Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Tommie Goerz: Meier

Lakonie mit Schuss

Zwei wiederaufgelegte Rezensionen und ein Textauszug, aus gegegebenem Anlass

Der Glauser geht dieses Mal nach Franken: an Tommie Goerz für „Meier“. Günther Grosser (GG) und Frank Rumpel (rum) haben das Buch für uns letztes Jahr besprochen.

(GG) Lakonien ist die Gegend um Sparta. Bei einer Belagerung erhielten die Spartaner die Botschaft: “Wenn wir die Stadt einnehmen, geht´s euch allen an den Kragen!“ Die Antwort der Spartaner lautete: „Wenn!“ Das ist Lakonie. Lakonisches Roman-Schreiben ist eine Kunst für sich. Der Franke Tommie Goerz erzählt in „Meier“ mit sehr lakonischen Mitteln die Rachegeschichte von Meier: zehn Jahre Knast wegen Mordes, aber unschuldig, jetzt legt er die Schuldigen rein. 

Viele Dialoge gehen so: „Bier? … Bier. … Mach ich dir.“ Die Rache ist komplizierter. Meier hat viel gelernt im Knast, Tommie Goerz viel recherchiert, und wir lernen jetzt viel, etwa wie man einen abgesunken Schuppen wieder hochbockt, oder wie man Keyless Go-Systeme neuer Autos beim Klauen nutzt, lauter so nützliches Zeug. Auch wie neugierige Nachbarn so sein können, aber das wussten wir schon. Und auch wenn die Geschichte mal einzuschlummern droht, wissen wir, da kommt noch was, noch was Großes, der Goerz kann den Meier so nicht hängen lassen da am Bahndamm, mit diesen Nachbarn. Und das kommt dann auch, natürlich, der Meier zieht das durch. Goerz hat schon eine ganze Reihe von Regionalkrimis um den Nürnberger Kommissar Behütuns geschrieben, „Meier“ ist sein Meisterstück. 150 Seiten Lakonie mit Schuss. Cool.

Eigene Freiheit

(rum) Meier hat Zeit. Seit er alles verloren hat, ist Hektik unangebracht. Zehn Jahre saß er als Frauenmörder im Knast. „Leben in der Warteschleife.“ Allein: Er war es nicht, wenngleich die Beweislast erdrückend schien. Nun ist er draußen, muss ganz neu anfangen. Dafür hat er die Jahre im Gefängnis genutzt, hat Kontakte geknüpft und ein paar Sachen gelernt von Leuten, die man sonst eher nicht trifft. Also besorgt er sich Geld (Einbruch, Autodiebstahl) und löst die einzige Verpflichtung aus Knasttagen ein, indem er einem tschetschenischen Mafiosi eine Botschaft von dessen inhaftiertem Kollegen übermittelt. Ansonsten versucht er sich – umgänglich, hilfsbereit und praktisch veranlagt, wie er ist – an einem unauffälligen Leben, das jedoch ganz eigene Schwierigkeiten birgt. Da sind bizarre Zeitgenossen und die Last, ein Ex-Knacki zu sein. Das erfordert  ständige Wachsamkeit, die sich schließlich auszahlt, als er eher zufällig über die entscheidende Information stolpert: Die Namen derer, die ihn damals als Sündenbock ins Gefängnis schickten. 

Tommie Goerz, der im richtigen Leben Marius Kliesch heißt und promovierter Soziologe ist, hat mit „Meier“ einen klasse Roman geschrieben und eine interessante Figur geschaffen. Denn dieser Meier hatte Familie, Freunde und einen Job, bevor er zehn Jahre mit Zuhältern, Mördern, Schlägern, Dealern und Betrügern verbringen, sich in der Knasthierachie zurechtfinden, sich mit Monotonie und Willkür arrangieren musste. Was wird aus einem, der eben nicht zur Besserung einsitzt, aber dennoch Teil eines geschlossenen Kosmos wird, der ihm fremd ist und in dem er sich doch einen Platz suchen muss? Meier beschließt, sich nicht aufzugeben, nicht zornig zu werden, sondern eine Wette auf die Zukunft abzuschließen, in der er ein anderer sein wird. Einmal draußen, wird er genau das, wofür ihn alle bisher hielten, kein Mörder, aber ein Krimineller, der gewieft und besonnen agiert, sich in Gelddingen nimmt, was er braucht („Das war seine Freiheit. Er würde sie sich nie wieder nehmen lassen.“) und eben die eine offene Rechnung begleicht. 

