Geschrieben am 1. Mai 2020 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2020

non fiction, kurz – 05/2020

Sachbücher, kurz und bündig

Sekundärliteratur ist unerlässlich, wenn man nicht nur konsumieren will. Sonja Hartl (SH), Alf Mayer (AM), Peter Münder (PM) und Thomas Wörtche (TW) waren auf einem Streifzug im Revier unterwegs – und besprechen:

Hannes Brühwiler (Hg): The Sound of Fury – Hollywoods schwarze Liste
Christina Clemm: AktenEinsicht
Mike Davis: Set the Night on Fire. L.A. in the Sixties (folgt)

Vilém Flusser: Vom Stand der Dinge (folgt noch)
Future Food. Essen für die Welt von Morgen (folgt noch)
Allen Glover: TV Noir. Dark Drama on the Small Screen (folgt)

Stuart Hall: Vertrauter Fremder (folgt noch)
Walter Hollstein: Das Gären im Volksbauch (folgt noch)
Harry Graf Kessler: Erinnerungen eines Europäers (folgt)
Richard King: Ahab’s Rolling Sea. A Natural History of „Moby Dick“ (folgt)
Helen Lewis: Difficult Women
Andrew Nette: Rollerball (folgt noch)
Adam Sisman (Hg): Patrick Leigh-Fermor: Flugs in die Post!

Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber
Margrit Sprecher: Irrland. Reportagen
Matthias Uhl et al (Hg): Die Organisation des Terrors

Fundamental

(TW) Filmhistorisch gesehen, gibt es neben dem Film noir den Film gris: „Mit den Femmes Fatales, Nachtclubs und wortkargen Gangstern kontrastiert der Film gris Männer, die arbeitslos sind, und Frauen, die versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten. Luxus weicht heruntergekommenen Örtlichkeiten, die die ökonomischen Hintergründe nur noch deutlicher hervorheben.“ So beschreibt Hannes Brühwiler in dem von ihm herausgegebenen, kapitalen Band The Sound of Fury – Hollywoods schwarze Liste eine Strömung im Hollywood-Kino der 1930er, 40er und 50er Jahre, die sich vor allem mit ihrer expliziten Sozialkritik am American Dream in bestimmten Kreisen unbeliebt gemacht hatte. Ob der Unterschied zum Film noir tatsächlich so einfach zu beschreiben, ist angesichts der inhaltlichen und ästhetischen Schnittmengen und angesichts der Köpfe hinter den Filmen, ein bisschen gewagt, aber darum geht es nicht wirklich. Es geht in dem mehr als überfälligen Sammelband um die Reaktionen rechtskonservativer Kreise gegen ein emanzipatorisches, antifaschistisches, antikapitalistisches Kino, die letztendlich in den McCarthy-Anhörungen und der berühmten Schwarzen Liste gipfelte, die Karrieren und Existenzen zerstörten.

Neben allgemeineren Analysen der Situationen, bietet Brühwilers Band genaue Filmbeschreibungen und 56 Biographien der „Opfer der Blacklist“. Ich kenne kein anderes Kompendium, das diese filmgeschichtliche Periode so ausführlich und kompetent behandelt.  Allein das macht den Band unverzichtbar. Evidentermaßen handelt es sich dabei natürlich nur ein verstaubtes Stück Historie, sondern die Analysen der repressiven Mechanismen, die damals zum Einsatz kamen, sensibilisieren entschieden für heutigen Bemühungen, Kunst und Kultur, die nicht breitenkonsensual ist, zu marginalisieren und letztendlich „auszutrocknen“.  Das gilt nicht nur für kulturpolitische Delirien der AfD, sondern auch für andere Versuche, Kultur im Sinne von unkritischer Konsumierbarkeit zu steuern. Geschichte wiederholt sich nicht, aber man kann und muss aus Geschichte lernen. Diese Binse wird nicht unwahr, weil sie eine Binse ist. Und nebenbei macht der Band auf Filme aufmerksam, die man dringend verfügbar machen sollte – dass sie es nicht oder immer noch nicht oder nicht mehr sind, ist nicht nur beklagenswert, sondern sagt auch etwas über die Tendenzen von profitorientierten Streamingdiensten, TV-Programmen und anderen Distributoren aus. Kunstwerke unsichtbar zu machen oder zu halten, ist per se schon ein regulativer, restriktiver Akt. Brühwilers hervorragend illustrierter Band hält dagegen.

