Geschrieben am 9. Juni 2011 von für Litmag, Porträts / Interviews

Jorge Semprun zum Abschied

Das geglückte Leben

– Albert Camus´ sprichwörtlichem Resümee des absurden Helden Sisyphus folgend, müsste man sich Jorge Semprun, der eben 87jährig in Paris gestorben ist, als einen glücklichen Menschen vorstellen. Alles andere wäre ebenso falsch wie undankbar gegenüber seinem abenteuerlichen Leben & angesichts seines heroisch-romantischen Lebenslaufs – und im Blick auf sein künstlerisches Oeuvre. Von Wolfram Schütte.

Erst als politischer Militanter und dann als Schriftsteller hat er den ihm ähnlichen Lebensweg André Malrauxs nachvollzogen & übertrumpft. Der seit seiner Emigration & seit der Rückkehr aus dem KZ in Paris lebenden Spanier, der überwiegend französisch schrieb & die deutsche Philosophie von Kant bis Hegel, Schelling & Marx liebte, hat sich (wie kein zweiter) als Autor zu einem europäischen Intellektuellen par excellence gemacht: politisch wie literarisch.

Jorge Semprun hat von sich gesagt, dass er in seinem Leben immer wieder unverschämtes Glück hatte: – vor allem das Glück, weder als Mitglied der französischen Résistance (1941) und dann als Buchenwaldhäftling (1944/45), noch als Geheimagent der Spanischen KP in Francos Reich (1953/62) ermordet worden zu sein.

Glück hat er aber auch gehabt & den politischen Instinkt dazu, im “Weltprozess” von Anfang an auf der “richtigen Seite” zu stehen und sie auch gerade noch rechtzeitig zu verlassen, als sie “falsch” & obsolet geworden war: nämlich zuerst die kommunistische Linke im aktiven Kampf gegen den Nationalsozialismus und gegen den heimischen Franquismus zu wählen und diese jahrzehntelange enge politische Bindung dann aufzulösen, als der (italienische) “Eurokommunismus” Abschied von der Illusion der gewaltsamen Revolution nahm & auf Distanz zur UdSSR ging. Jorge Semprun, der aus einer großbürgerlich-linksliberalen Madrilener Politikerfamilie stammte & mit seinen Eltern 1936 ins französische Exil gegangen war, seit 1942 der spanischen Exil-KP angehörte, 1954 in deren ZK & im Jahr von Chruschtschows Geheimrede über Stalins Verbrechen, 1956, gar ins Politbüro der KP aufgestiegen war, wurde 1964 wegen “parteischädigenden Verhaltens” ausgeschlossen. Semprun wurde jedoch kein Renegat, sondern blieb bis zuletzt ein linker Sozialist.

Als ihn sein politischer “Heimatverein” rauswarf, hatte er sich schon ein Jahr zuvor mit dem ersten seiner autobiographischen Romane, deren Schreckens- wie Glückszentrum Buchwald (bei Weimar) war, einen Namen als Schriftsteller gemacht. Bereits in diesem literarischen Debüt “Die große Reise” (dem mehrtägigen  Gefangenentransport französischer Maquisades in einem Viehwagen nach dem KZ Buchenwald) operiert der Erzähler Semprun mit der assoziativen Montage verschiedener Zeitstufen & Ortswechsel – einer erzählerischen & reflektierenden Simultaneität, die sowohl der Bildlichkeit seiner erzählerischen Phantasie als auch der Intellektualität seiner literarischen Begabung entsprach, die er im Laufe seiner literarischen Entwicklung beibehielt & verfeinerte.

Als “filmisch” wurde sie empfunden, weil sie auch ein Charakteristikum mancher seiner zahlreichen Drehbücher war, wie das seines von Alain Resnais 1966 verfilmten Debüts “La guerre est finie”. Darin wird der Selbstzweifel an der politischen Untergrundarbeit im franquistischen Spanien thematisiert, verkörpert im mondänen Porträt eines hoffnungsmüden Exilrevolutionärs, gespielt von Yves Montand – einem von Sempruns besten Freunden, dem er später eine eher peinliche Biografie schrieb.

Nach dem Ende seiner “Zeit der Aktion” folgte die wesentlich längere “Zeit der Reflexion”, in der Jorge Semprun, dem eigenen Wunsch & dem seiner früh gestorbenen Mutter folgend, fortan zum erfolgreichen Schriftsteller wurde.

Der späten Geburt des vierzigjährigen Autors Jorge Semprun war eine lange Inkubationszeit vorausgegangen, in der sich der dreisprachig aufgewachsene Großbürgersohn & kommunistische Funktionär einen bewundernswert breiten & fundierten literarisch-philosophischen Wissens- und Kenntnisfundus aneignete, den er sogar auch im KZ Buchenwald mit der Lektüre deutscher idealistischer Philosophen aufgefüttert hatte!

