Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Textauszug Dorothy B. Hughes „Ein einsamer Ort“

Dorothy B. Hughes

Acht Jahre vor Patricia Highsmith hat Dorothy B. Hughes einen Hochstapler erfunden, der sich mühelos in der Welt bewegt. Fünf Jahre vor Jim Thompson blickt sie in den Kopf eines Serienmörders – aber nur, um diesen Blick wieder nach außen zu wenden. In ihrem lange übersehenen Meisterwerk „Ein einsamer Ort“ schreibt sie über die US-amerikanische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und den Frauenhass, der hinter den Verbrechen steckt. Ihre Hauptfigur ist Dix Steele, ein Prototyp des Noir: ein Kriegsveteran, der überfordert ist von den Veränderungen in der Welt. Sein internalisierter Frauenhass bricht immer wieder durch, alle Frauen sind Betrügerinnen, Lügnerinnen, Huren; sie verraten und verlassen ihn. Hughes stellt ihm zwei bemerkenswerte Frauenfiguren entgegen, die jeden Blick auf die Femme fatales und good girls der Noir-Romane verändern werden, ja, verändern müssen. Denn Hughes ist auch eine Autorin, die aus der Rezeption der Kriminalromane der 1940er Jahre herausgefallen ist, obwohl sie unbedingt dazu gehört. Hoffentlich trägt die Neuübersetzung dazu bei, sie bekannter zu machen. (Sonja Hartl)

Mehr zu Dorothy B. Hughes, „Ein einsamer Ort“ und ihren anderen Büchern gibt es auch in der neuen Folge des Podcasts „Abweichendes Verhalten“ unter diesem Link oder bei allen Podcatchern sowie Spotify zu hören.

Dorothy B. Hughes: Ein einsamer Ort (In a Lonely Place, 1947). Neu übersetzt von von Gregor Runge. Atrium, Hamburg 2022. 270 Seiten, 22 Euro.

EINS

Er genoss es, auf der Klippe zu stehen und hinauszusehen auf den abendlichen Ozean, während Nebelschwaden aufzogen, um wie Schleier aus Gaze sein Gesicht zu berühren. Dieses Gefühl, dem irdischen Getümmel enthoben und ein Teil der entfesselten Elemente zu sein, war dem Fliegen nicht unähnlich. Dieses Gefühl, zugleich eingeschlossen zu sein in diesen unvertrauten, sonderbaren Weltenraum aus Nebel und Wolken und Wind. Nachts war er immer gern geflogen; die Nachtflüge fehlten ihm, seit der Krieg vorbei war. Eine klapprige Privatmaschine zu fliegen war nicht dasselbe. Er hatte es versucht. Als müsste man sein Präzisionswerkzeug wieder gegen ein prähistorisches Steinbeil eintauschen, so hatte es sich angefühlt. Nichts konnte den entfesselten Flug in einem Jagdbomber ersetzen. 

Es gelang ihm nur selten, das Gefühl der Macht, der Erregung und der Freiheit in sich wachzurufen, das er in der Einsamkeit des Himmels empfunden hatte. Aber nun, da er auf den Ozean blickte, auf die Wellen, die vom Horizont her unaufhörlich herangerollt kamen, jetzt und hier, hoch über dem scheinwerfer- gepunkteten Küstenhighway, auf dem der Verkehr dahinkroch, gelang es ihm. Vor dem Himmel zeichneten sich die kantigen Umrisse der Häuser ab, direkt dahinter lag der breite fahle Strand, lag der aufgewühlte Ozean. 

Er wusste nicht, warum er noch nie zuvor hierhergekommen war. Er wusste auch nicht, warum er sich heute dafür entschieden hatte. Er war unruhig gewesen und ohne ein Ziel im Sinn in den Bus gestiegen, und der Bus hatte ihn hierhergebracht. 

Er streckte die Hand aus, als wollte er den Nebel greifen, aber sie glitt durch den feuchten Schleier, und er lächelte. So war es ihm auch recht – die Hand ein Flugzeug in den Wolken. Die Meeresluft roch gut. Die Dunkelheit, die ihn umschloss, fühlte sich weich an. Noch einmal ließ er seine Hand durch den unruhigen Nebel stürzen. 

