Geschrieben am 1. November 2020 von für Crimemag, CrimeMag November 2020

Marcello Neri: Papst Franziksus

Eine andere Weltordnung. Von der befreienden Kraft des Möglichen.

Im Buch des Propheten Jesaja kann man einen rätselhaften Spruch lesen, der zum Führungsstil und Rollenverständnis von Papst Franziskus sehr gut passen könnte: „Wächter, wie lang ist noch die Nacht? Wächter, wie lang ist noch die Nacht? Der Wächter hat gesagt: Der Morgen ist gekommen und doch ist es Nacht.“ (Jes 21,11-12). Wer die Aufgabe des Wächters übernimmt, hat kein einfaches Leben. Er sagt Worte, auf die man nicht gerne hört. Er muss Worte aussprechen, die unser Begehren und unsere herkömmlichen Erwartungen stören und sie durcheinanderbringen. Der Wunsch nach Tageslicht ist aber noch nicht das Licht selbst in seiner Wirklichkeit. Das Licht, das über eine Gruppe von Menschen leuchtet, kann tiefe Dunkelheit für alle anderen Menschen bedeuten.[1]

Argentiniens Flagge …

Das wollen viele Menschen – innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche, aber auch die unsichtbaren Mächten, die über unsere Welt durch Finanztransaktionen und ökonomische Oligarchien herrschen – nicht wahr haben: Denn für sie ist die kritische Stimme des Wächters einfach unerträglich; er muss aus dem Weg geschafft werden. So beeilen sich die Beschützer der neoliberalen Ordnung, die Umweltenzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus und jetzt auch sein Schreiben „Fratelli tutti“ über die Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft kleinzureden und lächerlich zu machen. Wenn diese zwei Texte nur Blödsinn wären, warum dann diese Hast in der Gegenkritik, warum dieser Hass gegen die Person, die sie geschrieben hat? Die virulente Reaktion im neoliberalen Lager gegen die kritische Stimme von Franziskus lässt die Ahnung aufkommen, dass der Papst vielleicht ins Schwarze getroffen hat, indem er die Schwachstellen der herrschenden Weltordnung bloßlegt.

Stellen wir sofort eine Sache klar: Franziskus ist nicht ideologisch gegen Ökonomie, technologischen Fortschritt, Innovation usw. Er nimmt aber wahr, dass diese Begriffe in ihrem tatsächlichen Funktionieren höchst selektiv sind: Sie generieren nämlich Menschen ersten und zweiten Ranges. Gegenüber der Marginalisierung von vielen, welche die Neben- und Folgekosten der Gewinne von wenigen tragen müssen, darauf versucht Franziskus zu reagieren. Um das zu tun, aktiviert er jene Kräfte des Menschlichen, die der behaupteten Alternativlosigkeit der herrschenden Weltordnung zu widerstehen vermögen: Traum, Phantasie und Imagination. Diese Reaktivierung des Menschlichen am Menschen schöpft aus der untrennbaren Bindung der Liebe zu Gott und Gottes Liebe zu den Menschen, die das Evangelium Jesu als das „Gesetz“ überhaupt bezeugt. Und wir dürfen nie vergessen, dass biblisch gesehen das Gesetz zur Freude und Glückseligkeit aller Menschen sowie zu einem gerechten Verhältnis zur Welt bestimmt ist.

Weekly public audience, Pope Francis, Saint Peter’s Square © Wiki-Commons

Der Wächter, der keine Angst davor hat, in die Dunkelheit der Nacht zu schauen, um die Spuren des Lichtes wahrzunehmen, weiß, dass eine Alternative zu dem scheinbar feststehenden Zustand der Welt wirklich möglich ist. Er weiß aber auch, dass diese mögliche Alternative unseren gegenwärtigen Vorstellungen nicht entsprechen wird.  Man kann in Franziskus etwas von Musils Mann ohne Eigenschaften erspüren: Beide setzen sich für die Öffnung des Möglichen gegenüber der verkrümmten Verschlossenheit des Bestehenden ein. Das Mögliche ist jene Kraft, die eine Zukunft eröffnet, welche nicht bloße Wiederholung des Vorhandenen sein will. Die Einübung in das Mögliche ist die unabdingbare Voraussetzung, um das Unvorhersehbare in humaner Weise bewältigen zu können. (Und dass die gegebene Ordnung der Welt dies nicht kann, ist mit der pandemischen Corona-Krise dramatisch evident geworden.[2])

