Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Max Annas „Der Hochsitz“

Ein Textauszug mit den Kapiteln 1, 3 und 8

Max Annas: Der Hochsitz. Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2021. 272 Seiten, 22 Euro. Ein Interview mit dem Autor.

DIE ERSTEN TAGE DER OSTERFERIEN 

[1] 

«Warte auf mich!»
Ulrike ist weit hinter mir. Kurz umgucken, den Lenker auf Spur halten, aber sie ist nicht zu sehen.
Warum muss sie auch immer so langsam fahren? Wenn man am Berg erst einmal einen bestimmten Rhythmus gefunden hat, dann muss man den durchhalten. Da kann man nicht einfach mal Tempo rausnehmen. Das weiß sie doch. Ich habe es ihr gesagt. 

«Ich seh dich nicht mehr!», ruft Ulrike jetzt. Wenn sie nicht so viel schreien würde, hätte sie mehr Kraft, um ihr blödes Mädenrad zu bewegen. In Rosa. Aber sie hat auch nicht so viel Schwein gehabt wie ich. 

Da oben ist die Abzweigung schon. 

Es wird noch einmal kurz steiler. Doch mit dem Bonanzarad ist das zu schaffen. Ich passiere das Kreuz am Straßenrand. Es ist voriges Jahr für den Sohn von Herrn Sang aus Ferschweiler aufgestellt worden. Ich kannte Herrn Sang nicht, aber wegen dem Unfall, bei dem sich der Sohn mit dem Auto überschlagen hat, ist viel über ihn geredet worden. Er war in der CDU, wie Papa auch, und hat sich kurz nach dem Tod seines Sohnes aufgehängt. Das habe ich auch nur erfahren, weil ich manchmal ganz genau hinhöre, wenn die Erwachsenen reden. Solche Sachen erzählen sie uns Kindern sonst nicht. 

Ein Motor ist zu hören und wird lauter. Das Auto kommt von hinten angebraust, ist ganz schön nah beim Überholen und schon wieder weit weg. Noch ein paar Tritte, und ich bin am Weg angekommen. Einmal ganz genau nach hinten gucken, und dann nach links über die Straße rüber. 

Mit dem letzten Schwung auf den Weg rauf, noch einmal kurz im ersten Gang durchtreten, Hinterbremse drücken, Lenker rumreißen und schön die Wolke machen. Dann rolle ich zurück zur Teerstraße und verstecke mich hinter einem Busch. Ein kleiner Laster tuckert hinunter, und als er an der nächsten Kurve verschwunden ist, kann ich Ulrike sehen. Sie ist natürlich wieder abgestiegen. 

«Sanne!», ruft sie. Kein Grund, mich zu zeigen.
Wieder: «Sanne!»
Drei Wochen seit dem elften Geburtstag. Und ich weiß schon, was ich für ein Glück habe. Sie hätten mir alles Mögliche schenken können. Aber ich habe so lange genervt, dass selbst meine Eltern eingesehen haben, dass es keine Alternative zum Bonanzarad gab. 

Na gut. Kurz raus hinter dem Busch. Ulrike zuwinken. Sie winkt zurück und wird gleich noch langsamer. Auch mit mei- nem Mädchenrad hab ich sie immer abgehängt. So ist es ja nicht. Immerhin war es weiß und nicht rosa. Jetzt hat es die kleine Marion von den Feckers. Am Ende des Dorfes. Papa hat es verkauft, weil er es nicht weiterreichen konnte in der Familie. Ich bin die Jüngste. 

Oh Gott. Das dauert ewig. Eeeewig, bis Ulrike hier oben ist. Sie schlurft, die Hacken immer schön über den Boden gezogen. 

«Sanne!»
Dabei weiß sie, wo ich bin. Ich kann ihr Atmen schon hören. 

«Wir sollen hier nicht allein sein», sagt sie keuchend.
«Sind wir ja auch nicht.»
«Aber ich hab dich von unten nicht …», Ulrike muss Luft holen, «nicht gesehen. Also warst du allein.» 

«Für ein paar Sekunden. Und wenn du schneller wärst …» 

«Wir sollen nie allein sein. Mein Vater hat das gestern noch mal gesagt.» 

«Guck. Wir sind zusammen.» Ich drehe das Rad herum und fahre wieder vor. Rechts das Weizenfeld und links die Wiese mit den großen Maulwurfshügeln. Dann in den Wald hinein. 