Auf einmal besudelte ein Bus die Stille, grell, laut und stinkend, und er war verärgert. Er drehte sich ungehalten um. Als wäre die Klapperkiste ein lebendiges Wesen, das vor seiner Wut zurückschrecken würde. Dann sah er, wie eine junge Frau aus dem Bus stieg. Sie konnte ihn nicht sehen, er war nur ein Schemen in der nebligen Dunkelheit. Sie konnte auch nicht wissen, dass er sich wie auf einem Blatt Papier in seiner Vorstellung ausmalte, wie sie aussah. 

Sie war klein, hatte dunkle Haare, ein rundliches Gesicht. Sie sah nicht nur anständig, sie sah liebenswürdig aus. Eine freundliche junge Frau, ganz in Braun. Braunes Haar, braunes Kostüm, braune Pumps, braune Tasche. Sogar einen kleinen braunen Filzhut hatte sie auf dem Kopf. Er fing an zu mutmaßen: Sie kam nicht vom Einkaufen (sie hatte keine Taschen bei sich), sie war auch nicht zu einer Abendgesellschaft eingeladen (sie trug ein maßgeschneidertes Kostüm und bequeme Schuhe). Sie kam also von der Arbeit und stieg – er warf einen Blick auf das leuchtende Ziffernblatt seiner Armbanduhr – jeden Abend um zwanzig nach sieben an diesem verlassenen Ort aus dem Bus Richtung Brentwood. Vielleicht hatte sie heute länger gearbeitet als sonst, aber das ließe sich ohne Weiteres herausfinden. Sie war vermutlich in einem der Filmstudios angestellt, Büroschluss sechs Uhr, Nachhauseweg eine Stunde. 

Während er über sie nachdachte, holperte der Bus davon, und die junge Frau kam über die Kreuzung in seine Richtung gelaufen. Aber sie lief nicht auf ihn zu, denn sie konnte nicht wissen, dass er sich in der nebligen Dunkelheit verbarg. Sie durchquerte den gelben Schein der Laterne, er konnte jetzt wieder ihr Gesicht erkennen, konnte sehen, dass ihr die Dunkelheit, der Nebel, die Verlassenheit der Gegend nicht behagten. Sie ging die California Incline entlang, ließ ihre Absätze laut auf das bucklige Pflaster knallen, als würde sie das Geräusch beruhigen.
 

Er folgte ihr nicht sofort. Eigentlich wollte er ihr gar nicht folgen. Aber plötzlich, ohne darüber nachgedacht zu haben, befand auch er sich auf dem Gehweg neben der Fahrbahn. Er ging nicht so laut und so schnell wie sie. Und doch konnte sie ihn hinter sich hören. Und er wusste, dass sie ihn hörte, denn sie geriet aus dem Tritt, so als wäre sie beinah gestolpert, und erhöhte ihr Tempo. Er nicht, er ging in aller Ruhe weiter, machte aber größere Schritte. Er lächelte – sie hatte Angst. 

Er hätte sie mühelos einholen können. Aber noch war es zu früh. Besser, er hielt sich zurück, so lange, bis die Hangstraße zur Hälfte hinter ihm lag, und schloss erst dann zu ihr auf. Sie würde aufschreien, sobald er neben ihr auftauchte, vielleicht würde ihr auch nur der Atem stocken. »Guten Abend« würde er leise sagen, einfach nur »guten Abend«, und sie würde noch mehr Angst bekommen.

Sie war jetzt auf dem letzten Abschnitt der Hangstraße und näherte sich dem Küstenhighway. Sie ging sehr schnell. Als er allmählich zu ihr aufschloss, traf sie das aufdringliche Scheinwerferlicht eines Wagens, der auf die Hangstraße bog. Es traf auch ihn. Wut stieg in ihm auf. Er ging jetzt langsamer. Der Wagen fuhr zügig die Straße hinauf und an ihm vorbei, aber jetzt war es passiert, die Dunkelheit war zunichtegemacht. Es folgte, einer Prozession gleich, eine ganze Wagenkolonne. Das Scheinwerferlicht strich über den Gehweg, den Asphalt und die braunen Klippen des höher liegenden Palisades Park. Die junge Frau war in Sicherheit. Sie beruhigte sich, er konnte es ihren Schritten anhören. Seine Wut durchpulste ihn. 

Als er sich der Kreuzung näherte, sah er, wie sie den Küstenhighway überquerte, eine braune Gestalt im gelben Licht der Laterne. Auf der anderen Seite angekommen verschwand sie hinter dem dunklen Tor, das zu einem von drei dicht beieinanderstehenden Häusern gehörte. Er hätte ihr nachgehen können, aber in den Häusern brannte Licht. In irgendeinem dieser hell erleuchteten Zimmer wurde sie erwartet. 

