Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Leerstellen deutsch-jüdischen Lebens

Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit

Anja-Marleen Krause über Karin Lindemanns Roman „Simons langer Schatten“    

In der Substanz die erste Sozialstudie zur niederen Bevölkerungsschicht armer deutscher Weberfamilien und staatskirchlich verfolgter jüdischer Tuchhändler Mitte des 19. Jahrhunderts – das Lebenswerk der Literaturwissenschaftlerin Karin Lindemann, die mit ihren auf deutsch-jüdische Zusammenhänge spezialisierten Forschungen internationales Ansehen genießt: Ein Buch in Fortführung eines der wirkungsvollsten Werke der neueren deutschen Literatur – Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen. Der Form nach ein Roman, der eine neuartige Kunst historischen Erzählens darstellt.

Seit mehr als zehn Jahren lebt Heinrich Heine in Paris. Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Ansichten war er in Deutschland zunehmend angefeindet worden. 1843 entschließt er sich dennoch zu einer Reise durch sein Heimatland und findet winterlich nicht nur die Witterung vor. Ideen von Freiheit, Gleichheit, Diesseitigkeit sind einer erneuten Frostperiode aus Zensur, staatlicher Bevormundung, kirchlicher Verlogenheit gewichen. 

Zur selben Zeit zieht Simon Lebrecht mit Pferd und Wagen durch das böhmisch-bayerische Grenzland und handelt mit Tuchwaren. Er kann kaum leben vom Erwirtschafteten, erwägt auszuwandern in die Neue Welt, als er Johanna Amalia – Alja – kennenlernt, Tochter der verarmten Handweberfamilie Thyroff. Alja singt, Simon spielt die Geige. Liebe entsteht. Sie erwarten ein gemeinsames Kind. Die Verbindung ist von Gesetzes wegen verboten. Simon ist Jude, Alja Christin. Im Kirchenbuch bleibt der Name des Kindsvaters ungenannt. 

Alja ist der groben Häme ihrer dörflichen Zeitgenossen und des Pfarrers ausgesetzt. Simon schifft sich in Bremerhaven ein, Kurs auf Amerika, möchte seine Partnerin und die gemeinsame Tochter Line nachholen, aber seine Spur verliert sich. Zeitlebens wartet Alja auf ihn.

Schweigen deckt sich wie Schnee über diese Geschichte von Liebe und Verlust, Vorurteil und Ausgrenzung. Der Schnee fällt früh und bleibt lange liegen im böhmisch-bayerischen Grenzland.

Hundert Jahre später wächst John in Hamburg auf, behütet von Anna-Magdalena wie ihr eigener Augapfel. Anna-Magdalena ist Aljas Enkelin und Lines Tochter. John ist der Sohn ihres Ehemannes Albert aus dessen erster Ehe mit einer jüdischen Frau. Auch Albert, protestantisch getauft, hat jüdische Wurzeln. Wie Heinrich Heine und wie Albert, der im Ersten Weltkrieg fällt, ist John Jurist. Die Ausübung seines Berufes wird ihm durch die Machthaber verboten. In seinem nahen Umfeld lebt eine junge Frau. Liebe entsteht. Sie erwarten ein gemeinsames Kind. Die Verbindung ist von Gesetzes wegen verboten. John spürt den staatlich geregelten Antisemitismus am eigenen Leibe, flieht, versteckt sich im böhmisch-bayerischen Grenzland und gelangt über England in die USA. Seine Spur verliert sich. Zeitlebens warten Menschen auf ihn. 

Schweigen deckt sich wie Nebel über diese Geschichte von Ausgrenzung und Vorurteil, Liebe und Verlust. Der Nebel steht oft und lang zwischen den hohen Häusern der norddeutschen Hafenstadt. 

Und doch begeben sich die eine oder der andere auf die Suche nach Spuren. Die Leerstelle im Kirchenbuch und die im Gemäuer des Weberhauses gefundenen Aufzeichnungen geben den Nachfahren Rätsel auf. Ein kleiner Granatring wird von Generation zu Generation vererbt. Andere sind im Besitz eines Medaillons und einer Schiffskarte und fragen sich, ob es Partnerin und Tochter des bis nach Chicago emigrierten Simon tatsächlich gegeben hat. Wieder andere haben Brieffragmente und Fotos aus der Zeit des zweiten Weltkrieges aufbewahrt.

Anna-Magdalena ist Webertochter und Weberenkelin. Das Gewebe ihrer Lebensfäden erscheint der stets so selbstbeherrschten Frau am Ende ihrer Tage fadenscheiniger denn je. Alte Erzählstränge reißen, neue werden geknüpft. Sie verheddert sich, verliert den Faden. Im Erzählen kreist sie um Variationen der Wahrheit. Die Lücken in ihrem Erzählgewebe bleiben, weitere klaffen auf. Anna-Magdalena ist eine unzuverlässige Erzählerin, wie ihre Enkelin Alice feststellen muss. 