  • Hannes Brühwiler (Hg): The Sound of Fury – Hollywoods schwarze Liste.  Bertz+Fischer, Deep Focus 32, Berlin: 2020. 278 Seiten, viele Abb., 25 Euro.

War ganz aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht

(AM) Kafka infizierte sich damit am 14.10.1918 in Prag – und überlebte, auch Ezra Pound hatte Glück. Guillaume Apollinaire starb daran. Donald Trump wäre ohne sie nicht der, den wir nun ertragen müssen. Großvater Friedrich erlag mit 49 der „Spanischen Grippe“, sein Sohn Fred erbte jung und begründete so ein Immobilienimperium. Das Leben eines fast jeden heutigen Erdenbewohners ist von dieser Pandemie beeinflusst (zwei Brüder meiner Großmutter zum Beispiel starben), unser kollektives Gedächtnis aber weiß so gut wie nichts mehr davon. Schon gar nicht vom Ausmaß.

1918, das ist für uns das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Es war aber auch das Jahr mit dem größten Massaker der Menschheitsgeschichte. Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdling: 500 Millionen Menschen. In drei Wellen schwappte sie um die Welt. Zwischen dem ersten gemeldeten Krankheitsfall am 4. März 1918 und dem letzten zwei Jahre später tötete der Grippevirus 50 bis 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung. Das stellt die Toten des Ersten (17 Mio) und des Zweiten Weltkriegs (60 Mio) zusammen deutlich in den Schatten. Die USA verloren mehr Soldaten an die Grippe als auf den Schlachtfeldern, an der Westfront infizierten sich drei Viertel der französischen Truppen und 900.000 deutsche Soldaten.

Gut 80.000 Bücher gibt es über WW I, ganze 400 bisher nur über die weltumspannende Fieberepidemie. Ein mehr als seltsamer kollektiver Gedächtnisverlust, dem die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney mit 1918. Die Welt im Fieber mit einer Vielfalt von Instrumenten zu Leibe rückt. Ihr 2018 erschienenes Buch ist ein Glücksfall: klug und anschaulich, weiblicher Blick, interdisziplinär, weltoffen, abgeklärt, sinnlich und rasend spannend. Eine weltumspannende Detektivgeschichte. (Wie überhaupt dieser Stoff ein gewaltiges Feld für Kriminalliteratur wäre.)

Linney hat die politischen und kulturellen Verwerfungen mit im Blick: den gesellschaftlichen Aufstieg von Egoismus & Kaltherzigkeit – Mitleid konnte schließlich tödlich sein – ebenso wie die neue Liebe zum Frischluftsport und die geradezu obsessive Beschäftigung der Künstler des 20. Jahrhunderts mit den vielfältigen Arten, auf die der menschliche Körper versagen kann. Möglicherweise, das müsste eine weitere Tiefenbohrung prüfen, hat unsere kollektive, Einschaltquoten und Bestseller gehärtete, unleugbare Krimilust an Tod & nur temporärem Mitleid ja hier eine ihrer Wurzeln. Linneys letztes Kapitel geht nicht umsonst übers Erinnern. Philipp Bloom ist beizupflichten: Tatsächlich ein historisches Werk, dem es gelingt, eine Zeit, über die schon alles gesagt schien, neu zu beleuchten.

Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte (Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World, 2017). Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Carl Hanser Verlag, München 2018. 378 Seiten, 26 Euro. Verlagsinformationen.

Terror pur

(TW) Es gibt Menschen, die haben schlotternde Angst vor Bürokraten, ich weiß das, ich gehöre dazu. Das mag eine Idiosynkrasie sein, aber eben nicht nur. Es gibt historische Gründe – einer heißt Nationalsozialismus, der vieles Schreckliche war, und sich unter anderem auf eine irrsinnige Bürokratie stützen konnte. Der mörderischste Bürokrat war vermutlich der Reichsführer SS Heinrich Himmler. Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943 – 1945, herausgegeben von Matthias Uhl et al (Piper) ist eine extrem beklemmende Lektüre. So sieht also Terror aus, wenn man ihn im Terminkalender betrachtet. „Sonnabend, 19. Juni 1943: 09:00 Uhr – aufstehen. 10:45 Uhr – Friseur. 11:00 Uhr – gearbeitet. 14:00 Uhr – Fahrt zum Berghof. 14:30 Uhr – Essen beim Führer. 15:30 Uhr – Vortrag beim Führer; anschließend Tee“.  Tag für Tag, Holocaust und Friseur, Völkermord und Tee – das ist natürlich nichts Neues, zeigt aber in seiner bürokratischen Materialisation in schockierender Deutlichkeit die Geisteshaltung, die dahintersteht. Für Historiker eine wertvolle Quelle, weil hervorragend editiert und kommentiert. Und eben das Psychogramm eines „intriganten, kleinlichen, pedantischen, nachtragenden, schulmeisterhaften, verbissenen und mitunter skurrilen Bürokraten“, dessen „Qualitäten“ ihm auch unterhalb des Holocaust zur Karriere in autoritären Hierarchien gefrommt hätten. Nein, nicht alle Bürokraten sind kleine Himmlers, aber Himmler ist – auch – ein schrecklich folgerichtiges Produkt eines prekären Systems, das pausenlos der demokratischen Kontrolle bedarf. 