Dem Bestehenden bzw. der etablierten Ordnung nicht das letzte Wort zu überlassen, ist die Aufgabe, welche Franziskus für sich als Papst übernommen hat. Das gilt auch in Hinblick auf die katholische Kirche. Und er hat mit sich selbst angefangen: Franziskus, wie jeder Mensch, hat Fehler begangen (das ist nicht erstaunlich); er hat aber auch diese Fehler zugegeben (was für einen Papst ungewöhnlich ist) und dann versucht, gerechte Lösungen zu finden (nämlich: Lösungen, die den Menschen, die er mit seinen Fehlern verletzt hatte, gerecht werden konnten …). In diesem Sinne ist das Pontifikat von Franziskus subversiv; er will nicht lehren, sondern zuerst lernen, um dann das Gelernte mit allen Menschen zu teilen und somit sein Verständnis der brennenden Fragen des christlichen Glaubens und unserer Gesellschaften auf die Probe zu stellen.

Weekly public audience, Pope Francis, Saint Peter’s Square © Wiki-Commons

In dieser Weise bezeugt Franziskus seine Treue zum Dasein Jesu, der, bevor er für eine nur sehr kurze Zeit über Gott sprach, 30 Jahre lang gelernt hat, Mensch zu sein – jener Jesus, der von einer ‚Heidin‘ die nicht ethnisch geschlossene Weite seiner Sendung zu allen Menschen erlernen musste und somit einen zweitausendjährigen Prozess anstieß, den wir heute Christentum nennen. Was Franziskus von der katholischen Kirche eigentlich will, ist, offene Prozesse einer je größeren Gerechtigkeit zu stimulieren; ja, er sagt sogar, dass der katholische Glaube und die Kirche wie ein Labor sein sollten, wo man experimentiert, um neue Wege der Treue zum Evangelium Jesu herauszufinden, die dem vielfältigen Alltag der heutigen Menschen gerecht zu werden vermögen. Das stört nicht nur viele Kirchenmänner, die aus der tödlichen Selbstbezogenheit der katholischen Kirche nicht heraus wollen, sondern auch einige Gruppen von Katholiken/innen, die nicht wahrhaben wollen, dass die transzendente Treue zu dem Gott Jesu nicht zu trennen ist von dem horizontalen Einsatz für eine Gerechtigkeit, die kein Exkludieren, Marginalisieren und Kalkulieren duldet.

Franziskus ist ein Wächter, der in die dunkle Seite unserer Zeit sieht, nicht um apokalyptisch das Ende der Welt zu verkünden, sondern um mögliche Transformationen unserer Weltordnung anzuvisieren, die uns ermöglichen sollen, die vielen ungewissen Übergänge unserer Zeit menschlich bewältigen zu können und den nachkommenden Generationen eine noch bewohnbare Erde zu überlassen. Nach katholischem Glauben gilt es, dass dort, wo das Menschliche am Menschen und die zukünftige Bewohnbarkeit der Erde mit Sorge behütet werden, sich auch die angemessene Verehrung des Gottes Jesu einstellt. Wenn so etwas für das Ohr der katholischen Kirche fremd und vielleicht sogar revolutionär klingt, bedeutet dies, dass solch eine Kirche seit langem nicht mehr die Kirche des Evangeliums Jesu ist.


[1] Vgl. Marcello Neri: Fratelli tutti
[2] Vgl. S. Petrosino: Lo scandalo dell’imprevedibile. Pensare l’epidemia; Interlinea, Novara 2020.

Marcello Neri ist Professor für Ethik an der pädagogischen Fachhochschule „G. Toniolo“ von Modena und Redakteur der Onlinezeitschrift Settimana News. Sein letztes Buch „Fuori di sé. La Chiesa nello spazio pubblico“ ist im September 2020 im EDB-Verlag (Bologna) erschienen. Zahlreiche Internetveröffentlichungen, z.B.: „E subito sparì“ (zus. mit Heiner Wilmer; in: SettimanaNews, E subito sparì – SettimanaNews) oder „Der Theologie Zukunft geben…“ (in: Feinschwarz, https://www.feinschwarz.net/der-theologie-zukunft-geben/).