Nie im Wald allein. Mamas Stimme auch. Warum ich das immer genau hier höre, ist mir nicht so richtig klar. 

Der Weg ist holprig, aber flach. Ulrike ist dicht hinter mir. Ich trete wieder etwas schneller. 

Gleich die nächste Abzweigung. Ein breiter Pfad mitten in den Wald hinein. Und hindurch. Ich habe schon wieder ein bisschen Vorsprung, als ich an seinem Ende ankomme. Vom Rad springen, das Rad unter einem Busch verstecken und zur Leiter. 

«Da hängt was», sagt Ulrike, die kurz hinter mir ist, immer noch oder schon wieder atemlos. Ich gucke nach oben. An der Leiter, die auf den Hochsitz führt, hängt ein Schild. Ganz neu. Handgeschrieben. Schwarze Farbe auf Holz. 

«Spielende Kinder verboten», steht da groß drauf. Und kleiner: «Eltern haften für ihre Kinder.» 

Ich klettere weiter hoch. Uns meinen die nicht. Wir kommen ja nicht zum Spielen. Schon bin ich oben. Ulrike ist kurz hinter mir. 

Zusammen lehnen wir uns über die Brüstung. Auf der einen Seite können wir unter uns das Dorf sehen. Und da hinten auch Körperich. 

Zur anderen Seite, auch dort geht es bergab, da ist Luxemburg. Es sieht nicht anders aus als Deutschland. Aber es ist Ausland. Die Grenze ist direkt da irgendwo. Ganz unten, wo der Fluss ist. 

Manchmal beobachten wir von hier auch Rudi und Michi, wie sie in den Wald gehen. Das ist etwas, das die Eltern noch weniger wollen als mich ganz allein im Wald. So viel habe ich schon kapiert. Meine Brüder kommen nämlich nicht wegen dem Hochsitz hierher. 

Ein großer Sattelschlepper dampft die Straße zur Grenze hinauf, erreicht den höchsten Punkt und rollt wieder runter. Auf der Wand des Auflegers sind ein paar Buchstaben zu sehen, die im Dreck untergehen. Der Auspuff qualmt richtig. 

Ulrike legt einen Arm um meine Schultern. Und ich meinen um ihre. Drei Wochen Osterferien. Drei lange Wochen. Und wir werden jeden Tag zum Hochsitz kommen. 

«Hast du was?», frage ich.
Ulrike zieht ein Bild aus der Hosentasche. Ein Knick zieht sich 

quer durch das Gesicht, eine Ecke ist etwas eingerissen. Sie legt kurz den Kopf schief, denn sie weiß, dass ich das nicht mag. 

«Teofilo …», sage ich, als ich den Namen lese. «… Cubillas», sagt sie. «Der kommt aus Peru.» 

Peru ist in Südamerika, das habe ich im Atlas nachgeschlagen. Peru liegt ziemlich weit weg von Argentinien, wo die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Auf der anderen Seite des Kontinents. Was direkt neben Argentinien liegt, ist Paraguay. Die spielen nicht bei der Weltmeisterschaft mit, aber ich kenne einen, der da hingezogen ist. Den Hannes, der da einen Bauernhof von der Regierung geschenkt gekriegt hat. Der ist ein Cousin, kein direkter Cousin, aber ein Verwandter, der Sohn von Onkel Erich und Tante Brigitte. 

«Keine Deutschen?», frage ich.
Sie schüttelt den Kopf. «Kein Deutscher. Und das hat auch schon so ausgesehen, als ich es gefunden habe.» «Wo?» 

«Unter dem Bett», sagt Ulrike. «Von Frank.» «Sonst nichts?»
«Ich hab alles durchsucht.»
«Sie passen auf.» 

«Stimmt.» Ulrike nimmt Teofilo Cubillas wieder in die Hand. «Auf die Deutschen ganz besonders.» 

«Wir brauchen Nachschub», sage ich. 

«Dringend», sagt Ulrike, als der Motor schon deutlich zu hören ist. Die Abzweigung von der Landstraße auf den Feldweg ist vom Hochsitz aus nicht zu sehen. Davor steht ein letzter Zipfel des Waldes. Aber ich weiß, welcher Wagen das ist. 

