Posted On 8. Dezember 2010 By In Litmag, Porträts / Interviews With 943 Views

Im Porträt: Verleger Klaus Sander

Klaus Sander und supposé: Die Reize der Mündlichkeit

– Klaus Sander lebt in Berlin, in einer jener Altbauwohnungen des alten Westens, in die man sofort einziehen möchte. Hohe Räume, Regale bis an die Decke, bestückt mit Büchern, vor allem aber natürlich mit den eigenen CDs. Klaus Sander ist das Audio-label supposé. Ein Porträt von Gisela Trahms

supposé ist ein Solitär, denn es produziert keine Hörbücher, sondern erzählte Welt. Jede CD ist Teil des umfassenden Projekts, das vergängliche gesprochene Wort in eine ihm gemäße Kunstform zu überführen. Aber jede CD steht auch für sich, hat eine(n) andere(n) Erzähler / Erzählerin, der / die sich in freier Rede einem anderen Thema widmet. Es sprechen Nobelpreisträger, Physiker, Künstler, Verhaltensforscher, Philosophen, Schriftsteller – Albert Einstein, Arnold Schönberg, Peter Berthold, Herta Müller… Das Kriterium lautet: Was ist interessant? Und wer kann es für Hörer interessant machen?

Beginnen wir mit der Literatur, mit der Box „Ein Sommer, der bleibt“. Auf vier CDs erzählt da der Schriftsteller Peter Kurzeck seine Kindheit in einem hessischen Dorf. Lauter Episoden, mal drei, mal sechs Minuten lang, die in einem wunderbaren Erzählfluss aufeinander folgen und ein Ganzes ergeben. Das, was bei Mama und Papa meistens langweilt, erblüht hier zum schlechthin bezaubernden Hörerlebnis. Peter Kurzeck wurde berühmt damit und die Box zum „Hörbuch des Jahres“ gekürt. Der naive Hörer hat den Eindruck, dass Kurzeck fünf Stunden lang in das von Sander aufgestellte Mikro hinein plauderte, ein bisschen Schnitt und das war’s. Aber so war es natürlich nicht. Wenn Sander die Entstehung schildert, weht einen die Ahnung an, welch immense Arbeit von der Konzeption bis zum fertigen Kunstwerk geleistet werden musste.

Hörprobe, Peter Kurzeck erzählt: Peter Kurzeck erzählt

Wo fängt Literatur an?

Die Ausgangsfrage war: wo fängt Literatur an? Ist sie zwingend an Schriftlichkeit gebunden? Ist „Ein Sommer, der bleibt“ bloß erzählte Nachkriegsgeschichte, wie manche meinten? Sander nennt diese Box eine „neue Form des Romans: ein Text, der erst während der Rede, während der Aufnahme entsteht“, ohne Manuskript. Wie bei Schriftstellern Ort und Umstände des Schreibens in die Romane einfließen, schwingt die Atmosphäre des Produktionsortes auch in den Audio-CDs mit. Sie entstehen meist dort, wo sich der Erzähler besonders wohl fühlt oder seinem Thema nahe ist, zuhause also oder am Arbeitsplatz, nicht in einem sterilen Studio. Und sie folgen einer speziellen, von Sander im Laufe der Jahre entwickelten Ästhetik des Mündlichen.

Hörprobe, Herta Müller erzählt: Herta Müller erzählt

Die Abfolge der Episoden wird richtiggehend komponiert. Das, was Mündlichkeit kennzeichnet, nämlich Redundanzen, Versprecher, abgebrochene Sätze, Pausen, Geräusper usw., wird zum großen Teil getilgt durch Tausende von Schnitten, teilweise aber auch stehen gelassen, um Authentizität und Charme des Gesprochenen zu bewahren. „Jetzt hab ich etwas vergessen“, sagt Kurzeck in „Da fährt mein Zug“ und setzt noch einmal an, und da dies an der richtigen Stelle geschieht, lächelt der Hörer und fühlt sich erfrischt.

Im weiten Bezirk des Mündlichen

Wovon auch immer die Sprechenden erzählen, nebenher entstehen lauter Portraits, denn kaum etwas verrät mehr über Alter, Herkunft, Temperament, emotionale Betroffenheit als die Stimme. Der Erzähler Kurzeck wird wieder zum glücklichen Kind. Herta Müller hingegen („Die Nacht ist aus Tinte gemacht“) ist spürbar froh, die düstere Kindheit hinter sich gelassen zu haben. Sander vergleicht die beiden Produktionen mit einem Handschuh, einmal von außen, erfreulich und schmeichelnd, dann sozusagen umgestülpt, so dass die dunkle Seite zum Vorschein kommt. In dieser Art entwickelt sich eine CD aus der anderen und erzeugt weitere: Kurzecks Talent reizte zum Versuch, eine zusammenhängende lange Erzählung zu konzipieren („Da fährt mein Zug“). Das Thema „Kindheit“ wiederum führte zum Thema „Jugend“, die Nachkriegszeit zur Kriegszeit, und so entstand in diesem Jahr Dieter Wellershoffs erstaunlich authentische Erinnerung „Schau dir das an, das ist der Krieg“.

Hörprobe, Wellershoff erzählt: Wellershoff erzählt

Sander versteht seine Produktionen als Dokumente einer privaten Forschungsarbeit im weiten Bezirk des Mündlichen. Er unternimmt sie teils allein, teils mit einem Partner, oft unterstützt von Michael Schlappa, der Schnitt und Mastering besorgt. Bis hin zur suggestiven Ausstattung spürt man die Faszination durch Thema und Autor, die als Auslöser am Anfang stehen muss. So ist Sander in jedem Sinne unterwegs, und wer ihn nach ziemlichen Mühen endlich am Telefon hat, erfährt: „Ich war gerade drei Tage mit einem Höhlenforscher unterwegs…“ Da bleibt der Hörerin nur ein stummer Seufzer.

Gisela Trahms

Im zweiten Teil erfahren Sie Genaueres über die Geschichte von supposé, über Bienen, Buntbarsche und spukhafte Fernwirkung.

Foto: privat

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