Zoë Beck übers Schreiben


Ganz materiell gesehen – wie geht Schreiben? Neues Material aus dem Alltagsleben einer Schriftstellerin. Von Zoë Beck

 Sitzen, liegen, stehen

Beliebte Frage bei Lesungen: „Wie sieht eigentlich Ihr Schreibtisch aus?“ Diverse LiteraturbloggerInnen haben sehr schön diese Frage immer mal wieder aufgegriffen und AutorInnen gebeten, Fotos von ihren Schreibtischen zu machen, um den Lesern zu zeigen, wo die Bücher denn eigentlich entstehen.

Ich persönlich lüge dann ja immer. Ich meine, ich fotografiere natürlich schon brav meinen Schreibtisch. Aber ich schreibe nicht unbedingt am Schreibtisch.

Das nun folgende Outing hat Isabel Bogdan angestoßen. Sie übersetzt in erster Linie, schreibt aber auch immer mal wieder Eigenes, und in letzter Zeit immer mehr. Vor ein paar Tagen teilte sie auf Facebook mit, dass sie, wenn sie schreibt, mit dem Laptop durch die gesamte Wohnung wandert und nicht so recht weiß, wohin mit sich und dem Gerät. Beim Übersetzen hingegen – kein Problem. Da bleibt sie am Schreibtisch. Und ich schrieb ihr dazu: Kenn ich gut. Geht mir auch so.

Nur: Warum? Ich habe keine Ahnung. Streng genommen müsste ich neben dem Schreibtisch noch den Küchentisch fotografieren. Außerdem das Sofa im Wohnzimmer, den Sessel im Wintergarten und das Bett. Damit erübrigt sich die ebenfalls gerne gestellte Frage: „Schreiben Sie lieber zu Hause oder im Café?“ Ich bin kein Caféschreiber. Ich bin, und jetzt kommt das nächste Outing, ein Am-liebsten-im-Liegen-Schreiber. (Mein Orthopäde hört an dieser Stelle bitte mal auf zu lesen.) Ich habe nicht nur so ein Dings zum Laptop drauf abstellen, das man sich auf die Knie legen kann. Ich hab auch ein ursprünglich wohl als Frühstück-im-Bett-Tablett erdachtes Dings. Mit ausklappbaren Beinchen. Geht wunderbar. Ich habe aber auch ein Stehpult, das hin und wieder zum Einsatz kommt. Ich schreibe also im Stehen, Sitzen und Liegen.

Die Position der liegenden Autorin

Am liebsten aber im Liegen. Ich kann es nur so erklären, dass in dieser Position möglicherweise eine Entspannung eintritt, die den kreativen Prozess fördert. Oder so ähnlich. Und in aufrechter, disziplinierter Sitzposition, die doch sehr an Schule erinnert, arbeitet man eben anders. Disziplinierter? Weniger kreativ? Ist das die bessere Position beispielsweise zum Überarbeiten?

Ich denke da natürlich an John Cleese und seinen Vortrag über Kreativität. Dass er unterscheidet zwischen einem open thinking mode und einem closed thinking mode. In dem open mode spielt und spinnt man herum, es gibt keine Grenzen, keine Vorschriften, keine Zwänge, alles ist erlaubt. Im closed mode passt man die Ideen an, bearbeitet sie, bringt sie in Form.

Vielleicht ist man im Liegen dem open mode näher …?

Dressed to write

Der nächste Punkt ist die Arbeitskleidung. Auch da gilt: Es gibt Tage, an denen man im ausgeleierten Jogginganzug einfach besser schreibt als im Businessoutfit. Ehrlich gesagt sind es, bei mir jedenfalls, die meisten Schreibtage, an denen das so ist. Der Briefträger kennt mich eigentlich nur in ausgeleiertem Irgendwas. Die Liste ließe sich fortsetzen. Mit Essen und Trinken und Musik und Beleuchtung anderen Alltäglichkeiten, die in diesem Kontext zu Absonderlichkeiten oder gar Obsessionen werden.