Ein hellblauer Bus hielt an der Kreuzung. Eine Frau mittleren Alters kam die Stufen herab, und er stieg ein. Ihm war egal, wohin der Bus unterwegs war. In jedem Fall würde er den gelben Schein der Laternen hinter sich lassen. Der Bus war spärlich besetzt, nur Frauen, Frauen ohne jeden Reiz. Der kantige Fahrer hatte etwas Provinzielles an sich. Er bediente die Wechselgeldkasse, die ein knarzendes Geräusch von sich gab, und blickte in die Nacht. Die Fahrt kostete einen Nickel.
Der beleuchtete Bus fuhr an den dunklen Klippen vorüber. Die wuchtigen Strand- und Klubhäuser, die auf der anderen Straßen- seite standen, versperrten die Sicht auf den Ozean. Hinter dem Fenster glitt lautlos der Nebel vorüber. Der Bus fuhr ohne Halt, bis zu einer Stelle, an der die Straße eine enge Kurve beschrieb. Hier stieg er aus. Der Bus ließ den Ozean hinter sich und bog in einen dunklen Canyon. Ein Stück weiter entdeckte er ein paar Restaurants, Fast-Food-Lokale, eine kleine Drogerie und eine Bar. Ihm stand der Sinn nach einem Drink. 

Die Bar gefiel ihm, ein auf den Gehweg ragender Bug, ein schummeriger Schiffsbauch. Eine Bar, wie sie Männern gefiel, aber es war auch eine Frau da, mit dunklen Haaren und schriller Stimme. Sie war in Begleitung zweier Männer, die drei waren nicht zu überhören, und er konnte sie nicht ausstehen. Dafür hatte er etwas für den Alten mit dem weißen Backenbart übrig, der hinterm Tresen stand. Ein Mann wie ein Kapitän, in sich ruhend, fähig. 

Er orderte Whiskey pur, aber als ihm der Alte das Glas hin- stellte, war ihm nicht mehr danach. Er kippte ihn trotzdem. Der Drink wäre nicht mehr nötig gewesen. Er war schon auf der Busfahrt zur Ruhe gekommen. Keine Wut mehr, auf niemanden. Nicht einmal auf die drei ohrenbetäubenden Schwachköpfe. 

Die Schiffsglocke hinterm Tresen schlug zur vollen Stunde. Acht Mal. Er wollte nirgendwohin, auf nichts hatte er Lust. Die Frau in Braun war ihm inzwischen völlig egal. Er versuchte es mit einem zweiten Whiskey, aber als das Glas vor ihm stand, rührte er es nicht an. 

Er hätte an den Strand gehen, sich in den Sand setzen können, wo es still und dunkel war, den Geruch des Nebels und des Ozeans einatmen. Kurz vor dem Abzweig, der in den Canyon führte, war der Ozean wieder aufgetaucht. Der weitläufige Strand war ganz in der Nähe. Trotzdem blieb er sitzen. Er fühlte sich wohl hier. Steckte sich eine Zigarette an, schob das randvolle Whiskeyglas auf dem lackierten Holz des Tresens hin und her, verschüttete keinen einzigen Tropfen. 

Er glaubte zu hören, wie die Frau mit der schrillen Stimme einen Namen sagte. Er hatte sie zu ignorieren versucht, aber mit einem Mal stand dieser Name im Raum. Brub. Ihm fiel wieder ein, dass Brub ganz in der Nähe wohnte. Fast zwei Jahre hatte er ihn nicht mehr gesehen. Als er vor ein paar Monaten an die Westküste gekommen war, hatten sie miteinander telefoniert, ein einziges Mal. Er hatte zu Brub gesagt, er werde sich wieder melden, sobald er richtig angekommen sei, aber das hatte er nie getan. 

Brub wohnte im Santa Monica Canyon. Er ließ den Whiskey auf dem Tresen stehen und ging zum Münztelefon in der Ecke. Das Telefonbuch war zerfleddert, aber es dauerte nicht lange, und er hatte Brub Nicolais Nummer gefunden. Die Münze klirrte ins Gerät. Er nannte die Nummer, bat darum, verbunden zu werden. 

Eine Frau ging an den Apparat. Sie rief nach Brub. Gleich darauf hörte er ein erwartungsvolles »Ja?«. 

