
Das Beispiel Bergpredigt – und viele, auch kontroverse Perspektiven
Ein Essay von Markus Pohlmeyer
Die Bergpredigt gehört sicher zu den bekanntesten Abschnitten aus dem Neuen Testament – und auch zu den provokativsten.
„[…] And this: ‚If your right eye causes you to sin, gouge it out.‘ Wouldn’t that lead to an entire population of people walking around with only one eye? […]“ „It’s a manifesto, Matthew. I’m not here to be sentimental and soothing. I’m here to start a revolution. […] I’m talking about a radical shift. Did you think I was just going to come here and say ‚Hey, everyone, just keep doing what you’ve been doing for the last thousand years, since it’s been going so great‘?“[1]
Im folgenden Essay werde ich übergehen: die Geschichte der Jesus-Filme[2] und ob es sich bei der Serie „The Chosen“ (ab 2019 – ?) um einen Missionsfilm handelt, übergehen auch die Paratexte, das Crowdfunding[3] und vieles mehr. Mich hat besonders die letzte Episode der 2. Staffel („Komm und sieh selbst“)[4] angesprochen. Es wird darin eine Metaebene entwickelt, die das Handeln Jesu in den Folgen davor, aber auch die Biographien seiner Jüngerinnen und Jünger rhetorisch und poetologisch reflektiert und zu einem ethischen Modell transformiert, bekannt als „Bergpredigt“. Ein Modell übrigens, dessen Entstehung gezeigt und bedacht wird (und was ich darum nicht einfachhin ‚moralisch‘ nennen möchte). Gezeigt wird aber nicht, zumindest in dieser Staffel, wie Jesus seine „Bergpredigt“ einem Publikum vorträgt. Wir Zuschauer und Zuschauerinnen verschwinden nicht in einer großen, amorphen Masse, wir werden vielmehr zu Zeuginnen und Zeugen von dem, was in der Autorenwerkstatt von Matthäus und Jesus geschieht.

„The Chosen“ (Der Auserwählte? Die Auserwählten?) steht in einer Tradition der Jesus-Verfilmungen und bleibt dem Zeichensystem Film bzw. Serie verhaftet. Obwohl von einem spirituellen (oder konservativen) Hintergrund in manchen Bereichen der Produktion auszugehen ist – so zumindest mein Lektüreeindruck –, halten zumindest die beiden ersten Staffeln offen, wer dieses Jesus von Nazareth sei?[5] Ein Prophet? Der Messias? Ein herausragender Mensch, der alles anders macht? Sympathieträger auf verlorenem Posten? Ein Heiler, Therapeut, Wanderer, Suchender? Ein Lernender?
Begebe ich mich ganz allgemein in eine christliche Trinitätslehre hinein, stellt sich – auch im Rahmen einer Hermeneutik des Neuen Testamentes – die Frage: Gott, der Allwissende, lernt? Für ein (vorausgesetzt) allmächtiges, allsehendes Wesen mancher theologischer Konstrukte gewiss ungewöhnlich. Ich weiß nicht, wie Gott ist, aber ich kann nachlesen, welche Perspektiven auf ‚Gott‘ hin die Bibel (als mehrsprachige theologische Bibliothek) entwickelt hat. Schon am Anfang der Genesis muss Gott sich korrigieren, weil der von ihm geschaffene Mensch sich als unvollständig erweist, er/sie bedarf eines kommunikativen und partnerschaftlichen Gegenübers. Und weil die Menschenwelt sich später so defizitär erweist, dass der Schöpfer durch eine Sintflut sie an den Rand der totalen Auslöschung führt, aber dennoch einen Neubeginn wagt. Dass Jesus nach seiner Taufe 40 Tage in der Wüste gelebt habe, statt in der erstbesten Stadt mit dem „Evangelium“ zu beginnen; dass er immer wieder in der Begegnung mit Menschen lernen und sich auch belehren lassen muss – auch was seine Mission und deren Reichweite betrifft.
