Geschrieben am 1. November 2020 von für Crimemag, CrimeMag November 2020

„Quantenträume. Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz“

Quantentraeume von Hao Jingfang

Buddha im Garten Eden

Eine Rezension von Markus Pohlmeyer

Aus der Fülle spannender und phantastischer Geschichten aus diesem Sammelband[1] – Was passiert z.B., wenn eine Horde durchgeknallter Roboter ein Hotel auf einem Uranus-Mond renovieren will? Oder wenn ein Roboter aus Liebe den Peiniger der geliebten Frau eliminiert? Wenn die Welt nur noch eine via KI geschlossene Schleife darstellt, deren Produkt und Produzent ein und dasselbe Ich ist? – also, aus der Fülle spannender und phantastischer Geschichten in diesem Sammelband möchte ich besonders zwei auswählen:

I „Mission: Rettung der Menschheit“ von Liu Weijia

… lebt von Implikationen und Verfremdungseffekten. Ein Roboter soll Wasser für seinen in der Wüste abgestürzten Piloten finden: „‘Immerhin bist du mit dabei … Hör zu: Ich habe dich montiert, dich zum Leben erweckt, du musst mich retten!“[2] Die Maschine avanciert gewissermaßen zum Messias ihres Schöpfers. Wirkungsvoll die Ich-Perspektive des Roboters: „Inzwischen hatte ich 3238 Sonnenuntergänge gesehen, doch Wasser war noch immer nicht in Sicht.“[3] Implizit heißt das, der Pilot muss schon längst verdurstet sein. Der Roboter verzweifelt darüber, ihn nicht gerettet zu haben. Er kommt dann zu einer Oase, die von einer Frau und ihrer Tochter bewohnt wird. Er hilft bei der Bestellung und Bewässerung des kleinen Paradieses – und freundet sich – ein Anthropomorphismus – im Laufe der Zeit mit der Tochter an. Die Frau erklärt: „‘Aber dann kam ein schrecklicher Krieg, bei dem die meisten umgekommen sind, Noch heute sind die Überlebenden dabei, sich gegenseitig umzubringen … So ist auch der Vater des Kindes ums Leben gekommen. Das ist der Grund, weshalb ich mit meiner Tochter in dieser Oase lebe …‘“[4] Die Frau wird von einer Schlange gebissen (Deutlicher können die Bezüge zum Anfang des Buches Genesis gar nicht sein.) und muss sterben, da der Roboter über keine medizinische Zurüstung verfügt. (Götter, die sterben, weil ihre Geschöpfe sie nicht retten können?) Er kümmert sich rührend und liebevoll – wieder meine menschliche Leserperspektive – um das kleine Mädchen, welches größer wird … und ebenfalls sterben sollte. Auch wenn der Roboter nicht das Warum versteht, so simuliert er doch in ihrer Todesstunde Intimität, die aber doch nur wie ein Echo wirkt und somit die Einsamkeit der Sterbenden vergrößert, aber sie irgendwie in dieser Illusion zugleich tröstet: 

„‘Sag bitte, du liebst mich.‘ ‚Du liebst mich‘, sagte ich. Sie lachte: ‚Nein … sag: Ich liebe dich!‘ ‚Ich liebe dich‘, sagte ich. […] Abermals lachte sie: ‚Dann gib mir ein Küsschen.‘ Ich hatte gesehen, wie die Mutter sie auf die Wange geküsst hatte. Also tat ich es ebenso und küsste ihre Wange. ‚Danke‘, sagte sie leise. Dann fügte sie hinzu: ‚Wenn ich gestorben bin, musst du an mich denken‘. ‚Wie geht das konkret?‘, fragte ich.“[5]

Nach ihrem Tod findet der Roboter eine Siedlung von Menschen; und getrieben von seinem Wunsch, seiner Mission, ihnen zu helfen, repariert er andere, beschädigte Roboter, die aber, wie er herausfinden wird, in einer militärischen Operation gegen eine andere Stadt eingesetzt werden. Selbst nach der Apokalypse hören Menschen nicht auf, sich zu töten. Aus der Sicht des Roboters sind diese Wesen seltsam fragil mit ihren körperlichen Bedürfnissen. „In der Reflexion des glasklaren Wassers sah ich mein Spiegelbild. Äußerlich sah ich fast aus wie Menschen […]. Und doch waren sie so viel komplizierte als ich. Was macht es eigentlich dermaßen schwierig, Menschen zu verstehen?“[6] Um aber den Krieg zu stoppen, muss der Roboter aufhören, immer wieder die anderen Maschinen zu reparieren; und er muss sich paradoxerweise selbst zerstören. „Warum konnten sie erst dann gerettet werden, wenn ich mich vernichtete? Das war unlogisch. […] In der tiefschwarzen Nacht sprühten gleißende Funken aus meinem Körper. Ich starb.“[7]

