Geschrieben am 10. Oktober 2012 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Kommentar: Joachim Leser über den Zustand der Literaturkritik

Die Erstarrung der Kritik

– In den Redaktionen führt die ökonomische Krise zu einer personellen Erstarrung. Der Stillstand der Literaturkritik nimmt bedrohliche Formen an. Von Joachim Leser.

In den Jahren um die Jahrtausendwende erlebte die deutschsprachige Literaturkritik eine Blütezeit. Die Literaturbei­lagen schwollen an, die „Süddeutsche Zeitung“ nahm eine täglich erscheinende Literaturseite ins Blatt, die „Literarische Welt“ erlebte eine Wiedergeburt, die Zeitschrift „Literaturen“ drang selbstbewusst auf den Markt. Viele Regionalzeitungen betrieben eine ambitionierte Literaturberichterstattung, ein Arsenal an freien Kritikern beackerte die Flut der Neuerscheinungen und war mit daran beteiligt, dass ein breites Spektrum der literarischen Produktion der Verlage vom Publikum wahrgenommen werden konnte. Die Zeiten haben sich geändert. Die ökonomische Krise der Zeitungen und Zeitschriften hat die Bedingungen und Strukturen der Literaturkritik nachhaltig verändert.

Der freie Kritiker verschwindet

Eine Folge dieser Strukturveränderung ist das weitgehende Verschwinden des freien Kritikers. Kulturredakteure wurden in den Krisenjahren nach 2002 häufig von ihren Verlegern mit der Anweisung konfrontiert, die Literaturberichterstattung in erster Linie mit dem redaktionellen Stammpersonal zu be­wältigen. Die Honorare für freie Kritiker sanken in den Hobbykeller, bei der „NZZ“ beispielsweise innerhalb weniger Jahre auf ein Viertel der früheren Beträge. Die Regionalzeitungen haben die Literaturberichterstattung stark eingeschränkt oder gar eingestellt. Kaum eine Berufsgruppe musste in den letzten Jahren ähnliche finanzielle Einbußen verkraften wie die freien Journalisten und Kritiker. Zahlreiche talentierte Kritiker sind in den letzten Jahren vom Markt verschwunden, sie schreiben Reiseberichte, arbeiten in Verlagen, in Literatur- und Auktionshäusern.

In den Redaktionen führt die ökonomische Krise zu einer personellen Erstarrung. Die Protagonisten der Literatur­kritik sind heute weitgehend dieselben wie vor zehn Jahren. Wer damals ein Pöstchen in einer Literaturredaktion hatte, hält sich bis heute daran fest. Das gilt für die Literaturredaktionen. Es mag graduelle Unterschiede geben – die „FAZ“ verjüngt sich beispielsweise aktiver als etwa die „NZZ“.

„Kann nur noch besprechen, was der Chefredakteur kennt“

Der personelle Stillstand ist Folge einer Verlagspolitik. Auch veränderte sich auf Wunsch der Zeitungsverleger der literaturkritische Blick auf die aktuelle Buchproduktion: Nicht dem literarisch ambitionierten Produkt, der verborgenen Kostbarkeit, dem subjektiv als Kunst erkannten Werk hatte das suchende Auge des Redakteurs zu gelten, sondern den Büchern, denen die breite Aufmerksamkeit zuzutrauen ist. „Ich kann nur noch besprechen, was der Chefredakteur kennt“, ist ein typischer Stoßseufzer.

Bei einer solchen Vorherrschaft des Volkswillens geht der Kern der Literaturkritik verloren: Die pure Subjektivität, die Unabhängigkeit des Kritikers, was die Auswahl des Gegenstands und auch sein Urteil darüber betrifft. Zunehmend verengt sich der literarische Horizont und es sind meist dieselben Titel, die durch den Blätterwald getrieben werden. Dass zahlreiche Literaturzeitschriften wie etwa „Volltext“, „sprachgebunden“, „bella triste“ und Kulturmagazine im Internet wie eben CULTurMAG oder auch Getidan sich seit Beginn der Zeitungskrise als sichtbarer Be­standteil des kulturellen Diskurses etablieren konnten, mag auch mit den Lücken zu tun haben, die sich im Feuilleton aufgetan haben.

Verlage als Produzenten literarischer Werke

Hinzu kommt, dass die Verlage selbst als Produzenten literarischer Werke in Erscheinung traten und dies mit stark merkantilem Drang. Ungeniert wurden die ausgewählten Werke den Redakteuren des Feuilletons vorgelegt, um diese mit tauglichen Werbetexten zu versehen. Die Hürden, die damals genommen wurden, fehlen heute. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ein Literaturkritiker für sein eigenes literarisches Werk einem Nobelpreisträger ein Zitat zu einem eigenen Werk abfordert (das der Nobelpreisträger mangels Sprachkenntnissen kaum gelesen haben kann), um damit den Marktauftritt des Werkes zu verbessern. Hier wurden die merkantilen Ambitionen, die in die Redaktionen getragen wurden, konsequent weitergedacht.