Die sog. Bergpredigt ist ein Kristallisationspunkt der Verkündigung Jesu, christlicher Lebenspraxis (historisch gesehen unter den Bedingungen römischer Fremdherrschaft) und christlicher Ethik. Die Folge „Beyond Mountains“ bietet eine mögliche, historisierende, rekonstruierende Annäherung an die Genese dieses berühmten Textes. Jesus entwickelt dialogisch und mit Lampenfieber seine große Rede, und zwar zusammen mit Matthäus. Der sich einst als Steuereintreiber im Dienste Roms ein durchaus luxuriöses Leben gönnen konnte, dafür aber irgendwie sozial geächtet wurde. Er kann lesen und schreiben, und so erweckt die Serie den bisweilen unkritischen Eindruck: Matthäus sei der gleichnamige Evangelist, der die entsprechenden Ereignisse genau und authentisch dokumentiert habe.
Jesus und Matthäus ziehen sich in wüstenähnliche Landschaft zurück, im Hintergrund Gebirge – klassische Orte der Epiphanie: „Bei der Bergpredigt tritt Jesus als neuer Mose (lat. Moses redivivus) auf, der das auf dem Berg Sinai gegebene Gesetz nicht aufhebt, sondern in Wort und Tat erfüllt (Mt 5,17–19).“[6] Diese berühmte Rede wird als Ergebnis eines längeren Prozesses dargestellt, den Jesus durch ständiges Nachdenken und in den Gesprächen mit Matthäus Schritt für Schritt und experimentierend entfaltet. Jesus selbst hat gelernt, seine Predigten/ Gleichnisse in der Begegnung mit Menschen zu verfassen. Diese Menschen und ihre Geschichte werden in diese Texte integriert und in sie verstrickt.

In der (psychologischen und historischen) Profilierung und Modellierung der Charaktere – beeindruckend: Maria aus Magdala[7] –, entstehen plausible Figuren, die an ihrer sozialen Schicht, unter institutioneller Inflexibilität, Machtabhängigkeit, Armut, an der römischen Besatzung leiden. Die Geschichten sind ineinander verschachtelt und verklammert: Jesus lässt beispielsweise seine Jünger einem armen Mann und dessen Familie helfen – jemandem, der einen anderen überfallen hat. Und plötzlich wird die Geschichte vom Barmherzigen Samariter zu etwas, was ‚real‘ passierte – innerhalb der Welt dieser Serie. Anders gewendet: Jesu Gleichnisse haben konkrete Ereignisse als Fundament, so dass sie zunächst auch oder vor allem zuerst wörtlich verstanden werden müssen.
Schwerpunkt der Serien-Narration bilden bisher vor allem die drei synoptischen Evangelien; aber auch Episoden des Johannes-Evangeliums werden eingespielt, z.B. die Hochzeit zu Kanaa. In einem Selbstversuch habe ich ca. 50 Sekunden gebraucht, diese Geschichte zu lesen. Der Evangelist komprimiert die erzählte Zeit auf eine relative kurze Erzählzeit. Diese Serie macht daraus eine komplette Episode und passt, wenn möglich, die erzählte Zeit der Erzählzeit an. Durch die Transformation in ein filmisches Format wurde mir noch einmal deutlich, wie hoch-verdichtet und schnell die Evangelien erzählen. Die Serie übersetzt diese Geschichte in eine geradezu meditative Langsamkeit und entwickelt die Charaktere. Oft wird auch anders erzählt als erwartet. Jesus heilt Kranke, und das stundenlang. Aber solche Wunder werden in den Hintergrund verlagert, während ich die Jüngerinnen und Jünger im Lager diskutierend und debattierend und streitend und zweifelnd sehe.
