Posted On 11. Dezember 2013 By In journaille. der zeitschriftencheck, Kolumnen und Themen, Litmag With 505 Views

journaille. der zeitschriftencheck: „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“

UMS2353.inddGroßnarrative Reinigungsarbeiten

– Der dreizehnte Band der Zeitschrift für Kulturwissenschaften wischt mit Bruno Latour den etablierten Modernebegriff durch. Bruno Arich-Gerz stellt die Publikation in unserer neuen Rubrik „journaille. der zeitschriftencheck vor.

Seit 2007 gibt es die ZfK – Zeitschrift für Kulturwissenschaften, die sich guten Gewissens bezeichnen lässt als ein fachzeitschriftgewordener Cultural Turn in den deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei ermöglichte die namensgebende Wende („turn“) den Debatten in den genannten Disziplinen und der ZfK selbst zweierlei. Erstens sorgte sie dafür, dass die starren und oftmals blickverengenden Perspektivierungen des Gegenstands, dem man sich methodisch fundiert widmet – seien es Vergangenheitsereignisse in der Geschichtswissenschaft, literarische Texte in der Philologie, Sprache in der Linguistik, fremde Kulturen in der Ethnologie oder „die Welt als großes Ganzes“ in der Philosophie – aufgeweicht und wesentlich (wenn auch bisweilen bis an die Grenzen der Beliebigkeit und des zum Jargon verkommenden pseudowissenschaftlichen Geredes) erweitert wurden.

Zweitens setzte die Zeitschrift für Kulturwissenschaften selbst damit Akzente, intervenierte in aktuelle Debatten oder nutzte ihre vergleichsweise kurzintervallige Erscheinungsweise, um auf Moden, Trends und weitere „turns“ in angemessener, sprich reaktionsschneller Art zu reagieren. Drittens bereitet sie, unterstützt von vier (!) Redaktionen, mit einigem Mut zum Risiko und der fachlichen Kompetenz ihrer Herausgeber/innen und hochkarätigen Beiträger/innen die „Exploration neuer Forschungsperspektiven“ vor, wie die frisch ins Amt bestellten Hauptherausgeberinnen, die Volkskundlerin Karin Harrasser und die Bildende Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Timm im Editorial zur Erstjahreshälftenausgabe 2013 betonen (7).

Ausmisten

Dazu gibt es noch in viertes und besonders aktuelles Anliegen, schreiben die beiden Herausgeberinnen: ab jetzt mehr Naturwissenschaften, wie sie im Austausch stehen mit kulturwissenschaftlichen Schwerpunktsetzungen; ab jetzt noch mehr kritische Auseinandersetzung mit der „oft empathisch begrüßten und unhinterfragten nützlichen Kooperation von Kunst und Wissenschaft“; außerdem ist von nun an „neben der historisch-komparativen Arbeit eine differenzierte und systematische Berücksichtigung der […] ethnologischen Forschungen unverzichtbar“. Im Ganzen ist das eine ziemlich deutliche Ansage an die bis dahin dominierenden Nichtsozialwissenschaften, vor allem an die historisch-kritischen und gerne theoriebildenden oder bestehende Theoreme kritisch hinterfragenden Textwissenschaften, also die Philologien mitsamt ihrer Derivatdisziplinen wie neuerdings die Medienwissenschaft. Das Ausmisten hat, so der kaum zu überhörende Subtext, begonnen: „Da die Heftplanungen“ trotz der halbjährlichen Erscheinungsweise scheinbar doch „einen langen Vorlauf haben, trägt dieses erste Heft des Jahres 2013 noch nicht unsere Handschrift“ (8). Das hier noch, aber dann ist Feierabend. Schöner kann man den Heftherausgebern der dreizehnten Ausgabe der ZfK eigentlich nicht in den Hintern treten.

Und noch mehr Ausmisten

Dabei setzen die und ihre eingeladenen Beiträger/innen einen dem genau entgegengesetzten Akzent. Statt sich fallbeispielgestützt an weiteren Verabschiedungen zu versuchen, beleuchten sie gerade die ihrerseits ausgemisteten und ausgemusterten, die teilverabschiedeten, abgeschiedenen und ausgefällten Diskursstränge. Also all jenes, was bei den landläufig gültigen tokens für das, was heute unter Moderne firmiert, unter den Tisch gefallen ist. Methodisch beziehen sie sich auf Bruno Latour.