Der kommunistische Dissident Semprun, der mittlerweile im französischen, recte: tonangebenden linksliberalen Pariser Intellektuellen-Milieu heimisch war, verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Drehbüchern, die sowohl (wie “Z”) gegen die griechische Militärdiktatur, als auch (wie “Das Geständnis”) gegen den tschechischen Stalinismus Stellung bezogen. Zwar versuchte sich Semprun auch als politisch-erotischer Unterhaltungsschriftsteller; aber mit literarisch niederschmetternd miserablen Ergebnissen.

Aber seine literarische Domäne blieb seine fortlaufend ausgefütterte erinnerte & imaginierte, aus Wahrheit & Dichtung amalgierte Autobiografie, die er im Lauf der Jahrzehnte von der “Großen Reise” bis zu “Der Tote mit meinem Namen“(2002) zu einer siebenteiligen Galerie von literarisch brillant gezeichneten Erinnerungslegenden ausbaute.

In deren Herzstück: “Was für ein schöner Sonntag!” (1980), verwebt er nicht nur seine Buchenwald-Erfahrungen, sondern auch seine selbst- und parteikritischen Überlegungen zu einem dichten & komplexen Panorama intellektueller Existenz, politischer Moralität und Solidarität im Spannungsfeld von “SS-Staat” (Eugen Kogons Buchenwald-Buchtitel), Solschenizyns Gulag-Erzählung “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ & dem abgehobenen Leben der Exilspanischen KP als Staatsgäste der UdSSR. Es gibt in diesem grandiosen Buch der Erinnerung & der Imagination (wie auch in den anderen, z.B. “Schreiben oder Leben”) bewegende Vergangenheitsbeschwörungen der gelebten “Fraternité“, deren männliches Pathos der genossenschaftlichen Zuneigung sich an keiner Stelle der deutschen Literatur findet; allerdings auch immer wieder Momente eines süß-sauren Kitschs, wenn an Entkräftung oder Typhus Erkrankte im Kreis der Genossen, mit Hölderlin- oder Baudelaire-Gedichten auf den Lippen, “opernhaft” sterben.

Im Gegensatz zur Holocaust-Literatur & zur imaginierten Erfahrung jüdischer Autoren wie Jean Améry, Primo Levi, Istvan Kertész oder Aleksandar Tisma kennt die KZ-Literatur von Jorge Semprun nicht deren trost- & hoffnungslose Zerstörung alles Weltvertrauens. Fast, könnte man sagen, formuliert Semprun, der sich in der “Gesellschaft der Genossen” in Buchwald “zuhause” fühlte, die intensivste Erfahrung von Brüderlichkeit und die unbezweifelte Sinnhaftigkeit des gemeinsamen Kampfs gegen den inhumanen Feind: im Namen von Menschlichkeit & Kultur.

Der junge Jorge Semprún hat sein idealistisches „Weltvertrauen“ im KZ Buchenwald so wenig verloren wie der eschatologische Philosoph Ernst Bloch, der in der amerikanischen Emigration sein „Prinzip Hoffnung“ schrieb, je vom Holocaust irritiert wurde. Es ist bei ihm wie bei dem jungen Spanier in Buchenwald der lange durchgehaltene Glaube an die Notwendigkeit und welthistorische Mission des Kommunismus, den Semprún in seinem abenteuerlichen Leben am Rande des Todes auch noch nach der Befreiung als konkrete Brüderlichkeit und lebensrettende Solidarität in der Gemeinschaft der Genossen erleben sollte.

„Die alltäglichen, menschlichen Aspekte des Parteilebens“, seine Arbeit als „authentischer“ Aktivist, sein „echtes Leben als Kommunist“ waren es, „die mir Freude machten“, bekannte er: in der ersten Prüfung seines Wagemuts während der Résistance, dann unter der Folter und im KZ, wo der avisierte spanische Genosse sofort unter die Fittiche der Parteiorganisation in Buchenwald genommen wurde und „das Lager mein Bildungsroman im Guten wie im Schlechten wurde“ und er, „mit einem Wort der Ästhetik gesprochen, dort >das Schöne< an der kommunistischen Brüderlichkeit kennenlernte“, obwohl er in der „Arbeitsstatistik“ potentiell über Leben und Tod seiner Mitgefangenen entscheiden musste.

Jorge Semprun © Jerry Bauer

Zuletzt aber erfuhr er solche Brüderlichkeit im Untergrund von Francos Spanien, wo er „die gelungensten Jahre meines Lebens“ verbrachte: „Die politische Untergrundarbeit (…) ist das, was mich am meisten erregt und mir das größte Vergnügen bereitet hat, was mich vor allem interessiert, am besten unterhalten und am meisten bewegt hat“.

Eben deshalb wird man, des besonders in Deutschland viel verehrten & bewunderten Jorge Semprun gedenkend, jetzt von seinem trotz allem glücklichen & geglückten Leben sprechen können. Keinen Augenblick war es absurd, immer aber tätig & erfüllt von einer hoffnungsvollen Sinnhaftigkeit – im Bewusstsein, das seine getan zu haben zur “Erziehung des Menschengeschlechts” (Lessing).

Wolfram Schütte