Ein Symptom für das abnehmende Gewicht der Literaturkritik zeigt sich auch in den Tätigkeitsfeldern, denen sich Großkritiker inzwischen zuwenden. Thomas Steinfeld teilt sein Bedürfnis, als Autor in Erscheinung zu treten, mit zahlreichen Kollegen und Kolleginnen, die ebenfalls mit Fiktionalem und Non-Fiktionalem zu reüssieren gedenken. Der leitende Redakteur der „Süddeutschen“ legt in diesem Herbst allein drei Bücher vor und liegt damit sogar vor Roger Willemsen in der Kategorie „Anzahl Neuerscheinungen pro Halbjahr“. Neben dem Krimi „Der Sturm“ wird auch sein Buch über die „Zukunft des Reisens“ bei S. Fischer mit einem Zitat von Orhan Pamuk beworben: „Beim Reisen geht es nicht um Entfernungen, es geht um die Begegnung mit etwas anderem.“

Die Flucht aus dem Feuilleton

Diese Sehnsucht nach der „Begegnung mit etwas anderem“ scheint ein wesentliches Motiv der feuilletonistischen Produktion der Gegenwart zu sein, die in der literarischen Produktion nur noch selten eine Auseinandersetzung mit der Welt auf Au­genhöhe zu entdecken vermag. Thomas Steinfeld hat in den letzten Monaten beispielsweise über die Folgen der Erdbeben in Italien und der Türkei geschrieben. Wer möchte ihn da zu einer Rezension über Gegenwartsliteratur verdonnern? Längst wurde das thematische Spektrum des Feuilletons so erweitert, dass die ganze Schwere der Welt darin geborgen werden kann. Nichts ist dem Feuilleton mehr fremd. Statt ästhetische Fragestellungen zu erörtern, wird das Feuilleton zunehmend appellativ: Esst vegetarisch, denkt europäisch, meidet Bankangestellte.

Die Erstarrung des Personals zeigt sich auch in den Debatten, die der Literaturbetrieb noch zu führen in der Lage ist. Es sind meist die Provokationen der Kollegen, denen sie sich mehr oder weniger widmen. Debatten, die an der ästhetischen Substanz gegenwärtiger Produktionen rütteln und schütteln, erlebt man derzeit nicht.

Man kennt sich

Die Flucht der Feuilletonisten aus der Literaturkritik hat viele Richtungen. Die „Zeit“ tut sich zunehmend schwer, in der Gegenwartsliteratur Titel zu finden, denen sie eine Rezension widmen möchte. Sieben Ausgaben hat die Wochenzeitung deshalb mit einem Kanon über die Literatur in Europa der letzten Jahrzehnte gefüllt. Der SPIEGEL hebt Hermann Hesse mit einem Autorenporträt auf die Titelseite, das nahezu identisch vor einigen Jahrzehnten dort zu finden war. Der nach oben gerichtete Mittelfinger stellt den Gegenwartsbezug her.

Die Literaturkritiker, die sich nicht als Autoren betätigen oder Hesse lesen, sind in der Regel in einer Jury anzutreffen. Dort werden inzwischen effizienter, als dies der Literaturteil zu bewerkstelligen vermag, die Bestseller gekürt. Durchaus wirksam wird dem Bedürfnis nach aktiver Literaturvermittlung auch bei einem der zahlreichen Literaturfestivals, als Gast im Literaturhaus in X, Genüge getan.

Man kennt sich bestens, weiß, wer den neuen Roman von Y loben wird und wer demnächst in welche Jury berufen wird. Man weiß, wer einem helfen kann, ein erfolgreicher Autor zu werden. Man weiß, wer im Frühsommer im Wolfgangsee schwimmen geht und mit wem man über Fußball reden kann. Man weiß, auf welche Provokationen die Kollegen noch reagieren. Der Zunft fehlt das Überraschende, das Un­vorhersehbare. Wie einem See, dem die Zu­flussadern abgeschnitten wurden, ist der Literaturkritik die Frische abhandengekommen. Es droht die kollektive Versumpfung.

Bestsellerwettbewerb?

Sollte das Schreiben von Bestsellern sich in der Gemeinschaft der Autoren und Kritiker tatsächlich als tragendes Motiv des Schaffens durchsetzen und sich die verkauften Stückzahlen als wesentliches Kriterium bewähren, wäre zu überlegen, ob sich die Literaturkritik nicht adäquat zum Sport auf gewisse Regeln für den Auftritt im Wettbewerb einigt.

Vergleichbar zum Doping wäre womöglich die unlautere Platzierung eines falschen Zitates auf dem Produkt unter Strafe zu stellen und der Autor oder der Verlag, der dagegen verstößt, mit einem Publikationsverbot von einigen Monaten bis Jahren zu belegen. Ähnlich wäre mit Autoren zu verfahren, die ihr Produkt mit entsprechenden Lo­bes­hym­nen in Online-Buchshops zu befeuern versuchen. Wer sich am Jahresende in einem weitgehend fair ausgetragenen Bestsellerwettbewerb als Sieger im SPIEGEL sieht, darf zur besten Sendezeit dann mit Richard David Precht im ZDF philosophieren. Womöglich wäre Herr Precht dazu bereit, gegebenenfalls das Gespräch auch mit sich selbst zu führen.

Joachim Leser

Joachim Leser, Jahrgang 1966, leitete jeweils fünf Jahre die Pressestelle beim Am­mann Verlag und bei Kein & Aber. Seit 2009 ist er bei Schulthess Juristische Me­dien in Zürich als Portalmanager und Online-Buchhändler tätig.
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Blog des Buchreports.

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