Jesus wirkt sympathisch und geheimnisvoll zugleich, unaufgeregt und doch voller Unruhe; er verfügt über besondere Fähigkeiten. Sein Vorgehen erweist sich als planvoll, so in der Auswahl seiner Jünger und Jüngerinnen; darin zeigt sich eine Art (göttliches/prophetisches?) Vorauswissen. Aber Jesus tritt nicht als Überfigur auf: müde, enttäuscht, überarbeitet, resigniert, vermittelnd, fliehend, trauernd, humorvoll, ironisch, bestimmt, gütig – in dieser Menschlichkeit zeigt sich eine performative Evidenz. Jesus stürzt hier nicht mit aller Kraft und passiopathologisch auf das Kreuz zu. (Johannes der Täufer im Gegensatz dazu steuert provozierend und zielsicher in die Katastrophe.) Und wunderbar, hinreißend diese seine ersten Jüngerinnen und Jünger, die er vor dem öffentlichen Auftreten um sich sammelt: es sind Kinder, Jungen und Mädchen, die er kennenlernt, draußen, in der Wildnis, wo er sein Lager aufgeschlagen hat. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …
Und die Serie ist weit davon entfernt, die Römer oder die Gegner Jesu nur als einseitig oder primitiv darzustellen. Die Römer werden sehr differenziert präsentiert; auch sie, die vermeintlich Übermächtigen, sind in militärischen und politischen Hierarchien gefangen: hinter jedem Wolf lauert noch ein anderer Wolf. Und die Vertreter der religiösen Kasten in Israel haben viel Ähnlichkeit mit anderen institutionalisierten Religionen: theologische Streitereien, institutionelle Verhärtung, Verwaltung, Formalia, Intrigen, Machterhaltungsstrategien und Karrierismus. Und das alles an der Lebenswelt der Menschen und an Gott vorbei, wie Jesus in dieser Serie mehr als deutlich zeigt. Nikodemus, als eine der zentralen Figuren der religiösen und politischen Szene, zweifelt und verzweifelt im Versuch, Gott anders denken zu können, schafft es aber nicht, aus seiner alten (Luxus)Welt auszubrechen. Er scheitert an der Dämonenaustreibung bei Maria, was Jesus später gelingen sollte. Doch daraufhin wird er neugierig und möchte das Andere, den Anderen, der erst unbekannt bleibt, und auch Maria verstehen. Nikodemus steht vor dem Problem: Kann dieser Mensch vielleicht der Messias sein, woher weiß ich das, wie kann ich mir sicher sein, kann ich überhaupt diese Möglichkeit zulassen, dass er eben nicht unseren politischen und religiösen Erwartungen entspricht?

Die literarische Form eines Evangeliums erweckt den Eindruck einer zeitlosen Stabilität – verstärkt durch seine Kanonisierung. Es ist also wie ein Gesamtkunstwerk zu lesen. Die Serie dagegen stellt sowohl Jesus als auch die Bergpredigt als works in progress dar – dies wäre fast schon eine Analogie zum Verfahren einer historisch-kritischen Exegese, die das Werden biblischer Texte untersucht: Schichten, Brüche, Einfügungen, Gattungen, Motive, Sprache, Sitz im Leben usw. Diese Serie bemüht sich zudem, die antike Welt plausibel zu präsentieren. Dennoch: die große Rede Jesu wird von den Jüngerinnen und Jüngern wie ein Pop-Event vorbereitet, was bei mir einen Verfremdungseffekt hervorrief – trotz der bewundernswerten Rekonstruktionsleistung. Kurz, das hier ist keine Doku! Man braucht also security, eine Bühne, Flugblätter, Modedesign, entsprechenden Soundtrack und einige Jünger als location scouts, die auf die Unterstützung der ortsüblichen Kapitalisten (darunter ein gewisser Judas) angewiesen sind. Hinzu kommt eine Prise geschickter Werbepsychologie.
Die Predigt selbst orientiert sich am Schema einer lateinischen (Gerichts)Rede.[8] Wir erleben Jesus bei der Ideen- und Stoffsammlung (inventio); er arbeitet mit Matthäus an einer Gliederung (dispositio): wie z.B. beginnen? Die Funktion der Seligpreisungen zu Beginn beschreibt Jesus gegenüber Matthäus so: „‘A map.‘ ‚A what?‘ ‚Directions. Where people should look to find me.‘“[9] Und an diesem Miniaturbeispiel lässt sich gut die Nähe dieser Serie zu Quellen aufzeigen – vor allem hier zu Lk 6,20. Die Seligpreisungen entwickelt Jesus im Rückblick auf die Biographien seiner Jüngerinnen und Jünger: „Jesus reflects on precious Andrew, sobbing in frustration and fear at the news that his former rabbi, John the Baptizer, had been captured. ‚Blessed are those who mourn, for they shall be comforted. […] Jesus thinks of Ramah and his own mother ministering to young Mary when she returned to him. ‚Blessed are the merciful, for they shall recieve mercy.‘“[10] Auffallend ist der Wechsel vom sie-Stil zur Ihr-Anrede der letzten Seligpreisung. In dieser Folge wendet Jesus seinen Blick vom Lager weg direkt auf Matthäus (Apostrophe), als er sagt: „‘Blessed are you […].‘“ [11]Matthäus begreift zuerst nicht, dass er gemeint ist. Es geht in den Diskussionen um diese programmatische Predigt auch um Kürze, Symmetrie, Metaphern und Ambiguität, z.B. wie die Formulierung ‚Salz der Erde‘ verstanden werden könnte: positiv wie auch negativ. Interessanterweise verzichtet die Folge auf die Darstellung der pronuntiatio. Jesus tritt schließlich auf die vorbereitete Bühne und vor das Publikum. Ende. Aber wir kennen schon, was die Zuhörerschaft noch hören wird.