Es geht letztlich darum, in die richtige Stimmung zu kommen. Und im Vergleich dazu braucht das Übersetzen zwar auch und viel Kreativität, aber offenbar einen anderen Anteil an Disziplin (ich sage nicht „einen höheren“, nur einen anderen), die sich besonders gut über einen festen Platz in aufrechter Sitzposition erzielen lässt.

Sittin on …

Nichtsdestotrotz habe ich den Kampf gegen die merkwürdigen, über die gesamte Wohnung verteilten Arbeitsplätze noch nicht ganz aufgegeben. Ich probiere seit Jahren alle Arten Stühle aus. Nachdem ich eine endlose Reihe optimierter Bürostühle und ergonomisch geformter Sitzmöbel verworfen habe, weil unbequem, finde ich mich nun auf meiner Klavierbank wieder. Aber was mit Rückenlehne und Armstützen wäre schon nicht schlecht. Die Suche ist also nicht vorüber, und vielleicht, vielleicht hilft der richtige Stuhl, mehr Zeit am Schreibtisch zu verbringen.

Warum, wenn’s denn auch anderswo geht?

Der Schreibtisch hat unleugbare Vorteile. Allen voran: Es ist der Schreibtisch. Da wird gearbeitet, sonst nichts. Im Gegensatz zum Wohnzimmersofa. Oder dem Bett. Oder. Wenn man schon die ganze Zeit mit dem Kopf in seinen Geschichten hängt und kaum abschalten kann, dann sollte man vielleicht räumlich eine Trennung herbeiführen, um hin und wieder mal so etwas wie Pausen und Feierabende zu simulieren.

Ach, und der Tagesrhythmus. Nein, ich kann nicht „aus der Nacht heraus“ schreiben und mich morgens frisch ans Werk setzen. Morgens bzw. nach dem Aufstehen (was nicht zwingend, eher selten morgens ist) kann ich gar nichts. Außer den Postboten anknurren. Ich werde erst so richtig aktiv, wenn es draußen dunkel ist, und dann geht das ziemlich gut, bis die ersten Vögel anfangen zu plärren. Auch da wieder: Es braucht eine gewisse Ruhe, eine gewisse Entspanntheit. Die Welt muss schlafen und darf mich nicht ablenken.

Ist es die Nähe zum Träumen? Im Liegen schreiben, nachts schreiben, in pyjamaähnlichen Klamotten schreiben …?

Das zumindest wäre die schönste Erklärung und würde auch helfen zu verstehen, warum so viele KollegInnen ein Gläschen Alkohol neben dem Schreibgerät stehen haben. Wobei dieses Thema schon ausführlich bearbeitet wurde, nicht zuletzt in der umfangreichen Arbeit „Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik“ von Alexander Kupfer. Da wird untersucht, wie der Gebrauch von Alkohol und anderen Drogen das literarische Schaffen diverser Schriftsteller beeinflusst hat. Spannendes Buch. Ich wünschte, ich hätte es geschrieben. (Dann hätte ich jetzt meinen Doktortitel, aber das nur am Rande.) Womit wir also wieder beim Träumen wären. Beim Abschalten. Beim Ausschalten der Realität. Beim Sich-eine-Welt-schaffen.

Ja, bestimmt laufe ich deshalb in der Wohnung herum und suche mir neue Winkel und Ecken und liege und stehe und sitze und suche immer noch. Die richtige Position lässt sich eben nicht immer so leicht finden. So, wie man sich im Schlaf hundertmal pro Nacht dreht und herumwälzt.

Zoë Beck

Zoë Becks Homepage und Fanseite bei Facebook.

  • Pingback: Schreibtischtäter und Wanderarbeiter

  • Isabel Bogdan

    So, jetzt habe ich auch was dazu geschrieben!

  • http://www.facebook.com/kaiblum Kai Blum

    So geht mir das auch. Manchmal dauert es eine Weile, bis ich den richtigen Schreibplatz des Tages gefunden habe. Mein Lieblingsschreibplatz: Im Auto (auf dem Beifahrersitz, wegen der Fußfreiheit). Irgendwo im Grünen geparkt ist das sehr entspannend, besonders wenn der Regen auf die Scheiben prasselt.