Latour wiederum steht ein für das Schlagwort von der Akteur-Netzwerk-Theorie und ist mitverantwortlich für die Konjunktur solcher Konzeptbegriffe wie Übersetzung oder Hybride. Daneben hat er sich kritisch über das Wesen und Zustandekommen dessen ausgelassen, was ‚Moderne‘ heißt. „Wir sind nie modern gewesen“ lautet der Titel einer Schrift aus dem Jahr 1991, auf die sich die beiden Herausgeber/innen und viele der Beiträge mit beachtlicher Disziplin berufen. Beschreiben wird darin die für die Moderne angeblich konstitutive Doppelbewegung – oder wie Latour es nennt, „doppelte Arbeit“ – bestehend aus „Trennung und Vermehrung“. Letztere stehe synonym für „Übersetzung und Vermittlung“, bringe permanent Mischformen und „Hybride“ hervor und vernetze so „scheinbar getrennte Sphären, insbesondere die von ‚Kultur‘ und ‚Natur‘ miteinander. ‚Trennung‘ meint hingegen eine ‚Arbeit der Reinigung‘ […] die das zu Hybridisierende erst als Getrenntes konstituiert“ (15). Die Reinigungsarbeit der Moderne besteht nach Latour also in dem paradoxalen Unter- und Abscheiden dessen, was eigentlich getrennt voneinander betrachtet werden soll, sich aber unterschwellig und im gleichen Zug miteinander kreuzt, vermischt, verbindet.

Latours Reinigungsarbeit: Warum und wozu das gut sein soll

Die Vorteile einer solchen Konzeptmatrix für das Unterfangen einer Revision der modernen Hegemonialdiskurse liegen auf der Hand. Es lassen sich verschüttete Diskurse freilegen und ins Abseits oder in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Praktiken und Denkansätze wiederhervorholen und damit zeigen, wie die Moderne als hybridproduzierende Epoche par excellence sich eigentlich konstituiert. Eigentlich, das heißt jenseits der einen der beiden Latourschen Praktiken, der Reinigung.

Selbstverständlich könnte man so etwas auch, entsprechend zusammengelegt, entlang der psychowissenschaftlichen Leitunterscheidung von bewusst/unbewusst (oder latent/manifest) oder allen möglichen anderen Bezugsschablonen durchexerzieren. Doch der besondere Clou liegt hier – neben der expliziten Bezugnahme Latours auf „die Moderne“ – in der Bezeichnung von Reinigung als „Arbeit“. So lassen sich nämlich Brücken schlagen zum Kerngeschäft der dichtenden Trendsetter und denkenden Spin-Doctors, die wesentlich mitbestimmen, was als Hegemonialdiskurs gelten darf. Künstelndes Schöpfen und genialisches Schaffen etwa. Das galt in der Denke eines Immanuel Kant, eines Karl Philip Moritz und anderen Geistesgrößen des 18. Jahrhunderts als „idealisierte und ‚bereinigte‘ Arbeit“ (20): bereinigt von den Mühen der Ebene, von Schreibkrämpfen oder dem Anpassungsdruck an außerkünstlerische Normen. Die Vorstellung von der werkschaffenden und dabei autonomen Künstlerschaft hatte und hat bis heute einen bekannt großen, wenn nicht den allergrößten, Einfluss auf die Konstituierung von „Modernität“. So leben beispielsweise „in der literatur-, kunst- und medienwissenschaftlichen Lehr- und Forschungspraxis epistemologische Voreinstellungen weiter, die sich von der Autonomieästhetik herleiten lassen“ (23).

Unterseitenforschung

Der „Autonomieästhetik“ widmen sich auf die eine oder andere Weise denn auch zahlreiche der insgesamt elf Beiträge. Martin Jörg Schäfer untersucht deren Vorgeschichte in einem klugen und durch den Bezug auf Bedeutung und Begrifflichkeit von „Arbeit“ bei John Locke zudem wie Faust aufs Auge in dieses ZfK-Heft passenden Aufsatz. Klug ist auch die Setzung dieses Beitrags an den Anfang, denn Schäfer unterminiert mit seinem Verweis auf die Vorgängerschaft Lockes einige der zentralen Positionen oder, um in der Diktion zu bleiben, „Bereinigungsproklamationen“ (20) der Autonomieästhetik. Damit gibt er das Signal zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Paradigma und zur genaueren Beforschung und Betrachtung seiner Unterseiten. Marcus Hahns Skizze einer „Heteronomieästhetik der Moderne“ greift die Einladung danach am pointiertesten, Irene Albers mit einer Lektüre der poetologischen Arbeiten des ehemaligen Surrealisten René Callois am temperiertesten auf.