Es mag etwas irritierend wirken, weil ich auf Englisch zitiert habe. Mir ging es bewusst um den Verfremdungseffekt. Was hier präsentiert wurde, sind keine Evangelien-Texte (die korrekterweise auf Griechisch abgedruckt werden müssten), sondern fiktive, durchaus plausible Erweiterungen eines Autors. So hätten Jesus und Matthäus miteinander gesprochen haben können. Die Serie, bei aller Rekonstruktion, baut immer wieder Momente der historischen Distanz ein – im Gegensatz zu Mel Gibson’s „Passion Christi“, wo die Akteure pseudo-authentisch irgendwie irgendeine Art Hebräisch, Aramäisch und/oder Latein sprechen. Zudem werden dort die letzten Stunden Jesu passiopathologisch als Folterexzesse präsentiert. Mel Gibsons Film will vereindeutigen: Oh bitte seht doch, wie der Sohn Gottes für uns gelitten hat. „The Chosen“ dagegen bleibt oft ambig, gibt vielen, durchaus kontroversen und zweifelnden Perspektiven auf das Phänomen ‚Jesus‘ Raum. So sieht der Serien-Jesus einmal Gekreuzigte, und sein Blick sagt ahnend alles: das drohende Zerrieben-Werden in einem politischen und religiösen Machtgefüge.
Epilog
Maria mit Jesus, kurz vor seinem Auftritt:
‚“Your father,‘ she says, her voice thick. ‚How he never got to see any of this.‘
‚My father? Which one?‘
That elicits a chuckle. ‚You know what I mean.‘
‚I do miss him,‘ Jesus says […].“[12]
[1] J. B. Jenkins: The Chosen. Book Two: Come and See, 2022, 343. Siehe dazu auch B. Eltrop: Auge um Auge? Die Antithesen der Bergpredigt II (Mt 5,38-48), in: Jetzt verstehe ich die Bergpredigt, hg. v. W. Wieland, Stuttgart 2009, 50-56, hier 54: „Wenn man von der (römischen) Armee oder von Beamten zum Weggeleit zwangsverpflichtet wird, also z.B. bei Truppenbewegungen den Soldaten die eigenen Lasttiere bzw. den eigenen Körper zum Lastentransport zur Verfügung stellen musste, soll man mehr als das Geforderte leisten. […] Diese kompromisslosen Forderungen rufen dazu auf, gegen gewalttätige Ansprüche und Machtausübung anderer nicht anzugehen. Auf die zentrale Frage ‚Wie ist mit Gewalt umzugehen‘ propagieren sie weder Gegengewalt noch ein Geschehenlassen der Gewaltakte; vielmehr setzt Jesus auf erfinderische Gewaltüberwindung […].“
[2] Siehe dazu M. Tiemann: Jesus comes from Hollywood. Religionspädagogisches Arbeiten mit Jesus-Filmen, Göttingen 2002.
[3] Siehe dazu D. Jenkins: Geboren aus einem Misserfolge, in: J. B. Jenkins: The Chosen. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Roman, übers. v. E. Weyandt, 3. Aufl., Aßlar 2021, 391-399.
[4][4] DVD: The Chosen. Komm und sieh selbst, Staffel 2, GerthMedien 2022.
[5] Vielleicht wäre hier der Terminus „Christologie von unten“ angebracht?
[6] W. Eisele: Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament. Ein Lehr- und Studienbuch, Freiburg im Breisgau 2021, 82.
[7] Siehe dazu Maria Magdalena, Welt und Umwelt der Bibel 2/2008.
[8] Sie dazu M. Fuhrmann: Die antike Rhetorik, 3. Aufl., München – Zürich 1990, 78.
[9] Jenkins: Chosen (s. Anm. 1), 352 f.
[10] Jenkins: Chosen (s. Anm. 1), 353.
[11] Jenkins: Chosen (s. Anm. 1), 354.
[12] Jenkins: Chosen (s. Anm. 1), 362.

