Ein Mercedes, ganz klar.
Der Mercedes vom Bürgermeister.
Ulrike sieht mich an. Also müssen wir eine Zeitlang warten, bis wir wieder vom Hochsitz runterkönnen.
Das Klopfen des lauten Motors wird kurz leiser und dann wieder lauter. Gerade ist der Bürgermeister abgebogen. Takatakatak, immer näher kommt er, und wir ducken uns, damit die beiden uns nicht sehen können. Drei Mal haben wir das schon mitgekriegt. Der Bürgermeister und Frau Söhnker. Beim ersten Mal haben wir uns abgewechselt, um durch den Spalt zwischen den Holzlatten gucken zu können. Jetzt reicht uns, was wir zu hören kriegen. 

Der Motor ist aus. Der Bürgermeister lacht. Er ist deutlich durch die offenen Fenster zu hören. Frau Söhnker lacht auch. Dann ist es kurz still, bis Frau Söhnker «du Ferkel» sagt. Mit langgezogenem E. 

Es ist das erste E, das sie mit ihrer hohen Stimme so gedehnt hat. 

Vorsichtig drehen wir uns um und setzen uns leise mit dem Rücken zu dem, was unten passiert. Frau Söhnker kichert gerade ganz komisch. 

So viel gibt es wirklich nicht zu sehen. Und was man sehen kann, kennen wir schon. 

[3] 

«Sanne!»
Mamas Stimme ist ganz angespannt, als wir bei uns ankommen. Ich weiß, was das bedeutet. Ihr fehlt etwas zum Kochen. Das passiert nicht so oft, denn auf dem Bauernhof gibt es alles, und eigentlich kaufen wir nicht so viel ein. Aber manchmal eben doch. Und heute braucht Mama Brühe. Wenn sie beim Kochen nämlich feststellt, dass etwas nicht da ist, dann muss es schnell gehen. Und dann sucht sie jemanden, der zu Trine geht. Ich bin froh, dass wir genau im richtigen Moment angekommen sind. 

Auf dem Weg zu Trines kleinem Laden kommen wir bei der verrückten Gaby Teichert vorbei. Sie steht da in ihrem Kittel. Wir hoffen, dass sie uns nicht anspricht. Aber sie redet meist nur mit den Erwachsenen. Dann sagt sie zum Beispiel was über ihren Garten und Unkraut. Oder sie redet über Jochen, ihren Sohn, der nicht mehr lebt. Manchmal kommt sie nass aus dem Bach. Dann lachen die Leute über sie. Papa sagt, dass sie früher noch schlimmer gewesen ist. Einmal hat die Feuerwehr sie von einem Baum heruntergeholt. 

Bei Trine im Laden ist nichts los. Und das ist gut so. Dann fühlen wir uns am wohlsten. 

Der Laden ist nicht mehr als ein kleines Zimmer. Vorn ein enger Raum, gerade so groß, dass man nicht im Regen steht. Dahinter die Theke mit allem möglichen Zeug davor, vor allem all den leckeren Süßigkeiten. Und dahinter sitzt Trine immer und liest in den Groschenheften, wo vorn drauf ein Mann mit Locken zu sehen ist, der eine Frau im Dirndl küsst. Wenn einer reinkommt, steht sie auf. 

Erwachsenen erzählt sie gleich alle möglichen Geschichten, aber wenn wir es sind, dann guckt sie enttäuscht. Ich habe Ulrike wie immer das Geld gegeben, und sie sagt, was wir brauchen. 

«Brühe.»
«Rinder oder Geflügel?» Trine hat alles.
«Rinder.»
Als Trine sich umdreht, greife ich zu. Zwei Hanuta sind schnell unter meinem T-Shirt in der Hose verschwunden.
Das ist der Grund, warum wir uns nie beschweren, wenn wir zu Trine einkaufen geschickt werden. 

[8] 

Die Tür zu meinem Zimmer ist zu. Und weil man sie nicht abschließen kann und weil sie nach außen aufgeht und weil wir auf gar keinen Fall erwischt werden wollen, haben wir uns hinter meinem Bett versteckt.
«Meine», sagt Ulrike und legt einen Stapel Fußballbilder auf den Boden.
Ich lege einen zweiten Stapel daneben.
Auf den ersten Blick sind das ganz schön viele Bilder. Aber dann beginnen wir zu zählen. Und kommen bis 81. Das Schlimmste ist, dass wir keinen Spieler aus Mexiko haben, dafür aber drei Mal einen Polen, der Zbigniew Boniek heißt und von dem wir noch nie gehört haben. 

