Zoë Beck spricht mit indischen Verlegern


Verleger und andere Buchmenschen vom indischen Subkontinent durchstreifen Deutschland und wollen alles über deutsche Kriminalliteratur wissen. Zoë Beck hilft gerne, wo sie kann.

„Sind Sie berühmt?“

Das German Book Office in Neu Delhi hatte eine Handvoll Verleger aus Indien und den Nachbarstaaten zu einer Reise in die deutsche Krimilandschaft eingeladen und mich gebeten, einen kleinen Einführungsvortrag zu halten. Das ist okay, in zwanzig Minuten kann man eine Menge sagen und im Zweifel auch gut über Wissenslücken hinwegtäuschen, denke ich und sage ja.

Natürlich werde ich vorher von einem meiner Nachbarn gewarnt wegen der kulturellen Unterschiede.Man instruiert mich, worauf ich alles achten müsse, so von wegen auf keinen Fall mit der linken Hand essen und schön verbeugen statt Händeschütteln, als Frau möglichst verhängen, kein Fleisch essen, schon gar nicht Rindfleisch, und Alkohol geht schon mal gar nicht. Die Liste ist natürlich noch sehr viel länger. Ich merke mir alles, erinnere mich aber auch gerne an Tarquin Hall, einen englischen Journalisten und Schriftsteller, der mit einer Inderin verheiratet ist, und was er mir von seinen kulturellen Startschwierigkeiten mit der Familie seiner Frau erzählt hat. Sie sind in unseren Augen indiskret, sagte er. Sie fassen einen ständig an, weil sie sicherstellen wollen, dass man auch wirklich aufmerksam zuhört. Sie sind dauernd zu spät, und sie lieben es, riesige Portionen ungesundes Zeug zu essen. Die indischen Männer haben ein ausgezeichnetes Auge für schöne Frauen. Und man muss lernen, so richtig anzugeben, statt höflich und bescheiden sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

Tarquin Hall sollte als Sieger nach Punkten aus dieser Sache hervorgehen. Aber der Reihe nach.

Bücher, Bücher, Bücher

Das German Book Office gehört zur Frankfurter Buchmesse, und die wiederum irgendwie zum Börsenverein des deutschen Buchhandels. Deshalb treffen wir uns in deren Räumen am Schiffbauerdamm, gleich neben dem Berliner Ensemble, mit Blick aufs Wasser. Die südostasiatische Delegation kommt deutlich zu spät. Alle haben gute Laune, die Sonne scheint, und jemand (ich) erzählt ihnen etwas über Bücher. Das finden sie prima, weil: Sie lieben Bücher.

Es sind zwei Damen von indischen Verlagen, die schwerpunktmäßig auf Hindi, aber auch auf Englisch publizieren. Außerdem ein Literaturagent, ein Verleger und Buchhändler aus Sri Lanka und einer aus Nepal. Ein preisgekrönter indischer Autor, der gerade auf Deutsch erschienen ist, ist ebenfalls mit dabei, und komplettiert wird die Runde durch drei Mitarbeiterinnen der Buchmesse bzw. des GBO New Delhi. Ich bin nach einem Vortrag über die Frankfurter Buchmesse und ihre Möglichkeiten für indische Verleger an der Reihe. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt schon mitbekommen, dass problemlos mit der linken Hand gegessen wird, zur Begrüßung Hände geschüttelt werden und keine einzige Frau verhängt ist, im Gegenteil. Die indischen Frauen sind blitzgescheit, witzig und schön. Sie kommen aus Familien, die seit Jahrzehnten in der Buchbranche sind, haben studiert und wissen genau, was sie wollen.

Who cares about serialkiller?

Ich rede über das Ansehen des Kriminalromans, und wie es sich verändert hat. Über den Boom des Genres, der nicht immer was mit Qualität zu tun hat. Über Regionalkrimis und knietief im Blut watende Serienkiller. Das mit den durchgeknallten Serienkillern kennen sie aus den USA, das interessiert sie nicht. Sie wollen mehr über Regionalkrimis wissen. Sie haben so etwas nämlich auch: Die Region ist wichtig, die Straßennamen müssen stimmen, der Held ist ein echter Held. So sehen sie das. Wir reden über Helden und stellen fest, dass sie eine andere Art Helden meinen. Und wenn ich von dem Modell der Heldenreise („Hero’s Journey“) erzähle, müssen sie enttäuscht feststellen, dass die Reise in die Unterwelt nur metaphorisch gemeint ist. Wie wichtig ist die Religion im Krimi, oder überhaupt in der deutschen Literatur? Wie tief ist die Verwurzelung in der Mythologie? Auf welche Mythologien beziehen sich die deutschen Autoren überhaupt?

Heilige Tiere?