Ein weiterer Beitrag widmet sich den „Reinigungsarbeiten“ in Adalbert Stifters Prosa, wird allerdings der Tiefe und den analytischen Möglichkeiten von Latours Schablone nicht immer gerecht und mutet eher wie eine Wortfeldanalyse „rein/unrein“ im Werk des österreichischen Literaten an. Auch die Untersuchung kolonialdiskursiver Topoi in der der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur verschenkt ein wenig ihr Potential mit seiner Betrachtung des Reinheit und Weiße suggerierenden „literarischen Motivs der Muttermilch“ (98) sowie des „kolonialrassistische[n] Motiv[s] des ‚Whitewashing‘“ (104). Wieder arbeitet man sich durch wortfeldanalytisches Terrain und erfährt eher wenig über die besonderen Latourschen Implikationen von „Reinigung“. Immerhin enden diese auf einer bereits publizierten Monografie aufruhenden Ausführungen recht fulminant mit einer historisch-kritischen Bestandsaufnahme des für Postkolonialismusforschung und Latour-Adepten gleichermaßen wichtigen, dabei von seinen eigentlichen Konnotationen als „kolonial-rassistischer Argumentationsfigur“ (105) bereinigten Konzepts der Hybridität. Eine Skizze zur so wirkmächtigen wie „kulturprotestantischen“ Sichtung antik-südeuropäischer Bestände durch Nietzsche (über das Dionysische in „Geburt der Tragödie“) und seinen Zeitgenossen Erwin Rohde legt danach Ulrich van Loyen vor; den Part des Unterseitenhervorhebers übernimmt aufsatztitelgebend der italienische Religionshistoriker Ernesto de Martino.

Unterseitenforschung betreiben auch andere Beiträge, die plakativ belegen, in welchen weiteren Diskursbereichen eine wie auch immer geartete, zweifelhafte Reinigungsarbeit geleistet wurde. Im historischen Aufriss ist etwa nicht immer alles Medium gewesen, was heute auf Anhieb unter „Medium“ verstanden wird – manches hatte auch zu tun mit Spökenkiekerei und Trancemedien, mit Kontakten zum Jenseits und solchen in das eigene Unbewusste. Dem Boom sogenannter spiritistischer Medien im 19. Jahrhundert und vor allem der Negativkarriere der für diese Konjunktur wegbereitenden, danach jedoch radikal desavouierten und damit auch nie den Status der Wissenschaftlichkeit erlangenden Praxis des „animalischen Mesmerismus“ widmen sich zwei Aufsätze. Karl Baier lässt dem historisch Fortgereinigten seine Wertschätzung zukommen, indem er die weitere Karriere des erstmals von Franz Anton Mesmer als Heilungskanal propagierten, weltumspannenden und individuenverbindenden Fluidums diskursarchäologisch freilegt und die Linien zur Entstehung der Soziologie aufzeigt. Ehler Voss zeigt an der Figur des Münchner Arztes Albert von Schrenck-Notzing, der „den Spiritismus und die spiritischen Séancen von ihren ‚religiösen‘ Aspekte ganz zu reinigen und ihn endgültig in allgemein anerkannte Wissenschaft zu überführen“ (85) bestrebt war, beispielhaft die Details von Reinigungsarbeit auf.

Das Beste zum Schluss, das Programmatische auch

Die überzeugendste Anwendung der Moderne-Theoreme Latours liefert allerdings Isabell Otto mit ihren Ausführungen zur sogenannten Kaharsis-Hypothese, nach der die Darstellung von „Gewalt in den [Massen-]Medien eine Entlastungsfunktion haben könnte“ (122). Die Analyse von US-amerikanischen Forschungsreihen, bei denen in den 1950er Jahren und danach Probanden in unterschiedlich aggressive Grundstimmung versetzt und ihnen dann fotografische und filmische Bilder vorgesetzt wurden, zeigt auf, wie diese Bilder „die magische Evidenz eines Kathartikums“ (127) besitzen. Exakt hergeleitet und in dieser Passung die anderen Beiträge überragend ist der Rückbezug auf den französischen Sozialwissenschaftler, denn ein solches Kathartikum lasse sich, so Otto,

als ein Hybrid verstehen, das im Zuge einer Vermittlungs- oder Übersetzungsarbeit entsteht. Die kathartischen Mittel (Substanzen, therapeutische Verfahren oder Bilder) sind als nicht-menschliche Wesen im Sinne Latours ‚nicht länger bloß Zwischenglieder, die mehr oder weniger zuverlässig sind. Sie werden zu Mittlern, das heißt Akteuren, die mit der Fähigkeit begabt sind, das von ihnen Übermittelte zu übersetzen, umzudefinieren, neu zu entfalten oder aber zu verraten […] (128).