Es versetzte ihn in Aufregung, seine Stimme zu hören. Brub war ein unvergleichlicher Mensch. Ohne ihn wären die Jahre in England einfach an ihm vorübergezogen. Er war aufgekratzt, wie ein kleiner Junge. »Hallo, Brub!«, sagte er. Dix wollte, dass Brub erriet, dass er erahnte, wer hier am anderen Ende der Leitung war. Aber Brub erkannte ihn nicht, war verwirrt. »Wer ist da?«, fragte er. 

Übermut kitzelte ihn. »Na, wer wohl! Ich! – Dix Steele!« Was für ein Moment. Genauso hatte er es sich vorgestellt. Brub stockte der Atem. »Mensch, Dix! Wo hast du denn gesteckt? 

Dachte schon, du wärst wieder an der Ostküste gelandet!« Brubs Freude war eine Wohltat. »Ich bin beschäftigt gewesen. Weißt doch, wie es ist. Immer was zu tun.«
»So ist es. Wo bist du? Was machst du gerade?«
»Ich bin in einer Bar«, sagte er und hörte Brub schwelgerisch aufseufzen. Wenn sie nicht im Dienst gewesen waren, hatten die beiden meist in irgendeiner Bar gesessen; ohne Hochprozentiges ging damals gar nichts. Brub konnte nicht wissen, dass Dix in- zwischen gut ohne zurechtkam. Er hatte ihm viel zu erzählen. Seinem großen Bruder. Seinem Brub. »Der Strand ist nicht weit, ich bin in der Bar mit dem Schiffsbug, da wo –« 

Brub unterbrach ihn. »Du bist ganz in der Nähe! Die Mesa Road ist nicht weit. Möchtest du vorbeikommen?« 

»Bin schon so gut wie da.« Dix legte auf, sah im Telefonbuch die Hausnummer nach, ging zurück an die Bar und stürzte den Whiskey herunter. Jetzt schmeckte er ihm.
Er stand schon auf der Straße, als ihm einfiel, dass er mit dem Bus gekommen war. Er hatte sein Apartment verlassen, war in den Wilshire-Santa-Monica-Bus gestiegen und befand sich jetzt in Santa Monica. Monatelang hatte er nicht mehr an Brub gedacht, und auf einmal tauchte diese Vogelscheuche auf, wahrscheinlich hatte sie etwas ganz anderes gesagt, wahrscheinlich hatte er sich nur verhört. Und doch war er jetzt auf dem Weg zu Brub. 

Der Zufall wollte es, dass an der roten Ampel ein freies Taxi hielt. Er bemerkte aber nicht sofort, dass der ramponierte Wagen, an dessen Steuer ein junger Mann ohne den üblichen Hut saß, ein Taxi war. Den Schriftzug »Santa Monica Cab Co.« registrierte er erst in dem Moment, als die Ampel auf Grün sprang und der Wagen losfuhr. Er rannte auf die leere Straße und rief: 

»Taxi, halt!«
Der Zufall wollte es auch, dass ihn der Fahrer hörte und anhielt. »Wissen Sie, wo die Mesa Road ist?« Er hatte die Hand bereits am Türgriff. 

»Wollen Sie dort hin?« 

»Bitte.« Er stieg ein, noch immer aufgekratzt. »520 Mesa Road.« 

Der Fahrer wendete und fuhr ein paar Querstraßen den Hang hinauf, dann bog er links ab, auf eine noch steilere Straße. Dichter, schmutziger Nebel lag im Canyon, die Nacht war so feucht, dass die Scheibenwischer eingeschaltet waren. »Da wären wir also«, sagte der Fahrer, »520 Mesa Road, die Nicolais.« 

Er war angenehm überrascht, dass der Fahrer wusste, wohin er ihn gebracht hatte. Ein gutes Zeichen, Brub schien noch der Alte zu sein. Brub kannte alle, und alle kannten Brub. Der Fahrer wendete, die Nebelscheinwerfer beschrieben einen Halbkreis. Er beobachtete, wie sie sich den Hang hinabbewegten. Beobachten, abwarten – es geschah unwillkürlich. In diesem Moment existierte für ihn einzig und allein der gelbe Widerschein im Nebel. 