  • Matthias Uhl et al (Hg): Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943 – 1945. Piper Verlag, München 2020. 1152 Seiten, 48 Euro.

Must read!

(TW)  Patrick Leigh Fermors „Die Entführung des Generals“, die Beschreibung einer Aktion der britischen Special Operations Executive auf Kreta, bei der deutschen General Kreipe entführt wurde und die Leigh Fermor leitete, ist ein Klassiker des True-Politthrillers (der Stoff, basierend auf einer anderen Vorlage von W. Stanley Moss, verfilmt als „Ill Met by Moonlight“, 1950, mit Dirk Bogarde als Leigh Fermor, immer noch sehenswert). Überhaupt – wer sich mit der Geschichte und der Kultur der Ägäis (Leigh-Fermors Herzenslandschaft) beschäftigt, kommt um ihn nicht herum. Denn PLF (so wird er im angelsächsischen Sprachraum abgekürzt), war eine Institution als Reiseschriftsteller, ein kluger, hochgebildeter, global vernetzter und neugieriger Intellektueller, der grandios schreiben konnte. Jetzt hat Adam Sisman eine Auswahl seiner gigantischen Korrespondenz herausgeben: Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen (im Zuge der gar nicht genug zu lobenden Leigh Fermor-Ausgabe bei Dörlemann), die den Zeitraum von 1940 bis 2010 abdecken.  Das ist kein Buch zum Durchlesen, sondern eher ein wunderbares Vademecum, ein schier unerschöpflicher Begleiter, wann immer man gerade, mürbe von hohler Pflichtlektüre, ein bisschen Weltoffenheit und elegante Prosa sucht.  Gehört klar in die Kategorie „Juwel“.

  • Adam Sisman (Hg): Patrick Leigh-Fermor: Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen (Dashing for the Post, 2016). Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.  Dörlemann Verlag, Zürich 2020. 704 Seiten, 44 Euro.

Gewalt gegen Frauen

(sh) Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland eine Frau umzubringen, jeden dritten Tag erreicht er sein Ziel. Das sind einige der harten Zahlen zu der alltäglichen Gewalt gegen Frauen, die ein strukturelles Problem dieser Gesellschaft ist, über das zu selten gesprochen wird. Die Anwältin Christina Clemm verbindet nun in ihrem Buch AktenEinsicht fiktionalisierte Geschichten von Frauen, denen von Männern Gewalt angetan wird, mit juristischen Informationen zu Rechtslagen und Gepflogenheiten.

Dieses Hintergrundwissen ist im Schriftsatz kleiner dargestellt, jedoch liegt hierin die große Stärke des Buchs – und an einigen Stellen wäre es wünschenswert gewesen, noch mehr zu erfahren. Alles ist sehr verständlich formuliert, zudem untermalen die acht exemplarischen Fallgeschichten die Schwierigkeiten, Lücken und Vorurteile, die in Prozessen, bei Strafverfolgungsbehörden und Beteiligten auftreten. Dabei wird sehr deutlich, dass allen Frauen Gewalt angetan wird – der Tochter aus gutem Hause ebenso wie der Prostituierten aus Bulgarien. Sie verbindet nicht nur, dass sie Frauen sind, sondern dass sie Männern begegnen, die überzeugt sind, dass sie ihnen gehören. Und dass dieser Besitzanspruch nach einem BGH-Urteil aus dem Jahr 2008 dafür sorgt, dass eine Tat nicht als Mord, sondern Totschlag angesehen wird, ist nur eine der bitteren Erkenntnisse dieses Buchs.

Christina Clemm hat mit AktenEinsicht ein grundlegendes Buch über Gewalt gegen Frauen geschrieben, das den Reform- und Veränderungsbedarf sehr deutlich werden lässt. Hoffentlich ist es nur ein Anfang für eine breitere, öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema.