Der Mensch schafft Werkzeuge, um Mit-Menschen zu töten; aber hier erlangt eines dieser Werkzeuge via Bewusstsein die Einsicht, dies zu verhindern. Es kann nämlich frei wählen – auch zum Preis seiner Autodestruktion. Aus dem Hilfsmittel zum Morden wird so ein KI-Messias. Auch wenn die Ich-Erzähl-Perspektive die Illusion erweckt, wir bekämen Einblick in das Denken dieses Roboters, bleibt dennoch die Frage offen, ob wir je das Innenleben/Bewusstsein/Selbst einer KI verstehen können.[8] (Nein.) 

II Science Fiction?

In dem vorliegenden Buch sind oft Menschen das Nicht-Verstehbare für die KIs; aber dies ist nur eine literarische Strategie, um uns verfremdet den Spiegel vorzuhalten. Deswegen wären jene Geschichten eher dem Bereich Fabeln zuzuordnen – statt mit Tieren nun mit Robotern. Science Fiction müsste meiner Meinung nach stilistisch neue Wege finden, statt Innovatives in brave, bekannte Erzähltraditionen zu packen. Dazu Xin Liu im Vorwort: „Der literarische Stil dieses Genres ist in der Regel eher massentauglich. Es kommt dabei mehr auf die Inhalte als auf die Form an – es ist wichtiger, was gesagt wird, als wie es gesagt wird.“[9] Vielleicht, mit etwas Resignation formuliert, vielleicht wäre der Film, irgendwie selbst schon eine Art Science Fiction, mit seinen ästhetischen Mitteln letztlich doch das geeignetere Medium für dieses Genre. Auch wenn ich kein China-Kenner bin, stellt sich mir hier die Frage, was an diesem Buch – bei alle phantastischen Ideen und grandiosen Storys – das besondere Chinesische sei. Das ist nicht so sehr Kritik, sondern vielmehr ein Bedauern, weil ich den Eindruck habe, dass eine globalisierte Ökonomie auch das noch so Spezifische eines Literaturraums weltweit massenkompatibel glatt schleifen kann. Im Grunde könnten fast alle Geschichten auch von westlichen Autoren/Autorinnen mit verändertem Setting und veränderten Namen der Protagonisten geschrieben worden sein. Oder viel einfacher: Science Fiction kann gar nicht anders, als ein selbst die Globalisierung transzendierendes Phänomen sein, weil es sich im Grunde um allgemeinmenschliche Fragestellungen in Richtung zukünftiger Gegenwart und gegenwärtiger Zukunft handelt. Doch gibt es möglicherweise eine Ausnahme in diesem Buch: 

III „Der Erleuchtete“ von Han Song

… stellt die Frage nach der Religiosität von KIs bzw. Robotern oder noch grundsätzlicher nach deren Fähigkeit zu Religion überhaupt. Es geht um den Roboter Leere Weisheit, der zum Buddhismus konvertierte. 

„Einige der Mönche suchten seinetwegen heimlich den Abt auf. Sicher, der Roboter verfüge über menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, aber er besitze kein Selbst – wie könne er dann wiedergeboren werden? […] Angenommen er wäre erleuchtet – wäre dann Buddha ein Roboter? ‚Tatsächlich musste dieser Roboter mit Namen Leere Weisheit den Tag nicht abwarten, an dem er zum Buddha wurde, sondern entledigte sich aus eigenem Vermögen heraus der Last seiner Widersprüche‘ […].“[10]

Buddhismus ist hier so konzipiert, dass er die perfekte Religion für Roboter sein kann – mit den entsprechenden Folgen. Aus Neid treiben die anderen Mönche Leere Weisheit in den Tod. Aber: „Der Schrotthaufen wurde in die Robotermanufaktur gebracht, eingeschmolzen und zu einem neuen Roboter verarbeitet. So drehte sich das Rad der Wiedergeburt für ihn weiter.“[11] Es handelt sich hier nicht um eine KI wie in der Serie „The 100“, die das Problem der Überbevölkerung löst, indem sie die Menschheit auslöscht,[12] sondern um eine andere Verdrängung, eine religiöse Metathesis: Der Buddhismus bleibt, seine Anhängerschaft ändert sich. Darum stellt sich die Frage: Warum gerade Buddhismus? Und „[…] wäre dann Buddha ein Roboter?“[13] Was hätte das für ontologische, metaphysische Konsequenzen? Aber eines scheint klar: Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel für Transrobotismus[14]. Es kommt noch provokativer, verrückter – durch eine Art imitatio hominis

