Posted On 1. Dezember 2008 By In Litmag, Neuer Wort Schatz I With 651 Views

Neuer Wort Schatz (14): Katrin Marie Merten

im Gehen

Katrin Marie Merten

auf taghellen Fluren


auf taghellen Fluren

Wir kennen einander aus anderen Räumen
an Schritten die Füße, Geräusche auf
Dielen viel leiser als einmal, bald still.
Wir bleiben im Gehen auf halber Treppe
stehen: verhaltene Grüße, noch Namen
auf Schildern, bald Sätze, wir halten
die Tassen umgriffen, wir halten immer
sehr fest, was wir haben. Nie fällt uns
die Uhr zu spät aus dem Blick, es bleiben
Lücken zwischen den Worten und wir
am Morgen auf taghellen Fluren
       schließen die Türen.

Ein Metrum findet seine Wörter: Der Walzerschritt treibt das Gedicht voran in unterschwelliger, durchgehender Bewegung, so dass es nur natürlich scheint, von Füßen und Schritten und ihren Geräuschen auf Dielen zu hören. Nach dem Auftakt („Wir“) schwingt sich der Daktylus ganz regelmäßig ein und zieht uns mit, um genau in dem Augenblick, da wir uns daran gewöhnt haben, gegen die Wand zu fahren: männliche Endung, Punkt, Abbruch. „still“ heißt das letzte Wort der dritten Zeile, und so stehen wir auch.

Zweiter Versuch: Wieder beginnt es mit „Wir“, es folgen zwei über neun Zeilen verteilte Sätze, in denen wieder der Daktylus dominiert, aber es gibt mehr Stolperstellen, nicht im Sinne von ‚ungeschickt‘, sondern als Markierungen, wo man innehalten, Atem schöpfen kann, ehe der Rhythmus uns weiterträgt. Außerdem stellen die Binnenreime allerlei Beziehungen her und schlagen Brücken. Ordentliche, gewohnte Reime wie „Gehen“ und „stehen“ oder „Füße“ und „Grüße“, aber auch Anklänge wie „Blick“ und „Lück(en)“ beispielsweise oder „Fluren“ und „Türen“, die nur locker miteinander verwandt sind. Und schließlich die Wiederholungen: „verhaltene“ / “halten“ / „halten“. Ganz kalkuliert und kunstvoll wird hier ein Klang- und Bewegungsraum aufgebaut, in dem der Leser sich am Ende wie ein schwingendes Pendel fühlt, das hier und da und dort anstößt und einen weichen Hall erzeugt.

Und wovon wird denn nun gesprochen in diesem Raum? Wird gar nichts gesagt?

Aber natürlich, eine Menge. Jeder erfasst ja schon beim ersten Lesen, dass es um unsere Kommunikationsformen geht, um die seltsamen Riten, die sich die Menschen für den Umgang miteinander geschaffen haben, um ihrer Unsicherheit Herr zu werden und sich zu behaupten. Immer spricht das Gedicht von „Wir“ und „uns“, dennoch entsteht keine wirkliche Begegnung, keine Nähe, geschweige denn Solidarität. Es sind lauter Einzelne, die sich da hin und her bewegen, und obwohl sie einander an den Schritten erkennen, sprechen sie nicht darüber, gehen nicht aufeinander zu.

Vielmehr entsteht das Bild eines unübersichtlichen Hauses, wo man sich hin und wieder im Treppenhaus begegnet und irgendwann die Personen den Namensschildern an den Türen zuordnen kann. Das ist aber auch schon alles, die „halbe Treppe“ deutet an, dass die, die hier zufällig aufeinander stoßen, sich in verschiedene Richtungen weiter bewegen werden. Denn das gemeinsame Kaffeetrinken, das zunächst ein wachsendes Vertrauen suggeriert, scheint, vom Ende des Gedichts her, eher in einem Bürogebäude stattzufinden, gläsern vielleicht. Wie auch immer, „es bleiben Lücken zwischen den Worten“.

Das Wesentliche bleibt ungesagt, man wartet ab, bleibt unverbindlich oder geht innerlich auf Distanz, versucht, den anderen einzuschätzen und sich keine Blöße zu geben. Man muss die Tasse festhalten und sich selbst an der Tasse: Die Reglosigkeit der Füße hat sozusagen auf die Hände übergegriffen, all diese Einzelnen wirken wie erstarrt. Gleichzeitig verteidigen sie ihr „haben“, ihren Besitzstand: Mein Fach, mein Schreibtisch, mein nettes kleines Privileg, meine Stellung in der Hierarchie.

Währenddessen tickt die Uhr und man ist sich dessen immer bewusst. Eine mechanische Zeit läuft ab, deren Länge oder Kürze bei allem Tun mitbedacht wird: Man will sich nicht ‚verplaudern‘, wenn es ‚nichts bringt‘, und man darf es während der Arbeitszeit auch nicht. Die Flure sind „taghell“, d.h. einsehbar, kontrollierbar, und so schließt man besser die Türen, schottet sich ab, als wäre man, allein mit sich selbst, wenigstens der Kritik entzogen und sicherer.

Die geschilderte Situation ist weder überraschend noch neu – täglich und seit Jahren werden wir ja in allen Medien zugeklagt, wie traurig es doch um die menschlichen Beziehungen bestellt sei. Das Besondere ist nicht der Befund, sondern die Gleichzeitigkeit von schwebender Bewegung und lautlosem Stillstand, ähnlich wie in Trickfilmen, wo Figuren vor einem sich langsam verschiebendem Hintergrund mit immer gleichem Armeschlenkern auf der Stelle zu treten scheinen.

Im taghellen Licht ist alles klar, keine künstliche Dämmerung verdunkelt die Bilder, während der Rhythmus vorantreibt und wir das Gefühl haben, selbst durch diese Flure zu wandern und nicht vom Fleck zu kommen. Ein alltägliches, tausendmal erlebtes, monotones Hin und Her, was das Gedicht nicht beschönigt und doch mit genau kalkulierter Grazie transzendiert.

Gisela Trahms

Zu Neuer Wort Schatz (15): Mara Genschel

Zu Neuer Wort Schatz (13): Björn Kuhligk


“auf taghellen fluren“ ist zu finden in:

poet nr. 5
Das Magazin des Poetenladens
Leipzig 2008
Zu beziehen über: Poetenladen

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