Goerz braucht dafür gar nicht weit auszuholen, bleibt ganz bei seiner Figur, erzählt knapp und konzentriert bis hinein in die durchaus alltagstauglichen Dialoge und trifft damit genau den richtigen Ton. Dabei bohrt er sich immer wieder tief in eine Situation. „Wasser macht ein so reiches Geräusch, wenn man hinhört“, heißt es da etwa, als Meier über seine Zeit im Knast und über kleinstes Glück am Spülbecken sinniert. „Geräusch von Freiheit und Ferne.“ Goerz, der auch Musik macht und bisher unter anderem neun Regionalkrimis (der neunte ist gerade erschienen) um den Nürnberger Kommissar Friedo Behütuns veröffentlicht hat, arbeitet nicht nur in diesem Roman mit leisem, aber bissigem Humor. Sein Meier, der wie Garry Dishers Wyatt ohne Vornamen auskommen muss, ist einer, der sich gegen einige Widerstände neu erfindet, dabei aber eben nicht verbissen, sondern mit der dafür nötigen Gelassenheit zu Werke geht, wohl wissend, dass sich vieles irgendwann fast von selbst ergibt. Naja, ein bisschen nachhelfen muss man gelegentlich schon.

  • Tommie Goerz: Meier. Ars Vivendi, Cadolzburg 2020. 164 Seiten, 18 Euro.

Und hier der Buchanfang als Textauszug – mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Die Welt des Glücklichen ist eine andere Welt als die des Unglücklichen.
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.43

War es Montag oder Dienstag? Noch Juli oder schon August? Es ist erschreckend, wie die Tage ineinanderfließen und jede Kontur verlieren, wenn man nichts vor sich hat als eine Wand. Verputz mit altgelber Ölfarbe, an etlichen Stellen abgeplatzt oder weggekratzt, bekritzelt oder eingeritzt von anderen, die vor ihm hier gewesen waren. Gesessen hatten. Die Wand angestarrt hatten. Tage-, oft wochenlang. So wie er, immer mal wieder. So ist es im Loch, wie sie es nennen. Aber allemal besser, als bei den anderen zu sein, zumindest für ein paar Tage. In seinen ersten Jahren ließ er sich immer mal wieder dahin verlegen, wenn er die anderen nicht mehr ertrug. Alle paar Monate, wenn er seinen Moralischen hatte. Die Einsamkeit unter Leuten, auch die Hilflosigkeit. Vier waren sie in der Zelle, drei Jahre lang. Zwei Stockbetten, zwölf Quadratmeter. Stinkende Männer. Beschränkt, primitiv und aufreizend vulgär. Eigenverachtung mit Stärke verwechselnd. Rülpsend, rotzend, schniefend, hustend, schnarchend, hohl redend. Furzend und sich stöhnend entleerend hinter der kotbeschmierten Stellwand. Ein Dealer, ein Totschläger, ein Betrüger und er, ein Mörder. War er nicht, hatte ihm aber zwölf Jahre eingebracht. Und erst einmal das Bett oben rechts, über dem Dealer.

Nach drei Jahren, endlich, bekam er eine Einzelzelle, Luxus in die- sem Knast. Meier, der Mörder. Frauenmörder. Erdrückende Beweise.

Dreiviertel sechs Wecken, sechs dreißig Frühstück, ab sieben Uhr arbeiten. Schreinerei oder Systemdübel montieren, Putzdienst, Wä- scherei oder Küche, wenn du Glück hattest vielleicht Bibliothek. Zwölf Uhr Mittagessen, siebzehn Abendessen, zweiundzwanzig Licht aus. Eine Stunde Hofgang, dreiundzwanzig Stunden am Tag weggesperrt, sieben Tage die Woche, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr. Pfefferminztee am Abend? Musstest du einen Antrag stellen. Der oft Wochen dauerte oder den sie einfach verschlampten. Aber sie hatten die Schlüssel, also die Macht. Man fühlte sich abhängig, ausgeliefert, hilflos. Auch oft erniedrigt, entrechtet, entehrt. Verstanden sie aber nicht, dafür hatten sie kein Gespür. Verschanzten sich hinter der Vorschrift. Zwei Euro nahmen sie dir für die Kanne, dreiviertel Liter, meist lauwarme Plörre. Ein ausgelutschter Beutel. Wenn du dich beschwertest, brauchtest du die nächsten Wochen überhaupt keinen Antrag mehr zu stellen. Ein Buch? Genau das Gleiche. Etwas zum Schreiben? Zum Malen gar? Ohne Geld konntest du alles vergessen. Mit einem Schein ging vieles und schnell, mit zweien sofort. Aber wenn du keinen hattest? Niemanden draußen, der dich unterstützte? Sich alle abgewendet hatten? Dann konntest du nur abwarten. Sitzen, die Wand anstarren, überlegen, ob es Montag oder Dienstag war. Da war die Einzelzelle nicht anders als das Loch, nur komfortabler. Nein, weniger unkomfortabel.