  • Christina Clemm: AktenEinsicht. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 208 Seiten. 20 Euro.

Schwierige Frauen

(sh) Was genau ist eigentlich eine „schwierige Frau“ – eine „difficult woman“? Diese Frage stellt Helen Lewis am Anfang ihres anregenden Buchs Difficult Women. A History of Feminism in 11 Fights. Sie ist einfach zu beantworten. Ich kenne jede Menge Frauen, die als „schwierig” gelten, gelegentlich werde ich sogar selbst so bezeichnet. Tatsächlich aber steckt mehr hinter dieser Frage: Zum einen leben wir in einer Gesellschaft, die nach sehr klaren, beständigen Held*innen verlangt und deshalb Widersprüchlichkeiten in der Persönlichkeit kaum erträgt. Zum anderen werden gerade Frauen dazu erzogen, nett zu sein und zu lächeln. Likeability ist ein wichtiger – und hinderlicher – Faktor, gerade bei dem Blick auf historische Persönlichkeiten. Helen Lewis stellt nun schwierige Frauen aus der Geschichte des britischen Feminismus vor, die in ausgewählten Bereichen für Frauen gekämpft. Vom Kampf für das Wahlrecht über die Einrichtung erster Frauenhäuser bis hin zu Gleichberechtigung im Sport reichen die Themen, die vor allem einführen in die Geschichte. Deshalb gibt es vieles zu entdecken und zu erfahren. Vor allem aber spürt Helen Lewis den Ambivalenzen in Biographien und Position genau nach.
Besonders überzeugt ihr Buch in den Passagen, in denen Helen Lewis sich in guter anglo-amerikanischer Tradition selbst einbringt – durch passende Anekdoten, aber auch gut gesetze Provokationen. Der gegenwärtige Feminismus ist ihrer Meinung allzu oft „self-help under a thin, surgary glaze of activism“. Diese Spitze ist verbunden mit einer tiefen Wertschätzung für die feministischen Vorkämpferinnen, insbesondere der Frauen der Second Wave, deren Erkenntnisse und Errungenschaften in der geschichtsvergessenen Gegenwart allzu schnell abgetan werden. Jedoch stellt Helen Lewis auch eines klar: Feministinnen haben schon genug mit der Kritik von außen zu kämpfen. Deshalb wäre es an der Zeit, interne Differenzen zu ertragen – und sich auf das zu konzentrieren, worum es eigentlich geht.

Difficult Women erzeugt Reibung und Widerspruch, es bietet grundlegende Einblicke in die Geschichte des Feminismus in Großbritannien und bettet sie in die Gegenwart ein. Ein solches Buch für die Geschichte des Feminismus in Deutschland würde ich mir wünschen.

  • Helen Lewis: Difficult Women. A History of Feminism in 11 Fights. Jonathan Cape, London 2020. Ca. 19 Euro.

Wie wundersamer Balsam 

(PM) Die Schweizer Journalistin Margrit Sprecher hat in Irrland – nicht mit dem Land mit einem „r“ zu verwechseln – Reportagen von 2002-2020 zusammengetragen, die sie für Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung, Weltwoche und das Magazin Reportagen schrieb. Sie begleitete den US-Sammelkläger Ed Fagan auf Kundenfang in Österreich, besuchte den Jahrmarkt der Weltretter-Eitelkeiten in Davos, verfolgte einen Kongress von irrtümlich zum Tode Verfolgten in Chicago, porträtierte den  Trend-Guru und Kaffeesatz-Leser Matthias Horx und versuchte, dem neuen Mussolini-Hype in Italien auf die Spur zu kommen. 

