiert hatte, separat zu publizieren. Das war wohlgetan – & zugleich eine der vielen, ironisch-humoristischen, Spiegelungen Jean Pauls in Navid Kermanis Überlegungen zu dem außerordentlichen Roman, den er mit „Dein Name“ geschrieben hat.

Wie man schon zu Lebzeiten dieses einst erfolgreichsten & beliebtesten Autors unter unseren Klassikern der Goethezeit bloß kurze Auszüge seines ebenso befremdlichen wie umfänglichen Werks von Romanen, Satiren & Erzählungen ohne sein Zutun & gegen seinen Willen publiziert hat, so verhält sich die fünfteilige Vorlesung „Über den Zufall“ zu Kermanis mehr als tausendseitigen Roman „Dein Name“ in jeder Hinsicht wie die Bonsai-Ausgabe eines Mammut-Baums zu diesem selbst.

Denn die Vorlesungen, denen der Autor eine wiederkehrende, rituelle Form gibt & in denen er seine Frankfurter Zuhörer mit vollendeter, fast könnte man sagen „orientalischer“ Höflichkeit begegnet – nicht ohne die muslimische Glaubensformel „So Gott will“ mehrfach zu beschwören –, gleichen in ihrer mäandrierenden Abschweifungsweise einem Jean-Paul-Roman & dessen ausschwärmenden Digressionen. Auch dass Kermani – neben seinen einlässlichen Reflexionen der deutschen literarischen Romantik – auch auf zufällige Ereignisse rund um & während seiner Vorlesungen eingeht, folgt der jeanpaulinischen Poetik der Unterbrechung & Abweichung.

So improvisiert Kermanis Reden über sein von ihm einmal so genanntes „Totenbuch“ (& den Weg dorthin) erscheint, so durchdacht ist es doch. Spielerisch führt doch jeder seiner scheinbar dem Zufall & der subjektiven Assoziation oder Laune folgende Abschweifung zu Hölderlin oder Jean Paul, aber auch z. B. zu Kermanis prekären Lebens- & Liebesumständen, wie zur Frühgeburt seiner zweiten Tochter oder zum Tod des krebskranken Soziologen Karl-Otto Hondrich, dem er eine bewegende Gedenkrede hält, in das innerste Zentrum seiner eigenen Poetik & der literarisch-philosophisch-religiös grundierten Praxis einer allumfassenden Erzählung vom Leben. Denn sowohl der Roman als auch sein Autor geht aufs Ganze. So sind auch die Vorlesungen raffiniert komponierte Kunstwerke & ein kleiner Roman, der einem nun als Nachleser des einst vortragenden Autors großes literarisches Vergnügen bereitet & manche intellektuelle Überraschung vermittelt.

Denn der hier in einer vorbildlich gelenkigen, sinnlichen deutschen Prosa über Gott & die Welt (buchstäblich über beide) spricht, erzählt & handelt, ist nicht nur ein eminent gebildeter, sondern auch ein muslimischer Intellektueller, der in Hölderlin einen Sufi entdeckt & in dem von ihm kenntnisreich bewunderten Jean Paul einen „weltzugewandten“ Mystiker, der wie kein zweiter deutscher Schriftsteller mit seinem gesamten Œuvre, das so viele Todeserfahrungen & Auferstehungsphantasien beschreibt, eine metaphysische Revolte inszeniert habe, die mit „ihrer häretischen Frömmigkeit“ einzigartig in unserer Literatur ist – bis nun zu seinem literarischen Exegeten & Nachfolger Navid Kermani mit seinem Roman „Dein Name“ & dessen jeanpaulinischer Appendix „Über den Zufall“.

Es gibt wohl augenblicklich keinen deutschen Autor, der umfassendere & differenziertere Kenntnisse über Jean Paul oder intimeren Umgang mit seinem Œuvre hätte als Navid Kermani. Ganz nebenbei sind Kermanis Vorlesungen (wenn auch ohne Seitenblick auf den Humoristen Jean Paul ) eine blendende Einführung in das Werk des grandiosen Autors. (Navid Kermani: „Über den Zufall“. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe. Frankfurter Poetikvorlesungen. Edition Akzente im Hanser-Verlag. München 2012. Engl. Broschur. 224 Seiten. 17,90 Euro)

Das Jean Paul Museum © goruma (T.Asthalter)

Jean Paul Museum in Bayreuth  © goruma (T. Asthalter)

8.

Wartend im Auto, wo ein Exemplar von Julio Cortázars literarischer Wunderkammer „Reise um den Tag in 80 Welten“ deponiert ist, blättere ich die Hommage des Argentiniers an den Kubaner Lezama Lima und seinen barocken Roman „Paradiso“ auf & stoße dabei auf Charakterisierungen dieses „Grenzschriftstellers“ (Cortázar), die genauso auf den deutschen Grenzschriftsteller JP zutreffen: „Die Ausdauer, die Grenzschriftsteller wie Raymond Roussel, Hermann Broch und der kubanische Meister erfordern, ist selbst bei ‚Spezialisten‘ selten“ . Deshalb blieben auch in jenem „Club Sessel frei“, dem anzugehören Cortázar zuvor von sich behauptet hatte. Zu diesem „very exclusive club“ zählen nur jene, die „Den Mann ohne Eigenschaften“, „Den Tode des Vergil“ & „Paradiso“ gelesen haben. Ähnlich dürfte es auch Jean-Paul-Lesern ergehen, in dessen Poetik (wie bei Lezama Lima) „oft ein Louis XV. Sessel dem Gott Anubis als Sitz dient“, bzw. es einmal heißt: „sein Herz hatte wie ein Hühnerauge Gefühl für das schöne Wetter“. Will sagen: der eine wie der andere hat seine Prosa vornehmlich, nach einer Bemerkung Ernst Jünger, zum Metaphern Laich gemacht – und zwar ohne Rücksicht auf narrative Verluste oder Geschmacksfragen.

9.

Rainer Werner Fassbinder, der irgendwie mitbekommen hatte, dass ich Jean Paul schätzte, überraschte mich einmal mit der Aufforderung, ihm ein Drehbuch zu schreiben. Und zwar zu einer filmischen Adaption des „Siebenkäs“.

Natürlich lehnte ich ab mit der arrogant geäußerten Ansicht, wonach Jean Paul zwar ein deutsches Sprachereignis sei, aber gewiß doch kein Autor, dessen „Plots“ originell seien.
Fassbinder, von dem ich aber nicht erfahren habe, ob er wirklich je Jean Paul gelesen hat, war am „Siebenkäs“ wohl allein deshalb interessiert, weil er in dem Roman das existenzielle Dilemma einer Künstler-Ehe als Zwangsverfassung sah, die durch den makaber-grotesken Einfall eines fingierten Scheintods aufgesprengt wurde.

Insofern wäre der „Siebenkäs“ von RWF ebenso (ver)filmbar gewesen – wie ja auch der vergleichbar komplex sprachinstrumentierte „Berlin Alexanderplatz“ von RWF in eine grandiose filmische Form überführt worden ist.

***

Wolfram Schütte

250. Geburtstag von Jean Paul – hier wird gefeiert! Das Veranstaltungsprogramm zum Jubiläum. Zur Facebook-Seite Jean Paul 2013. Der umfangreiche Nachlass Jean Pauls, rund 40 000 handgeschriebene Seiten, wird in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz verwahrt.

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