Und überhaupt lügt fast jeder Protagonist früher oder später: Alice‘ Ehemann Gregor möchte seinen Gesundheitszustand nicht wahrhaben. In Unwissenheit flirtet er mit der Freundin seines Sohnes. Auch Alice hält Wahrheit über die Familiengeschichte zurück. Und die allwissende Erzählerin, die die Erzählstränge verwebt zu dieser höchst beeindruckenden Textur, die sie uns als ‚Roman‘ vorlegt? 

Extremst gut hat Karin Lindemann zur Sozialgeschichte des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert recherchiert, zu menschenverachtender Gesetzgebung, Diskriminierung, Bigotterie und Antisemitismus in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft in dunklen Zeiten. Dabei ist der Beginn ihres Romans in einem Zeitfenster zwischen der Aufklärung einerseits und der jüdischen Emanzipation andererseits angesiedelt, unter der man den Weg europäischer Juden von einer rechtlich, sozial und religiös herabgewürdigten Gruppe in die Mitte der mehrheitlich christlichen Gesellschaft versteht. Die Zeit des politischen Vormärz, die Jahre vor der 1848er Revolution, aber ist, zumindest im Königreich Bayern, eine rechtlose Zeit für Juden. Nur dem ältesten Sohn beispielsweise ist es erlaubt zu heiraten; eine interreligiöse Heirat ist dabei von Gesetzes wegen ausgeschlossen. Um ein Handwerk ausüben zu dürfen, benötigt ein jüdischer Mann eine ‚Nummer‘, die sogenannte Matrikelnummer. Diese wiederum darf ebenfalls nur an einen Sohn, nämlich den Ältesten, weitergegeben werden. Dass damit alle anderen Nachkommen durch das wirtschaftliche wie gesellschaftliche Raster fallen, ist vorprogrammiert. 

Drei Generationen später in den 1920er Jahren zieht Anna-Magdalena, die nach Hamburg geheiratet hat und um ihre eigenen jüdischen Wurzeln weiß, ihren Stiefsohn John auf, dessen Vater Albert zwar in zweiter Generation protestantisch getauft ist, aber umso mehr nach seiner jüdischen Identität sucht. John, der ein Kleinkind ist, als Albert an der Ostfront fällt, tut es ihm als junger Mann gleich. Nach Berufsverbot durch die Nationalsozialisten und zunehmender gesellschaftlicher Ausgrenzung verlässt John das Land.

Vielstimmig, teils szenisch, teils im Zeitraffer, teils unter starker Ausdehnung der erzählten Zeit, was hochkonzentriertes Lesen erfordert (wenn Karin Lindemann auf gut hundert Seiten die Dialoge zweier Tage rekapituliert), erzählt die Autorin, was eigentlich nicht erzählbar ist, und schafft damit eine neue Form des historischen Erzählens, das um die Wahrheit zwischen den Bruchstücken ringt. Die Geschichte um Alja und Simon und die Geschichte um John und seine Partnerin sind auch inhaltlich eine Zumutung für alle, die heutzutage eine persönliche Entscheidungsfreiheit und das Streben nach Glück für verbriefte Menschenrechte halten. Die Autorin macht überhaupt erzählbar, was generationenlang verschwiegen wurde und nur in Fragmenten existiert, indem sie die, die ihr Buch lesen, mit der Fadenscheinigkeit eines vermeintlich blickdichten Geschichtengewebes konfrontiert.

Heinrich Heine nennt die literarisierte Essenz seiner Deutschlandreise ein ‚Wintermärchen‘, und es fällt auf, dass es wieder Winter wird im letzten Kapitel von Karin Lindemanns Roman. Die Autorin lässt es schneien und schneien und erzählt linear und schnörkellos und doch beinahe wie im Märchen, wie sich die (fiktive) Geschichte um Alja Thyroff und Simon Lebrecht zugetragen haben kann, wie ihre Liebe entsteht, bedroht wird durch Gesetzgebung und gesellschaftlich sanktionierten Antisemitismus und schließlich einen langen Schatten bis ins 21. Jahrhundert wirft. 

‚Erzähl uns, erzähle.‘ So fordert auch die Handweberin im Prolog die Autorin auf. ‚Werd dich nicht Lügen strafen. Die Tyrannin Zeit – mit Helfershelfern hat sie uns durchgestrichen. Auf unsere Namen wird mit Leichtigkeit verzichtet, als wären wir nie dagewesen. Lass mich und ihn von nun an gewesen sein. Kannst meinen Namen erzählend zurückerstatten. Auch den seinen.‘

  • Karin Lindemann: Simons langer Schatten. Wehrhahn Verlag, Hannover 2022. 336 Seiten, 22 Euro.

Anja-Marleen Krause, geb. 1967 in Gütersloh, hat nach ihrem Abitur in Israel gelebt und in zwei Kibbuzim gearbeitet, bevor sie in Tübingen und Newcastle upon Tyne (England) neben Anglistik und Amerikanistik auch Judaistik und Religionswissenschaft studierte. Sie lehrt heute Englisch als Fachsprache an der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel.

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