Er öffnete das Gartentor. Auf dem Briefkasten stand in schwarzen Buchstaben: B. Nicolai, 520 Mesa Road. Er ließ den Namen auf sich wirken. Das Haus befand sich oberhalb der bepflanzten Terrasse, die in voller Blüte stand, ein Willkommenslicht brann- te im Fenster, gelb wie ein Nebellicht. Er ging die Steinstufen zur Eingangstür hinauf. Er musste einen kurzen Moment warten, er musste die wenigen Sekunden, bevor er den Türklopfer aus Messing betätigen würde, auf sich wirken lassen, er konnte nicht anders. Kaum hatte er geklopft, öffnete sich schwungvoll die Tür, und Brub stand vor ihm. 

Er hatte sich nicht verändert. Kurze dunkle Locken, markante Züge, ein Lächeln auf den Lippen, strahlende dunkle Augen, breite Schultern. Das Meer kam einem in den Sinn, wenn man ihn sah, er war immer gegangen wie ein Seemann auf schwankenden Bohlen. Vielleicht auch wie ein Boxer. Ein guter Boxer. So war Brub. 

Brub sah ihm in die Augen, gab ihm die Hand, seine warme Hand. »Na, du Schlawiner«, sagte er. »Was fällt dir eigentlich ein, dich erst jetzt zu melden? Lass dich ansehen!« 

Er wusste genau, was Brub jetzt sah, als stünde er vor einem Spiegel. Er sah einen jungen Mann, einen ganz normalen jungen Mann. Gebräunte Haut, dunkelblonde, leicht gelockte Haare, durchschnittlich groß und nicht zu dünn. Braune Augen. Nase und Mund, die sich gut in das Gesicht fügten, ein präsentables Gesicht, aber ohne besondere Merkmale, die es aus der Gewöhnlichkeit herausgehoben hätten. Er trug einen guten Gabardineanzug, für dessen Maßanfertigung er viel Geld bezahlt hatte, ein sandfarbenes Hemd mit offenem Kragen. Vielleicht gewann sein Gesicht – vor Aufregung und Glück darüber, dass er seinen alten besten Freund wiedersah – in diesem Moment an Kontur. Unter normalen Umständen war es ein Gesicht, das man wieder vergaß. 

»Lass dich ansehen!« Weil Brub einen halben Kopf kleiner war als Dix, musste er seinen Blick ein wenig nach oben richten. Schweigend nahmen sie sich in Augenschein, zufrieden mit dem, was sie sahen, und fingen im selben Moment zu reden an. 

»Du hast dich kein bisschen verändert.« 

»Jetzt komm schon rein.« 

Brub führte ihn aus dem Halbdunkel des einladenden Flurs in das hell erleuchtete Wohnzimmer. Dix hielt plötzlich inne. Es war doch nicht alles beim Alten geblieben. Da war eine Frau. Eine Frau, die einen Anspruch darauf hatte, sich hier in diesem Haus zu befinden. 

Er sollte ihren ersten Anblick nie vergessen: eine schlanke junge Frau in einem schlichten cremefarbenen Kleid, vor dem weißen Kamin in einen großen, extravaganten Sessel geschmiegt. Das grün-violette Dekor erinnerte an tropische Blüten, die mit kirschrotem Gestrichel überzogen waren. Ihr kühlblondes, silbrig schimmerndes Haar war aus dem Gesicht frisiert und im Nacken aufgerollt. Sie war nicht auf die gewöhnliche Art gut aus- sehend, hatte ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und gerader Nase. Schöne Augen, blau wie das Meer, geschwungen wie Flügel, und wohlgeformte Lippen. Trotzdem war sie nicht eigentlich schön. In einer Bar oder einem Nachtlokal voller gut aussehender Frauen hätte sie keine Blicke auf sich gezogen. Sie wäre nicht aufgefallen. Sie wäre zu unscheinbar gewesen. Sie war vornehm, sie wollte nicht auffallen. 

Und sie war hier zu Hause, war die Herrin über dieses Refugium und schön in ihrer Genügsamkeit. Noch bevor die beiden etwas hätten sagen können, wusste er, dass Brub mit ihr verheiratet war. Wie sie gelächelt hatte, als die beiden den Raum betraten, und noch strahlender lächelte, als Brub sagte: »Sylvia, das ist Dix, Dickson Steele.« 