Du konntest nicht mehr über dein eigenes Leben entscheiden. Sie hatten es in der Hand. Es sich genommen.

Seit Jahren hatte er keinen Baum mehr gesehen. Keinen Weg, der hinaus in die Felder führte, in die Weite.

Manchmal stellte er sein Blechgeschirr ins Becken und ließ das Wasser laufen. Um das Glucksen zu hören, ihm zu lauschen. Wasser macht ein so reiches Geräusch, wenn man hinhört. Geräusch von Freiheit und Ferne. Und dann, zuverlässig wie das Amen in der Kirche, kam immer der Wachmann und drehte es wieder ab. Machte Meldung, und wenn Meier Pech hatte, wanderte er wieder für zwei Tage ins Loch. Montag … Dienstag … Wasserverschwendung warfen sie ihm vor. Mutwillen, Renitenz, Provokation, Wiederholungstat. Wasserglucksen? Das wollten sie einfach nicht kapieren. Oder wollten sie ihn quälen? Konnte er manchmal denken. Aber es war nur Vorschrift, sie verstanden nichts. Halb so schlimm, musst du aushalten, dachte er nur. Trotzdem: Manchmal war ihm, als wollten sie ihm noch das Letzte nehmen, ihn klein machen, beugen, brechen.

Zwölf Jahre hatte er Zeit für Pläne. Nachdenken über Gerechtigkeit, Phantasien der Wiedergutmachung. Geduld üben, Genügsamkeit, Grübeln, Leben in der Warteschleife, auf dem Abstellgleis.

Warten als Lebenssinn. Liegestütze, Kniebeugen, Sit-ups und wie- der Liegestütze. Laufen auf der Stelle, ein Seil zum Seilhüpfen genehmigten sie ihm nicht. Könnte er sich ja mit aufhängen. Kniebeugen, Sit-ups, Warten. Phantasieren. Schuldige ausmachen, Mitschuldige, und vielleicht stellen. Rache üben vielleicht, zumindest der Gedanke daran schmeckte ja süß. Tit for Tat? Er war davon nicht überzeugt, aber der Gedanke schmeckte, hatte etwas Süßes. Süßliches. War nicht so gut.

Und immer wieder beobachten, fragen, studieren. Die Geschichten der anderen anhören, die hier waren. Wie viel haben sie gekriegt? Warum sind sie rein? Was haben sie gemacht, was richtig, was falsch? Was bedacht und was nicht? Geplant gehandelt oder im Affekt? Wie stark ist der Zufall, und ist er kalkulierbar? Bleibt ihnen was, wenn sie rauskommen, oder bleibt ihnen nichts? Was steht ihnen bevor, und was erwartet sie? Denken sie drüber nach oder nicht? Mit Mut oder ohne? Oder sollten sie vielleicht bes- ser nicht wieder raus? Bei manchem, meinte er, wäre das besser. Auch: Was können sie, was kannst du nicht, was kannst du von ihnen lernen? Was wissen sie, was können sie dir zeigen? Es war ein umfassendes Studium, das er hier betreiben konnte. Und musste, wenn er klug war. Viel Interessantes fürs Leben, das du sonst nirgends lernst. Fürs Leben draußen, danach. Wenn sie ihm endlich die Türen öffneten hier.

Zweimal in der Woche Duschen. Graue Klamotten, die dir nicht gehörten. Und nicht passten, nie, viel zu groß. Machten die das extra? Ist nichts anderes da, hieß es nur, tut uns leid, aber hier ist auch keine Modenschau. Übertrieben lautes Gelächter, hilfloses. Hättest du Wut kriegen können, half aber nichts. Sie hatten ja das Recht.

Alles hat seine Geschichte, und nichts fängt bei Null an. Nichts kommt aus dem Nichts. Zwei Jahre vor der erschlagenen Frau war ein Kind verschwunden in der Nachbarschaft. Aus dem Schulbus gestiegen mittags, hatte die Straßenseite gewechselt und war weg. Einfach so, am helllichten Tag. Alles hatten sie abgesucht damals, jeden Stein umgedreht. Drei Wochen später hat ein Hund unten am Fluss angeschlagen. Da lag der Leichnam, halb bekleidet. Den Schulranzen fand man später auf dem Müll. Das Mädchen war gefesselt worden, geknebelt, geschlagen, missbraucht, dann erdros- selt und notdürftig verscharrt, unter Zweigen und Laub. Warum war das beim Suchen nicht aufgefallen? Schlampig gesucht? Warum hatte die Wärmebildkamera vom Hubschrauber herunter den Leichnam nicht entdeckt? Aber was spielt das für eine Rolle, das Mädchen war tot. So fing es eigentlich an.

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