Posted On 15. November 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 515 Views

Netflix-Serie: Mindhunter — Sieben kleine Mörder

Menschen, die sich unterhalten

Von Katja Bohnet

Mann hält Frau mit abgesägter Schrotflinte in Schach. Mann ist psychisch auffällig und seit Wochen instabil. Mann will seine Frau sehen, die nicht nach Hause kam.

USA, 1977, städtisches Szenario. Der junge Holden Ford (Jonathan Groff), Typ Schwiegermutterschwarm/Saubermann, wird gerufen, weil er Spezialist des FBI für Geiselnahmen ist. Er begibt sich in die Schusslinie, hört dem Verwirrten zu, zeigt sich verständnisvoll. Gespräche, ruhige Bilder, beinahe in sepia. Die Geiselnahme eskaliert. Boom! Ein drastisches Bild, das hängen bleibt. Eine Ausnahmeszene in „Mindhunter“, in der tatsächlich gezeigt wird, wie jemand stirbt. Ansonsten glänzt Mord durch Abwesenheit. Es wird ständig darüber gesprochen, aber wie gemordet, wird — außer auf Tatortfotos — nicht gezeigt.

Das neue Ding auf Netflix heißt „Mindhunter“. Eine Serie, die sich dadurch auszeichnet, dass über weite Strecken nichts passiert. Die erste Folge schleicht sich ein, lässt den Zuschauer mit mehr Fragen, als Antworten zurück. Wer genau hinschaut, erkennt die Handschrift sofort: David Fincher als Produzent führt auch Regie. Er setzt nicht auf klassische Cliffhanger, mehr auf Verunsicherung. Das Vorbild „Se7en“ scheint überall durch. Finster die Atmosphäre, so dass selbst der helle Tag wie ein Kellerloch abgelichtet wird. Was „Mindhunter“ von „Se7en“ unterscheidet, ist der fast vollständige Verzicht auf Handlung. Menschen unterhalten sich. Polizisten unter sich. Ermittler und Mörder. Die Serie als Kammerspiel. Dort entsteht ein Vakuum. Durch das Vakuum ein Sog.

Was aus dem Scheitern erwächst

Holden Fords Arbeit in Qantico stagniert, Erfolge bleiben aus. Der Umgang mit psychisch auffälligen Tätern beschäftigt ihn. Festnahmen scheitern, weil er die Täter nicht einschätzen kann, nicht versteht. Aber wie kann man „Verrückte“ verstehen? Was unterscheidet eine psychisch kranken Täter von einem „normalen“ Menschen? Ford schließt sich Bill Tench (Holt McCannally) an. Der Agent reist im Dienst der Abteilung „Verhaltensforschung“ des FBI  umher, um überregional Seminare für andere Polizisten zu geben. Ford und Tench sind an die Agenten John Douglas und Robert Ressler angelehnt, die beim FBI eine Sondereinheit  für Serienverbrechen aufbauten. In Revieren überall im Land sind ihre filmischen Stellvertreter gern gesehene Gäste. Kern ihrer Lehre: Mittel, Gelegenheit, Motiv. Aber Holden Ford reicht das nicht aus. Ihn faszinieren Menschen, die mehrfach morden, psychische Abgründe.

net1Wissenschaft in Kinderschuhen

Zeitgleich lernt Ford die attraktive Studentin Debbie (Hannah Gross) kennen. Sie ist cool, klug, selbstbewusst und sexuell direkt. „Mindhunter“ spielt in den USA der siebziger Jahre, in denen die häufig verklemmte Bevölkerung mit den Ideen der sexuellen Befreiung konfrontiert wird. Debbie liest im Studium Literatur zur Verhaltenstheorie. Den neugierigen Ford beflügeln ihre Erkenntnisse. Debbie wird zu Fords  Advocatus Diaboli. Sie stellt ihn in jeder Folge von „Mindhunter“ infrage, fordert ihn heraus. Oft ersetzt sie eine moralische Instanz. Im Gegenzug lässt er sie an dem teilhaben, was er in der Praxis beim FBI erlebt. Bei einem Seminar, vertraut ein Polizist Ford und Tench an, dass er in einem kuriosen Fall nicht weiterkommt. Die Agenten können nicht widerstehen. Sie lassen sich einweihen. Schon nach kurzer Zeit gelingt es dem Team, ausgehend von ihren bisherigen Erfahrungen mit „diesem neuen Tätertyp“ ein Profil des Mörders zu erstellen. Die Polizisten unterhalten sich nur darüber, sie betrachten Fotos, befragen Verdächtige, und dennoch schleicht sich das Grauen langsam ein. Als der Täter gefasst wird, auf den ihren Beschreibung passt, werden sie wie Helden gefeiert. Die Anfänge der Fallanalyse sind gemacht.