Sie gab ihm die Hand. »Von dem du immer sprichst. Guten Abend, Dix.« 

Dix ging einen Schritt auf sie zu, erwiderte ihr Lächeln, nahm ihre Hand. Nur in diesem ersten Moment ließ er sich etwas an- merken. Aber vermutlich fiel es nicht auf. »Guten Abend, Sylvia«, sagte er. Sie war aufgestanden, und sie war groß, so groß wie Brub. »Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du geheiratet hast?«, wollte er wissen. »Dieses wunderschöne Geschöpf einfach so vor mir geheim zu halten.« 

Brub lachte, und Sylvia ließ seine Hand wieder los. »Sie klingen genauso wie der Dix, von dem mir Brub erzählt hat.« Ihre Stimme war angenehm, hatte etwas Leuchtendes an sich, wie ihr Haar. »Trinken Sie ein Bier mit uns? Oder bleiben Sie ganz der eigensinnige Individualist und trinken Whiskey?« 

»Brub wird sich wundern«, sagte er, »ich nehme ein Bier.«


Die gemütliche Wohnzimmereinrichtung gefiel ihm, nur der Sessel war geschmacklos. Es gab zwei Sofas, eines grün wie Gras, eines leuchtend gelb. Ein heller Teppich lag auf dem glänzenden 

Parkett, und vor dem Fenster mit den Jalousien und den schweren weißen Vorhängen stand ein grüner Sessel. Ausgesuchte Kunstdrucke hingen an den Wänden: O’Keeffe, Rivera. Die Bar aus hellem Holz war diskret, aber gut erreichbar in der Ecke platziert. Sie verfügte offenbar über einen Kühler, die Bierflaschen waren beschlagen. 

Sylvia öffnete eine Flasche für ihn, schenkte ihm ein und stellte das Glas auf den Beistelltisch. Dann reichte sie auch Brub eine Flasche und schenkte sich selbst ein. Sie hatte schöne, schmale, im Umgang mit den Dingen besonnene und akkurate Hände. Ihren ganzen Körper bewegte sie besonnen und akkurat. Es musste herrlich sein, mit ihr zu schlafen, ohne jede unnütze Regung, in absoluter Stille. 

Als ihm klar wurde, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war, fragte er noch einmal: »Wieso hast du mir nicht erzählt, dass du geheiratet hast?« 

»Wieso ich dir nichts erzählt habe?«, polterte Brub los. »Du hast vor sieben Monaten angerufen, im Februar. Am achten Februar, um genau zu sein. Kurz nachdem du angekommen warst. Du hast gesagt, du würdest dich wieder melden. Sobald du ein Apartment gefunden hättest. Danach habe ich nichts mehr von dir gehört. Drei Tage nach unserem Telefonat bist du aus dem Ambassador ausgezogen, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Wie hätte ich dir davon erzählen können?«
Dix lächelte, richtete den Blick auf das Bier in seiner Hand. 

»Spionierst mir wohl nach, was?« 

»Ich wollte wissen, wo du steckst, du Spinner«, sagte Brub fröhlich. 

»Wie früher, Sylvia«, sagte Dix. »Brub hat immer ein Auge auf mich gehabt. Wie ein großer Bruder.« 

»Den hattest du auch nötig.«
Dix wechselte das Thema. »Also, seit wann seid ihr unter der 

Haube?«
»Diesen Frühling waren es zwei Jahre«, sagte Sylvia.
»Wir haben eine Woche und drei Tage nach meiner Rückkehr geheiratet. Früher ging es nicht, weil Sylvias Termin im Schönheitssalon auf sich warten ließ.« 

»Ein Termin, den sie zweifelsohne nicht nötig hatte«, sagte Dix und lächelte. 

Sylvia erwiderte sein Lächeln. »Auf sich warten ließ wohl eher die Gebühr fürs Standesamt. Brub hat noch den letzten Dollar für Blumen und Geschenke ausgegeben und darüber ganz ver- gessen, dass eine Trauung etwas kostet.« 

Eine angenehme Unterhaltung bei kühlem Bier an einem behaglichen Ort. Zwei Männer. Eine reizende Frau. 

»Warum habe ich damals gekämpft, was glaubst du? Weil ich zurück zu Sylvia wollte.« 

»Und Sie, Mr. Steele, wofür haben Sie gekämpft?« Ihr Lächeln war im Grunde nicht zurückhaltend, sie ließ es nur so erscheinen. 

