Geschrieben am 22. Februar 2014 von für Crimemag, Kolumne

Hinter der Linie, vor dem Spieltag

Mara BraunHinter der Linie, vor dem 22. Spieltag

– Eine Fußballkolumne von Mara Braun.

Mein lieber Herr Gesangsverein, was war das wieder für eine spannende Fußballwoche! Fast so spannend wie die Frage, wieso es eigentlich an dieser Stelle ausgerechnet „Gesangsverein“ heißt, nicht etwa „Kegelclub“ oder „Sportmannschaft“, womit doch zumindest auf den ersten Blick derselbe Zweck erfüllt wäre; rein in Sachen Redewendung, versteht sich. Damit sich in dieser Angelegenheit niemand in die Krakenarme einer der gängigen Suchmaschine wirft, sei direkt dahingehend aufgeklärt, dass die Herkunft des Sprichwortes sich leider nicht eindeutig aufschlüsseln lässt: Es gibt eben nicht auf alle Fragen im Leben eine Antwort.

Wohl aber auf die, was eigentlich Strohhalm auf Polnisch heißt. Danach hatte zwar niemand gefragt, aber der Witz hat sich ganz offensichtlich einfach dermaßen angeboten, man bekam ihn so häufig zu lesen oder hören, dass in seinem Bart alle Trainer Platz fänden, die der HSV in den vergangenen zehn Jahren durchgekämmt hat. In diesem Sinne folgen frisch frisiert die Ergebnisse des 22. Spieltages.

Es war im Jahre 1973 (drei!), als Sportmoderatorin Carmen Thomas in einer Voraussicht so weise, dass das damals niemand erkennen konnte, Schalke 04 (vier!) umtaufte in Schalke 05. Was an dieser Voraussicht derart weise war, lässt sich heute bei einem Blick in die Schalker Kabine erkennen – dort tummeln sich nämlich derart viele ehemalige Spieler von Mainz 05 (fünf!), es scheint beinahe, als sei Frau Thomas unter die Spielerberater gegangen, um ihren Fauxpas nachträglich schönzurechnen. In gewissen Sportredaktionen erwuchs unterdes letzte Woche das Bedürfnis neu, in gewohnter Manier den Mainzer Trainer nach Gelsenkirchen zu schreiben, stattdessen schickte man diesmal Nicolai Müller gen Schalke. Der inspizierte dort die Lage bis zur Ankunft seines Teams, dem die Knappen (ach, diese Verlockung, „Kappen“ zu schreiben) mit 6:7 (sechs! sieben!) unterliegen. Helau!

Langbeiniger Schlachtenbummler in Cannstatt

Bei einer Mannschaft, für die in den letzten Jahren von der Relegation bis zum europäischen Wettbewerb alles dabei war, derart massiv die Krise herbeizuschreiben. wie es Gladbach zurzeit passiert, dürfte die Verantwortlichen im Verein schon ein wenig verwundern. Aus ihrer angenehmen Ruhe scheint es die Fohlen hingegen nicht zu bringen, weshalb das Team von Lucien Favre sein Heimspiel mit einem souveränen 4:1 gewinnt. Eine dieser Fragen, die das Leben als Fußballfan aufwirft ist die, wie häufig sich ein Stürmer namens Ramos eigentlich Scherze anhören muss, in denen das Wort vamos vorkommt. (Noch spannender ist in dieser Woche allerdings die Frage, wie Felix Magath künftig angesprochen wird, nun, da Thomas Oral sein Co-Trainer ist.) Ramos führt seine Hertha jedenfalls schlachtrufend und langbeinig übers Cannstatter Feld – die Hertha rammt Stuttgart mit 3:0 in den Boden, und die Schwaben müssen sich hinterher im VIP-Raum umziehen, weil ihr verletzter Kapitän Gentner sich zum Heulen in der Kabine eingeschlossen hat.

In Nürnberg treffen zwei Tabellenkellerkinder aufeinander, die zuletzt punkten und ein wenig Hoffnung schöpfen konnten. Dass die manchmal auch eine Bürde sein kann, zeigt diese Partie des 14. gegen den 18. auf einschläfernde Weise: Ein Null-null-der-schlechteren-Sorte. Zwei Euro ins Phrasenschwein, danke, bitte, dafür nicht. Ähnlich belastet wirken Freiburg und Augsburg – folgerichtig endet auch deren abwartendes Umeinanderschleichen torlos.

Ein Sieg für den „Burschi“

In Hamburg herrscht unterdessen emotionaler Ausnahmezustand. In der ausverkauften Arena tragen 57.000 Fans das Konterfei des unter der Woche verstorbenen Hermann Rieger vor den Gesichtern. Auf den Rücken aller Spieler prangt die 72 – das Alter des HSV-Idols. Der neue Trainer Mirko Slomka trägt ebenso wie seine Mannschaft Trauerflor. Das Team kratzt, beißt und kämpft für den „Burschi“ und widmet seinem Kult-Masseur den völlig unerwarteten 7:2-Sieg, denn: „Diesen Auftritt waren wir Hermann schuldig!“

Große Aufregung in Wolfsburg: Dass die Spieler aus Leverkusen mit dem Banner „Zu allem bereit, zu nichts zu gebrauchen – 0:4 Leverkusen“ empfangen werden, schmeckt Rudi Völler gar nicht. Die andauernde Arbeitsverweigerung seiner Mannschaft aber ficht das Transparent nicht an, Leverkusen geht in der Autostadt unter. Am Sonntag freut sich dann die Frankfurter Eintracht über einen der selten gewordenen Heimsiege, während Hannover den FCB-Punkt gutgeschrieben bekommt und das Spiel Bayern gegen München mit 9:9 endet.

  • Schalke – Mainz 6:7
  • Gladbach – Hoffenheim 4:1
  • Stuttgart – Hertha 0:3
  • Nürnberg – Braunschweig 0:0
  • Freiburg – Augsburg 0:0
  • Hamburg – Dortmund 7:2
  • Wolfsburg – Leverkusen 4:0
  • Frankfurt – Bremen 3:2
  • Bayern – München 9:9

Dieser Text wurde am Donnerstag, den 20. Februar, um19:00 Uhr unter notarieller Aufsicht fertiggestellt.

Mara Braun

Mara Braun, geboren 1978 in Heidelberg, aufgewachsen im hessischen Odenwald mit einem Abstecher nach Mississippi, seit 1998 in Mainz am Rhein. Studium der Filmwissenschaft & Publizistik. Journalistin, Autorin, Fußballbegeisterte, Bücherwurm, Überzeugungstäterin. Im September 2013 erschien „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Mara Braun bei Facebook, bei Twitter, im Blog.

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