Okay, der indische Regionalkrimi hat offensichtlich andere Anker als der deutsche. Klare Sache. Wir schwärmen ein bisschen über Tarquin Hall, um wieder auf eine Ebene zu kommen, und ich erwähne, der Vollständigkeit halber und weil es eben noch ganz unten auf meiner Karteikarte steht, die Subsubgenre der tierischen Ermittler und Gourmetkrimis. Wieder große Begeisterung, ermittelnde Tiere, großartig, aber ich weiß, dass sie etwas ganz anderes im Sinn haben, denn sie reden mit strahlenden Augen über heilige Tiere und mythologische Bedeutungen. Ich wechsle auf weniger verhängnisvolles Terrain und lobe Schenkel, Herrmann, Fitzek, um die Bandbreite zu erweitern. Man lauscht höflich, ich spüre aber bereits Ungeduld, und tatsächlich grätscht man mir schließlich ins Wort: „Und was ist mit Ihnen? Sind Sie berühmt?“ Der nächste, bevor ich etwas sagen kann: „Wie viele Bücher haben Sie denn schon geschrieben? Und wie verkaufen sie sich?“ Und der übernächste: „In wie viele Sprachen hat man Sie übersetzt?“ Gut, sie haben eine Autorin dort sitzen und wollen Sachen wissen, die Theoriestunde ist offenbar vorbei. Dabei hätte ich noch so viele schöne Karteikärtchen gehabt, exakt auf zwanzig Minuten ausgelegt. Aber gut, reden wir über mich. Die Fragen, die gestellt werden, würde man in der Form in Deutschland, vermutlich in der gesamten westlich geprägten Welt, nicht hören. Sie gelten hier als unhöflich. Bei den Indern klingen sie erfrischend direkt, vielleicht, weil das Interesse dahinter ein anderes ist. Es geht ihnen darum, den Autor schätzen zu können. Ich meine nicht einschätzen, sondern schätzen. Und sie stellen ganz viele Fragen zu Inhalten. Sie wollen, dass ich ihnen Geschichten erzähle. Sie erzählen selbst ganz viele Geschichten. Zwischendurch wird noch eine Menge angegeben mit den eigenen Errungenschaften. Aber dann wieder zurück zum Wesentlichen, dem Buch. Es ist so Wesentlich, dass der indische Agent ein Buch auf den Tisch wirft, damit ich es anfasse. Ich soll sehen, welche Qualität das Papier hat und wie es gedruckt ist. Er will wissen, wie das mit meinen Büchern ist. Ich glaube, er findet es schade, dass er nicht alle anfassen und daran riechen kann.

Geschichten, Geschichten, Geschichten …

Indien ist der drittgrößte englischsprachige Buchmarkt. Es gibt gut zwölftausend Verlage, publiziert wird in achtzehn Sprachen, und jährlich erscheinen rund neunzigtausend Bücher. Man erzählt mir von billigen Abenteuer- und Kitschromanen, die an Bahnhöfen für weniger als umgerechnet einen Euro verkauft werden. Die Leute nehmen sie mit auf lange Reisen. Ein Buch, das der Agent mitgebracht hat, hat sich bereits dreieinhalb Millionen Mal verkauft. Es ist in Hindi, und anhand des Covers kann ich mir nur zusammenreimen, dass es um einen Mann und eine Frau geht, vermutlich wird er sie retten. Ich frage nicht nach Dingen wie Alphabetisierung, weil ich Angst habe, unhöflich zu sein, aber ich lese später nach, dass es seit zehn Jahren eine Art Schulpflicht in Indien gibt. Der Markt wird also weiterwachsen. Nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung hat derzeit Zugang zum Internet, und auch die anderen Medien, für die man Strom und Geld braucht, sind prozentual gesehen deutlich weniger verbreitet als, sagen wir, in Deutschland. Wer weiß, wann sich das ändern wird, vielleicht rasend schnell, vielleicht erst in zwei Jahrzehnten. Aber Indien wird noch lange ein riesiger Buchmarkt bleiben, und der Hunger nach neuen Geschichten ist riesig. Das Interesse daran, Anschluss an die westliche Welt zu haben, sowieso. Fragen danach, warum sich deutsche Verlage mit ihren Lizenzen nicht an Inder wenden, wenn sie in den englischsprachigen Markt einsteigen wollen, kann ich nicht beantworten. Ich würde es nämlich auch gerne mal wissen.

Die Frau, die für Harper Collins die Hindi-Publikationen betreut, merkt an, dass es vielleicht schwierig ist, kulturelle Anknüpfungspunkte zu finden. Aber das erklärt wiederum nicht, warum Henning Mankell und Elizabeth George gelesen werden. Für die Hindi-Publikationen gelten offenbar andere Richtlinien als für die englischen.

German food …

Wir werden nach kurzer Zeit zum Gruppenfoto und schließlich zum Essen getrieben, denn die kleine Gesellschaft will sich noch durch die Verlagslandschaft fräsen. Ullstein wartet. Gegessen wird in einem auf bayerisch getrimmten Touristenbunker, typical German food. Die Männer finden es prima, besonders der Agent, der sich über Weißbier und Schnitzel freut. Die Frauen verzweifeln zu Recht daran, dass die Frage danach, was wirklich frisch zubereitet wird, nicht beantwortet werden kann, und die Verwunderung über Saft aus der Flasche statt frisch gepresst ist groß. Die Auswahl an echten vegetarischen Gerichten hingegen klein. Solidarisch kaue ich auf einem schrecklichen Kopfsalat herum und hoffe, dass die anderen eine bessere Wahl getroffen haben, damit der Eindruck vom kulinarischen Teil Deutschlands nicht ganz fürchterlich wird. Sie bleiben eine Woche, sie haben also noch Gelegenheit, es besser zu treffen. Wir verabschieden uns gut gelaunt, und ich bin ein bisschen traurig, dass ich nicht viel mehr mit ihnen allen reden konnte.

Am Ende bleibt bei mir der Eindruck von einem boomenden Markt, von dem Willen, in der westlichen Welt anerkannt und geschätzt zu werden, von dem Stolz auf die eigene kulturelle Vielfalt und von ganz viel Neugier auf Geschichten. Wunderbar.

Zoë Beck

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