»Für Wochenendausflüge nach London«, sagte Brub.
 Dix ignorierte diese Bemerkung. Er wollte ihr ehrlich antworten, sie beeindrucken. »Das habe ich mich oft gefragt, Sylvia. Warum haben wir gekämpft? Weil es unsere Pflicht war, vielleicht? Aber ich bin nicht eingezogen worden, ich habe mich freiwillig gemeldet. Wahrscheinlich bin ich in den Krieg gegangen, weil alle in den Krieg gegangen sind. Weil alle zum Air Corps wollten. Auf dem College wollten alle unbedingt Piloten werden. Ich war in meinem zweiten Jahr in Princeton, als es losging. Ich wollte auf keinen Fall etwas verpassen.« 

»Brub war in Berkeley«, sagte sie. »Sie haben recht, alle sind damals in den Krieg gegangen.« 

Sie waren jetzt in sicheren Fahrwassern, sprachen über ernste Themen. Brub machte für Dix und sich selbst noch zwei Bier auf. 

»Wir sind in den Krieg gegangen, weil man das eben so gemacht hat, jedenfalls dachten wir das. Wir sind keine wehleidige Generation, Dix. Wir zetern nicht, wenn uns jemand piesackt. Aber unser Selbsterhaltungstrieb ist einer der wenigen Urinstinkte, die wir noch haben. Und was auch immer wir damals dachten – wir haben uns verteidigt. Und das wussten wir auch.« 

Dix stimmte ihm nachdenklich zu. Man musste in diesem Haus nicht derselben Meinung sein. Niemand war beleidigt, wenn man sagte, was man dachte. Es gab hier keine Wut und nichts, was wütend machte. Obwohl eine Frau anwesend war. Vielleicht gerade deswegen. Sie hatte etwas Sanftes an sich. 

Wie aus großer Entfernung, wie durch einen grauen Nebelschleier drang Sylvias Stimme zu ihm. »Brub sucht immer nach dem verborgenen Motiv, wahrscheinlich ist er deswegen Polizist geworden.« 

Er war wieder hellwach. Das Wort bohrte sich wie ein eisiger Speer in sein Gehirn. Er hörte, wie er das kalte, harte Wort wiederholte: »Polizist?« Aber sie schöpften keinen Verdacht. Sie glaubten, er sei überrascht, was er auch war, aber es war mehr als das, er war verstört, entsetzt. Sie waren diese Reaktion gewohnt. Schließlich war es kein Scherz, sondern die Wahrheit. Brub lächelte entschuldigend. Seine Frau lachte, und aus ihrem Lachen sprach Stolz. 

»Es stimmt!«


»Aber Darling, ich bin kein Polizist, ich bin Ermittler.« 

Momente wie diesen beherrschten sie gut, es fiel ihnen leicht. 

Dix war derjenige, der sprachlos war und auf ein Stichwort wartete. Ungläubig wiederholte er das Wort. »Ermittler?« Der Schock und die Lähmung waren vorbei. Er konnte sich jetzt an- gemessen belustigt zeigen. 

»Ermittler, ja. Frag nicht, warum. Alle wollen wissen, warum, aber ich kann’s dir nicht sagen, Dix.« 

»Ihm fehlt noch das zugrunde liegende Motiv«, sagte Sylvia. 

Brub zuckte mit den Schultern. »Das stimmt so nicht. Mein Motiv heißt Arbeitsscheu. Das Lebensmotto der Nicolais. Steht schon auf unserem Familienwappen.«


»Der große, gesunde Kerl legt eben am liebsten die Füße hoch«, sagte Sylvia.
In ihrem Schlagabtausch glichen die beiden zwei gut aufeinander eingespielten Radiomoderatoren.


»Mein alter Herr war Großgrundbesitzer und musste nie einen Finger krumm machen. Das Geschäftsmodell ist mir aber zu verstaubt, ich wollte etwas anderes machen. Meine Schwestern haben kurzerhand reich geheiratet. Warum ich das nicht auch in Erwägung gezogen habe, ist mir ein Rätsel.« Er sah zu Sylvia. »Mein ältester Bruder, Raoul, ist übrigens Investmentberater. Jedenfalls steht das in Goldschrift auf seiner Bürotür.« 

»Brub«, warnte ihn Sylvia mit einem Lächeln. 