In Amerika gilt Sammelkläger Ed Fagan als ruppig und umtriebig, in Europa als geradezu obszön in seiner maßlosen Geldgier. Investoren wetten auf ihn wie auf ein Rennpferd, was ihn offenbar stark motiviert und seine Forderungen gegenüber Banken und gegen die österreichische Gletscherbahn noch weiter in die Höhe schraubt. In Salzburg traf er mit Angehörigen der 155 Opfer zusammen, die im Jahr 2000 bei Kaprun in der Gletscherbahn verbrannten. Damals war in der Bahn gegen alle Bestimmungen Benzin transportiert worden, das auf einer Heizplatte explodierte. Die potenziellen Kläger, die Fagan in Salzburg trifft, muss der gewiefte amerikanische Anwalt umgarnen wie ein Gebrauchtwagenverkäufer, der einen schrottigen Lada als Porsche 911GT2RS verscherbeln will. Denn die Deutschen und Österreicher, die noch unentschlossen sind, ob sie mit Fagan an einem amerikanischen Gericht klagen sollen, plagt das schlechte Gewissen: Kann man sich denn überhaupt den furchtbaren, qualvollen Tod eines Angehörigen  versilbern lassen? Andererseits: Haben die Bahnbetreiber nicht alle Anfragen, Briefe, Beschwerden der Opferangehörigen einfach ignoriert? „Sie behandeln euch wie Dreck! Sie lügen euch an! Eure Kinder, Frauen und Männer starben wegen Schlamperei und Profitgier! Dafür muss jemand bezahlen!“ So bearbeitet Fagan seine „Kunden“ –und er kann ja einige Erfolge vorweisen: Immerhin hatte er 1998 beim Vergleich der Schweizer Banken mit den jüdischen Sammelklägern 1.25 Milliarden Dollar herausgeholt. Und solche Zahlen überzeugen schließlich ­– über hundert Opferangehörige werden schließlich „Kunden“ des juristisch so ausgefuchsten Rambos.

Die subtil angelegten Porträts, die differenziert dargestellten Themen und die analytische Schärfe ihres Blicks machen die Qualität der Sprecher-Reportagen aus. Sie sondiert Themen und Situationen unter mehreren Aspekten und bohrt in tieferen Schichten, die oft verblüffende Wahrheiten offenbaren. Wie etwa beim Kongress der irrtümlich zum Tode Verurteilten in Chicago, wo sich 32 ehemalige Todestrakt-Insassen trafen, um ihre traumatischen Erlebnisse zu besprechen und sich dann herausstellt, mit welcher kriminellen Energie Polizisten jahrelang ihre Ermittlungsfehler vertuschen und falsche Beweise vor Gericht auftischen.

Margrit Sprechers Porträt des „Zukunftsforschers“ Matthias Horx zeigt auch ihr souveränes Ironie-Talent: Der Meister aller Kaffeesatzleser hatte ja schon vor Jahren das Ende von Internet und Facebook prophezeit – womit er für seinen Job ja auch optimal qualifiziert ist. Ihr Treffen mit dem Routinier, der seine Vorhersagen offenbar aus einem Versandhauskatalog bezieht, zeigt einen Spökenkieker, der angesichts einer alles überflutenden Trendschwemme zwar ziemlich ausgelaugt wirkt, dem aber dennoch kein Thema für seine Expertise zu exotisch ist. Wenn die Medien Prognosen zur Zukunft von Liebe, Sex und Familie haben wollen, liefert er eben seine Thesen über „Liquid Love“ oder über „co-evolutionäre Partnerschaften“ ab – auch wenn das dann im Blätterwald verballhorxt wird … 

Der jährlich stattfindende Zirkus in Davos, wo sich Wirtschaftskapitäne und Weltretter treffen, wird ja oft damit gerechtfertigt, dass es am Rande dieser Giga-Meetings auch zu längeren Diskussionen im kleinen Kreis kommt und wertvolle Kontakte geknüpft würden. Margrit Sprecher konterkariert diese Schönfärberei sehr lässig und präzise. Sie hat miterlebt und hier auch beschrieben, wie es beim Promi-Treffen oder dem Investor-Talk dann doch nur darum geht, einem Interessenten in Twitter-Manier „in zehn Sekunden die Schweiz zu erklären“.

Egal, ob die häufig ausgezeichnete Schweizer Reporterin die Folgen der geplatzten irischen Finanz-und Immobilien-Blase beschreibt oder den neuen Mussolini-Kult in Italien beim Treffen mit Enkelinnen des Duce erlebt: Diese Reportagen beeindrucken und begeistern, weil sie nie auf hastige Effekthascherei angelegt sind, und sich analytisch-scharfsinnig auf ein Thema und dessen vielschichtige Dimensionen einlassen. In diesen turbulenten Zeiten wirken diese Reportagen wie wundersamer Balsam, der subkutan verabreicht wird und beim Lesen das Sensorium für die Welt da draußen im engen Lockdown-Irrland schärft und gleichzeitig beruhigt.

  • Margrit Sprecher: Irrland. Die verkaufte Zukunft und andere wahre Geschichten. Reportagen. Dörlemann Verlag Zürich 2020. 270 Seiten, 22 Euro.

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