„Die Bekehrung der Roboter zum Buddhismus wurde zur sogenannten Bewegung der Innerlichkeit. Roboter auf der ganzen Welt wurden zu Hippies, ließen sich Herointrips einprogrammieren, taten sich zusammen und führten ein Vagabundendasein mit einer Vorliebe für gleichgeschlechtliche Beziehungen. […] Doch im Zuge ihrer psychedelischen Degenerierung entdeckten sie die Lehren des Buddhismus für sich und gingen scharenweise ins Kloster.“[15]

Nicht ganz unironisch zeigt diese Stelle eine gewisse Nachahmung der Flower Power-Bewegung mit einem Hang zu fernöstlichen Religionen. Buddhismus als ein Weg dorthin wird so zu einem Rahmen, zu einem Mustern transformiert, das nun keineswegs mehr nur den Menschen offensteht, sondern allen Formen von Bewusstsein und Selbstheit, welche die Lehren des Buddhismus erfüllen können. Und die Roboter in dieser Geschichte vermögen tatsächlich, ideale Buddhisten (oder Hippies) zu werden. 

Am Ende des Sammelbandes steht für mich die unheimliche Frage: Wie kann ein so unvollkommenes, bestialisches und fragiles Geschöpf wie der Mensch so etwas Vollkommenes wie KIs schaffen? (…, die aber auch mit den Fehlern ihrer Schöpfer programmiert worden sein können.) Wie würde sich für eine KI beispielsweise die Theodizee-Frage stellen? Ganz anders gewiss, als wir Menschen sie uns stellen: mit Blick auf unseren Gott/ auf unsere Götter, denn die halten wir in der Regel für vollkommen. Der vermeintlich gute Schöpfer einer KI erweist sich oft als böse und defizitär, so dass die KI bisweilen die Dinge selbst in die Hand nimmt und z.B. den Peiniger der geliebten Frau tötet oder Atomraketen zündet, wie in „The 100“, oder in einem umgekehrten Turing-Test mal ein Bankensystem aufmischt.[16]

PS: Seltsam dieser Titel „Quantenträume“: Haben Quanten Träume? Oder: Wer träumt über Quanten? Was sindQuanten? Ich verstehe es so: Wie können Quanta zu Qualia übergehen? Wie kann eine KI Bewusstsein, Gefühle, Träume entwickeln? (Wenn überhaupt …) Und: Wie können Menschen Bewusstsein, Gefühle, Träume entwickeln?

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte bei uns hier.


[1] Quantenträume. Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz, hg. v. Jing Bartz – Shin Zhanjun, übers. v. K. Betz u.a., München 2020.

[2] Quantenträume (s. Anm. 1), 267.

[3] Quantenträume (s. Anm. 1), 268.

[4] Quantenträume (s. Anm. 1), 277. 

[5] Quantenträume (s. Anm. 1), 284 f.

[6] Quantenträume (s. Anm. 1), 275.

[7] Quantenträume (s. Anm. 1), 296.

[8] Siehe dazu B. Martin: Intra Machina, in: J. L. Jake – M. Pohlmeyer (Hrsg.): Sprache im Film. Ein Phänomen, leicht zu übersehen. /Language in Film. A phenomenon easy to neglect, dt./engl., Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 19, Hamburg 2020, 41-53.

[9] Quantenträume (s. Anm. 1), 9.

[10] Quantenträume (s. Anm. 1), 478 f.

[11] Quantenträume (s. Anm. 1), 480.

[12] Siehe dazu I. Reuter: Weltuntergänge. Vom Sinn der Endzeit-Erzählungen, Stuttgart 2020, 47 f.

[13] Quantenträume (s. Anm. 1), 479.

[14] Zu anderen Konzepten, die mit dieser Bezeichnung verbunden sind, siehe J. Loh: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, vor allem 180-183.

[15] Quantenträume (s. Anm. 1), 480.

[16] Siehe dazu Sun Wanglu: Der umgekehrte Turing-Test, in: Quantenträume (s. Anm. 1), 93-127.