„Acht reife Mösen“

Edmund Kemper (Cameron Britton) hat Frauen, u.a. seine Mutter, auf brutalste Weise umgebracht. Holden Ford erhält die Möglichkeit, mit dem Verurteilten im Gefängnis zu sprechen. Der Mörder, ein riesiger Mann, entpuppt sich als intelligenter, einfühlsamer und manipulativer Gesprächspartner. Ford fertigt Notizen dieser Unterhaltungen an. Die Bostoner Wissenschaftlerin Dr. Wendy Carr (Anna Torv) erkennt den Wert dieser Aufzeichnungen und die vielversprechende Ausgangssituation: Mörder, von der Gesellschaft Ausgestoßene, die sich im Gefängnis langweilen, können den Agenten erklären, was sie zu den Taten bewog, was davor geschah, was sie dabei empfanden. Könnten mit ihren Aussagen vielleicht in Zukunft Verbrechen verhindert werden? Carr ermutigt Ford, wissenschaftlich zu arbeiten. Gespräche aufzuzeichnen, einen Fragebogen zu entwickeln, möglichst viele Probanden (Mehrfachtäter) zu interviewen, damit er die Ergebnisse einordnen und vergleichen kann. Gibt es ähnliche Parameter, die besonders Männer zu Mördern werden lässt? (Es ist immer die Mutter. Böse, lieblos und erniedrigend.) Eine Folge später stößt sie zu dem Männerteam in Quantico, um ihre Expertise ganz in den Dienst dieser Studie zu stellen, die sogar von mehreren Ministerien gefördert werden soll. Je mehr Anerkennung Ford für seine Ideen bekommt, desto mehr traut er sich zu. Mit jeder Folge kippt jedoch seine Einstellung. Ford spricht und denkt wie seine Probanden. Er tut alles, um sie zum Reden zu verführen. Nicht zum letzten Mal bringen ihn abgründige Formulierungen zuerst in Verlegenheit, dann ins Visier der internen Ermittlungen des FBI.

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Tiefgekühlt

Die Serie geizt mit blutigen Szenen, genau so wie die Schauspieler an Mimik sparen. Alle Figuren verhalten sich leicht unterkühlt. Obwohl Sex stattfindet — jede Menge Sex, jede Menge nacktes Fleisch —, liefern sich Ford und Debbie in der ersten Staffel einen artifiziellen Schlagabtausch nach dem anderen. Unterhaltsam, intelligent, aber manchmal merkbar inszeniert. Ford und Tench sind nette, aufmerksame Typen. Manchmal überfordert sie das Selbstbewusstsein ihrer Frauen. Ein neuer Männertyp hält Einzug in Thriller und Serien. Er ist freundlich, bedacht und interessiert. Sogar ein Massenmörder wie Dexter verehrt die Frauen in seinem Leben. Machos sind out. Wie Fords Freundin Debbie ist auch Wendy Carr eine kluge, unabhängige Frau, eine unbestechliche Wissenschaftlerin, die sich durch nichts täuschen lässt. Die sich in unbequemen Situationen gegen ihre männlichen Kollegen stellt. Zuerst an der Uni Boston, später beim FBI. Diese emotionale Kälte, diese Unerreichbarkeit macht die Figuren interessant. Schauspielerei an der Grenze zur Leidenschaftslosigkeit. Emotionen brodeln unter der Oberfläche. Wie ein Vulkan müssen sie irgendwann ausbrechen.

net3Ameisen, Aale, Würmer

Ungemein spannend wirkt ein wiederkehrendes, scheinbar nebensächliches Motiv: Wendy Carr füttert im Keller ihrer neuen Wohnung eine Katze an, deren Existenz sie hinter einem leicht geöffneten Fenster nur erahnt. Weil sie sich in der ungewohnten Umgebung einsam fühlt, freut es sie, als die Katze endlich aus der Thunfischdose frisst. Eines Tages findet sie ein anderes Bild vor. Als sie die Dose austauschen will, rutscht sie ihr aus der Hand. Hunderte von Ameisen kriechen aus den Überresten hervor. Ein klassisches Motiv: a can ful of worms. Vergleichbar mit dem Grass’schen Pferdekopf, aus dem Aale schlüpfen. In memoriam: die Blechtrommel von Volker Schlöndorf. Insekten als Sinnbild für das Experiment, für das Carr alles riskierte. Für die Serienkiller, die unberechenbar bleiben. Für den Tod oder eine zukünftige Gefahr? Alfred Hitchcock hat mit jedem seiner Filme dieser subtilen Spannung ein Denkmal gesetzt. Die auffällig große, weiße Blockschrift in „Mindhunter“ erinnert an seine Werke, mit der in jeder Folge Orte, Schauplätze beschrieben werden. Neue Morde, neue Täter. Eine scheinbar kontrollierbare Situation gerät langsam aus den Fugen. Genau so wie die Studie durch den besessenen  Holden Ford außer Kontrolle gerät, weil er langsam aber sicher zu den Objekten seines Interesses den Abstand verliert. Genau so wie seinen Verstand. Am Schluss steht für ihn alles auf dem Spiel. 

Reisen durch die Zeit

Nennenswert bleibt noch die akkurate siebziger Jahre-Ausstattung dieser Serie mit vielen Kuriositäten und Hinguckern. Eine Mischung aus heiler Welt und Gruselkabinett. Eine Welt in Braun- und Grüntönen. Auch die Musik ist auf das Zeitalter abgestimmt. Fincher inszeniert präzise und akkurat. Anders als zum Beispiel als bei „Dexter“, setzt „Mindhunter“ nicht auf skurrile Situationen, drastische Mordinszenierungen, maximalen Effekt. Menschen reden in Räumen. Gedämpfte Stimmung, spärliches Licht. Reisen mit dem Auto sind Reisen durch die Zeit. Wenn die Agenten Ford und Tench in einer Stadt auftauchen, sind die Opfer zwar schon tot, aber wie in „Se7en“ weiß der Zuschauer, dass der wahre Schocker noch kommen wird. Er wartet vielleicht in der zweiten Staffel auf irgendeinem Acker. Versteckt in einem Schuhkarton.  

Katja Bohnet

„Mindhunter“, eine Netflix-Serie, Regie: David Fincher, Darsteller: Jonathan Groff, Holt McCannally, Anna Torv, Hannah Gross, u.a., Produzenten: u.a. Charlize Theron, David Fincher, 2017.

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