Wir haben natürlich von den meisten Spielern auf den Bildern noch nie gehört. Aber das wird sich ändern, wenn die Weltmeisterschaft endlich im Fernsehen zu sehen ist. 

«Wir haben wirklich zu wenig», sagt Ulrike. Womit sie recht hat. Es ist aber auch ungerecht, dass Rudi und Michi, die ohnehin mehr Taschengeld bekommen als ich, nur wegen der Weltmeisterschaft noch etwas obendrauf kriegen. Die Hanutas, die sie wegen der Bilder kaufen, sollten sie unter uns Kindern teilen, aber das vergessen sie dann meistens. Das ist noch eine weitere Ungerechtigkeit. 

Ulrike holt das Heft heraus, das sie für die Bilder gebastelt hat. Es ist ein DIN-A4-Heft, in das sie mit dem Lineal Linien gezogen hat für die Bilder. Jede Doppelseite hat sie nach einem der Länder benannt. In Großbuchstaben stehen die Ländernamen auf der linken Seite. 

Auf das Deckblatt des Hefts hat sie Pferdebilder geklebt und ein Gruppenfoto von den Bay City Rollers. Das würde niemand aufklappen, nicht einmal Chrissi. Es ist schon wichtig, dass das niemand mitkriegt. Erstens hätte es doofe Bemerkungen gegeben, warum wir als Mädchen uns für Fußball interessieren. Und dann halt die Sache mit der Klauerei, das könnte dann rauskommen. Da haben wir natürlich keine Lust drauf. 

Besonders enttäuschend ist, das haben wir vorher gewusst, aber uns nie richtig eingestanden, dass wir nicht genug Bilder haben von den deutschen Spielern. Zwei Mal Ronnie Worm und je eins von Rudi Kargus, Harald Konopka, Hansi Müller und Rainer Bonhof. 

Zuerst kleben wir alles in das Heft, was wir von den anderen Mannschaften haben. «Mexiko», sagt Ulrike noch einmal und zeigt auf die komplett leere Doppelseite. 

Dann fangen wir mit den Deutschen an. Zuerst kümmere ich mich um Rudi Kargus. Der kommt ganz an den Anfang. Man kann schon am Trikot sehen, dass er Torwart ist. Dann ist Ulrike dran. Sie nimmt das Foto von Hansi Müller, sucht ein paar Sekunden lang nach einem Platz und klebt es in die rechte unterste Ecke. Ich klebe Ronnie Worm über Hansi Müller. Harald Konopka kriegt ein Feld unten links. Dann bleibt nur noch Rainer Bonhof. 

Ich überlege mir genau, wo er hinsoll. Und weil ich weiß, dass er Verteidiger ist, klebe ich ihn direkt unter den Torwart. Das ist der Platz für Verteidiger. 

Dann ist Schluss.

Wir sitzen eine Weile über der Doppelseite. Ich höre Mama nach mir rufen und gehe runter in die Küche, aber sie will nur wissen, ob ich weiß, wo Chrissi ist. 

Wie kommt sie darauf? Ich habe mit Chrissi nichts zu tun. 

Als ich wieder in mein Zimmer komme, bringe ich die Schere mit. Ulrike nickt nur kurz. 

Ich hole das Plakat aus dem Schrank und lege es aufs Bett. 

Wir beugen uns darüber und betrachten es kurz. Dann gebe ich Ulrike die Schere. Sie braucht eine ganze Weile, um sich zu entscheiden. Schließlich schneidet sie das Bild von Willy Peter Stoll aus und klebt es neben Hansi Müller. Von der Größe her passt es perfekt. Dann bin ich dran. 

Das Lächeln von Friederike Krabbe finde ich richtig schön. Aber sie ist eine Frau und kann deshalb nicht ins Album. Freiherr Ekkehard von Seckendorff-Gudent wirkt ziemlich ernsthaft, ungefähr so, als würde man ihn in die Verteidigung stellen. Aber er hat erstens einen komischen Namen und ist zweitens auch schon 40 Jahre alt. In dem Alter kann man ja nicht mehr schnell laufen. 

Peter-Jürgen Boock hat mit 29 ein gutes Alter, sieht aber irgendwie zu verzweifelt aus. Ich entscheide mich dann für Christian Klar. Weil er Rainer Bonhof ein kleines bisschen ähnlich sieht, kriegt er einen Platz direkt neben ihm. 

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