Posted On 8. April 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Zellers Seh-Reise With 1000 Views

Michael Zellers Seh-Reise (97): Anselm Feuerbach

1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Nanna” von Anselm Feuerbach.

Feuerbach_Nanna

Nanna!

Ein Frauenkopf – wie gemalt. Perfekte Schönheit, die nichts will, als sich zu zeigen. Inszeniert mit dem Raffinement des Einfachen.

Vor einem neutral grauen Hintergrund sitzt die Abgebildete mit dem Rücken zum Betrachter und schaut an ihm vorbei ins Ferne. Das Abweisende dieser Haltung versöhnt der Maler mit der verführerischen Behandlung ihrer Bekleidung. Weiße Leinenbluse und roter Überwurf in ihrer suggestiven Stofflichkeit geben den Sockel ab, auf dem sich der spektakuläre Frauenkopf ohne jede Ablenkung erheben kann. Das scharf gezeichnete Gesicht und der weich modellierte Nacken nehmen den gleichen Raum ein wie das glänzend volle schwarze Haar des Südens, das auf dem Rücken von einem feinen Silbernetz aufgenommen ist. Die Härte des Kontrasts zwischen diesem nächtigen Schwarz und der Farbe der Haut steht der Dame bestens zu Gesicht. Der dunkle Blick geht klar und unablenkbar über eine Nase hinweg, wie man sie sonst nur an antiken Statuen zu sehen gewohnt ist. Ja, das ist eindeutig klassische Luft, die dieses Bild atmet. Da ist kein Platz für schmelzende stimmungshafte Valeurs. Das ist gemalt, als sei es in Stein gehauen (natürlich Marmor).

Lediglich in der Signatur, die der Maler mit feinem Pinsel auf den Oberarm der Bluse gesetzt hat, als wolle er ihn ganz sachte streicheln, scheint sich ein persönliches Gefühl zu verraten: „AFeuerbach“.

Anselm Feuerbachs Frauenporträt im Profil ist eines der ersten, das er von Anna Risi gemalt hat, kurz nachdem er sie für sich als Modell, Hausgefährtin und Geliebte gewonnen hatte: seine „Nanna“. Frisch überwältigt von der Schönheit und natürlichen Würde dieser einfachen Frau aus dem römischen Stadtteil Trastevere, verheiratet mit einem Schuster, hat er sie hier nach den Regeln seiner Kunst gefeiert. Da sind die großen Bilder von ihr noch nicht gemalt, in denen „Nanna“ ihm die bedeutungsschweren Gestalten Iphigenie, Medea, Francesca, Lucrecia Borgia oder auch Madonnen verkörpern wird. Diese Themen waren das hohe Ziel eines Ehrgeizes, die der „Deutschrömer“ Anselm Feuerbach sich für sein Schaffen gesetzt hatte und mit denen er sich vor der Welt als Maler zeigen wollte. Mit diesen meist großformatigen Werken tat er sich schwer beim Publikum seiner Zeit, und bis heute ist die klassizistische Kälte seiner raumfüllenden Kompositionen aus dem Geist der Antike umstritten. Im Vergleich zu den Werken von zeitgenössischen Kollegen wie Arnold Böcklin oder Hans Makart, seinem Lieblingsfeind, galten und gelten sie als bildungsbeschwerte, zeitvergessene Schinken. Die „hohe Absicht“, urteilte Julius Meier-Graefe, der grundlegende Kunstrichter der vorletzten Jahrhundertwende in Deutschland, scheine Feuerbachs Darstellung „zuweilen zu vereisen“. „Wie Gebärden eines Königs in der Verbannung“ wirkten seine Bilder. Diesem Urteil kann man sich bis heute schwer entziehen, bei allem Respekt vor der noblen, kompromisslosen Künstler-Gestalt ihres Schöpfers.

Vielleicht sind die Nanna-Bilder tatsächlich das Freieste, das Feuerbach zu schaffen vergönnt war. Die fünf Jahre jedenfalls, die er mit Anna Risi in Rom zusammenlebte, dürften, gerade in der Anfangszeit der Liebe, zu den glücklichsten Phasen seines Lebens gehört haben. An die zwanzig Mal hat er die herbe Römerin gemalt, nur als sie selbst, unbelastet von ihren mythischen Ahnfrauen Iphigenie, Medea, Mirjam, auch wenn die ihm auch noch in diesen intimen Momenten im Hinterkopf saßen. Da scheint es, als habe seine Begeisterung für alles Antike tatsächlich in die Alltäglichkeit seiner Malerexistenz hineingefunden, die er um zwischen 1860 und 1865 in seinem römischen Atelier gelebt hat, und er trug sich sogar mit dem Gedanken, dieses Bild von einer Frau zu ehelichen, obwohl sie „aus dem Volke“ stammte.

Sein Jugendfreund Julius Allgeyer besuchte ihn gerade, als diese Anna Risi Feuerbach zum ersten Mal begegnete. Sie stand, ihr Kleinkind auf dem Arm, im Hof der Schusterwerkstatt ihres Mannes, und der Freund hat den Augenblick in seiner Feuerbach-Monographie von 1894 festgehalten. „Die Frau, eine Erscheinung von imponierender Hoheit, mochte Mitte der zwanzig sein. Eine Last von dunklen Haaren umrahmten die strengen Züge, deren Schnitt von der reinsten römischen Abstammung zeugte. Von dem Bilde überrascht und gefesselt, zögerte Feuerbach unwillkürlich einige Augenblicke im Weiterschreiten, und über das ernste Antlitz der Frau glitt ein flüchtiges Lächeln, als empfinde sie recht wohl die dem Weibe wie der Mutter absichtslos gezollte Huldigung.“

Bald darauf waren die beiden ein Paar und blieben es fünf Jahre lang. In dieser Zeit hat Feuerbach der Welt wohl seine schönsten Bilder geschenkt.

Michael Zeller

Anselm Feuerbach: Nanna, 1861. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg.
Michael Zeller, Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten literarischen Werk (zuletzt, 2011, Andreas Gryphius-Preis). 2013 sind von ihm erschienen die Gedichte wie es „anfängt: wie es endet” und der Prosaband „ABHAUEN! Protokoll einer Flucht” bei CulturBooks. Im Herbst 2014 ist seine Erzählung BruderTod erschienen. Zur Homepage des Autors geht es hier. Copyright des Textes: Michael Zeller.

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