Programmatisch wird es in den letzten zwei Beiträgen des Heftes. Hier wird Latour nicht in beispielhafter Anwendung durchgeorgelt, sondern es wird ins Grundsätzliche gegangen: und zwar mit der Absicht, seinen Ansatz systematisch für die Kulturwissenschaften und – da den beiden Autoren wie auch den Band-Herausgebern der Stallgeruch der Uni Siegen anhaftet – für die Medienwissenschaften „made in Siegen“ zu erschließen. Sebastian Geißmann schreibt eine kleine Einflussgeschichte der Akteur-Netzwerk-Theorie Latours, legt dabei die Spuren frei, die zu Michel Callon und Michels Serres führen, und endet mit der Ansage, dass „eine ähnlich misch- und verbindungsfähige zeitgemäße Kulturtheorie“ (142) weit und breit nicht in Sicht sei. Mit Erhard Schüttpelz hängt sich schließlich der Turnvater Jahn des Siegener Latourvereins in die Ringe und untersucht anhand der Diagramme in „Wir sind nie modern gewesen“, „welche Bilder Bruno Latour für den Aufbau des modernen Weltbildes und der modernen Kosmologie entwirft“ (147).

Neben der Zurichtung Latours für die Zwecke einer dereinstigen Siegener Schüttpelzschule gelingen charmante Rückbindungen an vermeintlich überwunden geglaubte, mit und durch Latour jedoch wiedervorstellig (zumindest wieder vorstellbar) gewordene Weltbedeutungs-Schablonen und kosmologische Großnarrative. Aufgedeckt wird etwa der „‘Schamanismus‘ von Latours Argumentation“ (155): diesen nicht zu negieren sondern zu integrieren in ein nach wie vor notwendiges Reflektieren auf das, was Moderne und Modernisierung ausmachen, ist erkennbar das übergeordnete programmatische Ziel.

Noch einen Absacker? „Intrakulturelle Variationen unterscheiden sich nicht selten weder der Art noch dem Grad nach von interkulturellen Variationen“

Den Kehraus des Heftes macht, allen Reinigungsarbeiten zuvor zum Trotz, etwas anderes. Die ZfK-typische Einrichtung einer „vielstimmigen Debatte“ (7) zum Schluss ist in der 1/2013er-Aufgabe Elmar Holensteins „Mantra, dass sich intrakulturelle Variationen weder der Art noch dem Grad nach von interkulturellen unterscheiden“ (171) gewidmet. Auf Holensteins Vorlage von einem fraktalen Arrangement, was Unterschiede innerhalb einer Kultur und Unterschiede zwischen (den) Kulturen betrifft – im unikulturellen Bereich bildet sich ab, was auf der interkulturellen Ebene zu finden ist und umgekehrt –, folgen vier zum Teil lebhafte Antworten und Gegenreden, auf die der Auslöser selbst, Holenstein, am Ende erneut reagiert.

Diese Schrift gewordene Disputation von Koryphäen auf dem Gebiet ist mehr als nur ein Absacker. Wenngleich sich bei den wohlwollenden Reaktionen einiges eher liest wie ein wissenschaftliches Gutachten zu einer erfreulich gelungenen Doktorarbeit, erweist sich die Rubrik immer dann als ergiebiges Extra, wenn Meinung und Gegenmeinung aufeinanderprallen. Zu bestaunen gibt es dann nämlich “Intellektuelle bei der Arbeit“, wie sie einander mit ausgesuchter Höflichkeit die Hölle heiß machen. Wer den Klartext von Arbeitszeugnissen herauszulesen und bei der Lektüre zu genießen weiß, kommt auch hier auf seine Kosten.

Fazit

Die Zeitschrift für Kulturwissenschaften mistet aus und justiert nach, was ihre thematische und disziplinäre Schwerpunktsetzung anbelangt. So kündigen es die neu bestellten Herausgeberinnen an. Mal abwarten, wie das genau ausschaut. Das Format und auch den ungewöhnlich günstigen Einzelheft- und Abo-Preis behält die Zeitschrift wohl bei, was einer ersten Empfehlung zur Konsultation auch der kommenden Hefte gleichkommt. Die elf Aufsätze zur Latourschen Modernetheorie, ihrer Anwendung in literatur- oder medienhistorischen Kontexten und ihrer Eignung als Medienmoderneforschungs-Paradigma, sind im letzten Heft vor der Trendwende mit ein paar Einschränkungen ebenfalls zu empfehlen. Zumindest sind sie es für diejenigen, die es theoretisch gerne hart und dreckig, vielleicht auch mal etwas mühsam, im Durchgang von Locke bis Latour gerne breit gespannt und vor allem experimentell wollen.

Also für diejenigen, die intellektuelle Triebbefriedigung daraus ziehen, das Neue in der Welt und das Neue in der Betrachtung derselben zu entdecken.

Bruno Arich-Gerz

Nacim Ghanbari, Marcus Hahn (Hg.): ZfK – Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 1/2013: Reinigungsarbeit. Transript Verlag, Juli 2013. 8,50 Euro.

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