»Raoul geht um zehn ins Büro, manchmal auch später. Macht die Post auf. Spielt dann zwei Runden Squash. Duscht und rasiert sich. Danach Lunch. Schön gemütlich, versteht sich. Danach Mittagsschlaf, eine Partie Bridge, und schon ist der Tag vorbei. Schwerstarbeit.« 

Brub nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Dann wäre da noch mein Bruder Tom. Tom spielt Golf und arbeitet nebenbei als Rechtsanwalt. Er vertritt ausschließlich Flugsaurier, die Flurschäden angerichtet haben. Aber weil Flugsaurier üblicherweise zu beschäftigt sind, um Flurschäden anzurichten, hat er sehr viel Zeit zum Golfspielen.« Er trank noch einen Schluck. »Und ich bin Ermittler geworden.« 

Dix hörte ihm lächelnd zu, fixierte dabei das Glas in seinen Händen. Lauter Fragen brannten ihm unter den Nägeln, an je- dem Finger ein kleines Feuer. Brub schwieg, erwartete eine Reaktion. »Da hast du dir also einen unkomplizierten Job ausgesucht. Keine Aktienkurse. Keine Paragrafen. Sherlock Nicolai. Und? Ist es so, wie du’s dir vorgestellt hast?« 

»Überhaupt nicht!«, jammerte Brub. »Ich muss richtig schuften.« 

»Sie kennen doch Brub«, seufzte Sylvia. »Halbe Sachen gibt es bei ihm nicht. Wenn ermittelt wird, dann richtig.« 

Dix lachte und stellte sein Glas auf den Beistelltisch. Es war Zeit zu gehen. Die Nicolais vorerst sich selbst zu überlassen. »Dann wäre mein Metier vielleicht auch etwas für Brub gewesen.« Die beiden sahen ihn fragend an. »Wie 93,5 Prozent aller Veteranen schreibe ich ein Buch.« 

»Die Stadt ist voller Autoren«, sagte Sylvia. 

»Anders als 92,5 Prozent schreibe ich aber nicht über den Krieg. Ich schreibe auch nicht meine Memoiren. Ich versuche mich an einem Roman.« Vortreffliche Wahl. Sie hatten ja keine Ahnung, wie gerissen er war. Er log nicht aus dem Bauch heraus, nein. Sondern kühl und wohlüberlegt. »Deswegen haben wir uns auch so lange nicht gesehen. Wenn der Roman fertig werden soll, muss ich dranbleiben. Wir sind so gut wie unzertrennlich, meine Schreibmaschine und ich.« Er lächelte. »Ein Jahr hat mir mein Onkel gegeben. Er will sehen, wie weit ich komme. Also schreibe ich.« Er stand auf. Eigentlich hatte er sich ein Taxi rufen wollen. Aber wenn Brub gewusst hätte, dass er nicht mit seinem Wagen gekommen war, hätte er womöglich darauf bestanden, ihn zur Bushaltestelle zu bringen, um herauszufinden, wo Dix in etwa wohnte. Und ein kleiner Spaziergang machte Dix nichts aus. Er würde schon zurückfinden. 

»Ich sollte mich wieder an die Arbeit machen.«
 

Die beiden protestierten halbherzig, versuchten aber nicht, ihn umzustimmen. Das junge Glück wollte für sich sein, außerdem musste Brub früh aufstehen. »Brub muss doch ausgeruht sein, wenn sich die Ordnungshüter von Santa Monica mit Ermittlungserfolgen rühmen wollen, stimmt’s?«, fragte er mit Hintergedanken. 

»Santa Monica? Von wegen. Ich bin beim L. A. Department.« Brub plusterte sich auf. Jetzt war Dix im Bilde. Beim L.A. Department also. 

»Dann musst du erst recht schlafen. Gibt sicher viel zu tun, oder?« 

Mit einem Mal wirkte Brub ernst und erschöpft. »Sehr viel sogar«, sagte er. 

Dix lächelte. Aber Brub wusste nicht, warum. Er mag wie ein großer Bruder für ihn gewesen sein, aber er hatte nie alles über ihn gewusst. Bestimmte Dinge behielt man besser für sich. Geheimnisse sorgten für Abwechslung. 

»Also, wir sehen uns«, sagte er und öffnete die Tür, aber noch konnte er nicht gehen. 

»Moment«, sagte Brub, »deine Telefonnummer.«


Dix hatte keine Wahl. Er gab sie ihm, ohne zu zögern. Jedes noch so kurze Zögern wäre aufgefallen. Ihm oder der scharf- sichtigen Frau im Hintergrund, die ihn im Auge behielt. Er wiederholte seinen Abschiedsgruß. Dann war er allein, ging tastend die Stufen hinab, in die Dunkelheit, in den klammen, undurchdringlichen Nebel. 

Tags :